Freitag, 24. Juni 2016

Sehgewohnheiten ändern!

"Alles richtig gemacht" lautete einer der vielen netten Kommentare zu meinem gestern gezeigten Outfit mit Maxidrock und drapiertem Shirt. Das hat mich natürlich sehr gefreut, dass ich nicht nur ganz subjektiv das Gefühl hatte, ein gelungenes Outfit, in dem ich mich wohlfühle produziert zu haben, sondern dass es auch von anderen als schön und stimmig empfunden wird. 

Was mich besonders freut - und dafür liebe ich das Bloggen und meine Leserinnen - ist das Gespräch, das sich in den Kommentaren ergab. Gemeinsam suchten wir nach Antworten darauf, warum diese neue Silhouette, die ich zeigte, funktioniert. Gerade weil dieses Outfit ganz viel Potential zum "falschmachen" hat. Stopp, was heißt eigentlich "falschmachen"? Wenn wir von "falschmachen" reden gehen wir davon aus, dass es Regeln gibt, dass etwas richtig sein kann und das im schlimmsten Fall die Stilpolizei kommt und uns darauf hinweist, dass das so nicht geht, Fräulein!

Das passt eigentlich gar nicht in mein Denken, versuche ich mich doch zu akzeptieren, wie ich bin und die Vielfalt der Körperformen anzuerkennen. Warum denke ich dann in Kategorien wie richtig und falsch?

Weil ich es gewohnt bin. 

Ich bin es gewohnt, bewertet zu werden. Wir leben schließlich in einer Leistungsgesellschaft. Wo kämen wir denn da hin, wenn nicht bewertet werden würde. Kinder lernen das früh, dass es ganz normal ist, bewertet zu werden, das geht vom stolzen Elternspruch "das hast du super gemacht", über die Noten bis hin zu dem komischen Gefühl, dass es anscheinend heutzutage Farben gibt, die angeblich einem Geschlecht zugeordnet werden. 

Ich denke auch deswegen in Kategorien wie richtig und falsch, weil mir immer wieder eingebläut wurde, zu kaschieren, was nicht optimal ist. Wenn schon nicht richtig, dann belästige wenigstens die Augen deiner Mitmenschen nicht damit. "Gott sei dank" gibt es Stilratgeber, die uns sagen, was geht und was nicht und wie wir schummeln können, bis kein Mensch mehr erkennt, dass er einen Elefant statt einer Fliege vor sich hat. 

Eigentlich versuche ich mich davon frei zu schwimmen. Ich werde nicht müde zu betonen, dass es gar nichts nützt, schwarz zu tragen, denn dass ich dick bin, erkennen sowieso alle, auch wenn ich ein schwarzes Kleid trage. Ich erzähle allen, dass jeder Körper perfekt ist, so wie er ist und einfach schön ist - ohne das zu begründen. Ich behaupte das einfach mal so, weil es zu meinem Wertesystem passt. Die andere Fraktion, die das Gegenteil behauptet, macht das schließlich genau so. 

Und trotzdem versuche ich, mich möglichst schön zu kleiden und freue mich, wenn mir das gelingt. Ich freue mich, wenn ein Outfit nicht nur für mich schön ist, sondern auch von anderen schön gefunden wir. Und da hilft es mir in der Tat, gewisse "Regeln" zu entwickeln, die mir Orientierung geben, damit mein Nähen auch von Erfolgserlebnissen gekrönt ist und ich meine selbstgemachte Kleidung auch gerne trage. Insofern freue ich mich, wenn wir auch gemeinsam auf die Suche nach dem gehen, was schön macht und danke euch fürs mitdenken. 

Als Erfolgsgeheimnisse meines gestrigen Outfits wurden genannt:
  • der Wasserfall am Shirt + die Drapierung unterhalb der Brust (die nur wenig sichtbar ist), weil die Aufmerksamkeit auf "oben" gelenkt wird. Möglicherweise durch die Kette verstärkt. 
  • der "schöne Rücken". Der Kontrast der Rückseite des Shirts, zur Vorderseite, die Taillierung und die überhängenden Ärmelchen.
  • Oberteil ist "geformt" eher kurz und figurbetont aber nicht eng. 
  • Das diagonale Muster des Rockes
  • die dunklen Farben

Gut zu wissen und trotzdem frage ich mich, ob das reproduzierbar ist oder ein Glücksfall, der tatsächlich mit den Worten "alles richtig gemacht" beschrieben werden kann. 

Reproduzierbar könnte auch bedeuten, dass sich die Sehgewohnheiten ändern und vielleicht ist ein besonders gelungenes Outfit auch etwas, was sozusagen einen "kick-off" für neue Sehgewohnheiten bieten kann. Vielleicht empfinden die Menschen mein Silhouettenwechseln von gestern deswegen auch als angenehm, weil ich ihn dezent in dunklen Farben genäht habe. Was wäre passiert, wenn ich auf einmal in pink oder türkis so aufgetaucht wäre? Was würde passieren, wenn ich als nächstes in pink oder türkis auftauchen würde? 

Ich glaube, die Frage der Sehgewohnheiten ist ganz entscheidend. Wir sind so unglaublich bildmanipuliert durch das, was uns medial vorgesetzt wird und es ist so verdammt schwer, sich davon frei zu machen. Unsere Nähblogcomunity und der Me Made Mittwoch sind ein wunderbarer aufmüpfiger Akt dagegen und ich finde es nach wie vor bestärkend und schön, echte Frauen in dem zu sehen, was sie sich für sich ausgedacht und gemacht haben. Immer und immer wieder, Woche für Woche, denn Sehgewohnheiten ändern sich nur sehr langsam. Genau deswegen, gibt es in meinem Kopf immer noch dieses Vergleichen, dieses "das ist nicht für meine Figur"-Zensieren und die vielen inneren Stimmen, die mir immer noch Vorschriften machen. 

Insofern ist es wichtig, mir frech anzueignen, wonach mir das Herz begehrt. Nicht darauf zu warten, dass "es das auch für Dicke gibt", sondern mir ein Retrokleid zu nähen, wenn mir nach retro ist, mit Hosenformen rumzuexperimentieren oder eben ein Maxirock auch noch mit Gummizug (wo doch alle wissen, wie schlimm das ist!) zu produzieren und sich damit auch noch gut zu fühlen. Innere Stimmen sind nicht immer Freundinnen, denn wer weiß, wo her ich sie haben. Dank des Nähens ist es mir möglich, den Stimmen zumindest zu versuchen, das Gegenteil zu beweisen. 

Wahrscheinlich werde ich diese inneren Stimmen nur ganz langsam los. Zwischenzeitlich kann ich mich weiter darüber freuen, dass es mir durch das Nähen möglich ist, zu experimentieren. Ich muss nicht warten, bis irgendeine "Autorität" entschieden hat, das ein bestimmter Style auch für Dicke käuflich zu erwerben ist, sondern ich kann mir einfach das nähen, was ich will und wann es für mich der richtige Zeitpunkt ist. Während Miss Bartoz sagt "ich darf das!" setze ich noch einen drauf und sage "ich kann das!" - yeah! Mit der Silhouette und dem Stil zu experimentieren ist auf einmal möglich und gibt mir ein Gefühl der Freiheit. In dem ich es trage und zeige ist es noch mehr, denn es ist auch eine Erweiterung des Möglichkeitenraumes für andere. Und letztlich ist diese erweiterte Bandbreite an Silhouetten und Stilen auch eine Erweiterung der Sehgewohnheiten für uns und für alle, die uns begegnen. Indem wir immer mehr sehen, was möglich ist, werden wir stärker. Und das ist schön!


Kommentare:

  1. Ja, mach mal pink oder türkis, das sieht bestimmt cool aus. Also ich kann mir das wider aller Sehgewohnheiten gut an dir vorstellen....
    LG

    AntwortenLöschen
  2. Herrlich geschrieben! Dem ist nichts hinzuzufügen!
    Bravo !!!
    Liebe Grüße von Angela

    AntwortenLöschen
  3. sehr gut geschrieben! Ich habe gestern den ganzen nachmittag an Dich gedacht, das Shirt find ich so toll! Sop und nu hab ich das auch gekauft und gleich noch Deinen Plottertip umgesetzt. Du inspirierst sehr! Tapfer werde ich das mal in rosa nähen, angeblich steht mir das lt. Farbkarte gut...ich kann ja nicht immer dunkelbunt gehen.
    ganz liebe Grüße vom anderen ende der Elbe
    anja

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Gutes Gelingen und wenn es fertig ist, dann noch eines in blau und in grün und in ....

      Löschen
  4. Ein Maxirock für dich in pink oder türkis würde sicher auch gut aussehen. Weil du schmale Hüften hast u. lange Beine, kannst du Maxi-Röcke gut tragen! :-)
    Klar ist alles erlaubt und nichts verboten - und mit Sicherheit hängt vieles von unseren Sehgewohnheiten ab - und das mit den Manipulationen stimmt auch - aber genauso bin ich überzeugt von gewissen unveränderlichen Gesetzmäßigkeiten bzgl. Proportion und Ästhetik u. Farbgebung. Wenn ich jetzt ein Bild machen würde, Meikes und Immis Silhouette nebeneinander im Maxirock - dann würde das was ich meine garantiert unmittelbar ins Auge springen. ;)

    Liebe Grüße
    Immi

    Ps: Ich mach aber kein Bild!

    AntwortenLöschen
  5. P.S. Ach schade :-)

    Ich habe gar keine langen Beine, dachte ich. Die hat mein Mann und ich den längeren Oberkörper. Aber vielleicht ist das nicht das, was du meinst.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Was ich meine ist dass zwar nicht dünn bist, aber doch schmal gebaut. Und an einer schmalen, langen Silhouette sieht ein schmaler, langer Rock gut aus.
      Wegen deiner nicht so breiten Hüften hast du es - meiner Meinung nach - übrigens auch mit den Hosen (besonders die Passform unterm Hintern) nicht so schwer, wie die Figuren die wir als Birne oder X bezeichnen.

      Löschen
    2. Ja, ich verstehe dich, kann es aber nicht richtig erklären. Wenn ich von vorne fotografiert werde, ist - durch meine breite Hüfte - viel Fläche vorhanden. Das lässt mich unglaublich breit erscheinen. Ein langer Rock und ich erscheine als "quadratisch, praktisch".
      Ich möchte jetzt nicht sagen, dass ist falsch, sondern es ist ungünstig. Richtig oder falsch gibt es nämlich meiner Meinung nach nicht in der Mode.
      LG Martina

      Löschen
    3. Hallo Martina,
      es freut mich sehr, dass du mich verstehst! :) Gibt es kein richtig oder falsch? Ich weiß das gerad selbst nicht. Einerseits denke ich von mir selbst, dass ich ein toleranter Mensch bin und auch durchaus flexibel in meiner Warhnehmung. Auf der anderen Seite gibt es für mich aber eben doch diese Gesetze der Harmonie u. Ästhetik. Wenn es bei uns Schneiderinnen um Proportionen u. Silhouetten geht tu ich mich mitunter recht schwer, richtig und falsch herauszufinden, aber als Hobbyschneiderin u. nach vielen Jahren Nähbloggen bin ich da glaube ich mittlerweile geschult. Ich guck natürlich zuerst bei mir aber dann auch bei andern. (Ps: Neulich dachte ich noch dass es mir an dir immer so gut gefällt wenn du was mit tiefer Taille trägst, Hüfthosen oder Kleider).
      Wenn es dafür um Farben geht bin ich sehr sicher, weil ich Farben einfach von Haus aus besser sehen kann.
      Schönheit liegt halt immer im Auge des Betrachters und selbst die Wahrheiten sind subjektiv.

      Löschen
    4. Deinen letzten Absatz werde ich mir merken. Du hast meine Gedanken in wunderbare Worte gefasst.
      LG Martina

      Löschen
  6. Huhu Meike, um meinen Tweet noch mal aufzugreifen: Ich finde es ziemlich anmaßend, dass immer wieder behauptet wird, wir - insbesondere Frauen - wären durch ein mediales Bild manipuliert und damit gar nicht fähig unsere eigene Meinung zu bilden. Gerade in der heutigen Zeit wo es durch das Internet so unendlich viele Möglichkeiten gibt, müssen wir doch nur noch wählen welche Bilder wir sehen wollen.
    Liebe Grüße,
    yacurama

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Hallo yacurama,
      hoffe es ist in Ordnnung wenn ich hier in deine Antwort reingrätsche!
      Müssen wir wirklich nur wählen? Vor c.a. 6 Monaten twitterte ich spontan, dass ich Lust auf eine schwarze Anna oder auch nur ein schwarzes Sommerkleid hätte. Ich wusste selbst nicht wieso und hatte keine Idee wer oder was mich drauf gebracht hat (mal abgesehen von Julia schwarzer Anna) Ich lese keine Fashion Magazine und surfe ehrlich gesagt eher wenig.
      Heute ploppen überall im Nähblogger-Netz die schwarzen Kleider auf und es sind auch schwarze Maxikleider dabei wie die Anna die mir vorschwebte. Wenn das was mir da passiert ist mal nicht reine Manipulation war?

      Liebe Grüße
      Immi

      Löschen
    2. Könnte auch selektive Wahrnehmung sein. So wie man ganz viel Schwangere sieht, sobald man selber schwanger ist. ;)

      Löschen
  7. Ein sehr schöner Artikel! Ich finde es ja auch immer erstaunlich, was einem so als "für deine Figur gut/nicht gut" vorgehalten wird. Große Frauen zum Beispiel sollen in weiten Hosen mit Schlag noch längere Beine haben. Für mich werden sie aber eher dünner. Es gibt einiges, dass ich an mir nicht mag weil es mich nicht so aussehen lässt, wie ich das möchte. Ich betone gerne meine Taille oder meinen Po, nicht so gern die Hüfte. Ich ziehe gern ein weites Teil zu enger Hose an und zu engem Shirt eher was lockeres um die Beine. Aber dann eher, weil ich mich so wohl fühle, nicht weil ein Poster sowas sagt.

    AntwortenLöschen
  8. Liebe Meike, ein sehr guter Artikel!
    Ich bin auch noch viel zu sehr gefangen in dem was vorgegeben wird, was für meine Figur am besten tragbar sei. Und auch eher versucht "Unvollkommenheiten" verstecken, so weit es denn geht.
    Aber u.a. durch deinen Blog, werde ich mutiger, das zu tragen, was mir grade gefällt, ungeachtet von dem, was "man" davon finden könnte. Meine Sichtweise ändert sich. *Yeah* Vielen Dank dafür! Ich finde echt klasse was du zeigst und schreibst.

    AntwortenLöschen
  9. Ich finde ja, man muss nicht immer "schmeichelhafte KLeidung" tragen. Ich kann auch mal was ganz anderes wagen und mich nicht in das übliche - wie schaue ich am schlanksten aus- Muster pressen. Immerhin kann man nichts gewinnen, wenn man immer nur das gleiche macht! Von daher: Viel Spaß beim experimentieren!

    AntwortenLöschen

Ich freu mich sehr über Kommentare! Sie sind kleine Geschenke für mich! Vielen, vielen Dank im Voraus.