Dienstag, 29. März 2016

Schnittmuster anpassen #5: Änderungen am Rückenteil



Heute gehen wir endlich zum Rückenteil! Darauf wartet ihr doch schon so lange. Aber wie das mit dem Bloggen so ist -  manchmal muss es eben zurückgestellt werden, wenn Arbeit und Gesundheit wichtiger sind. Jetzt aber!

Unterdessen haben zwei andere Bloggerinnen den Staffelstab übernommen und interessante Posts zum Thema Schnitte anpassen geschrieben. Frau Siebensachen ergänzte meine Überlegungen mit einem ausführlichen Beitrag zum Thema SBA. Vielen Dank. Zum unserem heutigen Thema "Rückenteil" hat auch bereits Frau Kitty Koma lesenswert gebloggt. Auf beide Beiträge geht ich nachher noch mal ein. 

Meine Methode

In den letzten Wochen habe ich viel darüber nachgedacht, was eigentlich "meine Methode" zum Thema Schnitte anpassen ist und ich bin zu dem Schluss gekommen, dass das, was ich eigentlich als Gliederungshilfe dachte - also das Problem in kleiner Häppchen zu zerlegen - tatsächlich schon Methode ist. Die andere Herangehensweise Schnitte zu gradieren, das heißt, von einer Größe zur nächsten oder übernächsten zu vergrößern (oder verkleinern) interessiert mich weniger, denn sie ist mir zu sehr in dem Konzept der Konfektionsgrößen verhaftet. Konfektionsgrößen sind dazu da, um für Viele zu produzieren. Egal, ob es sich um Kleidung oder Schnittmuster handelt - Konfektionsgrößen zielen auf Massenkonfektion und basieren auf statistischen Durchschnittswerten.

Für mich eignet sich der Ansatz ein Schnittmuster zu gradieren nicht, weil wenn es schon um meinen ganz speziellen Körper geht, ich gar nicht kompromissbereit bin. Ich will nicht eine "passende Kleidergröße" sondern ein Kleidungsstück, das meinem Körper passt. Daraus folgt für mich die logische Konsequenz, dass ich dort vergrößere (oder verkleinere), wo ich es brauche und nicht ein Kleidungsstück "in eine größere Konfektionsgröße aufblase".



Ich wähle die Schnittgröße gerne so aus, dass das Rückenteil passt und ich dann hauptsächlich "vornerum" anpasse. Neben der Oberbrustweite ist das Rückenteil das entscheidende Kriterium, mit dem ich schauen kann, ob das mit mir und dem Schnitt etwas wird. Wenn Schulterbreite (auch der Winkel) und das Armloch ok sind, dann bekomme ich das hin mit den Änderungen am Schnittmuster. Ist das Rückenteil irgendwie merkwürdig, dann bevorzuge ich es meinen Grundschnitt zu nehmen und die Designdetails des gewünschten Schnittmusters auf diesen zu übertragen, statt mühsam an dem Schnitt herumzubasteln.

Um zu sehen, ob der Schnitt bzw. das Rückenteil und ich Freundinnen werden, finde ich es am einfachsten, das Schnittteil mit meinem Grundschnitt oder einem gut passenden Kleidungsstück zu vergleichen.


Wie sieht ein Rückenteil aus?

Ein hinteres Oberteil oder Rückenteil hat, einen Halsausschnitt, Armlöcher, Schulternähte, Seitennähte und endet irgendwo ungefähr in Taillenhöhe. Es kann länger oder kürzer sein, das ist egal, die grundsätzlichen Elemente sind trotzdem vorhanden.

Rückenteile könne auch geteilt sein. Zum Beispiel kann der Rücken waagrecht durch eine Passe geteilt werden - Jeanshemden haben so etwas oft. "Auf Figur geschnittene" Rückenteile aus Webware, haben meist Taillenabnäher. Und wie das bei Design und dreidimensionalen Sachen so ist kann es auch noch jede Menge andere Abnäher geben. Außerdem kann ein Rückenteil auch senkrechte Teilungsnähte haben, die analog zum Vorderteil ("Prinzessnähte"), das Kleidungsstück stärker auf den Körper modellieren - das sind - wie für das Vorderteil bereits beschrieben, zusammengelegte Abnäher und damit formende Designelemente. Und dann gibt es noch diese Jerseykleider, die vorne sehr interessant sind und hinten "ein Nachthemd"... aber das ist heute nicht unser Thema. Wir kümmern uns in der Blogserie vorrangig um Webware und um Schnitte, die die Körperformen sanft umschmeicheln.





Abnäher sind Freunde!

In eng anliegenden Schnitten für Rückenteile aus Webware, sind zur Passformgebung Abnäher im Taillenbereich vorgesehen, aber ganz oft auch noch Abnäher im oberen Rücken an der Schulter. Das liegt daran, dass wir eben auch hinten kein Brett sind. Wir erinnern uns: Abnäher sind dazu da, Weite wegzunehmen, wo sie an anderer Stelle gebraucht werden oder in anderen Worten: Abnäher zeichnen die Rundungen nach. Wenn wir vom zweidimensionalen Schnitt zu einem dreidimensionalen Kleidungsstück kommen wollen, dass die Rundungen sanft umschmiegt, dann brauchen wir Abnäher. Der Sinn und Zweck von Taillenabnähern ist bestimmt klar. Im Idealfall haben wir eine Wespentaille, die enger als unser vom Schwimmen gestähltes Kreuz ist und unser wunderbarer Po. Das Rückenteil wird demnach auf Taillenhöhe verschmälert.

Meist brauchen auch Figuren, die sich nicht durch eine Wespentaille auszeichnen, oft eine Wegnahme von Weite im Taillenbereich am Rücken. Vielleicht nicht so viel, aber sinnvoll ist es trotzdem und sei es nur dafür, dass die lotrechten Abnäher als Linien das Gesamtbild strecken.

Vor dem Anpassen des Rückenteils

Bevor ihr überlegt, ein Rückenteil anzupassen, prüft noch mal, ob ihr die richtige Größe ausgewählt habt. Viele Frauen mit großer Oberweite neigen dazu, eine zu große Größe zu wählen und passen anschließend mühsam das Rückenteil an. Ich halte es für sinnvoller, ein oberes Vorderteil so anzupassen, dass die Brust an der richtigen Stelle Platz hat und den Schnitt so auszuwählen, dass das Rückenteil schon recht gut passt.

Wenn ihr einen fertigen Schnitt habt, dann vergleicht das Schnittmuster für das Rückenteil mit gut passenden Kleidungsstücken und prüft, ob ihr die richtige Größe gewählt habt! Kontrolliert die Schulterbreite! Das ist das relevante Maß. Schaut ob die Schultern hinkommen und ob das Armloch stimmig ist. Den Rest können wir anpassen.

Obere Rückenbreite anpassen

Die Notwendigkeit, ein Rückenteil in der Weite anzupassen, kommt oft daher, dass jemand "ein breites Kreuz hat". Nun, das würde ich ungerne bewerten, ob ein Kreuz breit oder nicht ist, aber wir haben nun mal manchmal das Gefühl, dass ein Kleidungsstück am Rücken zu eng ist. Meist bemerken wir das, wenn wir das Gefühl haben, die Arme nicht bewegen zu können. In diesem Fall müssen wir im oberen Rücken Weite einfügen.

Wie geht das? Wichtig ist, die breiteste Stelle des Rückens zu messen - diese liegt oft über den Schulterblättern, aber nicht immer. Am besten trägst du zum Messen ein figurnahes Kleidungsstück mit einem eingesetzten Ärmel, dann siehst du am besten, wo du messen musst bzw. messen lässt!

Am einfachsten wäre es nun, einfach an der hinteren Mitte Weite einzufügen. Aber halt, was passiert dann? Das Halsloch wird weiter und das wollen wir natürlich nicht. Wenn Du den einfachen Weg gehen willst, ändere das Design: verbreitere das Schnitteil an der hinteren Mitte, und lege eine Falte oder Kräusel, um die zusätzliche Weite wieder weg zu nehmen.



Eine andere Methode (Bild oben) ist es, das Rückenteil im oberen Rücken aufzuschneiden und auseinander zu ziehen. Was passiert nun? Die Schultern werden zu breit. Existiert bereits ein Schulterabnäher, kannst du diesen nutzen, um zur Schulter hin die zusätzliche Breite wegzunehmen. Ist im Schnitt kein Schulterabnäher vorgehen, kannst du einen einfügen.




Wie auch schon im Vorderteil, könnt ihr ein Schnittmuster aufschneiden und auseinanderziehen beziehungsweise zusammen schieben. Ihr müsst nur darauf aufpassen, dass diese Weitenänderung genau dort eingefügt wird, wo ihr sie braucht und an anderen Stellen mit Hilfe von Abnähern wieder "korrigiert" wird.

Passt auf das Armloch auf! Wenn ihr ein Rückenteil einfach durch auseinander ziehen verbreitert, kann sich das Armloch verändern. Am einfachsten ist es, mit einer Schablone zu arbeiten und das Armloch wieder nachzuzeichnen und das Zuviel an Weite mit einem Schulterabnäher zu korrigieren. Das Armloch muß in seiner Armlochlänge gleich bleiben, denn sonst passt der Ärmel nicht!



Ein Zaubertrick für Rückenteile aus Webware ist der schräge Fadenlauf. Wenn ihr ein hinteres Vorderteil habt, das ganz oder in Teilen im schrägen Fadenlauf zugeschnitten ist, erledigen sich auch eine Menge eurer Probleme fast von alleine. Der schräge Fadenlauf bewirkt, dass Webware eine gewisse Elastizität bekommt und damit Bewegungsfreiheit möglich wird ohne, dass zusätzliche Weite eingefügt werden muss.

Der Schulterabnäher gefällt dir nicht? 

Wie jeden anderen Abnäher auch, kannst du auch Schulterabnäher verlegen. Die Methode ist immer die gleiche. Schnittteill an einer anderen Stelle aufschneiden, Abnäher zuschieben und ein neuer Abnäher geht auf. Wenn Dir der Schulterabnäher nicht gefällt, dann kannst du ihn auch in den Taillenabnäher oder in eine mittlere Rückennaht verlegen.


Änderungen für einen runden Rücken

Im Laufe des Lebens, entwickelt sich auch oft ein Buckel. Darüber möchte ich eigentlich noch nicht genauer nachdenken, habe aber dieses Phänomen, auch wenn ich es nicht als Buckel bezeichnen möchte, an meinem Rücken auch schon festgestellt. Dank schlechter Haltung, einer täglichen Arbeit am Schreibtisch und einem fortgeschrittenen Alter habe ich eine Wölbung am oberen Rücken, die ausgeglichen werden muss. Würde ich aufrechter durchs Leben laufen und stets huldvoll wie eine Königin grüßen, dann würde sich das Problem möglicherweise von selbst beheben. So stelle ich einfach fest, dass ich im oberen Rücken etwas mehr Länge und Weite brauche, diese Weite aber am Halsausschnitt wieder eleminieren muss.



Für Änderungen am Rückenteil heißt das Zauberwort "mittlere Rückennaht". Schaut euch mal Kaufkleidungsstücke aus Webware an und ihr werdet sehen, wieviele davon, eine senkrechte Naht in der Rückenmitte haben. Diese Rückennaht ist - wenn vorhanden - eine sehr einfache Möglichkeit, die unterschiedlichen Wölbungen eures Rückens anzupassen. Einfach das zusammengenähte oder geheftete Oberteil auf links anziehen und abstecken. Wenn es das Stoffmuster zulässt, mag ich Schnitte mit Rückennaht sehr gerne!



Ist im Schnitt keine Naht an der hinteren Mitte vorgesehen und das Rückenteil wird im Bruch zugeschnitten, so müsst ihr die zusätzliche Weite, die entsteht, wenn ihr das Schnittteil einfach um die erwünschte Mehrweite vom Bruch entfernt zuschneidet, am Halsloch mit einem Abnäher wieder verringern, sonst wird das Halsloch zu breit und der Halsausschnitt steht ab. Zusätzliche Weite im Taillenbereich können über die Seitennähte oder Taillenabnäher korrigiert werden.



Änderungen im mittleren Rücken

Die mittlere Rückenbreite ist dort, wo wir rund um den Körper den Brustumfang messen. Manchmal müssen Rückenteile auch dort angepasst werden - allerdings eher selten, denn wir erinnern uns: wir wählen die Schnittmustergröße aufgrund eines passenden Rückens!

Wenn ihr im mittleren Rücken die Breite verändert, korrigiert ihr die Seitennaht. Das verändert unweigerlich das Armloch. Wenn ihr also an der Seitennaht ändert, müsst ihr auch den Ärmel dementsprechend anpassen.



Weiten-Änderungen im unteren Rücken

Hat ein Rückenteil auf Taillenhöhe nicht die richtige Breite, ist es am einfachsten über eine Verbreiterung der Seitennaht zu korrigieren. Ich bevorzuge allerdings die Korrektur auch über die Abnäher, weil sie eine schönere Rückenform macht.

Längenänderungen im unteren Rücken

Sehr oft sehe ich an Kleidungsstücken, dass die Rückenlänge nicht passt. Im unteren Rücken entstehen Falten, weil dort zu viel Stoff vorhanden ist. Das heißt, dass dort Rückenlänge weggenommen werden muss. Wie immer: mit einer mittleren Naht im Rückenteil ist das Problem einfach zu lösen. Einfach von der Mitte her aufschneiden und zusammenschieben.

Bei einem Kleid kann das Problem auch leicht behoben werden, wenn es eine Taillennaht gibt. Dann wird auf Höhe der Taille "zusammengeschoben" das obere Rückenteil so keilförmig verkürzt, dass aber die Seitennähte noch in Balance d.h. lotrecht sind.

Gibt es keine Taillennaht, dann braucht ihr einen Abnäher, um die überschüssige Länge zu kürzen. Kitty Koma hat das mit Bildern in ihrem Beitrag wunderbar beschrieben.

Schmaler machen geht auch!

Alles, was ich gerade schrieb, bezog sich auf das Verbreitern. Nun, ihr könnt euch denken, wieso ich diesbezüglich mehr Erfahrung habe. Verschmälern geht aber analog - wenn ihr Schnittteile auseinander schneidet, könnt ihr sie, statt sie auseinander zu ziehen auch ineinander schieben. Lest euch dazu noch mal den Beitrag von Frau siebensachen durch.

Das war die Theorie und wie ist es in der Praxis?

Am echten Menschen gibt es meist nicht nur eine Änderung sondern eine Summe von Änderungen, die sich oftmals scheinbar gegeneinander aufheben. Nehmen wir zum Beispiel einen Rücken, der durch Computerarbeit und wenig Sport sehr rund geworden ist: oben hat sich ein runder Rücken entwickelt, an der Taille ein Hohlkreuz. Welche Rückenbreite ist nun die entscheidende, um die richtige Ausgangsgröße des Schnittmusters auszuwählen? Stimmt die Rückenlänge mit dem Schnittmuster überein und passt es trotzdem nicht, weil oben mehr und unten weniger gebraucht wird?

Ich bleibe dabei: achtet auf die Armlöcher und die Schulterweite. Einen "schwungvollen Rücken" könnt ihr sehr leicht über eine Naht an der hinteren Mitte angleichen. Sollte diese nicht vorhanden sein bzw. euch im Design stören, dann sind eben mehrere Änderungen notwendig, um hier etwas und da etwas zu verändern. Das ist aber alles möglich, wenn ihr 1. Schritt für Schritt vorgeht und 2. darauf achtet, entscheidende Schnittdetails wie das Armloch oder das Halsloch nicht zu verändern bzw. anschließend dort noch einmal Korrekturen vorzunehmen.

Lernt Abnäher zu lieben und seid mutig, diese zu rotieren. Es kommt nur darauf an, dass ihr den Abnäherinhalt habt - wo er liegt, ist fast egal. So lange ihr den Abnäher um die "dickste Stelle" dreht, darf er überall sein. Ihr entscheidet - das ist Design! Wer rund ist braucht Abnäher (oder Falten oder Kräusel), um zweidimensionalen Stoff um die Rundungen zu drapieren. Das ist Design!

Ich weiß, das alles ist nicht einfach und es bereitet Mühe. Versucht es spielerisch zu nehmen und erwartet beim ersten Versuch noch keine Wunder. Aber traut euch, an Schnitten zu arbeiten. Hackt sie, statt sie zu akzeptieren, wie sie sind. Akzeptiert lieber euren Körper!

Über Fragen, Ergänzungen und Ideen würde ich mich sehr freuen! Schreibt sie entweder in die Kommentare oder einen eigenen Blogartikel. Dazu dürft ihr auch gerne das Bildchen zur Serie mitnehmen. Ergänzende Blogartikel verlinke ich nachträglich hier in diesem Beitrag. 

Bisherige Beiträge der Serie:

  1. Grundlagen und Längenänderungen
  2. FBA und SBA - kombinierte Längen- und Weitenänderung im Oberteil
  3. Fortsetzung FBA und Abnäher verlegen
  4. Einen Schritt zurück


Donnerstag, 24. März 2016

Save the Date



Ich bin gerade dabei, Veranstaltungstermine zu organisieren und kann jetzt schon verraten, dass ich in den nächsten Monaten in die Mitte Deutschlands komme und im Herbst im Norden aktiv werde. Das ist fast alles noch nicht spruchreif, doch ein Datum könnt ihr euch schon merken:

Am Donnerstag, den 9. Juni lese ich um 20 Uhr in der Parallelwelt in Hamburg (Gärtnerstraße 54). Da die Anzahl der Plätze begrenzt ist, bitte ich um Anmeldung für die Gästeliste. Wo und wie ihr euch anmelden könnt, verrate ich im Mai, doch das Datum könnt ihr euch auch jetzt schon mal merken.

Montag, 21. März 2016

Schnittmuster anpassen - fällt diese Woche aus

Ich habe mir ein bisschen viel vorgenommen und aufgebürdet in den letzten Wochen, mein Körper möchte ein bisschen Pause. Deswegen verschiebt sich der Blogpost zum Thema "Rückenteil anpassen" um eine weitere Woche.

Dienstag, 15. März 2016

Schnittmuster anpassen #4 - einen Schritt zurück

Erst einmal herzlichen Dank für Eure Rückmeldungen zu meiner Blogserie "Schnittmuster anpassen" und zu meiner anderen Frage. Eure Anmerkungen und Ideen helfen mir sehr, sind wirklich wie Geschenke für mich und gehen natürlich runter wie Öl :-) Eine Woche Ferien-Pause waren ganz gut. Mir ist noch mal klarer geworden, warum mir die Blogserie "Schnittmuster anpassen" so viel Spaß macht: um noch nicht ganz fertige Gedanken zu veröffentlichen, sind Blogs das ideale Medium. Es ist schön, einfach mal drauf los zu schreiben, Gedanken zu ordnen, sie in eine Form zu bringen und die Reaktionen darauf zu lesen. Und es ist natürlich ganz großartig, wenn diese unfertigen Gedanken anderen nützlich sind. Wenn ich im Vorfeld darüber nachgedacht hätte, ob ich ein Buch über das Ändern von Schnittmustern schreiben wollte, hätte ich es vermutlich niemals begonnen, denn die Aufgabe erschien mir zu groß. Mittlerweile denke ich, "warum eigentlich nicht?", wohlwissend, dass es noch viel Arbeit wäre, die Woche für Woche entstehenden Beiträge in ein Buch zu verwandeln. Aber Lust hätte ich schon dazu, denn beim Schreiben ordnet sich so manches.

Als ich die Blogserie begann, war es mir klar, dass die Systematik das A und O sein würde und dass ich niemanden mit zu viel Informationen erschlagen will, denn meine Mission ist ja "Mut machen"! Es gibt ja unheimlich viele Informationen darüber, wie Grundschnitte erstellt werden, wie Schnitte angepasst werden können und und und. Aber in meinen Augen gibt es nicht das perfekte Buch, mit dem diese vielen Möglichkeiten so aufbereitet sind, dass es leicht erlernbar, logisch verständlich, ansprechend erklärt wird und das gleichzeitig so leicht und motivierend ist, es auch tatsächlich zu tun. Wahrscheinlich geht es euch wie mir: das Bücherregal ist voller durchgeblätterter und halbgelesener Bücher, der Browser voller Lesezeichen und trotzdem ist manches noch unklar und vieles, was ich eigentlich weiß, wende ich aus Bequemlichkeit nicht an.

Selbermachen fängt schon beim Schnitt an

Gerade Letzteres ist so entscheidend. Obwohl ich in den letzten Jahren so viel über Schnittkonstruktion etc. gelernt habe und mir das Lernen wirklich viel Spaß machte, habe ich doch im Vorfeld des Nähens oft keine Lust, mich ausführlich mit einem Schnitt zu befassen. Ich habe ein Bild von meinem fertigen Kleidungsstück im Kopf, einen wunderbaren Stoff hier liegen und will endlich anfangen und vor allen Dingen auch fertig werden. Mir fällt es wahnsinnig schwer, mich aufzuraffen, und erstmal den Schnitt zu bearbeiten und damit das Erfolgserlebnis "fertiges Kleidungsstück" um mindestens einen Näh-Abend nach hinten zu schieben.

Aber immerhin habe ich den Mut und das Wissen, etwas zu ändern. Ich glaube, manchen von Euch ist noch gar nicht wirklich klar, dass sie dazu in der Lage sind, Schnitte zu ändern, dass sie dies dürfen! Obwohl wir Selbermacherinnen sind, denken wir oft, dass sich das Selbermachen auf das Nähen bezieht, dabei wäre es tatsächlich sinnvoll, viel früher anzufangen und den Schnitt selbst zu machen bzw. für sich selbst anzupassen, statt zu glauben, mit einem Fertigschnittmuster ans Ziel zu kommen und alles wird gut.

Deswegen habe ich mich dazu entschlossen, heute noch nicht beim Rückenteil weiter zu machen, sondern erst noch ein paar generelle Überlegungen vorneweg zu schicken. Jetzt sind wir also genau an dem Punkt "unfertige Blogtexte" statt "fertigem Buch". Ich blättere sozusagen noch mal zwei Kapitel zurück und gehe zurück auf Los. Ich möchte euch noch die Hemmungen nehmen, Schnitte zu verändern und euch ermutigen, dies zu tun. Wahrscheinlich ist das genau der Punkt: Du musst erst mal auf die Idee kommen, Schnittmuster anzupassen! Es ist so verführerisch zu glauben, einfach drauflos nähen zu können. Dabei sind Körper so verschieden.


Auf dem Weg zum Maßschnitt

Schnitte anpassen ist nichts anderes, als hier etwas Weite zuzufügen und dort etwas Weite wegzunehmen.

Klingt einfach. Ist es im Prinzip auch.

In der zweidimensionalen Form, also dem Schnittmuster aus Papier, wird dazu nur der Schnitt an einer bestimmten Stelle ("gewusst wo!") auseinander geschnitten und nach Bedarf auseinander gezogen oder zusammen geschoben.

Damit dann aber nicht überall alles weiter oder enger wird, müssen wir uns Schritt für Schritt durch alle Körperpartien durcharbeiten, Weite zufügen oder weg nehmen und Körpermaße und Schnitt vergleichen.

Im Prinzip ist es das schon. Das ist das, was wir verändern können, wenn wir am zweidimensionalen Papierschnitt arbeiten. Das, was wir damit erzeugen, ist ein Schnittmuster dass vermutlich schon viel besser ist, als vorher. Wir nähern uns durch diese Vorgehensweise einem guten Schnitt für unserem Körper an. Was danach kommt, wie sich der Stoff verhält und das wir genauso wie bei einer Damenschneiderin auch eine Anprobe machen müssen und gegebenenfalls korrigieren müssen, das ist ein ganz anderes Kapitel.

Aber das, was wir theoretisch Körperpartie für Körperpartie vorbereiten, ist ein großer Schritt hin zu einem Maßschnitt für unseren ganz speziellen Körper.


Wir brauchen die richtigen Maße statt den richtigen Körper!

Je mehr ich über das Thema "Schnittmuster anpassen" nachdenke, umso mehr komme ich zu der Überzeugung, dass es sinnvoll ist, den Körper in Teile zu zerlegen und diese einzelnen Partien getrennt voneinander zu betrachten. Die Idee, die dahinter steckt ist folgende: Menschen sind dreidimensional und je mehr Masse ein Mensch hat, um so vielfältiger sind die Dimensionen. Die üblichen Maße - Brustumfang, Taille, Hüfte - reichen einfach nicht aus, um einen Frauenkörper zu beschreiben. Deswegen können diese Maße auch nicht ausreichen, um eine Schnittmustergröße auszuwählen und mit diesem Schnitt ein garantiert passformgenaues Kleidungsstück zu erzeugen. Wenn wir schon keinen 3-D-Scan machen, sondern von einem zweidimensionalen Schnittmuster ausgehen, um einen Stoff um unseren Körper zu drapieren, dann müssen wir - ähnlich wie auf einer Landkarte - die "Berge" markieren und berücksichtigen. Genau, wie wir die Erdkugel in Längen- und Breitengrade einteilen, halte ich es für immer sinnvoller, unseren Körper mit Hilfslinien zu versehen, um ihn zu vermessen, zu markieren und die Körpergeographien zu bestimmen, an denen zusätzlich Platz geschaffen werden muss.


Teilmaße statt Umfänge

Mich stört, dass in der Regel die kompletten Umfänge, die in Maßtabellen verwendet werden. Um es ganz platt zu sagen: die meisten Frauen haben auf dem Rücken keine Brüste. Der Brustumfang ist also eine völlig unzureichende Größe, um genau zu beschreiben, wo Frauen auf Brusthöhe etwas mehr haben, wenn wir davon ausgehen, dass eine gute Passform auch beinhaltet, dass die Seitennähte da sitzen, wo sie hingehören. Wählen wir ein Kleidungsstück über den Brustumfang aus und haben viel Brust, dann kann es gut sein, dass das Kleidungsstück entweder auch am Rücken entsprechend weit ist oder aber das die Seitennähte zum Vorderteil wandern statt ordentlich lotrecht an der Seite zu sitzen.

Deswegen habe ich mich bei dem Thema "Verbreitern" auch zunächst nur auf das Vorderteil konzentriert. Das heißt nicht, dass es nicht auch oft am Rücken noch Weite braucht. Aber das ist eben ein anderes Thema. Wenn wir die Seitennähte dort haben wollen (lotrecht, genau unter der Achsel) und wenn wir vornerum Platz brauchen, dann müssen wir auch genau dort Platz schaffen. Konsequenterweise wäre es also sinnvoll, einen "vorderen Brustumfang" als Maß zu nutzen und eine Rückenbreite, statt eines kompletten Brustumfanges.

Je mehr ein Körper Richtung "große Größe" tendiert, um so vielfältiger sind auch die Stellen, an denen dieser Körper von der Norm abweicht. Die Figur von Barbie zu benähen, ist relativ einfach: Barbie hat ordentlich Holz vor der Hütte und ist ansonsten schmal. Ich hingegen habe Brüste, Bauch1 und Bauch2, ich habe einen beachtenswerten Po, Rettungsringe um die Taille, Oberschenkel, die beim Sitzen eine ganz andere Form annehmen, als im Stehen und Oberarme, die sich auch bewegen wollen. Zwischen Kinn und Knie gibt es diverse Stellen, an denen ich mehr Weite benötige und diese beschreiben zu wollen, dafür reichen die Angaben Brust/Hüfte/Taille einfach nicht aus.

Echte Maße statt Hilfslinien

Und dann ist es wichtig, nicht mit den Hilfslinien und den wirklichen Körpermaßen durcheinander zu kommen. Erinnert ihr euch? Im letzten Beitrag wies ich euch darauf hin, nicht die Taillenlinie des Schnittes zu beachten, sondern euren wirklichen Taillenumfang. Im Navigieren durch einen Schnitt dem Einfügen von Änderungen geht es darum, diese an der richtigen Stelle zu positionieren. Wie bei Längengraden und Breitengraden und wie bei X und Y in der Mathematik brauchen wir Koordinaten, um Positionen zu bestimmen. Wir brauchen den Taillenumfang (oder genauer gesagt den vorderen Tailllenumfang) und die vordere Länge, um genau zu wissen, wo wir im Schnitt die Taille korrigieren. Es nützt nichts, die Taillenrundung zu suchen und dort einfach weiter zu machen, wenn unsere Maße nicht mit denen der Maßtabelle übereinstimmen.

Es ist entscheiden, wo was im Schnitt vorgesehen ist und wo ihr was an eurem Kleidungsstück braucht. Also sucht den Brustpunkt im Schnitt und überlegt, ob ihr da, das Maximum an Weite braucht, oder wo ganz anders. (Zur Erinnerung: den Brustpunkt im Schnitt findet ihr, wenn ihr vorhandene Brustabnäher und Taillenabnäher verlängert. Dort wo der Schnittpunkt ist, ist der BP im Schnitt vorgesehen. Hat das Schnittteil keine Abnäher, dann ist die Faustregel, dass der BP ungefähr in der Mitte des Schnitteils liegt, also jeweils auf der Hälfte der vorderen Länge und der Hälfte der Strecke zwischen Seitennaht und vorderer Mitte.) Was nützt euch, die korrekte Brustweite, wenn sie ganz woanders ist, als ihr sie braucht!

Seid mutig!

Seid mutig und erobert euch ein Schnittmuster. Geht nicht davon aus, dass dieses bereits "wie für euch gemacht ist" - das ist es nicht. Studiert es genau, sucht die wichtigen Punkte und Hilflinien und vergleicht sie mit euren Maßen. Und wenn etwas nicht stimmt, dann ändert es. Es ist keine Magie, sondern nur ein Aufschneiden oder Zusammenschieben von Papierteilen.

Das, was nach euren theoretischen Überlegungen herauskommen mag, ist möglicherweise noch nicht perfekt, denn Änderungen hier ziehen oft Änderungen dort nach sich und überhaupt wissen wir ja, dass sich jeder Stoff anders verhält. Aber das, was nach gründlichen Vorüberlegungen herauskommt, ist mit großer Sicherheit schon weitaus besser, als das, was ihr euch bisher genäht habt.


Nächste Woche geht es dann wirklich mit dem Rückenteil weiter!

Seid nicht enttäuscht, weil ihr doch schon so lange auf die "Änderungen am Rückenteil wartet". Die kommen schon noch! Und seid auch bitte nicht enttäuscht, dass es noch keines der "versprochenen" Videos gab. Ich finde das auch schade. Wie gerne, hätte ich ein FBA-Tutorial-Video gedreht und ich war wirklich guten Willens, es zu tun. Aber erst war mir das Konzept nicht klar, dann hatte ich keine Zeit und als ich Zeit hatte, war kein gutes Licht und ein Bad-Hair-Day....... ein Video zu drehen, ist - für mich, die das Schreiben gewohnt ist - ein großes Projekt. Da fällt es mir leichter, ein Bildchen zu basteln und meine Gedanken zu verschriftlichen. Die Idee, Videos zu drehen, ist nicht vom Tisch, aber seit dem ich mit einem Buch zum Thema liebäugele, schreibe ich lieber. Und nächste Woche, wenn die Schulferien vorbei sind und ich wieder mehr im Arbeitsalltag angekommen bin, male ich auch wieder Bildchen und wir widmen uns endlich, endlich dem Rücken! Versprochen!


Mittwoch, 2. März 2016

Ihr seid gefragt!

Liebe Frauen von Format, liebe Leserinnen mit großen Größen, liebe Plus-Size-Frauen oder wie immer man euch nennen mag: ich brauche eure Hilfe. 

Es würde mich sehr freuen, wenn ihr mir in den Kommentaren oder per Mail --> Kontaktformular in der Seitenleiste, ein paar Fragen beantworten würdet. 

Worum geht es?

Ich muss etwas über mich selbst erzählen. Das ist gar nicht so einfach! Viele von Euch werden das kennen. Über andere können wir in den höchsten Tönen schwärmen, aber sprechen wir von uns selbst, fangen wir an herumzustottern und machen uns klein.

Ich weiß, dass ich mit meinem Blog und auch mit meiner Beteiligung an der TV-Sendung Frauen Gedankenanstöße gebe und auch Mut mache. Aber das, wofür ich stehe, was ihr an mir mögt, was ihr von mir wollt und was ihr auch bei mir findet, das fällt mir schwer in Worte zu fassen.

Es würde mir eine große Freude machen, noch mehr von dem zu geben, was ihr von mir erhofft, wenn ich klarer wüsste, was das ist. Bei Lesungen merke ich an der Resonanz, wo ich den Nerv treffe, aber dann ist es mehr ein Nicken, ein zustimmendes Lächeln oder sonst eine nonverbale Reaktion, die mir zeigt, dass ich richtig liege. Aber ich brauche Wörter, Sätze, Formulierungen.

Meine Fragen an Euch:

1. Wie "bezeichnet" ihr euch? Bevorzugt ihr dick/mollig/o.Ä. Sprecht ihr von Plus Size, Große Größe oder habt ihr noch eine ganz andere Formulierung?

2. Fühlt ihr euch von mir ermuntert, selbstbewusster eure Kleidung zu gestalten? Mal etwas auszuprobieren, was außerhalb eurer Komfortzone liegt? Mache ich euch Mut?

3. Wollt ihr von mir etwas lernen? Und wenn ja was?

4. Wollt ihr von mir etwas "abschauen" sozusagen etwas von mir bekommen? (Manchmal höre ich so etwas wie "deinen Mut hätte ich gerne" - trifft das auch für dich zu?)

5. Wofür stehe ich? Wenn ihr an Meike, die aus dem Fernsehen, die Bloggerin, wenn ihr an mein Blog crafteln.de denkt - was ist das besondere hier? Wie würdet ihr das einer Freundin erklären?

6. Gibt es etwas, was du dir von mir wünschst?

Habe ich noch etwas vergessen?

Ihr müsst nicht alle Fragen beantworten und euch auch nicht an den Fragen wie bei einer Klassenarbeit entlang hangeln. Schon ein Satz, eine Formulierung kann sehr hilfreich für mich sein. Die Fragen sollen eher als Inspiration dienen, euch anregen, etwas über mich zu sagen, was ich vielleicht so nicht über die eigenen Lippen bringen würde. Noch nicht. Aber wenn ich es hier schwarz auf weiß lese, dann traue ich mich das auch irgendwann :-)

Vielen Dank schon jetzt für Antworten in den Kommentaren oder per Mail über das Kontaktformular! 




MMM mit neuem Tuch als Ergänzung zum genähten Outfit




Heute zeige ich beim Me Made Mittwoch ein selbstgenähtes Kleid, einen selbstgenähten Mantel und mein neues selbstgestricktes Tuch. Ein Tuch ist ja eigentlich ein Accessoire und damit nichts für den MMM. Aber hier zeige ich es "im Rahmen eines Gesamtoutfits, bei dem auch andere Dinge selbstgemacht sind" - dann passt das schon. Das Tuch war bewusst als Ergänzung zu diesen beiden Kleidungsstücken gestrickt. Das Tuch und ich hoffen nun, dass noch ganz viele neue graue Kleider folgen.



Den Mantel, den ich bereits  2011 nähte und das Kleid, dass ich sogar letztens schon beim MMM zeigte, kennt ihr schon. Wenn ihr auf die Links klickt, erfahrt ihr mehr über die Kleidungsstücke. Hier nur in Kürze:

Kleid: Schnitt aus der Knip Mode Oktober 2011
Material: grauer Romanit

Mantel: Schnitt Johanna von Farbenmix (im Nähkurs damals viel dran rumgeändert)
Material: Wollwalk von Mahler Stoffe

Das Tuch habe ich im Rahmen des von Monika organisierten Summer Shawl Knit Along gestrickt und bin nun schwer tuchstricksüchtig. Es ist so herrlich entspannend, einfach so vor sich hin zu stricken und nicht über Passformprobleme nachzudenken! Aber wie trägt frau so ein Tuch?



Und wie fotografiert sie es?



Mein Tuch ist etwas kleiner als in der Anleitung vorgesehen. Ich habe 20 Maschen weniger aufgenommen und auch die Blöcke etwas weniger hoch gestrickt. Im Nachhinein denke ich, dass ich es hätte auch in Originalgröße stricken können. Aber vielleicht muss ich in das Thema Tuch noch hineinwachsen. Das ist jetzt eher ein Schal - das kenne ich.



Ich liebe derzeit grau. Sehr.



Grau ist toll. Aber Himbeersorbet auch. Die "ICord-Umrandung" finde ich total toll. Es ist sozusagen eine angestrickte Wurst, so ähnlich, wie aus der Strickliesel.



Ich hatte erst Bedenken, dass das himbeersorbetfarbene Baumwollgarn von Rowan zu dick für das flauschige Tuch wäre, musste es aber kaufen, weil die Farbe einfach perfekt zum Mantel passte. Ja, es ist anders - aber es ergänzt den Flausch perfekt.



Ich finde es gar nicht so einfach, das Tuch elegant zu tragen. Aber mit "elegant" habe ich ohnehin noch nicht viel Erfahrung.



Aber egal. Das Tuch aus "Babykamelflausch" ist herrlich kuschelig. Mehr zur Entstehung, über die Anleitungs- und Woll-Auswahl, könnt ihr hier nachlesen. Es ist das Tuch "Smooth" von Stephen West. Gestrickt habe ich es in verschiedenen Grautönen und Schwarz aus Lang nova.


Und für die ganz aufmerksamen Leserinnen unter euch noch eine Ergänzung. Anfang des Jahres habe ich endlich die Knopflöcher meines Mantels enger genäht. Es waren von einer Änderungsschneiderei genähte maschinengenähte Knopflöcher, die nach vielem Tragen sehr ausgeleiert waren - damals konnte ich noch keine Paspeknopflöcher ( aber nun schon, deswegen schrieb ich ein Tutorial für Paspelknopflöcher). Anfang des Jahres habe ich sie mit der Hand enger genäht. Hier das Beweisfoto. Es ist ganz herrlich, den Mantel wieder schließen zu können! :-)



Mehr selbstgemachte Outfits findet ihr wie immer Mittwochs auf dem Me Made Mittwoch Blog, heute mit Monika als Gastgeberin. Na das passt ja, denn bei Monika möchte ich mich noch mal ganz herzlich für den Summer Shawl Knit Along bedanken. Ich finde es so herrlich, dass wir gemeinsam einem neuen Hype verfallen sind und mache gerne weiter mit! Danke! Monika zeigt heute ein Hemdblusenkleid. So schön! Und so schön grau!


Dienstag, 1. März 2016

Schnittmuster anpassen #3: Fortsetzung FBA und Abnäher verlegen



Wer genau mitgelesen hat, hat letzte Woche bemerkt, dass ich mit der FBA eigentlich noch nicht ganz fertig war. Ich hatte aber das Gefühl, dass der Beitrag sonst zu lang wird und brach deswegen ab. Heute geht es zu dem Thema weiter.

Übrigens: Nächste Woche sind Schulferien in Hamburg, da macht auch die Blogserie eine Woche Pause und am 15. März geht es dann weiter mit dem Rückenteil. 

Außerdem möchte ich noch eine Sache ergänzen: ich schrieb letzte Woche, dass eine simple Weitenkorrektur an der Seitennaht für mich keine gute Methode wäre. Ich habe darüber noch einmal nachgedacht und auch noch Einiges nachgelesen, deswegen hier noch eine Ergänzung meiner zu strengen Aussage: An der Seitennaht weiter machen ist durchaus eine übliche Methode. Alle Teile des Schnittmusters werden zum Vergrößern verbreitert und verlängert, es wird die Seitennaht nach außen verschoben, das Schnittteil etwas länger gemacht und auch das Armloch vergrößert. Wer also ein Schnittmuster in relativ kleiner Größe vorliegen hat, kommt um dieses Vergrößern nicht herum, soll es auch am Armloch und am Rücken passen. Damit aber ein passendes Rückenteil nicht unnütz vergrößert wird, wenn nur vornerum mehr Platz gebraucht wird, wird in solchen Fällen eine FBA gemacht.







Für eine größere Oberweite hatte ich letzte Woche das Schnittteil auseinander geschnitten und auseinander gezogen. Dadurch entstand ein Brustabnäher in der Seitennaht und in der vorderen Mitte musste Länge zugegeben werden. Wenn du dir das Bild genau anschaust, dann fällt noch etwas auf: auch unter der Brust haben wir nun mehr Weite! Das ist zwar bequem aber in meinen Augen nicht wirklich schön. Bei einem Kleidungsstück würde nun der Stoff von der Brust senkrecht herunterfallen oder z.B. bei einer Bluse, die in einen Bund gesteckt wird, oberhalb des Bundes bauschen.

Der Stoff, der unter der Brust zuviel ist, kann mit Hilfe eines Taillenabnähers reduziert werden. Das ist auch dann sinnvoll, wenn die Taille nicht "wespenschmal" ist - ich finde sogar "gerade dann" - denn ein Zuviel an Stoff macht nur das dicker, was ohnehin schon nicht immer schmal ist.



Der Taillenabnäher verläuft meistens senkrecht - parallel zur vorderen Mitte. An eurem Schnittteil zeichnet ihr nun eine Waagrechte dort ein, wo die Taille sein soll. Aber Achtung: ich nehmt nicht die Taille, wie sie im Schnitt eingezeichnet ist (weil ihr sie aufgrund der Taillenrundung dort vermutet), sondern messt von der Schulter eure vordere Länge nach unten, um die Lage eurer Taille zu markieren!

Jetzt kennt ihr die Stelle, an der ihr euer Taillenmaß braucht. Theoretisch solltet ihr nun die Taillenweite durch 4 teilen, denn wir konstruieren ja nur an einem halben Vorderteil und lassen den Rücken gerade noch außer acht. Das ist allerdings in meinem Fall nicht sinnvoll, weil ich auf Taillenhöhe Bauch2 habe. Ich brauche also vorne mehr Taillenweite als hinten. Die korrekte Variante ist, einen vorderen Taillenumfang und einen hinteren Taillenumfang zu messen. So kann genau dort die Weite hin gebracht werden, wo sie gebraucht wird.

Damit ihr nicht durcheinander kommt:
Der Taillenumfang ist das tatsächliche Taillenmaß, während die Taillenweite das Maß des Kleidungsstückes auf der Höhe der Taille ist. Das heißt, die Taillenweite enthält bereits eine Bequemlichkeitszugabe, weil ihr ja keine Wursthaut nähen wollt.



Also, addiert zu eurem Viertel-Taillenumfang noch ungefähr einen Zentimeter Bequemlichkeitszugabe und die Abnäherbreite - so breit sollte auf Taillenhöhe euer halbes Vorderteil nun sein. Ist es das nicht, korrigiert die Seitennaht und malt die Taillenrundung neu aus. Das kann frau mit einem Kurvenlineal machen, muss sie aber meines Erachtens nicht, denn das geht auch freihändig.

Jetzt zeichnet ihr den Abnäher, in dem ihr den Abnäherinhalt halbiert, und links und rechts auf der Senkrechten, die durch den BP läuft auf der Taillenlinie markiert. Idealerweise endet der Abnäher nicht auf dem BP, sondern die Abnäherspitze wird ca. 2 cm  nach unten versetzt. (auf meinem Bild falsch) Ihr könnt den Abnäher als Gerade nähen oder aber auch leicht gebogen, um der Körperform mehr zu schmeicheln.

Nun noch den Brustabnäher korrigieren

Der Brustabnäher, der durch das Aufschneiden entsteht, zeigt leider nicht auf den Brustpunkt (BP), deshalb müssen wir ihn noch einmal korrigieren. Damit der Brustabnäher auch nicht auf dem BP endet (das sähe doof aus), markieren wir die Abnäherspitze ca. 2cm weiter Richtung Seitennaht. Nun verbinden wir die Abnäherspitze mit den Endpunkten der Abnäherschenkel auf er Seitennaht und malen einen neuen Abnäher ein.






Was kann ich machen, wenn ich sehr viel Abnäherinhalt habe?

Wer viel Brust in Relation zum restlichen Körper hat, bekommt beim Vergrößern mit einer FBA große Abnäherinhalte. Ihr erinnert euch, wer bei gradierten Schnittmustern eine größere Größe wählt, bekommt auch breitere Schultern und ein insgesamt breiteres und längeres Schnittteil geliefert. Wer nun aber nur im Brustbereich Weite zufügt, behält das schmalere Schnittteil, erzeugt die Weite nur dort, wo sie nötig ist und die Stoffreduktion muss eben in die Abnäher.  Das sieht nicht immer schön aus - deswegen ist es eine gute Möglichkeit, die Stoffmenge auf mehrere Abnäher zu verteilen. Dazu muss ich aber erst noch ein bisschen ausholen.




Abnäher rotieren

Durch die FBA wisst ihr, welche Abnäherinhalte ihr braucht, um Platz für die Brust zu schaffen. Die gute Nachricht ist: die Abnäher müssen nicht dort sein, wo sie jetzt eingezeichnet sind. Abnäher können überall im Vorderteil sein - das ist alles eine Frage des Designs. Und wenn ihr selbst näht, dann seid ihr die Designer!

Jetzt kommt etwas sehr sehr Spannendes. Eigentlich sind wir hier schon tief im Thema Schnittkonstruktion, aber das muss euch keine Angst machen und es ist auch für diejenigen interessant, die gar keine Schnitte selbst konstruieren wollen, sondern nur Fertigschnittmuster anpassen.

Man nennt das "Abnäher rotieren". Die Abnäher zeigen stets auf die stärkste Stelle und das ist im Vorderteil in der Regel der Brustpunkt. Dort wird der meiste Stoff gebraucht. Jetzt ist es möglich, die Abnäher rund um den Brustpunkt im Vorderteil dort zu verteilen, wo es gefällt. Die Wirkung ist stets die Gleiche, sofern der Abnäherinhalt gleich  und der Brustpunkt an Ort und Stelle bleibt.




Simple, aber auf Figur geschnittene Kleidungsstücke haben Brust-, Schulter, oder Taillenabnäher, aber das muss nicht sein. Ein interessantes Design wird es oft erst, wenn die Abnäher ganz woanders sind. Probiert es aus.  Malt eine Abnäherlinie dorthin, wo sie euch interessant erscheint, achtet aber darauf, dass sie auf den Brustpunkt zeigt. Nun schneidet ihr euer Schnittteil dort ein, wo der neue Abnäher hin soll und den konstruierten Abnäher an einem Schenkel auf. Nun schiebt ihr den Abnäher, den ihr nicht mehr wollt zusammen und - voilá es entsteht der neue Abnäher. It's magic!



Genauso habe ich es gemacht, als ich das "Kirschenkleid" für mich angepasst habe. Ich habe eine FBA gemacht und erzeugte einen Brustabnäher, der das Design zerstört hätte. Anschließend zeichnete ich mir, wie im Original Taillenabnäher ein und schloss den Brustabnäher, in dem ich die Taillenabnäher öffnete. Da ich viel Abnäherinhalt hatte, konstruierte ich zwei Taillenabnäher und zack hatte ich die Weite dort, wo ich sie brauchte und reduzierte sie wieder zwischen Brust und Taille.




Abnäher, Abnäher immer nur Abnäher - was mache ich, wenn ich keine Abnäher mag?

Zuallererst: Abnäher sind Freunde! Wer mit Webware näht und gut geschnittene Kleidung tragen möchte, kommt um Abnäher kaum herum. Zumindest theoretisch. Aber es gibt praktisch noch ein paar Schlupflöcher oder nennen wir es lieber "Design".

Abnäher nehmen dort Weite weg, wo keine gebraucht wird. Je näher man der Spitze kommt, umso mehr Weite ist dort vorhanden. Dieser Effekt kann auch anders erzeugt werden: eine Alternative zu Abnähern sind Falten und Kräuselungen.

Statt einen Abnäher von der breitesten Stelle bis zur Spitze zu nähen, kann an der breiten Stelle auch die Mehrweite in eine Falte gelegt oder eingekräuselt werden. Die Falte kann dabei auch noch unterschiedlich weit zugenäht werden. Zum Beispiel hat das beliebte Anna-Dress so eine Lösung: die zwei Taillenabnäher sind eigentlich keine Abnäher sondern zur Mitte gelegte Falten, die nur zum Teil zugenäht sind. Richtung Brust springen sie auf und schaffen so eine schmale Taille und Mehrweite für die Brust.

In der Zeitschrift Ottobre habe ich schon gesehen, dass statt eines Brustabnähers, ein Shirt unter dem Arm an der Seitennaht im Vorderteil leicht eingekräuselt wird. Das ist das gleiche Prinzip: statt eines Brustabnähers wird die Mehrlänge eingekräuselt und weil es Jersey ist, ruckelt sich das schon zurecht. Bei meinem Lieblingsjerseykleid Ajaccio wird auch statt eines Abnähers gekräuselt. Der Abnäher wurde zur vorderen Mitte rotiert und statt des Abnähers wird in diesem Bereich der Stoff eingekräuselt.



Na, fallen bei euch schon die Designs- und Konstruktionsgroschen? Schaut euch die technischen Zeichnungen von Schnittmustern an und/oder euere Kleidungsstücke. Ihr werdet einen Blick dafür bekommen, auf welche Weise Mehrweite erzeugt und wieder weggenommen wird.

Wie gesagt, wir sind hier bei Schnittmusteranpassungen und nicht im Konstruktionskurs. Ihr müsst das alles nicht können und dürft auch weiterhin noch schöne Schnittmuster kaufen, denn in so einem Schnittmuster steckt viel Gehirnschmalz einer gelernten und erfahrenen KonstrukteurIn mit drin. Aber wenn ihr diese Grundlagen verstanden habt, dann müsst ihr euch nicht über Brustabnäher oder Taillenabnäher ärgern, die bei einer FBA entstehen. Wenn sie euch nicht gefallen, verteilt Abnäherinhalte, fügt sie zusammen oder rotiert sie dorthin, wo es zum Design passt oder ohnhin schon vorgesehen ist. Ist das nicht großartig, dass das möglich und gar nicht so schwer ist?

Und Teilungsnähte?

Zum Schluss möchte ich noch ein paar Worte zu Taillungsnähten schreiben. Eine Teilungsnaht im Vorderteil ist nicht viel anderes, als ein zusammengefügter Schulter - und Taillenabnäher.

 

Hier ist ein Vorderteil mit Brustabnäher und Taillenabnäher. Beide Abnäher zeigen auf den Brustpunkt. Der Brustabnäher kann zu einem Schulterabnäher verlegt werden.




Wenn beide Abnäher verbunden sind, dann kann das Schnittteil an dieser Linie aufgeschnitten werden und wir erhalten ein mittleres Vorderteil und ein seitliches Vorderteil. Die Abnäherinhalte sind "nur Luft" und werden einfach weggelassen. Beim Zusammennähen "schließen wir sozusagen die Abnäher" und erhalten ein Vorderteil, das im Brustbereich Weite hat und die Konturen zart umschmeichelt. Daher kommt der Rat, bei viel Oberweite bevorzugt Schnitte auszuwählen, die Teilungsnähte haben. Abnäher sind unnötig und ihr müsst euch nicht mit großen Abnäherinhalten herumschlagen.



Ha, aber jetzt kommts! Viele Frauen sagen "Schnitte mit Teiungsnähten sind gut anzupassen". Ja, das stimmt wenn genug Nahtzugabe gelassen wurde. Und das stimmt auch, wenn der Brustpunkt (noch) ungefähr da sitzt, wo er laut Schnittmuster vorgesehen ist. Solltet ihr schon mal Schwierigkeiten gehabt haben, einen Schnitt mit Teilungsnähten anzupassen, dann liegt es genau daran. Aber keine Sorge, ich zeige euch, wie ihr beim nächsten Mal besser vorgeht.

Sucht im Schnittmuster den Brustpunkt. Mein Tipp: das ist die Stelle, an der das vordere Seitenteil die größte Rundung hat. Wenn ihr Glück habt, hat das Schnittmuster genau an dieser Stelle ein Passzeichen. Markiert den im Schnittmuster vorgesehenen Brustpunkt. Dann nehmt ihr eure Maße zur Hand und markiert die Brusttiefe auf dem Schnittmuster (ihr erinnert euch, das ist von der Schulter bis zur stärksten Stelle der Brust gemessen).  Wenn euer Brustpunkt an einer anderen Stelle sitzt als im Schnittmuster, ändert ihr lieber im Vorfeld die Schnitteile.

Ich bin großer Fan davon, freihändig Schnitte zu ändern. Kurvenlineale sind schön zur Schnittkonstruktion, aber ich nähe gar nicht präzise genug, dass die Millimeterabweichungen durch freihändiges Zeichnen eine Rolle spielen würde. Wenn ich in kurzen Strichen mit dem Bleistift vorzeichne bis mir eine Rundung gefällt, kann ich anschließend immer noch mit einem Filzstift die finale Rundung zeichnen - meinetwegen dann auch mit einem Kurvenlineal.

Wenn ich also ein Schnittmuster mit Teilungsnähten ändere, dann muss ich aufgrund der Wirkungen der Schwerkraft, den Brustpunkt nach unten verlegen. Ich zeichne dabei zunächst das seitliche Vorderteil runder und ändere dann das Mittelteil so, dass es beim Zusammennähen zueinander passt. Das kann ich am Schnittteil kontrollieren, in dem ich mit aufgestelltem Maßband die Länge der späteren Naht vergleiche. Das Maßband stelle ich deswegen auf, weil ich die Rundung so leichter messen kann.



Da sich Kleidungsstücke mit Teilungsnähten in der Tat leicht anpassen lassen, mache ich meine Schnittveränderung lieber etwas großzügig. Dann nähe ich mein Kleidungsstück zusammen, drehe es auf links und probiere es an. Nun kann ich die Teilungsnaht noch einmal so abstecken, dass die neue Nahtlinie meinen Konturen schmeichelt.

So, ihr seht, das war noch mal eine Menge zum Vorderteil. Das wäre einfach zu viel gewesen, das alles auch noch letzte Woche zu schreiben. Habe ich sonst noch was für das Vorderteil vergessen? Mir fällt gerade nichts ein, aber vielleicht euch?

Über Fragen, Ergänzungen und Ideen würde ich mich sehr freuen! Schreibt sie entweder in die Kommentare oder einen eigenen Blogartikel. Dazu dürft ihr auch gerne das Bildchen zur Serie mitnehmen. Ergänzende Blogartikel verlinke ich nachträglich hier in diesem Beitrag. 

Bisherige Beiträge der Serie:

  1. Grundlagen und Längenänderungen
  2. FBA und SBA - kombinierte Längen- und Weitenänderung im Oberteil
Nächste Woche sind Schulferien in Hamburg, da macht auch die Blogserie eine Woche Pause und am 15. März geht es dann weiter mit dem Rückenteil.