Freitag, 26. Februar 2016

Das Dreieckstuch




Nach vielen, vielen Jahren habe ich ein neues Dreieckstuch. Das wurde wohl auch Zeit. denn das alte Tuch habe ich schon 1989 am Nordkap verloren.

Als Jugendliche hatte ich immer irgendwelche Spleens. Es gab Dinge, die ich irgendwo aufgeschnappt hatte und dann dringend brauchte. Zum Beispiel Overknees, also gestrickte Stulpen, die ich über die Jeans tragen wollte und die bis übers Knie gingen. Oder eben ein Dreieckstuch. Meine Lieblingsoma war immer diejenige, die mir solche spleenigen Wünsche erfüllte. Meine Mutter rollte wahrscheinlich nur mit den Augen, ob meiner merkwürdigen Ansinnen. Was ich lange Zeit nicht wusste war, dass meine Oma gar nicht oder zumindest nicht gut stricken oder häkeln konnte. Wenn ich mit einem welligen gehäkeltem Topflappen aus dem Handarbeitsunterricht mit tränenerstickter Stimme kam, behielt sie ihn eine Woche bei sich und half mir aus der Patsche. Wenn ich mir Stulpen wünschte, bekam ich gestrickte Stulpen und als ich mir ein Dreieckstuch mit Lochmuster wünschte, bekam ich es. Erst später habe ich erfahren, dass meine Oma jemanden dafür bezahlte, meine Handarbeitsprobleme zu retten oder extravaganten Wünsche zu erfüllen. Sehr lösungsorientiert und meine große Liebe zu ihr wurde dadurch noch größer, weil ich wusste, dass ich auch mit den spleenigsten Ideen zu ihr kommen konnte.



Mützen mochte ich noch nie. Das Dreieckstuch war prima, wenn es schneite oder sehr kalt war. Ich trug es als Kopftuch oder eben wie die damaligen "Pallitücher" oder die gefärbten Windeln mit der Spitze nach vorne und einmal rund um den Hals. Niemand außer mir hatte so ein Tuch, das fand ich prima. Es war grau (!) und passte zu allem.

1989 las ich ein Buch und hatte nach der Lektüre den unbändigen Wunsch Nordnorwegen zu besuchen und mit dem Bus zum Nordkap zu fahren. Im Sommer 1989 machte ich drei Monate einen Au-Pair-Job in Finnland und nahm mir vor, in dieser Zeit zu überlegen, ob es sinnvoll wäre, mein Studium weiter zu machen oder das Fach zu wechseln. Der Job war doof, ich kündigte und beschloss eine paar Wochen durch Skandinavien zu trampen, um herauszufinden, was ich wirklich wollte. Meine Mutter schickte mir ein Interrailticket, ich sagte ihr nicht, dass nördlich des Polarkreises keine Eisenbahnen fuhren. Ich fragte alle finnischen Bekannten ob sie Verwandte oder Freunde irgendwo in Skandinavien hätten wo ich übernachten könnte, denn Geld hatte ich kaum etwas. Mit Anfang zwanzig macht man eben so Sachen.



Ich reiste durch Finnland bis zum Polarkreis, rüber nach Schweden, dann nach Narvik in Norwegen. Von dort wollte ich den Bus zum Nordkap nehmen, wie in dem Buch beschrieben. Ich hatte alles sorgfältig geplant. In Ermangelung einer günstigeren Unterkunft hatte ich am Nordkap ein Hotel für eine Nacht gebucht, dann wollte ich an Bord der Hurtigrouten gehen und runter zu den Lofoten fahren. Einziges Problem, der Bus ab Narvik fuhr "daily except Saturdays" und ratet mal, an welchem Wochentag ich an der Bushaltestelle stand. Ich musste am nächsten Tag am Nordkap sein, denn ich hatte den billigsten Tarif, ohne Möglichkeit zum Umbuchen, gekauft, denn ich hatte so wenig Geld, dass ich mich eigentlich nur von Käsebrot ernährte und mit Todesverachtung sogar den Heringssalat aß, der mir allen Orten angeboten wurde. Ich fand heraus, dass es sogar günstiger war zum Nordkap zu fliegen, als mit dem Bus zu fahren und tat das dann auch, obwohl ich genau wegen dieser Busfahrt in diese nördliche Region gefahren war. Aber ich hatte sie im Buch beschrieben bekommen und hoffte, wenigstens einen Teil des Eindrucks vom Himmel aus zu bekommen.

Ich mache es nun kurz: der Flug war beeindruckend aber noch heute traure ich der entgangenen Busfahrt nach. Noch mehr trauerte ich allerdings dem grauen Tuch nach, das ich entweder im Flugzeug oder im Hotel liegen liess, als ich zum Schiff eilte. Noch Monate später schrieb ich Briefe und Postkarten an die Fluggesellschaft und das Hotel, ob das Tuch nicht doch irgendwo aufgetaucht wäre. Keine Chance, es war verloren. Ich hoffe, es hat jemand anderen glücklich gemacht. Der Rest der Reise war trotzdem toll. Ich erlebte eine phänomenale Woche auf den Lofoten, reiste weiter durch die Fjorde, nach Norwegen, Südschweden und Stockholm. Es war so nen verrücktes Ding, wie man es auch ohne Geld in der Tasche eben nur mit Anfang zwanzig macht.



Jetzt habe ich wieder ein Tuch. Ganz anders, viel feiner als das, was ich damals hatte. Aber wenn ich es um den Hals schlinge, dann denke ich an Nordnorwegen.

Strickmuster: Stoff und Stil
Wolle: Fine Wool von Stoff und Stil
Würde ich es nochmal stricken: NEIN, das Muster ist nur wenig intuitiv. Ich habe noch nie beim Stricken so viel geschummelt. Außerdem sieht sowieso niemand das Muster, wenn es um den Hals gekrumpelt ist.

Die Fine Wool von Stoff und Stil soll angeblich nach dem Stricken-Waschen-Spannen sehr viel feiner werden. Frau Nahtzugabe berichtete davon. Bei mir ist dieser Effekt aber nur sehr sehr spärlich eingetreten. Ich bin auch ein wenig skeptisch, wie stabil dieses Buch ist, denn der Faden ist wirklich sehr sehr fein und wenn frau beim Stricken nicht aufpasst, dann reisst er leicht. Das Tuch so wie es ist, finde ich aber sehr angenehm leicht und trotzdem warm. Ich mag es!



Kommentare:

  1. Hach... Herrlich! Ich verstehe dich.
    Ich habe meiner Oma in meinen Zwanzigern ihr Tuch abgeluchst. Nun ist sie 88 und kann mir nicht mehr verraten, wie sie es gehäkelt hat.
    Dein Tuch gefällt mir ausgesprochen gut! Ich mag dieses eine Dreieckstuch meiner Oma sehr und so wie du verbinde ich viel mit diesem Tuch.
    Ein schönes Wochenende für dich!
    LG Sylvie

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  2. Was für eine schöne Reisegeschichte, trotz des verlorenen Tuches. Und ich mussste lachen über Deine Beschreibung, das Tuch mit der Spitze nach vorne einmal um den Hals gewickelt zu tragen, das hab ich damals auch so gemacht und mache das heute mit den selbstgestrickten Tüchern immer noch so!
    Das neue Tuch gefällt mir sehr gut, so ein schönes Muster.
    Liebe Grüße
    Lexi

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    1. Ich mache es auch so, denn mir fällt keine bessere Möglichkeit ein. So über die Schulter hält ja den Hals nicht warm und dann fühle ich mich immer wie eine Bauerndmagd oder ne olle Oma.

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  3. Hallo!
    Hört sich toll an, deine Nordland-Reise, da kommt man ins Träumen!
    Am besten allerdings fand ich deine Geschichte über deine Oma, die jemand anders beauftragt hat, deine "Extrawürste" herzustellen, wirklich wunderbar!
    Tolles Muster hast du da gestrickt, viel Freude mit deinem guten Stück!
    LG Fia

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  4. Wie immer bin ich von diesem Muster schwer beeindruckt...Und beim Lesen habe ich mich mit einem Grinsen an all die schönen Reisegeschichten erinnert, die Du mir schon erzählt hast! LG Merle

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  5. Du schreibst so schön und hast so spannende Dinge erlebt.
    Schreib doch einfach Deine Memoiren, ich würde die sofort kaufen. ;-)
    Nicht weil ich so voyeuristisch veranlagt wäre, sondern weil ich Deinen Stil so mag.

    Liebe Grüße,
    Henriette

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    1. Haha, Memoiren. Das kommt erst später! Erst, wenn ich nen Stammplatz in der NDR-Talkshow habe, aber daran muss ich wohl noch arbeiten.

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