Freitag, 5. August 2016

"Manchmal kann ich gar nicht schlafen, weil ich Ideen wälze" Interview mit der Strickdesignerin Marisa vom Maschenfein-Blog





Vor ein paar Wochen hat mich Marisa eingeladen, ein paar Fragen über Nähen und Stricken auf ihrem Blog zu beantworten und heute möchte ich euch Marisa vorstellen. Einige von Euch kennen die Strickdesignerin und ihren Blog maschenfein vielleicht schon von ihrer Verlinkungsaktion "Auf den Nadeln". Ich kenne Marisa schon seit vielen Jahren aus ganz anderen Zusammenhängen, nachdem wir uns etwa aus den Augen verloren hatten, sind wir über das Selbermachen und Bloggen wieder ins Gespräch gekommen und ich finde es immer ganz wunderbar, mich mit ihr auszutauschen. Mich beschäftigt ja immer wieder das Thema Qualität, Wert und Investition in DIY-Material und auch darüber habe ich schon viel mit ihr gesprochen, denn für mich ist Marisa schon immer die Frau, mit den wundervollen, luxuriösen Tüchern, die ich seit Jahren anschmachte. In diesem Interview geht es natürlich auch um Qualität und Gadgets, ich wollte aber auch von ihr wissen, wie sie das mit den Strickanleitungen macht. Ich hoffe, ihr findet das genauso spannend wie ich!

Liebe Marisa, du schreibst einen Blog über das Stricken, schreibst Strickanleitungen, drehst Anleitungsvideos, verkaufst Material zum Stricken und jetzt bringst du auch noch dein erstes Strickbuch heraus - das heißt, bei dir gibt es eigentlich alles, was das Strickerinnenherz begehrt. 

Manchmal staune ich selbst was sich in den letzten Jahren alles entwickelt hat. Stricken war und ist meine allergrößte Leidenschaft.



Eine wirklich glückliche Fügung ergab, dass sich durch die Vernetzung, die ich durch das jahrelange Bloggen hatte, tolle Projekte ergeben haben, die ich freiberuflich verwirklichen konnte. Unter anderem habe ich ein gutes Jahr für ein dänisches Strick-Start-up namens Woolspire gearbeitet und dabei eine Menge gelernt. Und weil ich immer das Ziel hatte, mit meiner Leidenschaft irgendwann "auf eigenen Beinen" stehen zu können, habe ich einfach weiter wie verrückt gebloggt und gestrickt und konnte dann vor einiger Zeit meinem bisherigen akademischem Beruf den Rücken zu kehren.




Mittlerweile arbeite ich beinahe ausschließlich für meinen eigenen Blog und habe tolle Partner gefunden, mit denen ich meinen Traum von einem eigenen Shop zum Blog verwirklichen kann. Und dann kommt im August auch noch mein erstes Strickbuch auf den Markt. Verrückt, oder?

Wie bist du auf die Idee gekommen, Anleitungen zu schreiben? Gab es nicht das, was du unbedingt haben wolltest? Das kann ich mir bei der riesengroßen Auswahl auf ravelry kaum vorstellen? 

Ja, es gibt viele, viele Anleitungen. Ich bin ein sehr analytischer Mensch und verstehe Dinge einfach gern von Grund auf und habe sehr schnell begonnen, Anleitungen abzuwandeln, oder einfach Formen selbst auszurechen. Das Aufschreiben war dann eher Nebensache und die ersten Anleitungen entstanden einfach so nebenher.




In meinem Buch "Tücher stricken", das im August erscheint, ging es mir darum, viele verschiedene Strickweisen für Tücher zusammen zu bringen. Also von der Spitze hoch, von der Seite, von der langen Mitte raus, mit verkürzten Reihen, etc. Es gibt so viele unterschiedliche Arten, wie man Tücher konstruieren kann. Das fand ich einfach total spannend.


Ich stelle es mir gar nicht so leicht vor, Strickanleitungen zu schreiben, denn es gibt ja sehr unterschiedliche Systeme, wie eine Anleitung aufgebaut sein kann. Während deutsche Anleitungen meist Strickschriften haben, wird im englischsprachigen Raum Zeile für Zeile beschrieben, was zu tun ist. Wie sind deine Anleitungen aufgebaut und warum? 

Nein, ich finde das eigentlich gar nicht schwer. Im Grunde verfolgt da jeder Designer ein wenig seinem eigenen System und so mache ich das auch. In meinen Anleitungen sind die Reihen mithilfe von Abkürzungen beschreiben und dort wo es sein muss, gibt es auch Strickschriften. Die Armstulpen mit Zopf zum Beispiel, enthalten sowol eine Anleitung in Text-Form mit Abkürzungen als auch einen Chart.



Ich arbeite sehr gern mit Abkürzungen, weil man so gut die Übersicht behalten kann. Reine Strickschriften finde ich für Anfänger und ungeübte Strickerinnen einfach zu kompliziert. Sie können sich oft schwer vorstellen, wo etwas hinführen soll. Ich versuche also allem ein wenig gerecht zu werden und wo es nötig ist, kombiniere ich beides.

Wie entsteht bei dir ein neue Anleitung? Steht bei dir am Anfang das Material, das zu dir spricht oder ein Bild von einem fertigen Werkstück, für das du dann das Material suchst? Strickst du einfach drauf los und probierst herum, wie das, was du im Kopf hast, am besten umzusetzen ist oder löst du das Problem „mathematisch“ - also rechnest, ausgehend von einer Maschenprobe und einem auf Karopapier gezeichnetem Mustersatz aus, wie sich ein Tuch gestalten wird, bevor du die Nadeln in die Hand nimmst? 

Ich habe ständig neue Ideen, Inspirationen tauchen überall auf. Sei es ein Kleidungsstück an einer Person, die mir im Bus gegenüber sitzt. Oder eine bestimmte Farbkombination. Manchmal kann ich gar nicht schlafen, weil ich Ideen wälze.




Umsetzen tue ich diese dann, wenn mir ein passendes Material durch die Finger gleitet. Das Material selbst ist tatsächlich der eigentliche Ausgangspunkt für ein Projekt. Ich stricke sehr gern Maschenproben und archiviere diese auch ziemlich sorgfältig, darüber erzähle ich in meinem Makerist-Kurs "1x1 der Maschenprobe" mehr.

Du strickst gerne mit hochwertiger Wolle. War das schon immer deine Leidenschaft oder hat sich mit zunehmenden Strickfertigkeiten auch mehr und mehr eine Haltung im Sinne von „das gönne ich mir!“ entwickelt?

Um ehrlich zu sein bin ich noch nie auf die Idee gekommen, am Material zu sparen. Beim Stricken investiert man so unglaublich viel Zeit in das fertige Stück, dass man am Material einfach wirklich - wenn möglich - nicht sparen sollte.




Natürlich kann man darüber diskutieren, ob es jetzt das feinste Kaschmir sein muss. Solche Luxus-Materialien verstricke ich auch nur für sehr feine Geschenke. Aber billige, künstliche Fasern mag ich nicht auf den Nadeln haben, die machen mir schon beim Stricken keine Freude.

Ich finde es wichtig, zu verstehen, dass sich Qualität und Fasermaterial extrem auf das fertige Strick-Stück auswirken. Vielen ist das nämlich gar nicht klar. Wie das Strickstück am Ende aussieht, hängt aber natürlich maßgeblich davon ab, woraus und wie das zugrundeliegende Garn hergestellt wurde. Was passiert z.B. wenn ich das Lieblingssommertuch anstatt mit einem dünnen Mohair-Garn mit einem künstlichen Mischgarn stricke? Oder was passiert mit meinem Pullover, wenn ich den nicht aus dünner Baumwolle, sondern aus dickem Merino oder aus Alpakka stricke?

Ich denke, da wir Strickerinnen extrem viel Zeit in ein fertiges Kleidungsstück stecken (müssen), sollten wir uns vorher genau überlegen, mit welchem Material wir diese Zeit füllen, um hinterher nicht enttäuscht zu sein und viele, viele Stunden vergeudet zu haben.

Ich habe hier in meine Blog schon öfters über die Qualität und den Preis meines verwendeten Materials - also Stoff - nachgedacht und öfters überlegt, wieso ich viele Näherinnen kenne, die sehr auf Stoff-Schnäppchen-Jagd sind, aber bei den Strickerinnen eher das Gefühl habe, dass Preis bei der Materialauswahl eine untergeordnete Rolle spielt. Beobachtest du das auch? Woran könnte es liegen, dass Strickerinnen sich gerne etwas Gutes gönnen?

Also ich denke schon, dass auch Strickerinnen gern Angebote nutzen.

Ich persönlich kaufe aber Garne niemals auf Vorrat ein, weil ich weiß, dass es Gefahr läuft in meinen Schubladen zu versauern. Ein vermeintliches Schnäppchen ist dann eben keines mehr. Daher nutze ich auch keinerlei "Schnäppchen"-Aktionen. Wenn ich ein Projekt im Sinn habe, dann kaufe ich gezielt nur dafür Garn ein und lege los.




Wie stehst du zu Wolle-Synthetik-Mischgarnen?  Verarbeitest du nur natürliche Qualitäten oder auch Gemische? Siehst du Vorteile bei Misch-Garnen? 

Ich verarbeite beinahe ausschließlich natürliche Garne, ich stricke allerdings auch keine Socken, bei denen ein gewisser Anteil künstlicher Fasern nützlich sein kann. Mischgarne haben ganz sicher Vorteile, wenn es um Elastizität und Robustheit geht. Für meine Zwecke kann ich mich aber meist gut auf natürliche Fasern beschränken.

Bei den „Faser-Nerds“ habe ich beobachtet, dass es manchmal nicht beim Stricken bleibt. Plötzlich fangen sie an zu spinnen und fast hat man das Gefühl, am liebsten hätten sie ihre eigenen Schafe auf dem Balkon. Ist das bei dir auch so? 

Tatsächlich habe ich mich eine Weile lang ein wenig für das Spinnen interessiert und auch einen Workshop bei Kathrin von Back to the Wheel zum Thema besucht. Es hat mir total Spaß gemacht, sie ist mit so unglaublich viel Leidenschaft bei der Sache! Dank ihr besitze mittlerweile auch eine Handspindel und ein paar "Rolags".




Aber um ehrlich zu sein, ist es doch das Stricken, was mich weiterhin packt und wofür ich brenne. Für ein weiteres Hobby habe ich deshalb einfach keine Zeit.

Beim Nähen sagt man „Auftrennen gehört dazu“ - ribbelst du viel auf? Und wenn du aufgetrennt hast, behandelst du dann die Wolle so, dass sie anschließend „wie neu“ ist? 

Ich ribble so gut wie nie. Aber es kann sich in der Tat manchmal lohnen! Im vergangenen Jahr habe ich mal ein "Ufo" hervorgeholt, das ein Pullover für meinen kleinen Sohn hatte werden sollen. Den habe ich kurzerhand geribbelt, mir eine passende Anleitung gesucht und neu begonnen. Darüber habe ich hier geschrieben - Das hat sich wirklich gelohnt!




Wie sieht es mit den Strickwerkzeugen aus. Näherinnen können stundenlang darüber philosphieren, welche Nähmaschine für welche die beste ist und ergötzen sich an Näh-Gadgets. Sind Strickerinnen auch Werkzeug-süchtig? Gibt es „Werkzeuge“, die du erst im Laufe deines Stickerinnen-Lebens entdeckt hast, die du gerne (auch Anfängerinnen) empfiehlst? 

Ohja, diese Themen gibt es natürlich auch bei uns Strick-Nerds. Ich beantworte das mal gleich in der nächsten Frage mit.

Sind verschiedene Materialien für Stricknadeln Geschmacksache oder gibt es bestimmte Regeln, welche Garnart zu welchem Material passt? 

Eine ganze Weile lang habe ich gedacht ich brauche eigentlich nur eine Sorte Stricknadeln. Am Besten ein auswechselbares System. Mit dem Nadelsystem hatte ich absolut Recht, weil man am Ende einfach an unnötigem Zubehör spart. Nur reichen mir Bambus-Spitzen mittlerweile nicht mehr aus.

Irgendwann fiel mir nämlich auf, dass sich bestimmte Garne mit bestimmten Nadelmaterialien besser oder schlechter stricken. Es kann also sein, dass man ein Projekt genervt in die Ecke wirft, weil es vermeintlich einfach nur mühsam zu stricken ist, dabei liegt das einfach an den Stricknadeln.




Natürlich sind die Nadelmaterialien zusätzlich auch Geschmacksache. Stricken geht über die Haptik und je nach Material fühlen sich auch die Nadeln eher kalt oder warm an. Je nach Material ruschten die Maschen stärker oder weniger stark. Und je nach Struktur des Garns ist es wichtig, dass die Spitzen der Nadeln sehr spitz oder eher stumpf sind.

Mittlerweile habe ich eine Sammlung Bambusnadelspitzen, Metallspitzen und wundervoller Olivenholzspitzen. Damit bin ich im Augenblick für meine Zwecke gut gewappnet.

Viele Nähnerds stricken ja auch und einige haben mittlerweile auch schon deine Aktion „Auf den Nadeln“ entdeckt. Magst du uns etwas darüber erzählen? Was ist das besondere an dieser Aktion?

Diese Aktion habe ich mir schon im vergangenen Jahr ausgedacht und sie ist so gut angekommen, dass ich sie seither monatlich weiter führe. Ich habe schon immer gern durch andere Blogs gestöbert und habe mir einen Ort gewünscht, wo ich wirklich "nur" die Strick-Projekte finde.




Auf den Nadeln ist genau dieser Ort geworden. Meine Leserinnen verlinken ihre Blog-Beiträge, in denen es tatsächlich um ein Strick-Projekt geht, dass sie entweder gerade auf den Nadeln oder gerade abgekettet haben. So sind schon tolle Vernetzungen entstanden. Am 1. jedes Monats gibt es bei mir den Sammel-Post, in dem man sich den ganzen Monat lang verlinken kann und in dem man dann eben alle anderen Blogs gezielt nach Strick-Projekten durchstöbern kann.

Vielen Dank, liebe Meike, für Deine Einladung und die schönen Fragen!

Sehr gerne, Marisa, ich habe wieder eine Menge Neues erfahren und denke, dass das auch für meine Leserinnen spannend ist. Ich danke Dir für deine ausführlichen Antworten! Das war ja fast so schön, wie ein gemeinsames Kaffeetrinken!

1 Kommentar:

  1. Vielen Dank für das tolle Interview und den Blick hinter dem Blog! Das ist immer spannend zu lesen, wie es den anderen strickbegeisterten Menschen geht ;-)

    Herzlichst
    Irina von http://nahtlosstricken-dasbuch.blogspot.de

    AntwortenLöschen

Ich freu mich sehr über Kommentare! Sie sind kleine Geschenke für mich! Vielen, vielen Dank im Voraus.