Sonntag, 6. November 2016

Geschickt eingefädelt - ein Jahr danach

Foto: vox/Andrea Friese - Werbefoto der 1.Staffel

Übermorgen geht es los, mit der zweiten Staffel von "Geschickt eingefädelt", dem TV-Nähwettbewerb, an dem ich letztes Jahr als Kandidatin teilgenommen habe. Um euch ein wenig darauf einzustimmen, heute ein Interview mit mir. Während der Sieger natürlich ein richtiges Interview in einer Zeitung hatte (nicht online, aber herzlichen Glückwunsch, Tobias!), muß ich mir als Kandidatin, die in der 4. von 6 Folgen ausschied, die Fragen selbst stellen. Dafür gibt es Blogs - ich mache einfach mein eigenes Interview!

Liebe Meike, schön, dass du dir Zeit nimmst, ein paar Fragen zu beantworten. Wie geht es dir, ein Jahr nach der Ausstrahlung der ersten Staffeln von "Geschickt eingefädelt"?


Ich freue mich sehr über die Fragen, liebe Meike, und ich kann sagen: es geht mir gut! Im Laufe der letzten 12 Monate hat sich eine ganze Menge getan, verschiedene Aspekte rund um das Nähen von Bekleidung sind tatsächlich Teil meines Berufes geworden: ich habe ein Buch veröffentlicht, verlege Schnittmuster und berate und unterrichte zum Thema Schnittanpassungen und selbstgenähter Kleidung. Das ist toll!

Und das kam alles daher, dass du an der Sendung teilgenommen hast?


Nein, natürlich nicht. Ich würde sagen, diese positive Entwicklung, mit meinem Herzensthema nun auch Einnahmen zu generieren, ist vor allen Dingen das Ergebnis kontinuierlicher Beschäftigung damit. Ich blogge seit vielen Jahren über das Nähen und Tragen selbstgenähter Kleidung, ich habe schon vor der Sendung mein Buch geschrieben, ich lerne schon länger Schnittkonstruktion, ich bin auf twitter, Instagram und Facebook aktiv, ich engagiere mich seit Jahren ehrenamtlich als Teil des Organisations-Teams des Me Made Mittwoch, ich halte immer mal wieder Vorträge über das Nähbloggen - die Summe dieser Erfahrungen, Kenntnisse und Aktivitäten machen aus, dass ich nun als jemand wahrgenommen werde, die etwas Interessantes zu bieten hat.

Die Teilnahme an der Fernsehsendung hat mir natürlich noch zusätzliche Bekanntheit verschafft und auch Türen geöffnet, dafür bin ich dankbar und das war auch der Grund, wieso ich mich auf dieses Abenteuer eingelassen habe.

Alle sind Sieger! - Celine hat allen ein Andenken gebastelt

Du nennst die Sendung ein Abenteuer. Wie war es nun rückblickend für dich?


Abenteuer ist wirklich das richtige Wort. Es ist schon eine verrückte Idee, sich ein paar Wochen aus den normalen beruflichen und familiären Verpflichtungen auszuklinken, um an so einem Projekt teilzunehmen. Das kann wirklich nicht jedeR. Ich war sehr neugierig, wie so eine Produktion läuft und fand es unheimlich spannend, hinter die Kulissen schauen zu dürfen. Der ganze Ablauf von Casting bis zu den Aufnahmen war interessant und aufschlussreich.

Während der Ausstrahlung der Serie ging es mir allerdings gar nicht gut. Wir KandidatInnen hatten das, was anschließend gezeigt wurde, nicht im Vorfeld zu sehen bekommen. Mir war klar, dass aus den vielen Stunden Material, das aufgenommen worden war, Geschichten erzählt werden können, die ich so von mir nicht erzählen würde. Man muss das ganz nüchtern sehen: wir waren Kamerafutter. Wir lieferten uns aus und konnten nur hoffen, dass Schnitt und Regie eine Geschichte daraus entstehen lassen würde, für die wir uns nicht schämen müssen.

Foto: vox/Andrea Friese

Du sagt, es gingt dir nicht gut, als du dich im Fernsehen sahst. Lag das daran, dass es komisch ist, sich selbst so zu sehen?


Da ich früher schon Fernsehen gemacht habe, fand ich diesen Aspekt nicht so aufregend. Mir fällt es leicht, vor der Kamera zu agieren und ich bin lebenserfahren genug um zu wissen, wie ich aussehe - das schockt mich nicht. Für mich waren es eher die Geschichten, die durch den Zusammenschnitt und die Off-Kommentare erzählt wurden, auf die ich keinen Einfluss hatte, vor denen ich Angst hatte. Deswegen saß ich bei jeder Folge zitternd und mit kalten Händen und Füßen vor dem Fernseher, ängstlich, wie ich präsentiert werden würde. Während der Ausstrahlung bereute ich es, mich auf das Experiment Kandidatin in einer Unterhaltungssendung eingelassen zu haben.

Aber du wusstest doch schon vorher, dass es eine Unterhaltungssendung eines Privatsenders ist. War es dann nicht naiv, mitzumachen und anschließend zu zittern?


Na klar wusste ich es, doch es gab auch Gründe darauf zu hoffen, dass die Sendung eine große Ähnlichkeit mit dem britischen Vorbild "Great British Sewing Bee" haben würde, in dem sehr wertschätzenden mit den KandidatInnen umgegangen wurde. Wenn ich das richtig verstanden habe, ist das deutsche Format ein Lizenzprodukt, das machte mir Lust darauf, es zu versuchen.

Letztlich war es ein gründliches Abwägen, ob mir die Teilnahme mehr nützen oder schaden könnte. In langen Gesprächen mit meinem Mann und Freundinnen wog ich die Vor- und Nachteile ab. Da ich meine eigenen Kanäle habe, mein Image selbst zu gestalten, hoffte ich, dass die Teilnahme an der Sendung mir zwar kurzfristig zusätzliche Bekanntheit geben würde, setzte aber darauf, dass mittelfristig  und langfristig die Qualität meiner Arbeit das ist, was den Menschen im Gedächtnis bleiben würden, wenn sie meinen Namen lesen oder mein Bild sehen und das hat sich ja glücklicherweise bestätigt.

Das heißt, die Kandidatin ist Geschichte und du bist jetzt Expertin?


(lacht) Ja klar! Ich kann verstehen, dass ich manchmal als "TV-Star" angekündigt werde, wenn Veranstalterinnen einen Workshop oder eine Lesung mit mir besser verkaufen wollen. Das gehört dazu. Aber das Tolle ist doch, dass ich nun Workshops und Lesungen gebe und die Leute zu mir kommen, um etwas von mir zu erfahren und zu lernen. Das ist einfach toll!

Hat sich durch die Sendung deine Art zu nähen verändern?


Nein, eigentlich nicht. Als Vorbereitung für die Sendung habe ich das Handnähen geübt und zum ersten Mal ein Saum mit der Hand angenäht. Das mache ich jetzt öfter. Was mich weitaus mehr als Inges Kommentare anspornte ordentlich zu nähen, war das Anschauend des britischen Formats.

Ich stehe nach wie vor mit den Ansprüche der Sendung an die Hobbynäherinnen auf Kriegsfuß. Ich kann verstehen, dass in einem Unterhaltungsformat, in dem Wettbewerb das wichtigste Argument zu sein scheint die Zuschauerinnen vom Umschalten abzuhalten, hohe Ansprüche eine Möglichkeit sind. Doch letztlich finde ich das absurd.

Meine Mission ist, die Menschen zu ermuntern, es mit dem Nähen von Bekleidung zu versuchen. Ich bin der festen Überzeugung, dass es absolut ok ist, etwas nicht hunderprozentig perfekt zu nähen, denn Nähen lernt frau Stich für Stich. Perfektion ist in der professionellen Schneiderei sicherlich unabdingbar, der Wunsch danach lähmt aber die Hobbyschneiderin. Ich wünsche mir, dass wir Spaß am Nähen unserer eigenen Kleidung haben! Wir sind schon kritisch genug mit uns selbst, ein bisschen Lockerheit schadet der einen oder anderen nicht. Deswegen hatte ich beim Ansehen des deutschen Formats oft den Eindruck, dass das, was an Nählust erzeugt wird, durch Perfektionsansprüche wieder weggenommen wird und das deswegen nicht der ganz große Boom entstanden ist, den sich alle, die Materialien, Werkzeuge und Anleitungen für Hobbynäherinnen vertreiben, erhofft hatten.


Wir KandidatInnen waren eine nette Truppe und sind noch in Kontakt

Was würdest du den neuen KandidatInnen der zweiten Staffel gerne raten?


Ach, das ist schwierig, denn es gibt ja so unterschiedliche Beweggründe, sich für die Teilnahme an so einem Format zu entscheiden! Ich würde sagen "macht einfach weiter euer Ding".

Als Kandidatin einer Unterhaltungssendung wird frau und man nicht berühmt, sie verändert das Leben weniger, als manche denken. Klar, wird frau manchmal gefragt, ob jemand ein Selfie mit mir machen darf und "wie der Guido so ist", doch das passiert eigentlich immer nur in Stoffläden. Auf der Straße interessiert sich glücklicherweise kein Mensch für mich. Immer mal darauf angesprochen zu werden, ist nett. Ich genieße solche Momente und vielleicht ist das auch genau der Rat, den ich den neuen Kandidatinnen geben will: genießt die schönen Momente und grämt euch nicht, wenn ihr euch möglicherweise komisch dargestellt fühlt, denn das vergessen die Menschen ohnehin schnell wieder. Macht einfach euer Ding!

Und was ist dein aktuelles Ding? Wie geht es bei dir weiter? Worauf dürfen wir uns 2017 von Meike Rensch-Bergner und crafteln.de freuen?


Zunächst geht es erst einmal weiter mit den Schnittmustern. Nachdem die ersten beiden Schnittmuster der Marke stokx so gut angekommen sind, wird es in den nächsten Wochen und Monaten weitere Schnittmuster von Lindy Stokes zu kaufen geben. Noch diese Woche kommt ein Kleiderschnitt!

In den Wintermonaten schreibe ich an meinem neuen Buch, das natürlich über das Thema Schnittanpassungen handelt. Ich freue mich schon seit Wochen darauf, wieder an einem größeren Schreibprojekt zu arbeiten. Parallel denke ich natürlich über die Workshop-Konzepte nach, denn auch 2017 möchte ich wieder Workshops geben - bevorzugt in Hamburg, denn die Reiserei ist anstrengend; doch wie ich mich kenne, nehme ich doch wieder Angebote aus anderen Gegenden an, weil ich einfach so gerne unterrichte.

2017 werden noch mehr spannende Dinge passieren, da bin ich ganz sicher. Aber manches ist noch nicht spruchreif und anderes braucht noch ein bisschen Ruhe und Muße, um in mir zu wachsen. Es wird auf keinen Fall langweilig. Ich freue mich einfach sehr, mit meinem Herzensthema weiter kreativ und produktiv sein zu können.

Vielen Dank für das Interview, liebe Meike. Siehst du, es war doch gar nicht so komisch, sich selbst zu interviewen, oder? 


Nein, hihi, nur ein bißchen! Ich erzähle gerne, was mich bewegt und umtreibt. Insofern war es sehr nett, mit mir ein bisschen rückblickend und ausblickend zu plaudern. Ich hoffe, die Leserinnen haben genauso viel Spaß damit, wie ich!

Kommentare:

  1. Super hast du das geschrieben! Als Nichtnäherin werde ich auch die zweite Staffel gucken und mich über die teils fiesen Kommentare ärgern, Ausserdem gefällt mir meist was anderes als der Jury. Aber ich mag die Kreativität und finde es klasse, was da mit Mut, Witz, Charme und viel Können gemacht wird.

    LG

    Sylvia

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  3. Sehr unterhaltsam, liebe Meike! Mit deiner Einschätzung der übertriebenen Professionalität, die in der Sendung viel zu sehr in den Vordergrund gestellt wurde, sprichst du mir aus der Seele. In meinen Kursen muss ich den Teilnehmern regelmäßig sagen, dass es in erster Linie ihnen selbst gefallen muss und dass es nicht nur einen Weg zum "perfekten Teil" gibt. Das ist eigentlich sehr schade, denn ich genieße die Freiheit unseres Hobbies, sich kreativ austoben zu können. Wer daraus einen Beruf machen will, tut das eh. Aber die Sendung sucht ja Hobbyschneider, und da sollte man die Kirche doch bitte im Dorf lassen. Es ist doch sch... egal, ob ein Wickelkleid linksrum oder rechtsrum gewickelt wird. Erlaubt ist, was gefällt! Aber genau das Gegenteil vermittelte die Sendung. Ich bin gespannt, ob in der zweiten Staffel mehr auf die Kreativität als die Professionalität eingegangen wird...

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    1. Danke, so geht es mir auch. Das war vor 25 Jahren schon ätzend für mich als junge Frau, dass beim Hobby Professionalität über der Kreativität stand. Das machte mir das Leben immer schwer. Mit der neuen Freiheit im Nähen, mit klaren, beschreibenden Worten und nicht mit dem Fachchinesich und mit dem Vorbild, jeder macht, was ihm gefällt, ist das ein tolles Hobby und ich habe vor 6 Jahren so einen neuen Zugang zum Nähen bekommen. Es macht mir so sehr Freude und entspannt mich.

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  4. Tolles Interview!!!
    Das ist so erfrischend zu lesen. So ehrlich und so ermunternd. Ich finde Dich so mutig und bin dankbar, dass Du einen Teil von Dir mit uns teilst.
    Ich freue mich auf Neues von Dir.
    Kreative Grüße
    Andrea

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  5. (lacht) eigentlich lese ich nicht gere Interviews, aber wenn du dich interviewst, ist das etwas ganz anderes. Danke!

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  6. Sehr schönes Interview und trifft es auf den Punkt, dass die Sendung nicht so motivierend war wie sie hätte sein können.
    LG schurrmurr
    Blog für Selbstgemachtes

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