Mittwoch, 6. Juli 2016

Stilwechsel

In den letzten Tagen habe ich mir immer wieder Gedanken darüber gemacht, wie Stilwechsel passieren, woher meine merkwürdige neue Vorliebe für Maxiröcke kommt und warum ich plötzlich auch noch Waxprints toll finde. Ich habe keine Theorie, doch ein paar Ideen dazu.

Dass wir Näherinnen nicht gewappnet gegen Moden sind, sehe ich jeden Mittwoch wieder. Auch in unseren Kreisen gibt es Moden, die manchmal, aber nicht zwangsläufig, an die aktuelle Mode gekoppelt sind. Eine oder mehrere Frauen entdecken etwas für sich, philosophieren darüber auf dem Blog oder bei twitter, nähen etwas, andere sehen es, nähen es nach und mit der Zeit hat frau das Gefühl, überall nur noch bestimmte Sachen zu sehen. Manchmal gibt es Menschen, die so begeistert sind, dass sie besonders viel über ein Thema bloggen, wiederholt Kleidungsstücke nähen, die derzeitige Lieblinge sind, manchmal sind es sogar Verlinkungsaktionen oder Sew Alongs, die entstehen.

Mein aktuelles Beispiel sind die Waxprints. Noch im letzten Jahr dachte ich "Waxprints, ich? Nee, auf keinen Fall!" und konnte die Begeisterung für diese Farben und Muster partout nicht verstehen. Irgendwann vor ein paar Wochen kam ein latentes Gefühl von "früher oder später kriegen sie mich" und letzte Woche kaufte ich einen Waxprint, den ich gar nicht erwarten kann, zu vernähen. Das Thema war schon mal vor 1 oder 2 Jahren in meinen Kreisen aktuell und zum Bloggerinnentreffen im November war es wieder da. Aber es brauchte erst Karins Waxprint-Verlinkungsaktion und die diversen Kleidungsstücke beim Me Made Mittwoch, die bei mir das Begehren auslösten. Mittlerweile sehe ich Waxprints und denke an Frauen mit prachtvollen Hintern und wogendem Gang und möchte auch meinen Rock nähen und so durch die Gegend schweben. Und dann frage ich mich, ob das alles gar kein Zufall ist, ob das mit meiner Wahrnehmung von Frauenkörper und dem Thema Body Acceptance zu tun hat oder ob es am Ende doch nur die Kollektion von Lena Hoschek mit ihren Waxprints ist. Wahrscheinlich ist es ein Potpourri und alles ist wahr!

Unabhängig davon, wenn auch nicht ganz, passierte das mit den Maxiröcken bei mir. Es war nicht so, dass ich wirklich vor hatte, meinen Stil zu ändern. Ich nähe nur nach dem Lustprinzip und habe überhaupt keinen Plan. Ich habe auch wenig Lust, vernünftig zu nähen, auch wenn ich schon vor Monaten feststellte, dass ich unbedingt einfarbige Shirts brauche, weil die, die ich habe nicht mehr schön sind. Ich lasse mich treiben von den Eindrücken, die ich beim Durchsehen der Blogs und im Strassenbild gewinne und dann finde ich entweder zufällig einen Stoff, der zu meinem Begehren passt oder ich gehe bewusst auf die Suche danach. Aber einen Plan gibt es nicht und schon gar keinen Strategischen oder Langfristigen. Rückblickend ist das alles ganz logisch, warum ich bei dem Wunsch landete, einen Waxirock, einen Maxirock aus Waxprintstoffen zu nähen, aber währenddessen hatte ich das Gefühl, dass es einfach passiert. Das Jahr 2015 hatte zwei Ereignisse für mich parat, die ich unmittelbar mit geblümten Hemdblusenkleidern verbinde und die keine guten Gefühle in mir auslösten. Es ist nicht so, dass ich nun keine geblümten Hemdblusenkleider mehr mag, im Gegenteil, meine genähten Werke finde ich schön - aber ich habe keine Lust, sie anzuziehen. Obwohl ich kein großer Fan von Silvester bin, hatte ich doch zum Jahreswechsel das Gefühl, dass etwas Neues beginnt. Gleichzeitig trug in den Winter über fast nur und mit Vorliebe grau und schwarz. Dann kaufte ich Hosen, nähte aus Versehen einen Maxirock und mag mich in einem Rock mit Gummibund! Alles sehr seltsam. Aber nicht seltsam, wenn ich überlege, dass ich dabei bin, Altes loswerden und viel Neues zu beginnen. Andere Frauen gehen einfach zum Friseur.

Durch das Fotografieren für den Me Made Mittwoch und den Me Made May wurde mir sehr bewusst, wie ich aussehe und was ich aktuell gerne an mir mag. Die Lust zu experimentieren wurde mit den Jahren des Nähens immer größer. Alles ist möglich! Und durch die große Auswahl im Kleiderschrank, die durch das kontinuierliche Nähen über mehrere Jahre entstand, hatte ich wirklich die Wahl, nur das anzuziehen, was ich wirklich mag und plötzlich trug ich wieder einfarbige Kleider, Hosen und dann auch noch Maxiröcke. Sehr seltsam.

Noch seltsamer allerdings, als die Vorliebe für bestimmte Kleidungsstücke, ist die Veränderung der Silhouette und der konkreten Details. Während ich in den letzten Jahren, nach langem Kampf endlich Gürtel trug und postulierte, dass unten weit gebauscht Obenrum vorteilhaft ist, bin ich in den letzten Monaten lockerer geworden und verzichte auf stark akzentuierte Formgebung. Ich mag Kleider, die die Figur nachzeichnen, aber ich brauche weder Petticoat noch Gürtel, die quasi laut schreiend darauf verweisen. Es reicht, wenn es irgendwie stimmt, wenn Figur erkennbar ist, wenn die Kleidung der Figur schmeichelt, aber es ist ein bisschen so, als hätte ich wirklich kapiert, dass es sowieso egal ist, was ich anhabe, man und frau sieht einfach, dass ich dick bin - da braucht es auch keinen trotzigen Gürtel der laut behauptet, dass das geht "trotzdem".

Vielleicht ist es auch die aktuelle Mode, die ohnehin wenig figurbetonend ist, die mich letztes Jahr noch irritierte und an die ich mich jetzt gewöhnt habe, vielleicht ist es aber auch ein Gefühl des Angekommen seins. In den letzten Monaten trug mich das Gefühl, niemanden mehr etwas beweisen zu müssen. Ich mache Dinge, die ich gerne mag, ich lerne Neues, weil es mich interessiert und ich gehe viel gelassener durch die Welt in dem Bewusstsein, dass ich etwas zu bieten habe. Diese Gelassenheit mag ich auch gerne in Kleidung ausdrücken. Wenn ein Kleid eine kompetente Gelassenheit ausdrückt, dann fühle ich mich zur Zeit wohl darin. Es darf lässig sein, aber es muss etwas Erwachsenes haben. Nur wenige Muster sind in der Lage, dieses Gefühl zu transportieren, also darf es auch gerne einfarbig sein. Ich erlaube mir Hosen zu tragen, wenn es für das Wetter vorteilhaft ist, denn ich muss nicht jeden Tag was hermachen. Ich denke nach wie vor, dass es vorteilhaftere Kleidungsstücke für mich gibt, als Hosen oder Maxiröcke, aber sie erfüllen Bedürfnisse und wenn das Drumherum stimmt, sind sie ok. Hosen sind prima bei Übergangsjahreszeittemperaturen und Maxirröcke gut bei Hitze - also dürfen sie Teil meines Lebens sein. Ich kokettiere mit Tussiaccessoires wie meiner silbernen Tasche oder Fußnägeln in der Farbe von Barbie und ich genieße das Flower-Power-Gefühl, wenn der Stoff des Maxirocks um meine Beine streicht. Peace! Alles wird gut!

Ich mag diese neue Gelassenheit an mir. Ohne das Nähen nach Lust und Laune aufgeben zu wollen, fühlt es sich doch an, als wäre ich angekommen, wo ich hinwollte. Ich habe nicht das Gefühl, dass das ein bestimmter Stil wäre und schon gar nicht das Ende. Aber es ist Ruhe ins Fahrwasser gekommen. Der Kleiderschrank ist voll, ich habe die Wahl und ich muss nicht hektisch nähen. Ich habe genug, auch wenn ich nach wie vor daran arbeite, die abgenudelten Shirts ersetzen zu wollen. Ich fühle mich frei, Trends mitzumachen, spleenige Moden wie Waxprints und Tücher-stricken-bis-zum-Umfallen mit den Freundinnen zu teilen und gleichzeitig zu behaupten, "was kümmert mich mein Geschwätz von letzter Woche". Irgendwann habe ich wieder Lust auf Blümchenkleider und Gürtel. Vielleicht in ein paar Jahren, Monaten oder schon nächste Woche. Ist doch egal! Und bis dahin steht es mir frei, noch vieles auszuprobieren, sei es nun vorteilhaft oder weniger. Ist doch auch egal! Hauptsache, ich fühle mich wohl.

Kommentare:

  1. Liebe Maike, du sprichst mir aus der Seele! Genauso geht es mir momentan auch. Es ist schön, mit sich und der Welt endlich im Einklang zu sein! Vieles, was man selbst an sich ungünstig findet, fällt anderen gar nicht auf, weil eine zufriedene Ausstrahlung es einfach überdeckt! Es grüßt Andrea aus Osnabrück.

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    1. Das ist der Punkt! Die Frage ist ja auch, ob es immer "günstig" sein muß!

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  2. So einen kleinen Imagewechsel von Zeit zu Zeit finde ich ja auch sehr erfrischend und belebend.
    Man kann risikolos herumprobieren und wenn es einem nicht gefällt, muss es ja keiner erfahren, : ).
    LG von Susanne

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    1. Nun ja, wenn ich darüber blogge und in der Öffentlichkeit trage, ist es nicht wirklich im Geheimen :-)

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  3. Hach und ich habe dieses Gefühl einfach mal auf das Wetter und die Wechseljahre geschoben, ja manchmal mache ich es mir auch gern mal einfach.
    Doch dann keimte in mir der Verdacht auf das ich mich ja auch weiter entwickle, ich bin nicht mehr die gleiche wie im letzten Jahr und die im Jahr davor schon mal gar nicht, warum sollte sich dies nicht auch in meiner Kleidung wieder spiegeln?
    viele liebe Grüße Yvonne
    http://by-yvonne-mania.blogspot.com

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    1. Eben, das Leben ist Entwicklung! Eigentlich ist das gar nicht so schlecht, wenn das auch von außen erkennbar ist.

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  4. stilwechsel...veränderung ?
    da fällt mir nur bert brecht ein ..gleich 2x"Sie haben sich gar nicht verändert!"

    Ein Mann, der Herrn K. lange nicht gesehen hatte, begrüßte ihn mit den Worten: „Sie haben sich gar nicht verändert.“ „Oh!“, sagte Herr K. und erbleichte.

    und wer a sagt muss nicht b sagen ;o)
    und genau so hat ein jegliches seine zeit ...wie es in der Bibel steht;o)
    und da ich in Berlin wohne sag ich das ist auch gut so
    ich hab in fast 40 Jahren ehe keinen ring getragen
    jetzt als Witwe hab ich mir einen richtig dicken silbering gekauft
    es war mir plötzlich ein Bedürfnis und so ist das eben auch mit maxiröcken, hosen und ....
    weiter spass an Veränderung und Weiterentwicklung
    Grus karola

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    1. An die kleine Geschichte habe ich auch schon oft gedacht!

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  5. ein s und mindestens ein Komma kommt hinterher ;o)

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  6. Hallo!
    Früher sagte mir mal jemand, dass man keinen fixen Kleidungsstil an mir erkennen könnte und ich war richtig deprimiert deswegen und dachte: Oh mein Gott, ich hab keinen eigenen Stil - wie furchtbar ist das denn?
    Aber jetzt, einige Jährchen später find ich das cool so! Das bedeutet, dass ich nicht einordenbar bin, für Überraschungen gut bin und ich mich an alle möglichen (Kleidungs)Situationen anpassen kann. So mir es mir in den Sinn kommt! Und ich bin stolz darauf!
    Danke für deine Worte, da erkenn ich mich auch darin!
    LG Fia

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  7. Du hast das Thema wieder einmal in passende Worte gekleidet. Allerdings kann ich für meine Person dem nur bedingt zustimmen. Ich nähe zwar auch nach Lust und Laune und mal dies und mal das, aber es entspricht größtenteils meinem Stil. Ich bin schon seit Jahren der romantischen Klassik verfallen. Ich liebe klassische Röcke und Jacken mit einem Schuss Humor. Das kann meinetwegen die große Rüsche oder der unorthodoxe Stoff sein. Aber die Grundlage/der Schnitt ist meist gradlinig und schlicht - klassisch.
    LG Martina

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  8. ...und ich hab mich sowas von wiedererkannt in diesem Post :))
    Liebe Grüße,
    Sandra

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