Donnerstag, 21. September 2017

Wo ist die Taille

Das Ninjashirt ist tailliert


Wenn es darum geht, Schnittmuster anzupassen bzw. auch schon dann, wenn es darum geht, die richtige Größe auszuwählen, brauchen wir ganz oft den Taillenumfang. Aber wo ist die Taille?

Eigentlich sage ich in meinen Kursen stets "die Taille ist da, wo du die Hände in die Seite legst, um mit Schimpfen loszulegen". Aber bei meinen letzten Workshops hatte ich das Gefühl, dass diese Aussage auch nicht immer weiter hilft. Wenn ich schaute, wo die Kursteilnehmerinnen die Taille mit den Händen markierten, war das oftmals darunter und ich war erstaunt. Als das ein paar Mal hintereinander passierte, beschloss ich diesen Blogartikel, über die Taille zu schreiben. 

Die Taille die ich meine, bezeichnet die engste Stelle eines Kleidungsstücks. Oder genauer gesagt: ich meine die engste Stelle eines Kleidungsstückes, wo eine Taillierung gut aussieht. Und genau das ist der Punkt! 

Du bestimmst, wo deine Taille ist


Wenn ein Kleidungsstück aus sich selbst heraus Form gibt und Körperlinien nachzeichnet, dann ist es sinnvoll die Taille dort hinzusetzen, wo sie gut aussieht. Es kann durchaus sein, das dort aber nicht unsere engste Stelle ist, weil sich im Laufe der Jahre dort Bauch2 angesammelt hat. Dennoch kann das wo Bauch2 sich hingeschummelt hat trotzdem genau die Waagrechte sein, an der eine Taillierung gut aussieht! 

Mittlerweile rate ich also dazu, sich zu überlegen, wo die Taille sein soll, statt verzweifelt nach ihr zu suchen. Nach meiner Erfahrung ist die Taille genau an dem Punkt, wo wir mit dem Finger hinpieksen, wenn wir jemand erfolgreich kitzeln wollen. Es kann aber auch durchaus sein, dass die Designerin oder der Designer eines Kleidungsstücks sich eine ganz andere Waagrechte im mittleren Körperbereich aussuchte, die besonders betont werden soll. Ihr kennt vermutlich diese Empirelinie, eine hohe Taille, direkt unter der Brust - auch das ist eine Taille! 

Wenn ihr selbst näht, seid ihr die Designerinnen - dann könnt ihr auch bestimmen, wo eure Taille ist. In dem ihr diese Linie definiert und im Schnittmuster markiert, könnt ihr mit dem Design spielen, so dass es perfekt zu dem Bild auf dem Schnittmuster und euerem Körper passt. 


Auch das Knitterkleid ist tailliert


Nicht jede Taille braucht einen Gürtel


Eine zeitlang trug ich gerne Gürtel, um die Taille zu markieren. Das sah theoretisch nicht schlecht aus, denn gerade zu einem weiten Rock war es vorteilhaft, die (eher) dünnste Stelle zu markieren. Aufgrund meiner Taillensenkung (Fachausdruck) bzw. meinem Bauch 2 (Bezeichnung meinerseits für den Bauch über der Linie, wo der Strumpfhosenbund hinrutscht) war dem Gürtel aber nicht wirklich klar, wohin er sollte. Im Sitzen rutschte er über Bauch 2 und im Stehen schob ich ihn dorthin, wo der Strumpfhosenbund schon auf ihn wartete und das sieht leider nicht toll aus, denn dann ist der Gürtel vorne tiefer als hinten. 

Mittlerweile bevorzuge ich es Kleider ohne Gürtel zu tragen, die eine Taillierung andeuten, aber eben ohne Gürtel. Ich mag es, eine angedeutete Sanduhrsilhouette zu tragen, denn das relativiert die breiteren Stellen meines Körper, nämlich Brust und Po. Und seit dem ich diese Silhouette nicht mehr mittels eines Gürtels, sondern durch Taillierung erzeuge, engt mich auch nichts mehr ein und nichts kann rutschen. 


Der Stadmantel ist auch tailliert


Wenn die Taille eine Designlinie ist und eben nicht identisch ist mit der von der Natur vorgegebenen Stelle, dann ist es wichtig, diese bewußt zu wählen, zu markieren und auch bei allen senkrechten Messungen (vordere Länge und hintere Länge) zu berücksichtigen. Das ist der Grund, warum ich Taillenmaßbänder so schätze. 

Wir brauchen die Taille, um gut sitzende Kleidungsstücke anzupassen, selbst dann, wenn wenig Taille da ist. Viele Frauen sind über ihre Taille unglücklich und trauern besseren Zeiten hinterher. Das ist unnötig! Ihr seid toll so, wie ihr seid und ihr habt das Glück, dass ihr in der Lage dazu seid, eure Kleidung selbst zu nähen. Ihr definiert, wo die Taille ist und müsst keine Kleidungsstücke von der Stange kaufen, bei der die Taille absolut nicht dort ist, wo sie zu eurem Körper passt. Ihr näht euch das, was zu euch passt und wenn ihr dabei Hilfe braucht, dann könnt ihr das, was ihr dazu noch braucht bei mir lernen! Its magic! 


Kimonobluse und Knitterkleid

Vielen Dank meinen bezaubernden Gästen auf dem #schnittmusterkioskgeburtstag, die große Freude daran hatten, vor der Kamera meiner Haus- und Hoffotografin Monika Lauber Kleidung nach unseren Schnittmustern zu präsentieren. 

Kommentare:

  1. Oooh, die Bilder sind so schön! Und du hast doch heimlich heute bei mir bei Twitter gelesen und dir gedacht; da zeige ich ihr noch mal ein tolles Ninjashirt dem sie nicht widerstehen kann, oder? :D

    Die Taille über den Schnitt und nicht über den Gürtel zu markieren finde ich gut. Ich werde beim nächsten Kleidungsstück nähen darauf mal achten. :-) Bsher habe ich bei euren Schnitten nämlich kaum was geändert.

    Danke für die inspirierenden Bilder :-)
    LG
    Eja

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    1. Oh nein, ich habe nicht bei twitter gelesen, erst nachmittags. Das war Intuition! Ja, probiere das mal aus mit der selbstbestimmten Taille. Ich finde das wirklich toll und unsere Schnitte legen das ja auch nahe, weil da eine Taillierung ist - nur nützt die natürlich nicht allen Frauen, weil es ja unterschiedlich lange Oberkörper gibt. Bin gespannt, welche Erfahrungen du damit machst!

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  2. Hallo Maike,
    du hast eine sehr Interessante Frage aufgegriffen, über die ich mir auch viele Gedanken gemacht habe.
    Was sich bei mir als sehr hilfreich erwiesen hat und für dich vielleicht auch spannend sein könnte, ist seinen eignen Bodygraph zu zeichnen. Was ist das?
    Frau lässt den eigenen Körperumriß mit Hilfe einer Freundin auf Papier zeichnen, daraus kann man viel ableiten, z.B. wo die Taille sich versteckt oder auch welcher Figurtyp man ist. Zudem kann man dieses Körperumriß achteln und erhält so beispielsweise auch einen Hinweis, welche Rocklänge einem steht. Das Achteln orientiert sich am Goldnen Schnitt.
    Hier einen Anleitung zum zeichnen eines Bodygraph: http://sewnsushi.de/sewingsecrets/bodygraph/Bodygraphs.pdf
    Auch der Blogpost könnte dich interessieren: https://blog.modefluesterin.de/2014/01/19/outfit-optimierung-in-der-mode-ueber-vertikale-proportionen-und-den-goldenen-schnitt/
    Liebe Grüße
    Eva

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    1. Guten Morgen Eva,

      der Bodygraph ist eine super Methode, die ich auch gerne mit Klientinnen anwende und die ich in meinem Buch "Nählust statt Shoppingfrust" auch beschrieben habe.

      Aber vielen Dank für diese Ergänzungen in den Kommentaren, das ist für die Blogleserinnen sehr hilfreich!
      Viele Grüße
      meike

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