Montag, 29. August 2016

Huch, ich habe genäht!




Ich bin zur Zeit im großen Arbeits- und rentiert-es-sich-noch-was-für-den-Sommer-zu-nähen-?-Loch gefangen. Irgendwie nähe ich gar nicht. Ich meine, es ist noch nicht bedenklich, es sind bisher erst Wochen statt Monate vergangen und immerhin war ich ja auch im Urlaub. Aber ich bin etwas inspirationslos und ich war im Urlaub sogar in drei Stoffgeschäften, ohne was zu kaufen!

Ok, mein aktuelles Projekt geht leider auch nicht schwups von der Hand, nicht, weil es schwierig zu nähen wäre, mitnichten! Und trotzdem zickt es seit Wochen vor sich hin.

Vor Mooooonaten kam ich auf die Idee, dass ich unbedingt einen Dianne-Keaton-Mantel brauche. Wisst ihr, was ich vor Augen hatte? Ihr wisst schon, dieser Jack Nicholson-Film, wo sie erst mit Keanu Reaves ausgeht. Wisst ihr doch, oder? Ich sah mich also als entzückende, ältere Dame bei der noch alles geht, komplett in Wollweiß gehüllt. Ich! Ich? Nun ja, manchmal hat frau so Fantasien. Erst tat ich es als verrückte Idee ab, aber dann dachte ich mir, dass es an den Hormonen liegen könnte und überhaupt, die Zeit der Spielplatzrumsitzerei ist ja nun glücklicherweise weitestgehend vorbei. Weshalb sollte ich es nicht auch mal mit einem hellen Mantel versuchen? Eine weniger gute Idee war es, mit dem Nähen eines Walkmantels am ersten heißen Wochenende im Juni zu beginnen.

Eine weitere wenig gute Idee war es, sich das gepunktete Futter für den hellen Walk auszusuchen. Der Mantel war nach einem Nähtag, den ich ganz für mich hatte (mittlerweile auch ein sehr seltenes Glück ob der Umstände), halb fertig. Genauer gesagt so weit fertig, um ihn vor dem Spiegel anzuziehen und ihn schon mal ohne Ärmel zu bewundern. Alles war gut, tolle Passform nach kleinen Anpassungen, ungewohnt hell, aber gut. Bis der Liebste nach Hause kam und sagte "das gepunktete Taschenfutter geht ja gar nicht. Das scheint durch und sieht aus, als würde der Mantel schimmeln." Örgs.




Danach startete ich die eine und andere Odyssee um nach neuem Futter und nach einem alternativen Stoff für die Blende zu suchen. Braves eierschalenes Futter und nen Wahnsinnshingucker-in-güldenen-Kunstleder für die Blende? Gekauft, mit nach Hause genommen und verworfen. Das Kunstleder ist weich und elastisch, in der Blende sollen die Druckknöpfe halten. War ne doofe Idee oder zumindest das falsche Kunstleder. Also noch mal los. Und noch mal los. Endlich fand ich braves Futter in hübsch, immerhin eingewebtes Paisley, und entschied mich für eine vernünftige Blende in eierschalenfarbenen Satin, den ich zur Verstärkung noch mit Bügelleinen bebügelte. Beim Bügeln summte ich immer den Hochzeitsmarsch vor mich hin. Nun ja, wenn der Mantel irgendwann fertig ist, werde ich bestimmt mal irgendwohin schick eingeladen. Bis dahin schaffe ich auch noch eine eierschalenfarbene Hose. Vielleicht. Ich steh sowieso weder auf Keanu und Jack noch auf wollweiße Rollkragenpullover. Aber auf den Mantel freue ich mich trotzdem.

Donnerstag, 25. August 2016

Termine, Termine, Termine



Den Termin, den ihr alle wissen wollt, den kann ich euch leider noch nicht sagen. Ich hoffe, dass ich den Onlineshop mit den Schnittmustern möglichst bald eröffnen kann, aber auf einen Termin kann ich mich derzeit nicht festlegen. Sagen wir so: ich hoffe, Ende nächster Woche.

Aber andere Termine sind fest gebucht und verkündbar, denn ich bin in den nächsten Wochen mit Lesungen, Workshops und Vorträgen fleissig unterwegs. Damit ihr schon mal die Tage im Kalender ankreuzen könnt, an denen ich in Eurer Nähe bin, hier schon mal eine Übersicht:


  • 17. und 18. September Workshops auf dem Lillestofffestival in Hannover (ausverkauft)
  • 2. Oktober Vortrag auf der Maker Faire in Berlin (14.15 Uhr)
  • 19. Oktober Lesung in Frankfurt
  • 20. Oktober Lesung in Aschaffenburg
  • 21. Oktober Lesung in Fulda
  • 22. Oktober Lesung in Bensheim
  • 26. Oktober Überraschungsprogrammes in Leipzig
Mehr Infos zu den Veranstaltungen findet ihr auf "Lesungen" und "Workshops" und folgen auch noch als (kurzfristige)Terminerinnerung oder genauere Beschreibung der Veranstaltung hier auf dem Blog.

Falls Sie mich für eine Lesung oder Workshop buchen wollen oder interessiert an einem Vortrag rund um die Themen DIY-Bloggen, Bekleidung-Nähen und Body Acceptance sind, schreiben Sie mir gerne eine Mail an Fragen ät crafteln punkt de oder nutzen Sie das Kontaktformular in der rechten Seitenleiste.

Montag, 22. August 2016

Es bleibt spannend



Für heute war der Start des Schnittmusterverkaufs auf crafteln.de avisiert, aber es dauert leider noch ein paar Tage. Ein paar Probleme sind noch zu lösen, das ist normal in der Endphase eines Projektes. Trotzdem bin ich traurig, denn auch ich kann es kaum erwarten, den Shop mit den Schnittmustern online zu sehen. Aber es kann nicht mehr lange dauern - ich halte euch auf dem Laufenden und danke euch einfach schon jetzt, für euer Verständnis.

Dienstag, 16. August 2016

Ok, ich sehe es ein.... um daraus zu lernen!


Das Bekleidungskonzept "stylisher Sack genau so wie Frau buntekleider" habe ich für mich nun erstmal an den Nagel gehängt. Schade, vor dem Urlaub war ich so begeistert von der Idee, mir ein Kleid im Stil von Frau buntekleider zu nähen, denn mir gefällt der Kleidungsstil von Frau buntekleider sehr. Natürlich weiß ich, dass wir von Typ, Figur und Körpergröße her ganz unterschiedliche Frauen sind, aber eine der tollen Sachen am Nähen ist doch, dass ich ausprobieren kann, wonach mir der Sinn steht. Also wollte ich auch probieren, ob so ein cooler, "stylisher Sack" (© buntekleider) auch etwas für mich wäre.

Ich habe heute leider kein Foto für dich


Nun, ist es leider nicht. Ich bastelte den Schnitt Robe Folk und meinen Grundschnitt zusammen und nähten ihn aus einem sehr billigen zartgrauem Baumwollsatin. Das Kleid tat nichts für mich: vornerum war zu viel Fläche, die Brustabnäher natürlich riesig (klar, wenn der komplette Abnäherinhalt in einen Abnäher passen soll) und die Ausschnittgröße war nix für mich. Da ich auch irgendwas am Armloch falsch gemacht hatte, wanderte das Kleid direkt in die Tonne. Schade um zwei Abende Gehirnschmalz für den Schnitt und einen Abend nähen. 

Ohne Designlinien und Details, an denen der Blick haften kann, funktioniert es bei mir nicht


Aber das ist kein Drama, denn ich habe wieder eine Menge gelernt! Ich lernte, dass "viel Fläche" bei mir nicht funktioniert. Vielleicht hätte das Kleid mit etwas Muster gar nicht so übel ausgesehen... Aber was mir noch besser steht, sind senkrechte oder schräge Designlinien. Ab gesehen davon, das senkrechte Teilungsnähte wunderbar anzupassen sind, sind sie auch Linien, an denen sich das Auge festhalten kann.

Im Geiste ging ich meine bevorzugten Kleidungsstücke durch und ja, sie haben oft Teilungsnähte oder sind im Hemdblusenstil mit durchgehender Knopfleiste oder haben irgendetwas im Vorderteil, an dem sich das Auge - außer an den Brüsten - festhalten kann: eine Raffung, wie bei Ajaccio, großes Muster, große Knöpfe, wie am Jacket oder aber die schrägen Nähte und Falten beim Reisekleid oder dem Shirt-Schnitt, den ich letztes Jahr nähte. Nicht zu vergessen der Wasserfallausschnitt meiner diesjährigen T-Shirt-Serie. Diese Details tun etwas für mich. Eine gerade Fläche betont meinen Atombusen und lässt alles darunter hängen.

Der geschwungene Saum bezaubert mich noch immer


Den geschwungenen Saum finde ich sehr schön und wie man so eine Saumlinie zeichnet, darüber habe ich auch eine Menge gelernt, als ich den Schnitt basteltet. Der geschwungene Saum macht den Sack zum stylishen Sack und genau diese Schlichtheit finde ich eigentlich super. Doch leider nicht für mich - nur schlicht ist für mich zu wenig. Die Saumlinie als Hinguckerdetail reicht bei mir leider nicht.

Aber die geschwungene Saumlinie kann noch mehr: Es ist ein bezauberndes Detail, das eine verspielte Weiblichkeit erzeugt ohne gleichzeitig zu mädchenhaft zu sein. Das gefällt mir. Ich weiß, dieses ganze Vokuhila-Gedöns ist gerade Mode und deswegen fahre ich darauf ab, aber ich lernte an meinem stylishen Probe-Sack, diesen Vokuhila und den geschwungenen Saum zu lieben. Das war mir vorher noch gar nicht so aufgefallen und ich werde weiter damit experimentieren, denn ich bin sicher, dass diese geschwungene Saumlinie auch Frauen mit Kurven steht, wenn sie eben um andere Details ergänzt wird.

Manchmal ist frau zu blind, um die Lösung direkt vor der Nase zu sehen!


Das graue Probekleid konnte ich leichten Herzens in die Tonne werfen, als ich erkannte, dass ich ja einen viel besseren Schnitt habe, der auch einen geschwungenen Saum hat! Ein Kleid, das ich seit letztem Spätsommer ständig trage und euch nur noch nicht gezeigt hatte, weil ich es nicht selbst genäht hatte.

Mittlerweile habe ich den Schnitt dafür und nähte mir eine zweite Version und das zeige ich euch nächste Woche. Bis dahin, habe ich vielleicht noch ein graues "Trostkleid" als Ersatz für das Teil in der Tonne, nach diesem Schnitt meiner Freundin Lindy genäht. Den grauen Stoff dafür habe ich gestern bestellt. Das ist ein Schnitt, der etwas für mich tut - obwohl ich auch weiß, dass er auch an Frauen mit einer ganz anderen Figur als der meinen ganz hinreißend aussieht. stokx eben. Stylische Säcke für alle! Seid gespannt!

Montag, 15. August 2016

Eindrücke von der Lesung in der Schweiz

Fotocollage von StoffArt


Lesungen sind toll. Ich mag es, in meinem Kämmerlein zu sitzen und zu schreiben, ich mag meinen Blog und freue mich immer wie Bolle über Eure Kommentare, die mich zu neuen Gedanken und Sichtweisen anregen, aber am allerschönsten ist es doch, mein Geschreibsel einem Publikum zu präsentieren, das begeistert zuhört und sich einfach freut, dass ich zu Gast bin. Und was ich mich erst gefreut habe!

Die Lesung am Samstag bei StoffArt in der Schweiz war ganz zauberhaft! Auf dem Rückweg von unserem Urlaub bin ich dort vorbei gefahren, um aus "Nählust statt Shoppingfrust" vorzulesen und mit dem Publikum zu plaudern. Zwischendurch fand ich das eine ziemlich bescheuerte Idee, den Urlaub mit festem Termin zu beenden, aber es war toll. Meine Familie hatte einen Abenteuerausflug zum Rheinfall und ich fühlte mich so herzlich willkommen bei StoffArt. Vielen Dank für die Einladung!

Wer mich zu einer Veranstaltung einladen möchte - immer gerne. Ihr seht, ich versuche es immer irgendwie möglich zu machen. Schreibt mir einfach über das Kontakformular (rechts in der Seitenleiste) eine Mail und wir schauen, was geht! 

Donnerstag, 11. August 2016

nicht perfekt = normal

Vorgestern las ich das lesenswerte Interview über Schönheit auf dem großartigen makelosmag-Blog mit der vielen von uns bekannten und geschätzten Bloggerin "Michou" und ein Satz daraus,  liess mich nicht mehr los.
"Mir hingegen ist erst dank der Beschäftigung mit Schnittmustern klar geworden, was bei mir alles nicht stimmt."
Bei ganz vielen Antworten in diesem Interview denke ich "jawohl", aber diesem Satz muss ich einfach etwas entgegen setzen. Ich glaube, dass es wenig nützt, in Defiziten zu denken, das lähmt nur. Ich glaube, es gibt letztlich mehr Kraft mit dem zu arbeiten was ist, etwas Schönes zu produzieren, stolz darauf zu sein und daraus Kraft zu ziehen. Das ist die Botschaft meines Buches und sie ist so wichtig, dass ich immer wieder versuche neue Worte dafür zu finden.

Das Nähen der eigenen Kleidung erfordert eine intensive Beschäftigung mit dem eigenen Körper. Es nützt nicht wirklich einfach "irgendwas" zu nähen. Bekleidungsnähen wird erst dann befriedigend, wenn es für einen speziellen Körper passt und da bleibt uns gar nichts anderes übrig, als uns mit genau diesem Körper zu beschäftigen. Für mich bedeutete das hinzusehen, wo ich vorher eher wegsah, doch ich tue dies unter einer anderen Prämisse. Statt nach Fehlern zu suchen, suchte ich nach Lösungen. Details, dich ich eigentlich lieber übersehen würde, musste ich beim Nähen plötzlich Aufmerksamkeit schenken - anders ist es nicht möglich, passformgenaue Kleidung zu nähen. Beim Nähen gilt es, sich wirklich zu sehen, die komplette Wahrheit, denn anders, als bei einem Foto nützt Baucheinziehen nichts.

Die Frage ist allerdings, was wir mit diesen Details machen. Wir können sie sehen, zur Kenntnis nehmen, aber wir müssen sie nicht bewerten! Für die meisten Details habe ich noch nicht einmal Namen. Damit ihr versteht, wovon ich rede, sage ich „Bauch1 und Bauch2“, aber ich versuche so weit es geht, die klassischen Bezeichnungen zu vermeiden, wohlwissend, dass sie viel zu oft weh tun können. Phänomene wie z.B. „Reiterhosen“ implizieren eine Abwertung. Jedenfalls habe ich noch keine Frau sagen gehört, dass ihre Reiterhosen genau das sind, was sie so sexy macht. Ich kenne solche Begriffe nur als Beschreibungen eines ungeliebten, weil vom Ideal abweichenden Körperteils. Mädchen lernen solche Vokabeln schon früh!

Wenn ich meinen Körper vermesse und Änderungen, die ich abgesteckt habe, auf einen Schnitt übertrage, dann braucht das Phänomen keinen Namen. Es handelt sich nur um eine Schnittanpassungen im Sinne von "hier ein paar Zentimeter mehr und da etwas höher..." und genau diese Änderungen sind etwas völlig Normales. Je mehr ich mich mit dem Thema beschäftige, umso mehr komme ich zu der Überzeugung, dass wer sich nicht mit dem Anpassen von Schnitten beschäftigen will, es erst gar nicht mit dem Nähen von Bekleidung probieren sollte. Ich weiß, das klingt streng und in vielen Fällen ist Jersey, ein Stoff, der sich seinen Weg sucht, und die derzeit vorherrschende Mode, körperferne Kleidungsstücke als schön zu empfinden, eine Lösung. Das ist allerdings in meinen Augen nur wertvoll, als es Nähanfängerinnen helfen mag, das Nähen zu lernen, ohne sich vom Thema Schnittänderungen bremsen zu lassen. Ich denke, dass irgendwann der Punkt beim Nähen von Frauenbekleidung kommt, an dem es gar nicht mehr anders geht, als sich so zu sehen wie wir aktuell aussehen ohne dabei den Bauch einzuziehen und ein bisschen tiefer in die Materie einzusteigen, um vorgegebene Schnittmuster zu persönlichen Schnittmustern zu machen.

Die Frage ist doch, ob uns das belastet oder nicht. In dem Moment, in dem wir in Schubladen denken und diese Abweichungen als Makel begreifen, erscheint uns das Ändern eines Schnittmusters als Last. Wenn wir glauben, dass es schwierig wäre, ein Schnittmuster an die eigene Figur anzupassen, dann wird es uns als große Aufgabe vorkommen und sich tatsächlich auch als schwierig erweisen. Wenn wir Perfektion vor Augen haben und uns Schwierigkeiten lähmen, dann steht das Scheitern quasi vor der Tür.

Aber warum streben wir so sehr nach Perfektion? Ist Perfektion wirklich schön? Na klar, auch ich bin es gewöhnt, schlanke und makellose Körper schön zu finden, weil ich sie überall vorgeführt bekomme und seit Jahrzehnten darauf konditioniert bin, einen bestimmten Körpertyp besonders schön zu finden. Und na klar: auch ich finde ein extrem gut geschnittenen Blazer oder ein perfekt auf die Figur angepasstes Kleid unglaublich toll! Aber gleichermaßen weiß ich, dass mein Leben weit davon entfernt ist, Perfektion als annähernd realistisches Ziel in Betracht zu ziehen. Alles um mich herum ist unperfekt. So what?! Ich bin nach wie vor der Meinung, dass jede auf ihren ersten selbstgenähten Rock stolz sein darf, auch wenn es sich nur um zusammengenähte Rechtecke mit einem Gummizug handelt. Im Laufe des Nähens werden wir besser und anspruchsvoller und dürfen zu Recht stolz auf das sein, was wir produziert haben, denn es ist auf jeden Fall besser als Kleidungsstücke, die auf Kosten von Menschen in ärmeren Ländern hergestellt wurden und als Wegwerfware in den Läden hängen. Wir stecken Zeit und Liebe in das Herstellen der eigenen Kleidung, wir machen das für einen wertvollen Menschen und wir lernen dabei stetig weiter, ohne dabei perfekt zu sein. Wir geben uns Mühe und lieben das, was wir tun. Das ist verdammt viel wert!

Ich werde besser - auch wenn ich den allgegenwärtigen Selbstoptimierungswahn durchschaue und ablehne. Einfach so. Ich werde besser in Dingen, die mich interessieren, die mich faszinieren, die ich genau betrachte, denen ich auf den Grund gehe und die ich übe. Ich werde einfach besser, einfach so, ohne deswegen Perfektion anzustreben. Und gleichzeitig werde ich auch gelassener, weil ich weiß, dass selbst „sehr gut“ meist nur einen flüchtigem Moment dauert. Mein Lieblingsbeispiel ist die „Steh-Hose“, die auf Fotos unheimlich gut aussieht, aber im Alltag nicht zum Sitzen taugt. Wenn eine Hose zu unserem Leben passen soll, dann muss sie etwas weiter sein und hat nach einiger Zeit wahrscheinlich ein paar Sitzfalten. Elasthan kann helfen und knitterfreie Stoffe auch und trotzdem sieht eine brauchbare Hose vermutlich nur fast so schön aus, wie eine Steh-Hose. Doch es liegt an uns, ob wir „fast so schön“ denken oder uns über unsere neue Hose freuen!

Wenn ich Schnittmuster für mich anpasse, dann habe ich die Wahl, mich darüber zu grämen, dass ich keinen 0815-Körper habe und diese zusätzliche Aufgabe machen muss oder ich kann mich darüber freuen, dass es mir möglich ist dies zu tun. Ich  mache es, so gut ich es kann und ich werde jedes Mal ein bisschen besser. Ich nähe Kleidungsstücke, die nicht perfekt sind, aber es sind meine Kleidungsstücke: für mich ausgesucht, ausgedacht und für mich gemacht. Ich kann mich darüber freuen, dass ich laufend dazu lerne und mehr und mehr dazu in der Lage bin, diesen speziellen Körper hübsch zu umhüllen. Ich brauche keine Angst davor zu haben, dass sich dieser Körper mit den Jahren und den Aufgaben, die er zu erledigen hat, verändert. Ich lerne einfach weiter und lerne Lösungen zu entwickeln, die genau zu mir und meinem aktuellen Körper passen. Ich kann das als Herausforderung sehen, ohne die Details zu benennen und zu bewerten - vielleicht ist das die größte Herausforderung und noch viel schwieriger, als das kleine 1x1 der Schnittanpassungen.

Lust, mehr über Schnittmusteranpassungen zu lernen. Dann schau doch mal, ob es gerade aktuelle Workshop-Termine bei mir gibt! 

Dienstag, 9. August 2016

Am kommenden Samstag: Lesung in Feuerthalen (Schweiz) nahe der deutschen Grenze



Am Samstag, den 13. August lese ich um 14 Uhr bei StoffArt in Feuerthalen. Feuerthalen? Das ist in der Schweiz, Zürich Weinland in der Umgebung von Schaffhausen, nahe der deutschen Grenze, ca. 45 Minuten von Zürich entfernt.

Ich lese aus meinem Buch „Nählust statt Shoppingfrust“, plaudere mit euch über die Freude am Nähen und beantworte eure Fragen. Kommt alle! Ich freue mich drauf!

Freitag, 5. August 2016

"Manchmal kann ich gar nicht schlafen, weil ich Ideen wälze" Interview mit der Strickdesignerin Marisa vom Maschenfein-Blog





Vor ein paar Wochen hat mich Marisa eingeladen, ein paar Fragen über Nähen und Stricken auf ihrem Blog zu beantworten und heute möchte ich euch Marisa vorstellen. Einige von Euch kennen die Strickdesignerin und ihren Blog maschenfein vielleicht schon von ihrer Verlinkungsaktion "Auf den Nadeln". Ich kenne Marisa schon seit vielen Jahren aus ganz anderen Zusammenhängen, nachdem wir uns etwa aus den Augen verloren hatten, sind wir über das Selbermachen und Bloggen wieder ins Gespräch gekommen und ich finde es immer ganz wunderbar, mich mit ihr auszutauschen. Mich beschäftigt ja immer wieder das Thema Qualität, Wert und Investition in DIY-Material und auch darüber habe ich schon viel mit ihr gesprochen, denn für mich ist Marisa schon immer die Frau, mit den wundervollen, luxuriösen Tüchern, die ich seit Jahren anschmachte. In diesem Interview geht es natürlich auch um Qualität und Gadgets, ich wollte aber auch von ihr wissen, wie sie das mit den Strickanleitungen macht. Ich hoffe, ihr findet das genauso spannend wie ich!

Liebe Marisa, du schreibst einen Blog über das Stricken, schreibst Strickanleitungen, drehst Anleitungsvideos, verkaufst Material zum Stricken und jetzt bringst du auch noch dein erstes Strickbuch heraus - das heißt, bei dir gibt es eigentlich alles, was das Strickerinnenherz begehrt. 

Manchmal staune ich selbst was sich in den letzten Jahren alles entwickelt hat. Stricken war und ist meine allergrößte Leidenschaft.



Eine wirklich glückliche Fügung ergab, dass sich durch die Vernetzung, die ich durch das jahrelange Bloggen hatte, tolle Projekte ergeben haben, die ich freiberuflich verwirklichen konnte. Unter anderem habe ich ein gutes Jahr für ein dänisches Strick-Start-up namens Woolspire gearbeitet und dabei eine Menge gelernt. Und weil ich immer das Ziel hatte, mit meiner Leidenschaft irgendwann "auf eigenen Beinen" stehen zu können, habe ich einfach weiter wie verrückt gebloggt und gestrickt und konnte dann vor einiger Zeit meinem bisherigen akademischem Beruf den Rücken zu kehren.




Mittlerweile arbeite ich beinahe ausschließlich für meinen eigenen Blog und habe tolle Partner gefunden, mit denen ich meinen Traum von einem eigenen Shop zum Blog verwirklichen kann. Und dann kommt im August auch noch mein erstes Strickbuch auf den Markt. Verrückt, oder?

Wie bist du auf die Idee gekommen, Anleitungen zu schreiben? Gab es nicht das, was du unbedingt haben wolltest? Das kann ich mir bei der riesengroßen Auswahl auf ravelry kaum vorstellen? 

Ja, es gibt viele, viele Anleitungen. Ich bin ein sehr analytischer Mensch und verstehe Dinge einfach gern von Grund auf und habe sehr schnell begonnen, Anleitungen abzuwandeln, oder einfach Formen selbst auszurechen. Das Aufschreiben war dann eher Nebensache und die ersten Anleitungen entstanden einfach so nebenher.




In meinem Buch "Tücher stricken", das im August erscheint, ging es mir darum, viele verschiedene Strickweisen für Tücher zusammen zu bringen. Also von der Spitze hoch, von der Seite, von der langen Mitte raus, mit verkürzten Reihen, etc. Es gibt so viele unterschiedliche Arten, wie man Tücher konstruieren kann. Das fand ich einfach total spannend.


Ich stelle es mir gar nicht so leicht vor, Strickanleitungen zu schreiben, denn es gibt ja sehr unterschiedliche Systeme, wie eine Anleitung aufgebaut sein kann. Während deutsche Anleitungen meist Strickschriften haben, wird im englischsprachigen Raum Zeile für Zeile beschrieben, was zu tun ist. Wie sind deine Anleitungen aufgebaut und warum? 

Nein, ich finde das eigentlich gar nicht schwer. Im Grunde verfolgt da jeder Designer ein wenig seinem eigenen System und so mache ich das auch. In meinen Anleitungen sind die Reihen mithilfe von Abkürzungen beschreiben und dort wo es sein muss, gibt es auch Strickschriften. Die Armstulpen mit Zopf zum Beispiel, enthalten sowol eine Anleitung in Text-Form mit Abkürzungen als auch einen Chart.



Ich arbeite sehr gern mit Abkürzungen, weil man so gut die Übersicht behalten kann. Reine Strickschriften finde ich für Anfänger und ungeübte Strickerinnen einfach zu kompliziert. Sie können sich oft schwer vorstellen, wo etwas hinführen soll. Ich versuche also allem ein wenig gerecht zu werden und wo es nötig ist, kombiniere ich beides.

Wie entsteht bei dir ein neue Anleitung? Steht bei dir am Anfang das Material, das zu dir spricht oder ein Bild von einem fertigen Werkstück, für das du dann das Material suchst? Strickst du einfach drauf los und probierst herum, wie das, was du im Kopf hast, am besten umzusetzen ist oder löst du das Problem „mathematisch“ - also rechnest, ausgehend von einer Maschenprobe und einem auf Karopapier gezeichnetem Mustersatz aus, wie sich ein Tuch gestalten wird, bevor du die Nadeln in die Hand nimmst? 

Ich habe ständig neue Ideen, Inspirationen tauchen überall auf. Sei es ein Kleidungsstück an einer Person, die mir im Bus gegenüber sitzt. Oder eine bestimmte Farbkombination. Manchmal kann ich gar nicht schlafen, weil ich Ideen wälze.




Umsetzen tue ich diese dann, wenn mir ein passendes Material durch die Finger gleitet. Das Material selbst ist tatsächlich der eigentliche Ausgangspunkt für ein Projekt. Ich stricke sehr gern Maschenproben und archiviere diese auch ziemlich sorgfältig, darüber erzähle ich in meinem Makerist-Kurs "1x1 der Maschenprobe" mehr.

Du strickst gerne mit hochwertiger Wolle. War das schon immer deine Leidenschaft oder hat sich mit zunehmenden Strickfertigkeiten auch mehr und mehr eine Haltung im Sinne von „das gönne ich mir!“ entwickelt?

Um ehrlich zu sein bin ich noch nie auf die Idee gekommen, am Material zu sparen. Beim Stricken investiert man so unglaublich viel Zeit in das fertige Stück, dass man am Material einfach wirklich - wenn möglich - nicht sparen sollte.




Natürlich kann man darüber diskutieren, ob es jetzt das feinste Kaschmir sein muss. Solche Luxus-Materialien verstricke ich auch nur für sehr feine Geschenke. Aber billige, künstliche Fasern mag ich nicht auf den Nadeln haben, die machen mir schon beim Stricken keine Freude.

Ich finde es wichtig, zu verstehen, dass sich Qualität und Fasermaterial extrem auf das fertige Strick-Stück auswirken. Vielen ist das nämlich gar nicht klar. Wie das Strickstück am Ende aussieht, hängt aber natürlich maßgeblich davon ab, woraus und wie das zugrundeliegende Garn hergestellt wurde. Was passiert z.B. wenn ich das Lieblingssommertuch anstatt mit einem dünnen Mohair-Garn mit einem künstlichen Mischgarn stricke? Oder was passiert mit meinem Pullover, wenn ich den nicht aus dünner Baumwolle, sondern aus dickem Merino oder aus Alpakka stricke?

Ich denke, da wir Strickerinnen extrem viel Zeit in ein fertiges Kleidungsstück stecken (müssen), sollten wir uns vorher genau überlegen, mit welchem Material wir diese Zeit füllen, um hinterher nicht enttäuscht zu sein und viele, viele Stunden vergeudet zu haben.

Ich habe hier in meine Blog schon öfters über die Qualität und den Preis meines verwendeten Materials - also Stoff - nachgedacht und öfters überlegt, wieso ich viele Näherinnen kenne, die sehr auf Stoff-Schnäppchen-Jagd sind, aber bei den Strickerinnen eher das Gefühl habe, dass Preis bei der Materialauswahl eine untergeordnete Rolle spielt. Beobachtest du das auch? Woran könnte es liegen, dass Strickerinnen sich gerne etwas Gutes gönnen?

Also ich denke schon, dass auch Strickerinnen gern Angebote nutzen.

Ich persönlich kaufe aber Garne niemals auf Vorrat ein, weil ich weiß, dass es Gefahr läuft in meinen Schubladen zu versauern. Ein vermeintliches Schnäppchen ist dann eben keines mehr. Daher nutze ich auch keinerlei "Schnäppchen"-Aktionen. Wenn ich ein Projekt im Sinn habe, dann kaufe ich gezielt nur dafür Garn ein und lege los.




Wie stehst du zu Wolle-Synthetik-Mischgarnen?  Verarbeitest du nur natürliche Qualitäten oder auch Gemische? Siehst du Vorteile bei Misch-Garnen? 

Ich verarbeite beinahe ausschließlich natürliche Garne, ich stricke allerdings auch keine Socken, bei denen ein gewisser Anteil künstlicher Fasern nützlich sein kann. Mischgarne haben ganz sicher Vorteile, wenn es um Elastizität und Robustheit geht. Für meine Zwecke kann ich mich aber meist gut auf natürliche Fasern beschränken.

Bei den „Faser-Nerds“ habe ich beobachtet, dass es manchmal nicht beim Stricken bleibt. Plötzlich fangen sie an zu spinnen und fast hat man das Gefühl, am liebsten hätten sie ihre eigenen Schafe auf dem Balkon. Ist das bei dir auch so? 

Tatsächlich habe ich mich eine Weile lang ein wenig für das Spinnen interessiert und auch einen Workshop bei Kathrin von Back to the Wheel zum Thema besucht. Es hat mir total Spaß gemacht, sie ist mit so unglaublich viel Leidenschaft bei der Sache! Dank ihr besitze mittlerweile auch eine Handspindel und ein paar "Rolags".




Aber um ehrlich zu sein, ist es doch das Stricken, was mich weiterhin packt und wofür ich brenne. Für ein weiteres Hobby habe ich deshalb einfach keine Zeit.

Beim Nähen sagt man „Auftrennen gehört dazu“ - ribbelst du viel auf? Und wenn du aufgetrennt hast, behandelst du dann die Wolle so, dass sie anschließend „wie neu“ ist? 

Ich ribble so gut wie nie. Aber es kann sich in der Tat manchmal lohnen! Im vergangenen Jahr habe ich mal ein "Ufo" hervorgeholt, das ein Pullover für meinen kleinen Sohn hatte werden sollen. Den habe ich kurzerhand geribbelt, mir eine passende Anleitung gesucht und neu begonnen. Darüber habe ich hier geschrieben - Das hat sich wirklich gelohnt!




Wie sieht es mit den Strickwerkzeugen aus. Näherinnen können stundenlang darüber philosphieren, welche Nähmaschine für welche die beste ist und ergötzen sich an Näh-Gadgets. Sind Strickerinnen auch Werkzeug-süchtig? Gibt es „Werkzeuge“, die du erst im Laufe deines Stickerinnen-Lebens entdeckt hast, die du gerne (auch Anfängerinnen) empfiehlst? 

Ohja, diese Themen gibt es natürlich auch bei uns Strick-Nerds. Ich beantworte das mal gleich in der nächsten Frage mit.

Sind verschiedene Materialien für Stricknadeln Geschmacksache oder gibt es bestimmte Regeln, welche Garnart zu welchem Material passt? 

Eine ganze Weile lang habe ich gedacht ich brauche eigentlich nur eine Sorte Stricknadeln. Am Besten ein auswechselbares System. Mit dem Nadelsystem hatte ich absolut Recht, weil man am Ende einfach an unnötigem Zubehör spart. Nur reichen mir Bambus-Spitzen mittlerweile nicht mehr aus.

Irgendwann fiel mir nämlich auf, dass sich bestimmte Garne mit bestimmten Nadelmaterialien besser oder schlechter stricken. Es kann also sein, dass man ein Projekt genervt in die Ecke wirft, weil es vermeintlich einfach nur mühsam zu stricken ist, dabei liegt das einfach an den Stricknadeln.




Natürlich sind die Nadelmaterialien zusätzlich auch Geschmacksache. Stricken geht über die Haptik und je nach Material fühlen sich auch die Nadeln eher kalt oder warm an. Je nach Material ruschten die Maschen stärker oder weniger stark. Und je nach Struktur des Garns ist es wichtig, dass die Spitzen der Nadeln sehr spitz oder eher stumpf sind.

Mittlerweile habe ich eine Sammlung Bambusnadelspitzen, Metallspitzen und wundervoller Olivenholzspitzen. Damit bin ich im Augenblick für meine Zwecke gut gewappnet.

Viele Nähnerds stricken ja auch und einige haben mittlerweile auch schon deine Aktion „Auf den Nadeln“ entdeckt. Magst du uns etwas darüber erzählen? Was ist das besondere an dieser Aktion?

Diese Aktion habe ich mir schon im vergangenen Jahr ausgedacht und sie ist so gut angekommen, dass ich sie seither monatlich weiter führe. Ich habe schon immer gern durch andere Blogs gestöbert und habe mir einen Ort gewünscht, wo ich wirklich "nur" die Strick-Projekte finde.




Auf den Nadeln ist genau dieser Ort geworden. Meine Leserinnen verlinken ihre Blog-Beiträge, in denen es tatsächlich um ein Strick-Projekt geht, dass sie entweder gerade auf den Nadeln oder gerade abgekettet haben. So sind schon tolle Vernetzungen entstanden. Am 1. jedes Monats gibt es bei mir den Sammel-Post, in dem man sich den ganzen Monat lang verlinken kann und in dem man dann eben alle anderen Blogs gezielt nach Strick-Projekten durchstöbern kann.

Vielen Dank, liebe Meike, für Deine Einladung und die schönen Fragen!

Sehr gerne, Marisa, ich habe wieder eine Menge Neues erfahren und denke, dass das auch für meine Leserinnen spannend ist. Ich danke Dir für deine ausführlichen Antworten! Das war ja fast so schön, wie ein gemeinsames Kaffeetrinken!