Freitag, 13. Mai 2016

Empfehlung: Vorzügliche Vorträge

Das schöne Wetter der letzten Tage, bot mir abends eine wunderbare Gelegenheit auf dem Balkon zu sitzen, und mit dem ipad ein paar Vorträge zu hören. Wie wunderbar ist es doch, dass im Zeitalter des Internets es möglich ist, auch von Konferenzen, bei denen eine nicht dabei war, im Nachhinein wenigstens den Input mitzubekommen. Drei Vorträge haben mir besonders gut gefallen. Alle drei Vorträge haben etwas damit zu tun, was ich gerne denke und vortrage. Statt aber zu grollen, weil mein Vortragsentwurf bei der re:publica wieder nicht angenommen wurde, freue ich mich, dass andere viele Aspekte, die mir wichtig sind vortrugen und damit die wertvollen Gedanken auch ohne mich bei der re:publica und der Podcastkonferenz Subscribe7 eine Bühne bekamen.



Josefine Matthey kannte ich vorher noch gar nicht. Auf ihren Vortrag "EveryBODY dance now - unsere Körper im Netz" auf der re:publica wurde ich über twitter aufmerksam.  Ohne die Ankündigung vorher zu lesen, sprach mich der Vortragstitel sehr an und ich wurde nicht enttäuscht. die bezaubernde @Josefine hinterließ weit mehr als nur einen Ohrwum bei mir. Wie sie entdeckte ich das Internet Ende der 90er Jahre auch über das Chatten. Ich fand es damals toll, einander ohne Bild, rein textbasiert zu begegnen, ohne mir klar zu machen, dass ich das gerade so toll fand, weil ich Bilder meines Körpers nicht mochte. Durch das Nähbloggen veränderte sich meine Haltung gegenüber meinem Körper und das regelmäßige Fotografieren und diese Bilder im Internet zu zeigen, veränderten mindestens ebenso viel, wie das Tragen schönere, eben selbstgenähter Bekleidung.

"Sichtbarkeit des eigenen Körpes im Internet muss eins sich leisten können (Privilegien) und wollen (Widerstandsfähigkeit)." Josefine Matthey

Wie wahr! Mir war nicht klar, dass sich zu Zeigen, ohne doofe Kommentare zu bekommen, tatsächlich ein Privileg ist, obwohl ich natürlich schon seit der Kindergartenzeit wusste, dass es "die Schönen" gibt, die wesentlich weniger Probleme damit haben sich zu zeigen, als "wir anderen". Ich denke, dass wir uns diese Privilegien durch eine gut funktionierende Nähblog-Comunity geschaffen haben. Hier bin ich privilegiert, weil ich mich mich zeige, wohlwissend, dass es in unserer kuscheligen Internetnische auch gefahrlos möglich ist. Dieses Privileg, mich zu zeigen und mich dabei sicher zu fühlen, gab es bei der Fernsehsendung - und das auch noch im Privatfernsehen - natürlich nicht - dort habe ich dann auch ordentlich "mein Fett weg bekommen" und wenn ich nicht vorher neues Selbstbewusstsein in unserer wertschätzenden Kultur des Umgangs miteinander gewonnen hätte, wäre es mir nicht möglich gewesen, mich bei "Geschickt eingefädelt" zu zeigen, nur um meine Mission, dass Kleidung nähen stark macht, auch weiteren Kreisen zu vermitteln.

Link zum Video von Nahlinse




Von diesen Wert der Comunitys berichtete auch @nahlinse, Monika Andrae, in ihrem Vortrag "Das parallele Podcastuniversum - ein Einblick in die Podcastszene der DIY- und Kreativ-Ecke". Die Fasernerd-Podcasterinnen-Kommunikation findet wohl mehr auf ravelry denn auf Blogs statt, aber diese wertschätzende Haltung, die auf der gemeinsamen Leidenschaft beruht, ist wohl mit unserer Kultur der näherds vergleichbar. Alles das, was sie über die Fasernerds berichtet, erlebe ich bei uns in den Nähblogs und finde es absolut wert, darüber auch anderen zu erzählen. Hatespeech ist ein Problem, das auch seit Jahren auf der re:publica diskutiert wird und gerade Ingrid Brodnig hat dazu spannende Ideen (ihren aktuellen Vortrag muß ich mir unbedingt noch anhören, aber seit zwei Jahren bin ich schon Fangirl von ihr, seit ich sie vor zwei Jahren auf der re:publica kennenlernte) . Doch statt Hatespeech zu bejammern und auf Frauenthemen abwertend zu schauen, lohnt meines Erachtens für diejenigen, die nach Lösungen für eine funktionierende Gesprächskultur im Internet suchen der Blick über den Tellerrand und die Erforschung andere Gruppen und das ist ein Grund, wieso ich gerne über die Nähnerds berichten

"Jetzt strickst du also nur noch" Monika Andrae

Glücklicherweise ist unser Austausch weitesgehend verschont von Trollen, doch wir erleben Abwertungen von außen, weil Handarbeiten nicht das beste Image haben. Mehr noch: mit Bemerkungen "Jetzt strickst du also nur noch" wird, wie @nahlinse überzeugend ausführt,  das, was den Menschen sonst noch an Erfahrungen und Wissen ausgemacht genauso ausgeblendet wie die Tatsache, dass textile Themen durchaus politisch gedeutet oder mit anderen Wissensgebieten verknüpft werden können. Den Blogbeitrag eines Hörers des Vortrages von Frau Nahlinse fand ich ganz wunderbar, denn auch er beschäftigt sich mit Privilegien und der unsäglichen Haltung, die Leidenschaften anderer abzuwerten.

Während Handarbeiten abgewertet und belächelt werden, sind die Kommentare von außen bei Körpern, die von der Norm abweichen noch mal um einige Grade heftiger. Ungefragte Hilfestellungen zur Optimierung von Ernährung, Sport und Kleidung sind nur die Vorboten von handfesten Beleidigungen, für die eine ein großes Maß an Widerstandsfähigkeit braucht.

"Ich finde, dass die Existenz eines Menschens als Wert ausreicht!" Journelle

Eine Community, in der sich die Einzelne zeigen kann, ohne abgewertet zu werden ist eine wunderbare Ergänzung zu Beiträgen die aufzeigen, dass es möglich ist, aus dem Selbstoptimierungswahn auszusteigen und ein Leben auch jenseits der Größe 36 für lebenswert zu halten, wie sie von Blogs, die sich mit Body Acceptance beschäftigen veröffentlicht werden. Wenn @Journelle in ihrem Vortrag auf der re:publica sagt "Das Internet hat mich dick gemacht" meint sie genau diese Beiträge in Wort und Bild, die ihr geholfen haben, ihren Körper anzunehmen und jetzt zu leben, statt auf den Tag X zu warten, an dem sie endlich anfangen zu leben, Sport zu treiben und sich mögen kann. In ihrem Vortrag entlarvt sie quasi atemlos, weil sie so viel zu sagen hat, ihre drei Lieblingsmyhten rund um dicke Körper "Fett sei hässlich", "ein dicker Körper ist ungesund" und "Diäten funktionieren und ich bin wirklich froh darüber, dass solche Aussagen eine Bühne bekommen!



Sehr gut gefallen hat mir in dem Vortrag von Josefine die am Schluß vorgetragenen 11 Punkte, was wir   nun tun können, damit unsere Gesellschaft immer mehr so wird, dass jedeR Mensch eine Existenzberechtigung hat und respektvoll behandelt wird. Ganz konkret benennt sie, wie wir unsere Privilegien einsetzen können und was uns den Rahmen aufzeigt, innerhalb dessen Benehmen respektvoll ist.

Alle drei Vorträge berührten mich, weil sie vermittelten, dass jeder Mensch wertvoll ist, es verdient, Raum einzunehmen und sichtbar zu sein. Durch solche Vorträge und das Erleben wertschätzenden Austauschs in den schönen Nischen des Internets, entwickeln wir Stärke der Gesellschaft der Normierungen, der Hate Speech und der Abwertungen selbstbewußt etwas engegen zu setzen, mit Haltung durchs Leben zu gehen und das Leben zu genießen. Das Internet ist eine großartige Sache, wir sind in der Lage, uns unabhängig von den Mainstreammedien zu machen, uns selbst zu ermächtigen, einfach Dinge ins Netz zu schreiben, die uns wichtig sind und die dem, was uns nicht gefällt, etwas entgegen setzen. Ich freue mich, dass es euch gibt, euch Internetfreundinnen und kann euch die drei Vorträge, wenn ihr sie noch nicht gehört habt, nur empfehlen!

Kommentare:

  1. Danke für diese Zusammenstellung, toller Start ins Wochenende! Das Thema Self/Body Acceptance beschäftigt mich selbst. Josefines Vortrag war super, Journelles Vortrag schaue ich mir nacher an. Josefines Aussage über Privileg und Widerstandskraft regt zum Nachdenken an, ebenso ihr Rückblick auf das "Internet der 90er" sprich textbasierte vs die heutige, bildbasierte Kommunikation. Meine Internetzeit fing auch über Chats an :)
    Ich hoffe, Monika's Vortrag kommt auch noch online, ich finde ihren Podcast ausgezeichnet. Und ja, Ravelry und die Nähnerd-Szene sind so toll und inklusiv, dass man schnell mal vergessen kann, dass andere Ecken des Internets ganz Anders sind. Für mich bedeutet das, dass ich mich aus den Bereichen meistens fernhalte. Es sucht such ja jede/r seine eigene Nische.
    LG
    Andrea

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  2. Hi Meike,
    vielen Dank für diesen interessanten Post und die Verlinkungen.
    Im Bezug auf den Vortrag von Josefine, finde ich, ist der MeMadeMittwoch sowie der MeMadeMay eine tolle Aktion, weil sich dort echte Menschen zeigen und die Bilder (i.d.R) nicht gephotoshoppt sind.
    Jetzt müsste das ganze nur aus der Nische raus kommen.
    Der Vortrag von Monika, fand ich so spannend, das ich sie angeschrieben habe und es demnächst eine "Nische-zu-Nische" Podcastepisode geben wird.

    Lieber Gruß,
    Muriel

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