Montag, 4. April 2016

Gutes Design

Ich bin eine ganz große Freundin guten Designs. Marken können mich eher nicht kriegen. Klar, ist es schön, zuverlässig immer die gleiche Qualität zu bekommen. Aber ob es sich immer um gute Qualität handelt? Nach meinen Kriterien? Im Bereich Bekleidung zum Beispiel, kann ich mir nicht vorstellen, dass viele teure Marken auf die Produktionsbedingungen mehr achten, als andere. Aber das ist ein anderes Thema. Heute gehts um gutes Design und das erfreut mein Herz. Sehr!

Ohne Ahnung davon zu haben, wie gutes Design definiert wird, merke ich, dass ich mehr und mehr ein Gefühl dafür bekomme, was gutes Design ist. Meine Freundschaft mit unzähligen ArchtiktInnen seit mehr als 20 Jahren, hat mich gelehrt, genauer hinzuschauen und Freude zu empfinden, wenn etwas gut gemacht ist. Bei Schnittmustern habe ich es schon länger und bei Strickmustern beginne ich dieses Gespür für gutes  Design gerade erst zu entwickeln. Gutes Design ist für mein empfinden da, wenn es einfach passt, wenn es clever gemacht ist, wenn mit kleinem Aufwand eine große Wirkung erzeugt wird und das unter ökonomischer Verwendung der Ressourcen und einer scheinbaren Einfachheit, auf die jemand Ungeübtes nicht kommt, die sich aber schnell erschließt, wenn das System verstanden wir. Ich bin bereit für gutes Design gutes Geld zu bezahlen, weil ich mich einfach so sehr daran erfreuen kann.

Ich habe mich gefragt, ob der Hype in meinen Kreisen um Stephen-West eigentlich berechtigt und ok ist. Warum stricke ich nichts von einer Designerin? Ist es nicht ätzend, dass der Hype um einen Mann gemacht wird? (Auch vor MyBoshi wurden Mützen gehäkelt!) Nachdem ich das dritte Design von ihm gekauft und angeschlagen hatte, begann ich mich zu fragen, ob ich nicht einem großen Lemmingeffekt aufgesessen bin. Doch es lohnt, etwas genauer hinzuschauen.



Smooth Move war super zu stricken. Das ist wirklich ein einfaches, wirkungsvolles Tuch. Ich habe Schals ähnlicher Form schon gestrickt - also zuerst einmal nichts neues. Was mir allerdings an Smooth gefällt ist, dass die Reihen zunehmend kürzer werden. Klingt widersprüchlich, ist aber so. Je länger frau an einer Farbe strickt, umso kürzer wird die Reihe. Dieser Motivationsfaktor ist beim Stricken nicht zu unterschätzen. Das ist für mich ein Aspekt guten Designs.

Außerdem fand ich es super, etwas Neues zu lernen. Diese Umrandung namens Icord finde ich einfach bezaubernd: wie eine angestrickte Stricklieselwurst. Das kannte ich noch nicht und macht das Tuch für mich noch mal zu etwas ganz besonderdem.



Als nächstes schlug ich Garter Goodness an. Das langweiligste Projekt ever, ever und das musste ich ausgerechnet in einem Lacegarn anschlagen?



Leider wusste ich vorher nicht, wie langweilig das Stricken ist. Die Reihen werden länger und länger und die einzige Abwechslung, die nicht wirklich eine Abwechslung, sondern eher ein Störfaktor ist, sind die Büroklammern, die ich als Maschenmarkierer nutze, um die Zunahmen (die Löcher) zu markieren. Wahrscheinlich wird das ein tolles Tuch, aber es ist eine Zumutung, es zu stricken. Ich finde, es ist schlechtes Design, denn für mich reicht es nicht, dass es fertig gut aussieht. Ich möchte schon bei der Fertigung begeistert sein!



Ganz anders verhält es sich mit Glacier Sweep, das ich mir zwischendurch gönne. Das ist gutes Design! Wenn frau den tückischen Anfang mal geschafft hat, dann strickt es sich wie von selbst. Die runde Form kommt zustande, in dem wieder einmal mit verkürzten Reihen gestrickt wird. Ihr kennt den Effekt: die Reihen werden kürzer, es ist also ermutigend absehbar, bis etwas Neues passiert. Das Muster wechselt zwischen kraus rechts und glatt rechts ab. Beim Stricken hat frau also immer wieder etwas, auf das sie sich freuen kann.



Und jetzt kommt mir nicht damit, dass es natürlich mehr Spaß macht, mit dickeren Nadeln zu stricken, weil das ein schnelleres Erfolgserlebnis wird. Nein, das macht die Langeweile von Garter Goodness nicht wett. Beide Tücher stricke ich in grau, das fällt mir nicht leicht. Auch wenn ich grau angezogen liebe, stricke ich lieber mit Farben, die mich faszinieren, die von sich aus leuchten. Aber derzeit stehe ich eben auf grau und wenn ich graue Tücher will, dann muss ich da durch.

Das Leinen-Viscose Garn für Glacier Sweep ist mir zufällig unter die Finger gekommen. Beim Mid-Season-Sale war es um die Hälfte reduziert und da ich aufgrund des Wortes "Summer" im Summer Shawl Knit Along inspiriert war, es zur Abwechslung mal wieder mit sommerlichen Garnen zu versuchen und mich die Farbe mit dem leichten Glanz faszinierte, schlug ich zu. Ich bin allerdings noch nicht sicher, ob sich diese Qualität wirklich für ein Tuch eignet. Es wird relativ schwer werden, das Tuch. Wir werden sehen, ob ich es tragen mag, aber das Stricken ist ein Genuss.



Ganz anders ist es vermutlich mit dem langweiligen Garter Goodness. Es strickt sich furchtbar. Die kraus rechts Strickerei lässt die Sanftheit des Seiden-Alpaca-Garns gar nicht zur Geltung kommen. Wenn ich das Lace-Garn nich schon ewig unbenutzt im Stash hätte liegen haben, würde ich sagen, dass ich damit eine falsche Entscheidung getroffen habe. Aber so ist es ok. Wenn ich durchhalte - und das hängt letztlich vom TV-Programm ab - dann wird es ein sehr leichtes großes Tuch. So etwas kann ich gut gebrauchen und vermutlich werde ich es mögen. Damit es nicht zu langweilig wird, werde ich ganz bald mit der nächsten Farbe beginnen. Türkis kommt noch und schwarz. Ich bin gespannt, wie es dann wird und ob meine Strickleidenschaft für etwas zunehmen wird.

Diesen Beitrag verlinke ich bei Frau Maschenfein und ihrer Aktion "Auf den Nadeln", den ich finde des nett, auch mal über den Tellerrand der Nähblogs hinaus zu schauen, denn ein reines Nähblog war und ist crafteln.de ja ohnehin nicht. Dazu probiere ich viel zu gerne verschiedenartige Techniken des Selbermachens aus und Stricken gehört eigentlich schon viel länger dazu, als Nähen. Außerdem mag ich es, schon mal während des Tuns den Selbermacherinnen über die Schulter zu schauen. Vielen Dank für diese Aktion, Frau Maschenfein!

Kommentare:

  1. Meike, ganz genau so ist es!
    Ich werde dann jetzt Glacier stricken um meinen Goodness Schaden wett zu machen!
    Lg Sybille

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    1. Mach das! Glacier ist TOLL! Das stricke ich garantiert noch mal aus einem anderen Garn. Das ist einfach gutes, cleveres Design! (und mein Goodness ist schon wieder ganz ähnlich wie Deines...wirst sehen...)

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  2. Langeweile beim Stricken? Ich mag manchmal das einfache, das gerade, das nicht viel mitdenken zu müssen beim Stricken. Stück für Stück wächst auch das. Und am Ende sieht es gut aus. Das ist für mich gutes Design. Ein Entwurf, ein Muster, das am Ende ein tolles Obejekt geworden ist.
    Ob es beim Stricken eher langweilig ist, hat meines Erachtens nichts mit einem guten oder schlechtem Design zu tun.
    Zu Stephen West - ich hatte vor ein paar Jahren schon eine Anleitung von ihm, damals nicht gestrickt, aber ich kaufte sie, weil sie mir gefallen hat. Jetzt stricke ich sie und finde sie gut.
    Es ist ein kleiner Hype, der von uns ausgelöst wurde und wir uns angesteckt haben, Kraus rechts, verkürzte Reihen gibt es woanders auch. Aber seine haben z.T. dann doch das gewisse Etwas. Ich sage nur Vertice unit. Auch smooth mooth gehört dazu. Sie haben etwas eigenwilliges, auffälliges.
    Auch das ist für mich ein gutes Design.
    Aber Langeweile beim Stricken wenn es einfach ist, ist für mich kein Maßstab für gutes Design.
    lg monika, viel Spaß beim Stricken

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    1. Da kann ich mich nur anschließen. Design = Qualität und "Langeweile" beim Herstellen sind doch kein Widerspruch.Denk doch an hochpolierte Möbeloberflächen. Erst durch unzählicge Male "langweiliges" Abschleifen per Hand kommt es zu dem unnachahmlichen Glanz. Oder, ganz anders, erinnere ich mich an einen Fernsehbeitrag über Gaultier, bei dem eine Näherin in unzähligen Stunden ein unbeschreibliches Schuppenkleid aus Leder hergestellt hat. Perfektes Design, höchste Qualität, leidenschaftliche - für manche sicher auch langweilige Arbeit. Viele Grüße,Annette

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  3. Gegen Langeweile beim Stricken hätte ich ein paar Ideen...

    Zur Lektüre: Elizabeth Zimmermann (die Erfinderin des I-Cords, vor gefühlten 80 Jahren) - niemand schreibt amüsanter und intelligenter übers Stricken.

    Wunderbare Designs, sowohl Kleidung als auch Accessoires (mal ein paar Frauen):
    Ysolda Teague, Kate Davies, Asa Tricosa, Alana Dakos, Susanna IC

    Wirklich innovativ:
    Olga Buraya-Kefelian, Kieran Fowley, Xandy Peters, Horst Schulz...

    Viele liebe Grüße!
    Susanne

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    1. OOohhhhh, 1000 Dank für die Tipps! Das freut mich wirklich sehr.

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    2. Aber nicht böse sein, wenn Du frühestens nach vier Tagen wieder etwas anderes machst als die Ravelry-Datenbank durchzuforsten, ja?

      LG Susanne

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  4. Design, das den eigenen Geschmack trifft, sollte man sich gönnen dürfen und im Sinne der Gleichberechtigung sollte es doch egal sein, ob der Designer ein Mann oder eine Frau ist, oder sehe ich das falsch?.
    Langweiliges Stricken mag ich ja sehr, da es nebenher und ohne nachdenken geht; finde ich entspannend.
    LG von Susanne

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    1. Eigentlich ist es mir egal, ob es ein Mann oder eine Frau ist, aber gerade in einer Domäne, die so stark mit Frauen frequentiert ist, irritiert mich der Hype um männliche Stars. Das geht mir bei den Chefköchen genau so.

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  5. Interessant, dass ihr so auf die Langeweile anspringt. Für mich ist Langeweile tatsächlich ein Thema. Ich mag die Balance aus nicht-so-viel-Denken und in-Spannung-gehalten-werden und stricke sehr gerne Muster, aber die die ich mir gut merken kann. Aber nur Langeweile ist nix für mich, selbst, wenn es um "vor-dem-Fernseher-stricken" geht.

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    1. Ich bin eben mit deiner Begründung, der Schal sei langweilig zu stricken, begeistere dich bei der fertigstellung nicht und habe deshalb kein gutes Design nicht so richtig einverstanden. Design ist doch die Idee und das, was man nachher sieht. Das Scheren der Schafe für die Wolle ist sicher auch nicht der begeisterndste Part der Herstellung eines Pullovers und trotzdem, um eine wunderbare Wolle zu bekommen, muss man auch dafür die Zeit haben, sonst nützen die schönsten Strickmuster nichts. Viele Grüße, Annette

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    2. Meike. Das war doch dein Köder, den du ausgeworfen hast. Zwinker
      Lg Monika

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  6. Vielleicht gibt es ja sowas wie therapeutisches Stricken/Häkeln/Sticken; da wären Langeweile und Endloswiederholungen bei der Herstellung durchaus ein Kriterium. Die mentale Beanspruchung könnte in den Schwierigkeitsgrad eines Werkstücks und die finale Bewertung einfließen. Design jedoch beschreibt das äußere Erscheinungsbild unabhängig vom Herstellungsprozeß und pädagogischem Anspruch.
    Ein Kleid mit unzähligen Biesen/Rüschen/Smok/Knöpfen o.ä. zu nähen fände ich auch langweilig. Ob das am Ende gut aussieht oder nicht, ist eine Frage meines persönlichen Geschmacks, aber nicht meiner Befindlichkeit.

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    1. Ich würde jetzt meine Hand nicht ins Feuer legen wollen für eine Definition des Begriffes Design. Aber ich mag es, wenn Anleitungen oder Konstruktionen so durchdacht sind, das Überraschungseffekte beim Herstellen auftauchen, wenn eins zum anderen passt und durch eine plötzliche Wendung auf einmal ein Effekt eintritt, der eigentlich ganz einfach ist und doch eine Wow-Wirkung hat. Das ist für mich auch ein wichtiger Aspekt guten Designs.

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  7. Ich denke mal, der Hype um Stephen West liegt nur zum Teil daran, dass er ein strick(design)ender Mann ist. Seine Tücher sind eine willkommene Abwechslung zu den vielen Tüchern mit Rüschen, Zipfeln und Blattmustern, die bisher im Netz zu finden waren. Dadurch sind sie für alle tragbar, die es nicht so verspielt mögen, z.B. die meisten Männer. Die grafischen Designs haben eine schlichte Schönheit und die Konstruktion ist gut durchdacht.
    Und ich schreibe das, obwohl ich noch gar nichts von ihm gekauft bzw. gestrickt habe!

    Ich stricke zurzeit mein erstes Martina-Behm-Tuch, die Lintilla. Das Muster ist eingängig, aber nicht langweilig. Man wechselt immer wieder zwischen verkürzten Reihen und langen Reihen ab. Dadurch entstehen die Rüschen am Rand sozusagen on-the-go, das ist sehr angenehm.
    Sie hat aber auch Tuchdesigns ohne Rüschen, z.B. den Hitchhiker oder Trillian, die auch gern von Männern getragen werden.

    Tini hat sie mal für ihren Podcast interviewt:
    http://zwillingsnadelpodcast.blogspot.de/2014/04/folge-26-interview-mit-martina-behm.html

    Ich finde sie darin sehr sympathisch.

    Also falls Du eine Strickdesignerin unterstützen willst, die gute, nicht zu verspielte Designs macht, ist sie vielleicht eine gute Wahl.

    Liebe Grüße,
    Henriette

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  8. Ja, ich glaube auch, dass wir zuviele Rüschen und Lace-Tücher gesehen haben und deswegen jetzt mehr auf den cooleren, androgyneren Look abfahren. Das ist bestimmt ein Grund für den Hype.

    Martina Behm ist mir auch schon öfters aufgefallen und ich habe auch schon ein Tuch gefunden, mit dem ich liebäugele: Mr. Watson

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  9. Hallo Meike,
    da ich gerade das Stricken für mich wieder neu entdeckt habe und auf so manche Offenbarungen gestoßen bin, habe ich natürlich auch mit dem Studieren Deiner Beiträge begonnen - und ausgerechnet bei dem über den Stephen-West-Hype hängengeblieben. Du fragst, ob dieser Hype OK ist.

    Von dieser Warte aus habe ich die ganze Sache noch nie betrachtet, da ich nur für mich sprechen und sagen kann, dass mir seine Designs überhaupt nicht gefallen und es mich wahnsinnig machen würde, erstens asymmetrisch und dann auch noch so viele Farbflächen aneinander zu stricken.

    Das Ergebnis sah bei manchen Bloggerinnen wirklich beeindruckend aus, aber meins ist es nicht.

    Viel schöner finde ich die Designs von Frankie Brown, die viel mit meliertem Garn arbeitet und in einigen Mustern "um die Ecke" designt hat.

    Mehr kann ich im Moment nicht dazu sagen, weil das Essen ruft.

    LG
    Ulrike

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