Freitag, 12. Mai 2017

Messen und Schnitt anpassen: Wo ist der Brustpunkt?




Frau lernt nie aus. Das ist einer der Gründe, wieso ich so gerne unterrichte, denn Teilnehmerinnen stellen so spannende Fragen. Genau wie in den Blogkommentaren, kommen Frauen in meinen Kursen auf Fragen, für die ich einen blinden Fleck hatte. Fragen sind dafür da, nach Antworten zu suchen, natürlich verblogge ich das und zack, sind wir alle wieder etwas schlauer!

Als am Samstag in meinem Workshop "Oberteile anpassen" eine Teilnehmerin fragte, wie sie denn nun genau die Lage des Brustpunktes in einem Schnittmuster bestimmen könne, verstand ich die Frage erst gar nicht: das Problem hatte ich vorher noch nie! Aber warum war das nie ein Problem für mich? Warum wusste ich immer, wo ich den Brustpunkt einzeichne, um eine FBA (eine kombinierte Weiten- und Längenänderungen im Brustbereich eines Oberteiles) zu machen?


Einfachste Lösung: Schnittmuster korrekt anhalten und echten BP markieren


Nachdem ich nun mehrere Tage über diese Frage nachgedacht, Bücher wälzte und mit klugen Frauen sprach, fand ich eine einfache Antwort: Im Workshop haben wir am Modell gearbeitet - "in echt" halte ich mir das Schnittmuster an, stecke es an der Schulter an meinem Shirt fest und richte die vordere Mitte so aus, dass sie wirklich in der Mitte und lotrecht ist. Dann nehme ich eine Stift und markiere den Brustpunkt, also die stärkste Stelle der Brust. Sonst zeige ich das auch immer - wieso ich das am Samstag nicht machte, weiß ich auch nicht - wahrscheinlich, damit ich gezwungen werde, mal genauer über die Sache nachzudenken!


Die Lage des Brustpunktes bestimmen


Wenn ich ein Oberteilschnittmuster ohne Abnäher habe und eine FBA machen möchte, dann brauche ich eine Senkrechte und eine Waagrechte, um die genau Lage des Brustpunkts (BP) zu bestimmen. Das Maß von der Schulter bis zur Brust heißt Brusttiefe.

Die Brusttiefe wird vom seitlichen Halsansatz/höchster Schulterpunkt/siebter Halswirbel bis zur breitesten Stelle der Brust gemessen. Ich finde das klingt komplizierter als nötig, diese Bezeichnungen für den oberen Punkt. Frau stokx sagte, das ist da wo Hals und Schulter sich treffen und wer Schwierigkeiten hat, die Stelle zu finden, knickt den Kopf Richtung Schulter - das dehnt nicht nur den verspannten Hals, sondern zeigt am Knick, welche Stelle gemeint ist.






Um den Brustpunkt noch genauer zu lokalisieren, messe ich außerdem den Brustabstand zwischen den stärksten Stellen der linken und der rechten Brust. Wenn ich diesen Brustabstand halbiere, dann kann ich damit auf dem Schnittmuster von der vorderen Mitte aus den Brustpunkt bestimmen.

Auf dem Schnittmuster messe ich von der vorderen Mitte aus den halben Brustabstand - egal auf welcher Höhe. Durch diesen markierten Punkt zeichne ich eine senkrechte Parallele zur vorderen Mitte. Von der Schulter aus kann ich nun die Brusttiefe abmessen und voilà, hier ist der Brustpunkt.


Pragmatische Lösung bei Schnittmustern mit Abnähern


Wer mich kennt, weiß, dass ich auch stets auf der Suche nach pragmatischen Lösungen bin. Ich nähe gar keine Schnittmuster mehr, die keinen Abnäher haben, denn kann einfach nicht glauben, dass eine Konstruktion für mich funktionieren kann, die keine Extraweite im Brustbereich vorsieht*. Hat ein Schnittmuster einen Abnäher, dann messe ich von der Schulter bis zur Abnäherspitze und sehe dann eigentlich immer, dass ich den Brustpunkt die üblichen Zentimeter nach unten verlegen muß, da die Schwerkraft bei mir bereits ihr Werk tat.


Der Brustpunkt liegt ca. 1-2 cm von der Abnäherspitze Richtung vordere Mitte, damit der Abnäher nicht auf der Brust endet. Hat das Schnittmuster einen Abnäher, dann weiß ich, wo im Schnitt ungefähr die breitestes Stelle für die Brust vorgesehen ist. Diese Regel gilt auch für alle anderen Abnäher, egal, ob sie von der Schulter kommen oder Taillenabnäher sind. 


Sobald ich eine Schnittmusterfirma und deren Schnitte kenne, messe ich gar nicht mehr nach, sondern zeichne den tiefergelegten Brustpunkt gleich nach Gefühl** ein. Das ist eine Vorgehensweise, die wahrscheinlich viele Hobbyschneiderinnen machen und sich in Formulierungen wie "die üblichen Änderungen" erwähnt wird: frau kennt ihr "Abweichungen von der Norm" und ändert im Vorfeld, ohne größer darüber nachzudenken und es dann auch in ihrem Blogbeitrag zu erklären.

*Ausnahmen sind natürlich Kräusel oder Falten, denn die funktionieren ja genauso wie Abnäher, sind nur nicht so offensichtlich.

** "Das Gefühl" ist eine Hypothesensammlung die sich aus den Materialeigenschaften und den Trageanlässen des zukünftigen Kleidungsstückes und der daraus resultierenden Unterwäsche ableitet.


Wie genau muss es denn sein?


Ich bin der festen Überzeugung, dass alles, was du am Schnittmuster im Vorfeld bewusst änderst, dein genähtes Kleidungsstück viel besser macht, als blindes Drauflosnähen. Deswegen denke ich auch, dass es auf Millimeter und sogar auf einen Zentimeter nicht ankommt. Wenn du das Schnittmuster vorher analysierst und mit deinen Körpermaßen vergleichst, dann stellst du schnell fest, wo die großen Patzer liegen. Ein fehlender Brustabnäher oder ein viel zu hoher Brustabnäher gehören dazu. Das entdeckst du auf jeden Fall, wenn du im Vorfeld schaust.

Ansonsten habe ich immer nur das ewige Mantra für dich: jeder Stoff verhält sich anders. Du kannst noch so millimetergenau messen, konstruieren und auch nähen, exakt reproduzierbare Ergebnisse sind sehr selten, weil Stoffe eben unterschiedliche Materialeigenschaften haben.

Mit den Schnittmusteranpassungen vermeidest du grobe Fehler und gibst die Richtung vor, ohne eine nachträgliche Überprüfung und eventuelle Anpassung am fertigen Kleidungsstück geht es nicht - das ist der Grund, wieso es in Maßschneiderein auch zwei Anproben gibt. Lähme dich nicht mit Perfektionsansprüchen, sondern versuche mehr und mehr Schnittmuster zu verstehen und deine Maße zu berücksichtigen - alles was du auf diese Art und Weise nähst, wird besser sein, als das, was du vorher gekauft oder produziert hast und mit steigender Erfahrung wird es noch besser und besser. Das ist doch toll!

Kommentare:

  1. Dieser Beitrag hat mir sehr geholfen. Ich tendiere dazu, immer alles zu exakt machen zu wollen und das geht dann eben oft daneben. Danke!

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  2. Sehr schön erklärt! Wenn man bei einem gekauften Schnittmuster den eigenen Brustpunkt mit einer "Anprobe" des Schnittes bestimmt, muss man bedenken, dass eine FBA den Brustpunkt nach unten verschiebt. In einem Kurs bei Marta Alto und Pati Palmer (Fit for Real People) habe ich gelernt, dass man in solchen Fällen den Brustpunkt 1,5 - 2 cm höher einzeichnet.
    Schönen Gruß aus Norwegen
    Aud

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    1. Danke für den Hinweis. Deswegen korrigiere ich die FBA anschließend noch mal, in dem der Abnäher neu gezeichnet wird, dass er auf den wirklichen Brustpunkt zeigt.

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  3. Herzlichen Dank für die tollen Erklärungen. Vor kurzem habe ich erstmals ein Shirt für mich genäht und fand es schade, daß der Abnäher nicht wirklich richtig sitzt. Hatte aber keine Ahnung wie ich ihn abändern kann. Nun werde ich nach Deiner Anleitung vorgehen. Danke

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  4. Ich habe den Artikel sehr aufmerksam gelesen - bisher wusste ich gar nicht, dass es einen Brustpunkt gibt! Ich werde das auf jeden Fall mal ausmessen bei mir.
    Trotzdem nbin ich etwas unglücklich. Mit dem Oberkörper habe ich gar keine Probleme, aber nach meiner 1. Schwangerschaft sind meine Hüften irgendwie auseinander gerutscht! Mindestens eine Größe Unterschied. Also keine Blaser, oft passen auch Blusen nicht und jetzt wollte ich mir ein Schnittmuster für ein Shirt zurecht machen und es gibt nicht mal eine Angabe zur Hüftweite. Hab denn nur ich das Problem?
    Trotz und alledem, wie gewohnt ein toller Artikel, für den ich mich recht herzlich bedanke!

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    1. Hallo Dreizehnmorgen, zu den Hüften gibt es oft keine Angaben, weil diese leicht anzupassen sind. Wirklich kritisch sind Veränderungen auf der Höhe des Armloches. Alles was darunter liegt, ist einfacher. Je nach Schnittmuster, kannst du die Weite in der Seitennaht oder, wenn vorhanden, in den Abnähern zugeben. Am Besten misst du, wo genau deine breiteste Stelle ist: einmal rundum für den Umfang und einmal von der Taille aus um festzustellen, auf welcher Höhe das ist. Dann zeichnest du diesen Maximalumfang + etwas Bewegungszugabe an und malst eine schöne Seitennaht, also eine stimmige Kurve von Armloch, über die Taille bis zur Hüfte. Ich hoffe, das hilft!

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  5. Hallo Meike,
    ja, das hilft. Vielen Dank dafür! :-)

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