Samstag, 21. März 2015

#HosenHerbst - das Finale der Herzen



Der Frühling liegt in der Luft *hatschi*, Zeit für das Finale der Herzen!

Erzählt, wie geht es euch mit den Hosen?


Viele Monate haben wir uns mit dem Thema Hosen beschäftigt und die eine oder andere Hose genäht. Heute - und in den nächsten Tagen, die Linkliste bleibt eine Woche lang geöffnet - geht es darum, noch mal auf unsere Erfahrungen mit dem Hosennähen zurück zu blicken und auch auf die Ergebnisse. Dabei geht es mir nicht nur darum, eure Werke zu bewundern, sondern auch von euch zu lesen, ob ihr eure Hosen mögt und gerne anzieht. Ihr dürft auch gerne in die Zukunft blicken und darüber schreiben, ob ihr weiter an dem Hosenthema dranbleiben wollt und welche Hosenprojekte ihr perspektivisch verwirklichen wollt.

Doch bevor ihr euch mit euren Erkenntnissen verlinkt, habe ich noch zwei Schmankerl für euch und lasse Frauen zu Wort kommen, die sich schon länger mit dem Thema Hosen beschäftigen.

Meine Mutter und die Hosen


Mich interessierte, wer meine Haltung zu Hosen geprägt hat und habe dazu meine Mutter interviewt. Ich meinte mich zu erinnern, dass die Jahre meine Kindheit in den 70ern auch in einem Vorort von Frankfurt davon geprägt waren, neue Freiheiten auszuprobieren. In meiner Fantasie trug meine Mutter früher nur Röcke und irgendwann dann plötzlich doch Hosen - eben zu jener Zeit, als sie aufhörte, mühsam die Locken aus den Haaren zu ziehen. Das meine Erinnerung so nicht ganz stimmt, hätte ich bemerken müssen, wenn ich an mein Baby-Fotoalbum dachte. Denn jedes Mal, wenn wir es betrachten erwähnt meine Mutter stolz, dass sie sich in meinem Geburtsjahr 1968 eine schicken roten Hosenanzug genäht hat. Komisch, wie die Erinnerung trügt, ich fand es gerade deswegen spannend, ihr - per Mail - ein paar Fragen zu stellen:

Meike: Kannst du dich daran erinnern, wann du deine ersten Hosen getragen hast? Ich frage, weil ich die Vermutung habe, dass in den 50ern und frühen 60ern die Mädchen und Frauen eher oder nur Röcke trugen. Trug deine Mutter oder andere Frauen Hosen?
Meikes Mutter: In der Grundschule durften wir Mädchen in den frühen 50er Jahren noch keine langen Hosen tragen. Da die Winter oft sehr kalt, die Schulwege meistens sehr lang und das Mamataxi noch nicht erfunden war, trugen wir über der Hose einen Rock und zogen dann in der Schule die Hosen aus. Ansonsten trugen wir Hose nur zum Skifahren, diese wurden an den Knöcheln mit Bändern zusammengebunden, damit der Schnee nicht reinrutschen konnte. Im Sommer durfte ich schon eine Lederhose tragen (natürlich nicht in die Schule), auf die ich sehr stolz war.
Meine Mutter trug eigentlich immer nur Röcke, dennoch erinnere ich mich, dass sie zum Wandern oder Skilaufen auch einmal eine Hose trug. 
Meike: War das Tragen von Hosen ein "revolutionärer Akt" eine Befreiung? Waren Hosen feministisch? Zu welcher Zeit war das und welchen Gefühlen war das verbunden?
Meikes Mutter: Anfangs waren Hosen wie Röcke geschnitten. Sie hatten einen seitlichen Reißverschluss und möglichst vorne Bundfalten, damit die Figur nicht zu sehr betont wurde. Meine Schwiegermutter sprach mich einmal auf eine, meines Erachtens totschicke Hose an, die einfach nur gut saß, dass dies für eine Frau sicher sehr unbequem und bestimmt auch nicht gesund sei. Aus diesem Grund trug ich diese Hose dann erst recht. So revolutionär habe ich die Hosen eigentlich nicht gesehen, es war einfach ehr praktisch. Sogar während meiner ersten Schwangerschaft hatte ich schon einen Umstands-Hosenanzug. 
Meike: Waren "Blue Jeans" wirklich eine Revolution? Ab wann trugst du Jeans und ab wann war das normal?
Meikes Mutter: Die erste Jeans erhielt ich dann Ende der 60er Jahre. Du warst gerade geboren und ich wollte mit dir spielen und auf dem Boden krabbeln. Eines Tages ging iich in ein gutes Bekleidungsgeschäft und fragte nach einer Hose, mit der man Krabbeln kann, die man selbst waschen und bügeln kann. Die anderen Hosen musste ich immer in die Reinigung geben. Diesen entsetzten Blick würde ich heute gerne noch einmal sehen. Die Lösung war natürlich die Jeans. Aber ich habe lange gebraucht, um darauf zu kommen. Gesellschaftsfähig war sie da aber für eine Frau noch lange nicht. Man trug sie eben nur zu Hause oder im Garten. Um eine Jeans zum Ausgehen anzuziehen, dauertes es noch lange - ich weiß nicht mehr genau, aber bestimmt bis an das Ende der 80er Jahre.

Dann aber liebte ich die Jeans, die meist eine gute Passform hatte, sich den Bewegungen anpasste und leicht zu pflegen war. In der letzten Zeit bin ich wieder von der Hose abgekommen. Nachdem der Hosenanzug seit nun ca. 10 Jahren Out ist, trage ich zu"guten"Anlässen schon länger wieder Kleider oder Röcke.Wie schön, dass wir Frauen die Auswahl der Kleidung inzwischen selbst vornehmen können.

Die Hosen-Expertinnen


Außerdem wollte ich gerne mit Fachleuten sprechen, die sich intensiv mit der Konstruktion von Hosen beschäftigt haben. Dank des Tipps von missbartoz lernte ich - zumindest virtuell - Yvonne von Langsdorff, die mir großartigerweise meine Fragen beantwortete. Yvonne von Langsdorff und Bettina Zehnle bieten seit vielen Jahren unter dem Label Zehnle von Langsdorff quasi maßgeschneiderte Hosen für jede Figur an. Das besondere an ihren Hosen ist ein Hosenbein, bestehend aus drei Schnittteilen.

Die beiden Hosendesignerinnen haben über 2500 Frauen vermessen und so ihre besonderen Hosenschnitte entwickelt - na, wenn das keine Hosenexpertinnen sind! Ich mag ihre Gedanken und ihre Philosophie und bin dankbar, dass sie uns daran teilhaben lassen.

Ich habe noch keine Hose von Zehnle von Langsdorff probiert, aber als ich von der Idee hörte, dass sich zwei Frauen diesem schwierigen Thema auf besondere Art und Weise nähern, um die Nachteile der Massenkonfektion auszugleichen, war ich gleich begeistert. Ein Schnittteil mehr zu benutzen erscheint mir so logisch: es geht doch um Dreidimensionalität! Als ich im Schnittkonstruktionsunterricht stundenlang mit meiner Lehrerin an einem Ärmel herumbastelte der meine große Oberarmweite bedient aber trotzdem noch in ein normales Armloch passt, war dieses Problem kaum zu lösen. Mit einem Schnittteil mehr, einem Zwei-Naht-Ärmel, war es schließlich ganz einfach möglich, Weite an den richtigen Stellen zuzugeben, ohne dass an anderen Stellen zu viel Stoff übrig war. Ist doch logisch - mit Teilungsnähten können hübsche Rundungen erzeugt werden!

Bilder ihrer Hosenmodelle und mehr Informationen zu dem Konzept von Zehnle und Langsdorff findet ihr auf ihrer Internetseite. Wenn ich das nächste Mal in Berlin bin, führt mein erster Weg nach Kreuzberg zu Zehnle von Langsdorff und um mich für das Interview zu bedanken und eine Hose zu kaufen. Auch wenn ich mittlerweile in der Lage bin, Hosen selbst zu konsturieren und zu nähen, bin ich sicher, dass das eine besondere Hose wird und dass es noch viel zu lernen gibt!

Hier ist das Interview:

Meike: Wie sind Sie auf „die Hose“ als Produkt gekommen? Was war der Anlass? 

Yvonne von Langsdorff: Als ich mit Tina begonnen habe unsere Firma zu gründen, war uns klar, dass es auf dem Markt kein weiteres Modelabel braucht, was sich schöne Sachen ausdenkt und dann darum kämpft Kunden zu gewinnen. Wenn man auf dem Markt bestehen will und nicht über Millionen Grundkapital verfügt, soviel kostet real die Gründung eines Label, wenn es bestehen will und das wird leider immer unterschätzt... ; dann sollte man sich eine Nische suchen. 
In unserem Fall war es zuerst Rock und Hose. Und von Beginn an war uns das Thema Passform wichtig, denn auch hier ist ein enormer Bedarf. Es vergeht kaum ein Tag, wo nicht eine Kundin zu uns kommt und sich beschwert, dass man „draußen“ schon lange sehr schlecht Bekleidung findet, die passt.
Gutes Design, das passt, verlockend im Stoff und in der Form ist, hat für uns Sinn gemacht.
Und um auf dem Markt erkennbar zu sein und sich nicht zu verzetteln, haben wir uns auf „die Hose“ spezialisiert und merken jeden Tag von Neuem, wie vielfältig dieses Thema ist.
Meike: Ist maßgefertigte Kleidung ein Luxusprodukt? 
Yvonne von Langsdorff: JA, es ist Luxus sich etwas Maß zu fertigen, weil es nicht der Norm im Sinne von häufig entspricht. Es hebt sich ab und kostet mehr als der Durchschnitt, ein Zeichen für Luxus. Deswegen gibt es heute nur noch ganz wenige Schneider, die dieses Handwerk in dieser Form ausüben können.
Wir selbst machen in diesem Sinne auch keine Maßhosen, das würde viel zu teuer für den Einzelnen. Aber wir nehmen durchaus manchmal die Maße des Einzelnen auf, um dann den Schnitt im Zuschnitt der Person entsprechend zu verändern und zuzuschneiden.
Das klassische Schneiderhandwerk entwickelt für jeden Einzelnen einen neuen Schnitt.
Tun wir übertragen zwar auch;) nur viel effektiver, weil wir eben nur auf dieses Produkt spezialisiert sind.

Meike: Sie haben eine Studie zum Thema Körperformen durchgeführt und über 1000 Po’s vermessen. Was waren die wichtigste Erkenntisse?

Yvonne von Langsdorff: Ja, diese Studie hat sich zwangsläufig ergeben. Mittlerweile sind es über 2600 Frauen, die wir mehr oder minder vermessen haben, da alle bei uns Hosen bestellt und gekauft haben.
Und wenn ich mit Tina gefühlt 50x die gleiche Veränderung in einer bestimmten Größe und Form gehabt habe, dann haben wir einen neuen Schnitt für diese Figur entwickelt.
Es hat sich im Lauf der Jahre herausgestellt, dass es so was wie eine Durchschnittsgröße z. B Gr.38 im realen Leben nie gibt. Wenn wir in industrielle Größen rein passen, dann nur aus Zufall. Ist quasi Lotto spielen „draussen“ etwas passendes zum Anziehen zu finden. Man wird im Lauf der Zeit eine Menge Geld los und bekommt sehr selten dass, was man möchte.
Figuren von Menschen sind sehr individuell, auch wenn das bloße Auge oft keinen Unterschied ausmachen kann, wir sehen gut. Je besser die Bekleidung passt, desto schöner wird der Träger aussehen und man fragt sich dann immer warum jener das tut, weil nicht unbedingt etwas ersichtlich sein muss. Eine gute Form , ein wunderbares Gewebe und perfekt passend, gibt der Trägerin Körperspannung zurück und somit Attraktivität. Alles ohne Schnörkel... 
Wir sind also nicht zu dick, zu groß, zu klein und was sich die armen Menschen noch so ausdenken, wir sind schlimmstenfalls sehr schlecht gekleidet;) 
Wir entsprechen keiner Norm, wie ein Handy, um das man irgend eine Hülle wickeln kann. Wir haben Körper, die sich über Jahre entwickelt haben, Geh und Stehweisen, die unserer Persönlichkeit entspringen usw. warum wollen wir unbedingt in genormte Größen passen? Vielleicht, weil der Markt wenig Angebot hat, Schneider generell als teuer und manchmal auch „muffig“ gelten?
Und das bestärkt uns jeden Tag weiter zu machen. Es macht uns große Freude, zu sehen, wie die Frauen (manchmal auch Männer) sich freuen, weil sie zum 1.Mal erleben, wie sie eigentlich aussehen können. Weil Hosen immer ein lästiges Thema für sie war und auf einmal sehen sie in sämtlichen Modellen fantastisch aus. Das ist wunderschön zu sehen.

Aber jetzt endlich zu euch: wie ging es euch in den letzten Monaten mit dem Thema Hosen? Ich bin gespannt.





Die Linkliste ist eine Woche lang geöffnet. Alle Beiträge zum Thema #HosenHerbst findet ihr hier.





Mittwoch, 18. März 2015

MMM - ungewohnt behost



Heute zum MMM zeige ich euch meine neue Jeans. Wie ihr vielleicht mitbekommen habt, bekommt der #HosenHerbst zum kalendarischen Frühlingsanfang am 21.3. noch eine Chance für ein Finale der Herzen - da musste ich mich natürlich aufraffen und auch meine versprochene Hose noch zu nähen und zu tragen, um von Trageerfahrungen berichten zu können.

Tja, es ist ungewohnt für mich in Hosen. Die Wollhose, die ich schon mal beim MMM zeigte, hatte ich eigentlich gar nicht mehr angezogen, nachdem eine Bekannte meinte, ich würde spießig darin aussehen. Ehrliches Feedback ist immer gut, aber so eine Aussage ist natürlich nicht sehr motivierend, das Hosenexperiment fortzusetzen. Aber eigentlich war die Wollhose ja auch nur eine Probehose, denn von Anfang an, also seit Juli 2014, ging es mir ja um eine Jeans. Ihr erinnert euch, ich hatte, in der Tram sitzend, von weitem eine Jeans an einer Frau gesehen, die mich bezauberte.... Und? Ist meine Jeans jetzt wie diese Traumhose, die mich nicht mehr los ließ?

Nein, ist sie nicht. Aber es ist eine nette Jeans geworden - nicht mehr und nicht weniger. Im Laufe des Hosenkonstruierens und Probenähens ist mir klar geworden, dass das mit mir und den Marlenehosen irgendwie nix wird. Ne Jeans muß zumindest obenrum ein bißchen knacken. Als ich endlich meine Hosen-Unlust überwunden hatte, beschloß ich 1. dass ich die Jeans ganz sparsam nähen werde, also ohne Taschen und den üblichen Jeansschnickschnack und 2. dass es eine Schlaghose werden sollte, wie ich sie in den goldenen 90ern geliebt habe.

Hier seht ihr die wenig vorteilhafte Wahrheit:



Ich glaube, es ist ratsam, zur Abwechslung mal etwas über den Bund zu ziehen. Ein längeres Oberteil macht mich in diesem Fall doch schöner, auch wenn ich das bei Kleidern und Röcken nicht mache.

Schnitt: selbstgemacht
Jeans: aus dem Lager, habe vergessen, woher ich ihn habe, leider ohne Elasthan.

Tja, und das mit dem Schnitt war auch nicht so einfach:




Meine Nählehrerin erwähnte zwar mal in einem Nebensatz, dass eine Schlaghose ab dem Knie ausgestellt würde, aber mehr wusste ich über die Konstruktion von Schlaghosen nicht. Also nähte ich nach dem selbst gemachten Schnitt und näherte mich sukzessive durch immer und immer wieder enger nähen dem Ergebnis, wie ich es haben wollte. Das dauerte natürlich EWIG - aber jetzt bin ich zufrieden. Die Hose ist nicht perfekt und ich bin noch nicht mal sicher, dass beide Beine auch nur ähnlich geschnitten sind, aber das ist mir egal. Nicht, dass ich jetzt dauernd Hosen tragen wollen würde, aber wenn, dann diese. Die ist schon ok, wenn es auch vorteilhafteres für mich gibt. Aber jetzt ist Frühling und ich kann partout keine Strumpfhosen mehr sehen, da kommt mir meine neue Jeans sehr gelegen.

Mehr schöne selbstgemachte Klamotten an echten Menschen gibt es wie immer Mittwochs auf dem Me Made Mittwoch Blog - heute mit Katharina als Gastgeberin im viel schöneren, traumhaften roten Mantelkleid. Hach, Kleider mag ich doch lieber als Jeans, aber egal......


Montag, 16. März 2015

Warum ich gerne im Stoffladen arbeite (1)

Da ich gerade nicht so viel an fertigen Nähwerken zum Zeigen habe, wollte ich euch erzählen, was das mit mir und der Arbeit im Stoffladen so auf sich hat. Dazu will ich ein bisschen ausholen, denn meine Stoffladenliebe begann schon in den 80ern.

Mit 16 oder 17 suchte ich als Schülerin einen Nebenjob. Meine Eltern weigerten sich, mir Allround-Turnschuhe, Levis-Jeans, Ski-Urlaub und den Führerschein zu bezahlen, also musste ich Geld verdienen. Eigentlich konnte ich nix und Babys mochte ich nicht - ich war eben noch Schülerin. Also lief ich durch Frankfurts größte Einkaufsstraße, die Zeil, und fragte in jedem Kaufhaus nach, ob ich dort als Aushilfe arbeiten könnte. Ich kann mich noch gut erinnern, wie spannend ich das fand, diese Kaufhäuser durch die Hintertür zu betreten und durch dunkle Gänge mit Linoleumböden zu laufen und das zu sehen, was frau als Kundin nie zu sehen bekommt. Ich füllte in diversen dunklen Kabuffs Bewerbungsbögen aus und nach wenigen Tagen hatte ich einen Job. 

Ich hatte das große Glück im Kaufhaus M. Schneider zu laden. Meine Oma fand das super, denn das Kaufhaus Schneider war ein frankfurter Traditionskaufhaus, familiengeführt, kompetent für Spezialinteressen wir Miederwaren oder Socken und eben auch Stoffe - ein Kaufhaus, das bei älteren Damen sehr beliebt war und hohes Ansehen genoss. Zunächst war ich etwas enttäuscht über die Zusage, hätte ich es doch viel cooler gefunden in einem etwas moderneren Ambiente zu arbeiten, bei dem mir die Personalprozente etwas dienlicher hätten sein können. Aber mit der Zeit lernte ich diesen Laden zu schätzen, arbeitete dort fünf Jahre und hätte das auch noch weiter getan, wenn nicht mein Stundenlohn zu mager gewesen wäre, um meine eigene Wohnung zu finanzieren. 

Von Anfang an, war ich der Stoffabteilung zugeteilt. Meine vorrangige Aufgabe war es, Stoff, der auf Rollen geliefert wurde, zu doublieren, das heißt zusammengefaltet auf eine Pappe zu wickeln. Dazu standen immer zwei SchülerInnen in eine Büroraum im vierten Stock nebeneinander an zwei Tischen, rollten ab und wickelten auf und schwätzten den ganzen Tag. Nach einiger Zeit durfte ich das erste Mal ins Lager. Ich fand es immens aufregend, in den Keller zu fahren. Es gab sogar noch einen Keller unter dem Kellergeschoß und alles war voller Stoff. Im Winter lagerten dort die Sommerstoffe und umgekehrt. Am Ende des Verkaufstages durften wir in die Stoffabteilung, um dort beim Aufräumen zu helfen. Wir wurden auch von KundInnen angesprochen, konnten aber nur wenig beraten und auch keinen Stoff abschneiden, denn jede Verkäuferin trug ihre eigene Schere an einem Band am Gürtel oder am Handgelenk befestigt. 

Am spaßigsten war es, in der Weihnachtszeit zu arbeiten. Während auf der Zeil den lieben langen Tag MusikerInnen Weihnachtslieder dudelten, tranken wir Glühwein aus der Thermoskanne, trugen Faschingshütchen und doublierten Karnevalsstoffe, denn diese Artikel mussten rechtzeitig vor Silvester für den Laden vorbereitet sein. Überhaupt, Alkohol war durchaus ein Thema bei diesem Job. Es gab mehr als eine Kollegin, bei der ein Alkoholproblem offensichtlich war und es gab eigentlich ständig Schnapspralinen und einen Sekt zum Feiern. Ich fühlte mich wahnsinnig erwachsen. 

Die Verkäuferinnen fanden es sehr hilfreich, uns SchülerInnen-Aushilfen für Botendienste zu nutzen. Mindestens einmal am Tag mussten wir ins Nachbarkaufhaus " zum Wulli" (Woolworth), um dort etwas zu besorgen - im Zweifelsfall die Schnapspralinen. Da das Doublieren auf die Dauer doch ein wenig monoton war, genoss ich diese Ausflüge. Aber ich war auch gerne vor Ort, denn ich liebte es auch, die Gespräche der Verkäuferinnen zu belauschen. In dem Raum, in dem wir doublierten, hatte die "Lagerverwalterin" ihr Büro. Diese war die Briefkastentante für die ganze Abteilung und so bekamen wir den lieben langen Tag lang Besuch von Verkäuferinnen, die uns ihr Leid klagten und dafür eine Praline bekamen. Ich lernte eine Menge über Eheprobleme, Zipperlein, die Wechseljahre und Ähnliches. 

Bevor ich in der Stoffabteilung zu Arbeiten begann, hatte ich schon einmal genäht: ich färbte ein altes Bettlaken lila, schloß es mit einer Seitennaht zum Rock, säumte es und nähte einen Tunnel für einen Gummizug. Fertig war mein Femistinnenoutfit. Es sah bestimmt hinreißend aus in dem langen lila Rock mit meinen grünen Haaren und der lila Windel um den Hals. Leider, leider gibt es davon keine Fotos. Natürlich bekam ich durch meinen Job Lust, mit dem Nähen zu beginnen. Ich hatte zwei mal die Woche mit den herrlichsten Stoffen zu tun - allerdings kaum Geld, um sie mir leisten zu können. 

Trotzdem, die Stoffe verzauberten mich. Immer wieder träumte ich beim Doublieren. Ich träumte von wallenden Kleidern, von edlen Roben und konnte mich nur schlecht auf Eheberatung und Zipperlein konzentrieren. Irgendwann beschloss ich, dass ich zwar keine Ausbildung in dem Kaufhaus machen wollte, aber alles über Stoffe lernen wollte, was es zu lernen gab und erzählte dies frech dem Abteilungsleiter. Was dann geschah, erzähle ich ein anderes Mal. 

Laaaangweilig!



Das Bild symbolisiert sehr gut mein derzeitiges Nähnerd-Leben. Ich träume von Projekten, bekomme aber nicht wirklich etwas fertig genäht oder Zufriedenstellendes produziert und insgesamt sind meine Träume auch eher langweilig. Wie mir Blitzmerkerin, nachdem die neuen Schnittmuster drei Tage lang vor mir auf dem Esstisch lagen, auffiel, habe ich anscheinend ein Patentrezept, an das ich glaube und kann deswegen nicht mehr kreativ sein.

Mir ist, als bestünde mein Leben nur noch aus Taillenband, halber Teller und Ajaccio. Dabei ist Ajaccio auch eher nur so nen theoretischer Traum mit fünf Jerseys, die seit Juli warten, dazu verarbeitet zu werden. Irgendwie ist mir gar nicht danach. Aber egal, solche Phasen gibt es immer. Mein Leben ist ja derzeit auch gut mit Arbeit angefüllt, da ich im April "auf Montage" bin und jetzt ordentlich vorarbeiten muss, um alles erledigt zu bekommen.  Damit es hier im Blog aber derweil nicht so langweilig wird, habe ich mir überlegt, dass ich euch bei Gelegenheit erzählen werde, warum ich gerne im Stoffladen arbeite und dabei etwas weiter ausholen werde. Mal schauen, wann ich den ersten Post dazu fertig habe.

Und nicht vergessen: am 21.3. kommt das endgültige HosenHerbst-Finale! 

Donnerstag, 12. März 2015

SPOILER Great British Sewing BEE - das Finale der 3. Staffel

############ACHTUNG SPOILER############

Wer die aktuelle Final-Folge der 3. Staffel der GBSB noch sehen möchte und nichts darüber wissen möchte, darf diesen Post noch nicht lesen!

############ACHTUNG SPOILER############

Huch, die Zeit ging ja vorbei wie im Flug. Gefühlt habe ich erst vor drei Tagen kapiert, wie ich über das Ipad BBC two sehen kann und schon ist die dritte Staffel der englischen Sewing Bee schon wieder vorbei. Wie jede Woche versuche ich mich an dieser Stelle mit einem schnellen, spontanen und frischen (sprich, wenig durchdachten) Rückblick auf die aktuelle Folge und lade euch ganz herzlich ein, mit mir auf dem virtuellem Sofa platz zu nehmen und in den Kommentaren euren Senf zur aktuellen Folge zu geben. Please take a cup of tea, Dear!

Nicht nur wegen der technischen Probleme, die filmon mir in den letzten 3 Minuten bescherte, war es eine spannende Sendung. Konntet ihr den Rest, nach dem Geknutsche und Gejubel, auch nicht sehen? Erst der Abspann wurde bei mir wieder übertragen. Naja, egal. Obwohl, ich hätte schon gerne gewusst, was es zu gewinnen gab. Wurde das verraten? Ich habe ja nur die erste Staffel noch gesehen und meine mich zu erinnern, dass das damals auch nicht gezeigt wurde, ob und was es außer dem Pokal zu gewinnen gab. Ob es wohl nur Ruhm und Ehre ist?

Ich meine, das haben sie gut hinbekommen, das Finale, denn so klar, wer denn nun gewinnen würde, war es nicht. Aufs und Abs und wieder einmal ging war es mir nicht möglich, zu entscheiden, wer meiner Meinung nach die Aufgabe gewonnen hätte oder wer in meinen Augen gewinnen müsste - auch wenn ich natürlich eine Favoritin hatte, aber natürlich nicht verrate wer. Haha.

Zurück zum Anfang. Erste Aufgabe: japanisches Schnittmuster ohne Bilder. Das fand ich ja mal ne spannende Aufgabe. Wenn ich es richtig verstanden habe, ging es darum, zu verstehen, wie dieses Oberteil funktioniert. Vordergründig mussten die KandidatInnen natürlich nach dem Halsausschnitt und den Armlöchern suchen, aber eigentlich war das ganze doch noch trickyer, durch die Drapierung und die Asymmetrie. Ich hätte da gerne noch genauer hingeschaut. Ich hätte auch gerne gesehen, ob die KandidatInnen das sahen, was wir ZuschauerInnen gezeigt bekamen, denn wenn ich mich recht erinnere, sahen wir eine technische Zeichnung, wie das fertige Oberteil aussehen würde. Doch die KandidatInnen sollten sich das anscheinend nur vorstellen. Ich hätte auch gerne gesehen, wo der Fadenlauf eingezeichnet war. Jetzt bin ich tatsächlich neugierig auf das Ding, obwohl weit, flatternd und japanisch nichts ist, was ich an mir mag.

Meine Sympathie für die Aufgabe begründet sich auf "in der Ruhe die Konstruktion verstehen" - als 90 Minuten-Aufgabe, ist es eine Pest. Wie furchtbar fühlt es sich an, wenn man gar nicht anfangen kann, weil einfach nicht klar ist, worum es geht? Meine Methode, mit schwierigen Aufgaben umzugehen, ist mir erstmal irgendetwas zu suchen, mit dem ich anfangen kann, damit meine Hände, mein Körper, mein Gehirn mit der Aufgabe vertraut werden können. Wenn mir aber der Startpunkt fehlen würde, würde ich hysterisch werden. Umso großartiger fand ich es, dass dieses entscheidende Wissen von den KandidatInnen geteilt wurde. Es war einfach schön, dass Matt Lorna half.

Ich glaube, damit haben sie uns Hobbynäherinnen auch wieder bekommen, damit wurde dieser ach so konventionelle Wettbewerbscharakter subversiv aufgelöst. Auch wenn wir alle sicherlich nicht frei von Konkurrenzgedanken sind, sind wir wohl alle lieber auf einem gemütlichen, hilfreichen, kollegialen Nähkränzchen als dass wir mit Drill-Instruktoren nähen oder in einer künstlichen Wettbewerbssituation zu Fehlern verleitet werden, für die uns der gestreichelte Stoff viel zu leid tut. Ich glaube, wir haben alle die Sehnsucht, nach Nähnerdflausch und mit dieser kollegialem Hilfe, wurde unser Glaube in die internationale flauschige Näh-Welt wieder heile. Oder übertreibe ich mit dieser Sichtweite? Mir ging es jedenfalls so und ich war unheimlich erleichtert, als ich das sah. Mehr noch als das dauernde Geknutsche hat mir das etwas über eine Nähkultur verraten, die ich schätze.

Was mir am ganzen Finale auch gut gefallen hatte und auch sofort bei der ersten Aufgabe auffiel, war dass alle KandidatInnen in Schwierigkeiten war. Irgendwie gab es niemand, der siegessicher oben auf der Welle surfte. Die Aufgaben waren verdammt schwer und die Reaktion der KandidatInnen darauf war adäquat. Das war stimmig und in dieser Hinsicht war es leicht, mich als mitfühlende Zuschauerin ins Boot zu holen.

Auf die Bewertungen hatte ich diese Woche überhaupt keine Lust mehr. Ach, lass die Jury doch reden. Es geht doch gar nicht darum, wer am besten näht. Hier wird was gelobt, da wird was kritisiert und dann gibt es ne Rangfolge. So what?! Auf nice Topstitching kann man manchmal pfeifen und manchmal ist es kriegsentscheidend. Ach Jury!

Die zweite Aufgabe fand ich auch hübsch. Plissée finde ich inspirierend und die Idee, von innen etwas zu "bauen", was einen neuen Look gibt, ohne, dass das Hilfsmittel von außen zu sehen ist, fand ich spannend. Bei der Aufgabenstellung ist mir sehr stark aufgefallen, wie sehr das Wort "tragbar" betont wurde - insofern war es mir ein Rätsel, wie Neal auf diese Minirock-Stulpen-Idee kommen konnte. Aber bei der Veränderungs-Übung ist es immer eine Gratwanderung zwischen innovativ und tragbar.

Die Avantgarde-Kleider in der dritten Runde fand ich abgefahren. Mir hat gefallen, dass Neil einen sehr persönlichen Bezug wählte und wie passend, dass er zufällig die Bilder dabei hatte. Verschiedene Materialien zu verbinden ist immer Wahnsinn, aber wenn ne Theorie dahinter steckt, finde ich das toll. Lornas Idee mit der Lichterkette fand ich interessant, denn ich hatte ja am Anfang das Gefühl, dass sie sehr auf Nummer sicher gehen würde und hatte die Befürchtung, dass sie uns nicht überraschen würde. Einen Möbelstoff zu nehmen und über Lichterkette nachzudenken, fand ich dann aber tatsächlich sympathisch überraschend. Matts Kleid war natürlich abgefahren - wenn auch eher von Weitem. Richtig gut genäht war ja nur die Korsage und das hatte ich doch irgendwo schon mal gesehen ..... Als Jugendliche habe ich schon mal versucht etwas Ähnliches mit Reifrock, aber aus Müllsäcken zu nähen  - ich war jung und mir fehlte das Geld. Das war natürlich eine Schnapsidee und ein Reinfall, weil die Nähte die Müllsäcke perforierten und Klebeband nur mäßig gut aussah, aber ich hatte es versucht und vermute mal stark, das der Faschingsstoff von Matt auch nicht wesentlich leichter zu vernähen war, als meine Müllsäcke.

Wie gesagt, das Ende habe ich nicht gesehen, aber wahrscheinlich war da auch nicht viel mehr als Geknutsche. Zurück blieb irgendwie ein Gefühl der Leere. Dieses Nicht-Wissen, was ein Sieg eigentlich bedeutet und das Wissen, dass es nächste Woche eben nicht weiter geht - irgendwie fühlt sich das komisch an. Die Sendung mit der Maus kommt Woche für Woche und die Tagesschau täglich - wieso muss eine Nähsendung ein Wettbewerb sein, einen Sieger haben und ein Ende?

Ach, über ein Staffel-Fazit denke ich ein anderes Mal nach. Jetzt bin ich erstmal gespannt, was euch bei der aktuellen Final-Folge aufgefallen ist und freue mich auf Eure Kommentare! Danke im Voraus!


Donnerstag, 5. März 2015

SPOILER: Great British Sewing Bee - Staffel 3 Folge 5

############ACHTUNG SPOILER############

Wer die 5. Folge der 3. Staffel der GBSB noch sehen möchte und nichts darüber wissen möchte, darf diesen Post noch nicht lesen!

############ACHTUNG SPOILER############

Willkommen zum vorletzten Teil meiner kleinen Spoilerserie. Wie in den Wochen zuvor, versuche ich mich an einem schnellen Rückblick auf die aktuelle Folge der britischen Sewing Bee; heute war Halbfinale und Schwierige-Stoffe-Woche. Wie jede Woche schreibe ich direkt nach dem Ende der Ausstrahlung, mit ein paar Notizen zur Sendung, aber ohne durchdachtes Konzept. Es geht mir um einen frischen, noch ganz spontanen, wenig intellektualisierten Rückblick. Here it is:

Bei Aufgabe Nummer 1 war ich verblüfft. Ok, Spitze ist zwar ganz bestimmt ein herausforderndes Material, aber ein enger Rock ist etwas, was sicherlich jedeR schon mal genäht hat: Drei Teile, zwei Abnäher und ein nahtverdeckter Reißverschluß... uuuund Futter. Hey Klamotten haben auch ein Innenleben? Ein ganz neuer Aspekt des englischen Nähwettbewerbs!

Wie jede Woche machte ich mir so meine Gedanken zur Wahl des Materials und der Werkzeuge. Wenn etwas irgendwie zickig ist, bevorzuge ich den Rollschneider, weil die Schere, wenn sie nicht ganz ordentlich unter dem Material auf dem Tisch liegt, alles in Bewegung bringt. Ich war erstaunt, dass dennoch von Vielen mit Scheren zugeschnitten wurde. Erst im Laufe der Aufgabe kam ich dahinter, welche Schwierigkeiten in dem Projekt stecken können. Die Frage, wie mit den Nahtzugaben umgegangen wird, stelle ich mir recht selten. Es gibt sie einfach, meist werden sie versäubert und je nach dicke des Materials mache ich das vorher, um sie auseinander zu bügeln oder säume sie faul zusammen, nach dem Zusammennähen. Da ist Spitze natürlich tricky und obwohl in der Sendung einiges darüber gesagt wurde, was ich leider nicht wirklich verstand, habe ich immer noch keine Vorstellung davon, was frau idealerweise mit den Nahtzugaben macht. Bei Kates Hochzeitskleid waren sie auf jeden Fall sehr ordentlich.

Als es zu den Juryurteilen kam, war ich echt platt. Als Matts Rock vorgestellt wurde, jubelte ich innerlich "ach schau mal, der macht ja genauso unordentliche Säume wie ich" und ich meinte den Futterrock, der echt einen unordentlichen, dicken, komisch zuppelnden Saum hatte. Aber die Jury kommentierte den Rock mit "Sewing extremly good". Ach.... Ich glaube, diese Folge muss ich mir doch noch ein zweites Mal anschauen und dann immer erst die Jury-Urteile und dann noch mal das Ergebnis anschauen. Ich fürchte, ich sehe da zum Teil andere Dinge.

Diese Woche hatte ich mir vorgenommen, nicht über die Menschen zu urteilen, in der Vermutung, dass es sich um gewissermaßen zugewiesene Rollen handeln könnte, die von Menschen dargestellt werden. Machen wir uns nichts vor, Schnitt und Regie haben einen großen Einfluss und entscheiden, was sie uns von dem mehrstündigen Material zeigen. Ganz abgesehen davon, dass ich auf deutsch schreibe und mein Geschreibsel die englischen KandidatInnen vermutlich nicht interessiert, fand ich doch den Hinweis einer Nähnerdfreundin sehr wertvoll, nicht zu vergessen, dass Menschen beteiligt sind, für die es verletzend sein könnte, etwas negatives über sie zu hören oder zu lesen.

ABER. Es geht  nicht, auf diese Gedanken zu verzichten. Das ganze Sendeformat ist auf Wettbewerb ausgerichtet und spielt mit unseren Gefühlen. Es ist quasi unmöglich, sich von Sympathien oder Antipathien frei zu machen, denn wir werden dazu eingeladen, mitzufiebern. Insofern weiß ich nicht, wie frei von Gefühlen mein kritischer Blick auf Matts Rock ist. Aber der jubelnden innerliche Triumph beim Blick auf den Futtersaum war unzensiert, der war einfach da. Ich fand den Saum sympathisch menschlich :-) Und trotzdem, mein Lieblingsrock war von Lorna und ich hatte schon ganz am Anfang der aktuellen Sendung das Gefühl "Deborah kommt" und ihr Spitzenrock war in meinen Augen spitze. Insofern fand ich es auch durchaus interessant, dass sie im Pauseninterview sagte "immerhin bin ich vor Neil, das ist ein Erfolg". Ja, solche Sätze sagen Menschen, wenn sie in Wettbewerbssituationen gedrängt werden und immer wieder genau auf den Wettbewerb zielend interviewt werden.

Die ganze Folge ging es mir so, dass ich dachte "Strike, jetzt weiß ich, warum ich Deborah mag" und ihr merkt, ich bin wieder drin in diesen persönlichen Aussagen. Die Theorie und die Praxis, die guten Vorsätze und so.... aber kam es euch nicht auch so vor, als stünde Deborah plötzlich mehr im Mittelpunkt, als zeigte sie uns erst heute, welches Talent in ihr steckt? Vielleicht lag dieser Eindruck daran, dass sich Kamera und Regie auf weniger Personen konzentrieren mussten und jede KandidatIn dadurch einfach mehr Raum bekam. Und trotzdem...... ach Meike, hör auf!

Doch immer wieder mußte ich an die klassische Heldengeschichte denken. Wir hatten es ja schon geahnt, dass Neil keinen Durchmarsch zum Finale machen würde, sondern der Spannung zuliebe erstmal eine Krise bekommt. Da mögen jetzt böse Zungen mit Verschwörungstheorien kommen, aber vielleicht war es ja auch das Unbewusste, mit dem  fast alles erklärt werden kann und die Psychoanalytische Theorie hat ja durchaus ein Faible für Heldengeschichten. Tja, wir haben es eben gewusst. Das ist die Klugheit der Masse - wenngleich natürlich wir Kommentatorinnen auf meinem Sofa, die wöchentlich die Folge auswerten natürlich noch bei weitem nicht die kritische Masse erreichen. Im Klugscheißen sind wir trotzdem ziemlich gut, finde ich. Danke!

Kommen wir zur zweiten Aufgabe. Ha! Nennt mich Trendsetter! Neopren! Ich muss allerdings zugeben, dass ein Anzug doch etwas schwieriger zu verarbeiten ist als Meterware. Aber Neopren bleibt Neopren: Faszinierendes Material, leicht zu verarbeiten und franst nicht. Obwohl ich wahrlich kein kreatives Ass bin - diese Aufgabe hätte ich GELIEBT! Die Aufgabenstellung war einfach toll: Neopren modern im Materialmix zu einem klar definierten Kleidungsstück, sprich einem Kleid, zu verarbeiten. Sehr klare Aufgabenstellung und genau wie bei der ersten Aufgabe schoss mir der Gedanke durch den Kopf "ach, diese Woche leichtere Aufgaben, wie kommts?".

Deborah gewann die zweite Aufgabe, aber das nützte ihr nix. Können wir ein Muster erkennen? Spielt die Veränderungsaufgabe nicht so eine große Rolle bei den Bewertungen oder ist da mal so oder mal so? Mir hat gefallen, dass Lorna mutig war. Ich erinnere mich, dass wir mal die Hypothese hatten, dass die zweite Aufgabe nicht ihr Liebstes wäre. Und ich war froh, dass die Jury ihren Mut anerkannte. Es wurde erstaunlich wenig zu Neils Ding gesagt, fandet ihr nicht?

Achja, der Einspieler zum Thema Spitze, den hatte ich vergessen. Gut. Ok. Ganz interessant. Doch, doch. Ich mag die Einspieler, aber ein Einspieler pro Sendung wirkt so nen bisschen wie Werbepause, passt irgendwie nicht so recht zu dem Rest, auch wenn es um Spitze und Spitze ging. Nun gut.

Die letzte Aufgabe: Lederjacke. Hey, auch ne coole Aufgabe! Das würde ich auch gerne mal probieren, wenn mir jemand das Leder für ne große Größen Jacke spendiert ... oder für nen Mantel *träum*. Habt ihrs gemerkt, die Teile waren schon zugeschnitten. Herrlich! Das hätte ich auch gerne, einfach nur Nähen ohne das lästige Zuschneiden im Vorfeld. Irgendwie fand ich das auch für die Sendung und die KandidatInnen gut. Wahrscheinlich wäre es aber sonst in den üblichen Zeitvorgaben nicht zu schaffen gewesen. Ich sage nur 6,5 Stunden. Haha... Worauf kam es an? Passform, gute Konstruktion und alles im ersten Durchgang schaffen, weil Leder nach dem Trennen perforiert ist. So weit so gut, wie genial von Lorna mit der Futterjacke anzufangen. Als ich das sah dachte ich, wie gut ich es fände, wenn die Jury auch den Prozess des Nähens und des Projektmanagements bewerten würde und nicht nur das Ergebnis. Wenn sie das machen würden, dann wäre da durchaus noch ein bisschen mehr Lernen drin.

Ach, was habe ich gelitten, als der Reißverschlußnippel durch die Lüfte flog. Jaja, ich kann mich einfach nicht davon frei machen, ich fiebere mit, ich bin gefangen, ich mag Deborah. Aber das ist eben auch eine Unterhaltungssendung und Emotionen unterhalten.

Was ich gar nicht verstanden habe, waren die Bewertungen der Jury zu den Lederjacken. Spielte es nun eine Rolle, ob Futter drin war oder nicht, wie wurden die Jacken bewertet und in Reihenfolge gebracht. Sind unterschiedliche lange Vorderteile nun schlimmer als zu enge Ärmel oder hängende Schultern, oder nicht? Kam es jetzt auf Passform an oder auf Topstitching? Es ist mir ein Rätsel. Wurde die finale Bewertung überhaupt gezeigt? Oder war ich schon zu müde, um das mitzubekommen? Jedenfalls war ich als Zuschauerin nicht in der Lage, eine Reihenfolge der Sieger für diese Aufgabe zu bilden. Ich konnte kaum sagen, welche Jacke ich wie gut einschätzte. Komisch. Auf einmal ging es am Ende ganz schnell. Ich dachte, Deborahs Taucherkleid würde Kleidungsstück der Woche, aber nee, Neil gewann, weil der Magnetdruckknopf so ne witzige Idee war. Und dann überlegte ich noch schnell, wer wohl rausfliegt und dachte, "Na klar, Paul und Matt" und war dann doch sehr verwundert, dass es Deborah war, die gehen musste. Also zwei Männer im Finale und Lorna. Ob es Lorna Neil noch mal richtig schwer macht?

Und ihr so? Was habt ihr euch so beim Sehen der vierten Folge gedacht. Nehmt Platz auf dem Sofa und berichtet. Ich freue mich schon darauf zu lesen, an was ihr euch so erinnert und was bei euch welchen Eindruck hinterlassen hat.

Mittwoch, 4. März 2015

MMM - mit dem schlechtesten Foto ever



Heute mal ein Beitrag zum Me Made Mittwoch, mit einem wirklich fürchterlichen Foto. Aber weil ich gefühlt schon ewig nicht mehr beim MMM mitgemacht habe und weil ihr meine Garderobe gut kennt und euch deswegen eigentlich auch schon vorstellen könnt, wie es aussieht, zeige ich es trotzdem.

Wenn ich nicht unfähig gewesen wäre die Spiegelreflexkamera meines Manne von Sendung-mit-der-Maus-Fotokunst auf Normalbetrieb umzuschalten, könnte frau und man einen Tellerrock ("halber Teller") aus dem neumodischen Material Neopren sehen und ein selbstgenähtes Shirt aus Baumwolljersey mit Blümchen, das ihr schon von meiner letzten MMM-Teilnahme kennt. Die Silhouette, der Stil, das Rockschnittmuster - kennt ihr alles, ich laufe ja auch kaum in was anderem herum. Aber der Rock ist trotzdem interessant, deswegen zoomen wir jetzt noch mal näher dran. 




Vielleicht waren einige schon erstaunt, als sie Neopren lasen. Hä, ist das nicht das Material für Taucheranzüge? Ja, das ist es, aber es ist auch so nen modernes Zeugs, was nun für Kleidung benutzt wird. Ich finde es ist ein faszinierendes Material: es ist leicht zu verarbeiten, franst nicht, fällt wie ein vornehmer Stoff und ist dehnbar wie Jersey. Ich glaube, es gäbe 1000 Verwendungsmöglichkeiten dafür. Ich habe damit zum Beispiel schon meine Clutch gefüttert und eine Batmanmütze genäht. Dafür war es perfekt. Da es Neopren oder Scuba, wie es neudeutsch heißt nun auch in aufregenderen Versionen als dunkeblau oder schwarz gibt, wollte ich gerne mal einen Rock daraus probieren und dieses Rosen geprägte Material fand ich besonders faszinierend. Wenn ihr genau hinseht, erkennt ihr zwar nicht, dass die Farbe marine ist, aber ich denke ihr seht, dass das Muster tatsächlich geprägt ist. Spannend, oder?

Rockschnitt: halber Teller, selbst gemacht
Shirt-Schnitt: Stoff und Stil

Nähen lässt es sich, wie gesagt, pipieinfach. Einziges Problem: es ist relativ dick und es lässt sich nicht bügeln. Es ist also günstig auf alle figelinschen Dinge, die ein Schnittmuster enthalten könnte, zu verzichten. Den nahtverdecken Reißverschluß einzunähen war nicht ganz einfach, weil das Neopren schon ziemlich elastisch ist und ich vergaß, ein Nahtband aufzubügeln, was aber nicht dramatisch ist, denn es hätte ohnehin nicht geklebt. Auch mit dem Bund hatte ich meine Probleme. Einlage aufbügeln hält nicht, deswegen habe ich den Bund, trotz eleganter Nahtschattennahtverarbeitung dann doch noch mal an der Oberkante abgesteppt, damit die Einlage nicht rutscht. Beim Bundannähen merkte ich auch bereits, dass sich die Oberkante des Rockes gedehnt hatte, also nähte ich den Kopf etwas mehr an die Seite, als zunächst geplant, was eine doofe Falte über dem Reißverschluß macht. Ich bin auch nicht sicher, ob sich der Bund trotz Einlage beim Tragen noch aushängen wird. Jedenfalls habe ich den Rock mit Wäscheklammern eine Woche aushängen lassen, bevor ich den Saum nähte, weil ich nicht sicher war, ob sich das Material verändern würde oder nicht.  Den Saum umnähte ich mit schmalem Satinschrägband, weil Umschlagen einen dicken Wulst ergeben hätte. 

Ich bin froh, einen dunkelblauen neuen Rock zu haben (der auch ohne den warmen Petticoat darunter schön fällt), weil ich glaube, dass er gut zu meinem Leben und meinen Bedürfnisse passt und er meinem geliebten roten Rock vielleicht mal etwas Pause verschafft, bin aber gespannt, wie er sich längerfristig tragen wird. So ganz traue ich dem Material noch nicht - wir werden sehen. Meine Hoffnung ist aber, dass er ein unkomplizierter, schicker Rock wird und irgendwas sagt mir, dass das auch der Fall sein wird, denn im Gegensatz zu manch anderem fertig genähtem Stück, mag ich ihn schon jetzt! 

Mehr selbstgemachte Sachen an echten Menschen findet ihr wie immer Mittwochs auf dem Me Made Mittwoch Blog, heute mit Frau Rogenrüth als Gastgeberin OHNE Strümpfe. Ach, da freu ich mich auch schon wieder drauf! 

Montag, 2. März 2015

Nähen ist das neue Kochen

Irgendwie liegt es in der in der Luft, dass Nähen einen Popularitätsschub bekommen könnte. Die englische Sendung über das Nähen Great British Sewing Bee wird gerade in der dritten Staffel ausgestrahlt und bekommt nach und nach Kinder: es gibt einen französischen Ableger, einen Niederländischen, es gab wohl eine norwegische Sendung über das Nähen, im deutschen Regionalfernsehen im Kabelnetz und für ganz Deutschland und auch in Amerika gab es immerhin schon mal einen Aufruf zum Casting. Fernsehen ist ein Massenmedium - das Thema Nähen scheint nun massenkompatibel zu werden. Vor einigen Jahren begannen die Kochsendungen die deutsche Fernsehlandschaft zu überschwemmen - wieso sollte das, was beim Kochen möglich ist, nicht auch mit dem Nähen möglich sein. Vermutlich hätte vor 20 Jahren noch jeder Sender abgewunken, wenn jemand eine Kochsendung realisieren wollte von wegen "das muß man riechen und schmecken, die Botschaft bekommen sie nicht über das Fernsehen realisiert" oder "wer interessiert sich schon fürs Kochen, die Welt freut sich über Convienienceprodukte" oder aber "Kochen? Das ist doch nur was für Frauen!". Aber das scheinbar Unmögliche wurde möglich und obwohl Kochsendungen schon länger todgesagt wurden, gibt es sie immer noch.

Gleichzeitig schwant es nicht nur mir, dass Nähen auch anderweitig aufgewertet werden könnte. In der englischen dritten Staffel der Great British Sewing Bee gibt es auf einmal Männer, die richtig nähen können, mindesten einen Mann, der eine gute Chance auf den Gewinn des Wettbewerbs hat und Männer, die sich gegenseitig abklatschen, weil sie einen guten Job machen. Erinnert ihr euch an MyBoshi? Kaum nahmen sich Männer dem uncoolen Häkeln an, wurde es ein Trend. Und dann gab es noch die putzigen Männer, die Christbaumkugen strickten und auf der Buchmesse letztes Jahr in Frankfurt sah ich eine einzige Handarbeitsvorführung: ein häkelnder Mann, vermutlich Nachahmer der MyBoshi-Vorreiter. Selbst das zieht.



Vielleicht habt ihr dieses Interview über nähende Männer letzte Woche gelesen, auf das uns Frau Drehumdiebolzen auf twitter aufmerksam machte. Fünf Männer erklären, warum sie nähen und wir weiblichen Nähnerds auf twitter waren eher irrtiert, als begeistert. Auf twitter ist so etwas schwierig zu diskutieren, umso erfreuter war ich, als Lotti Frau Fadenverloren in einem Blogpost aufschrieb, was vielen durch den Kopf schoß.




Na, darauf werden auch andere schon gekommen sein und spätestens, wenn sie unsere Beiträge lesen, werden sie darauf kommen. Männer, es warten lukrative Buchverträge auf euch! Wie sollen sich Männer, denn mit Handarbeitsbüchern voller Röcke, Deko, Haushaltskram und Kindersachen identifizieren? Von Männer für Männer, so einfach ist das und vermutlich ist das mehr als eine Pressemeldung wert. Schaut her: Handarbeiten sind doch gar nicht so schlecht, sogar Männer begeistern sich dafür!

"Ich frage mich ja seit langer Zeit, wo dieses negative Image herkommt. Und ich frage mich (eigentlich immer mehr) warum textile Arbeiten als weibliche Arbeit gelten. Wie hängen beide Aspekte zusammenhängen: Ist das Handarbeitsimage negativ, weil es weiblich besetzt ist, oder ist es weiblich besetzt, weil Männer zu stolz / sich zu schade sind für schlecht angesehene Tätigkeiten?" Suschna

Bisher ist das anders. Es gibt natürlich Berichte über Handarbeiten, aber diese haben alle ein Geschmäckle. Nähen, Stricken, häkeln, so lange es von Frauen ausgeübt wird,  hat es nicht den besten Ruf. Hypothesen dazu, könnt ihr bei Suschna und KittyKoma nachlesen, das ist wahnsinnig spannend.

Was bedeutet das für uns, wenn Handarbeiten zum neuen heißen Ding werden?


Nehmen wir ganz hypothetisch an, es gäbe auch in Deutschland eine Nähsendung im Fernsehen. Was würde das mit uns und unserem Hobby machen? Was würde mit unserer kuscheligen Ecke im Internet passieren? Wie würde es uns damit gehen? Als The Great British Sewing Bee vor zwei Jahren in England startete, waren wir alle euphorisch. Wir waren begeistert von der Sendung, wir liebten die KandidatInnen und wir freuten uns, dass das, was wir lieben sogar in einem Massenmedium gewertschätzt wird. Die Begeisterung ist ungebrochen. Wir tun auch bei der dritte Staffeln noch alles dafür, diese sehen zu können, aber wir fangen an, genauer hin zu sehen und ich glaube, das ist gut so.

Das "neue Handarbeiten" ist derzeit nur ein Phänomen unter vielen und findet in einer Nische statt. Es ist stark mit dem Internet verknüpft: gut vernetzte Blogs, kostenlose Anleitungen, gemeinsame Schaffen-und-Zeigen-Aktionen (Sew Alongs, Knit Along und Linksammlungen wie der Me Made Mittwoch) machten es auch denjenigen möglich, bei denen der Fluss der Wissensvermittlung von den Ahninnen unterbrochen war. Im Internet ist es ein Special-Interest-Thema, eine Nische in die sich nur diejenigen verirren, die gezielt danach suchen. Für den Rest der Welt, hat das, was wir in unserer Nische machen keinen Relevanz. Das könnte sich ändern, wenn es das Nähen auch ins deutsche Fernsehen schafft und wahrgenommene und positiv bewertete Männer unser Hobby bekannt machen.

Hat es mehr Vor- oder Nachteile für uns, wenn unser Lieblingshobby, unsere Leidenschaft, massentauglich und stärker kapitalisiert wird? 


Es hat sich schon viel geändert. Es hat den Anschein, als würde unsere Nische beständig größer werden. Wir können alle ein Lied davon singen, wie viel besser, die Ausgangsbedingungen zur Ausübung unseres Hobbys in den letzten Jahren geworden sind. Neben dem Schatz, den uns das Internet bietet, sind in den letzten Jahren an vielen Orten neue Handarbeitsläden, Nähcafés etc. entstanden. Es ist sehr viel leichter, an "Stoff" nicht nur im ursprünglichen Sinne zu kommen. Das ist toll! Während vor einigen Jahren die ersten Nähenden im Internet noch verzweifelt nach Gleichgesinnten suchten, gibt es mittlerweile (mehr als) eine große und lebendige Szene. Wir Nähnerds sind eine Nische in der Nische und noch nicht mal eine abgegrenzte Gruppe. Wir wissen, dass es auch andere Nischen gibt, in denen genäht wird und das ist gut so.

In meiner Ecke des Internets wird für sich selbst genäht. Wir nähen unsere Bekleidung selbst, wagen es, uns zu zeigen und teilen unsere Erkenntnisse. Das ist so unglaublich nährend und selbstermächtigend für unser Selbstbild als Frau und unser Selbstbewusstsein. Manchmal möchte ich vor Glück laut losjubeln, dass es euch, eure Blogs, eure Kommentare, eure Aussagen auf twitter, meinen Flauschbereich im Internet gibt und dass ich mit euch gelernt habe, was es für mich bedeutet, mit meiner selbstgenähten Garderobe mein Selbstbild selbst zu gestalten und wie es geht, im Nahtschatten zu nähen. Ich möchte dieses Glück teilen und wünsche allen Frauen, dass sie früher oder später diese immense Chance entdecken, die das Nähen der eigenen Kleidung bietet.

Doch die anderen Ecken des nähenden, bastelnden, kochenden  Internets sind auch toll, wenn auch für mich derzeit aus vielen Gründen nicht ganz so spannend. Doch egal was wir selbst machen - es verändert etwas! Wenn wir Dinge selbst machen, dann lernen wir, sie mehr und mehr so zu machen, wie sie für uns gut sind. Wir lösen uns aus den üblichen Konsumprozessen und gestalten unser Leben und unsere Lebensumwelt nach eigenem Gusto. Das ist in jedem Fall bereichernd und lehrreich. Es lebe die Vielfalt! Alle DIY-Ecken des Internets sind gut. Ach hätten wir nur die Zeit überall zu schauen und uns inspirieren zu lassen! Wenn die Massenmedien uns und viele andere mit der Nase auch auf Unbekanntes stupsen, ist das nicht das schlechteste, auch wenn wir latent das Gefühl haben, dass wir Internettussis das alles schon vorher wussten. Mag sein - aber auch wir haben nur begrenzte Zeit und leben in einer Filterblase.


Selbermachen ist toll - je mehr es erkennen, um so besser!


Je mehr Menschen den Wert des Selbstgemachten erkennten, umso besser wird unsere Welt. Diese Theorie mag naiv klingen, aber ich glaube fest daran. An mir und an anderen kann ich beobachten, wie das selbst in die Hand nehmen, das Selbermachen, das Gestalten der eigenen Lebensumwelt mehr als die Garderobe veränderte. Durch das Selbermachen und das sich zeigen wird ein Erkenntnisprozess in Gang gesetzt, der sich auch auf andere Lebensbereiche überträgt. Da beginnt etwas, das nicht mehr rückgängig zu machen ist. Wenn unser Hörspiel zu Weihnachten auch ein Märchen war, die positiven Rückmeldungen dazu bestätigten uns darin, dass nicht nur wir so fühlen.

Was könnte passieren, wenn Handarbeiten (wieder) massentauglich wird? Was könnten die Nachteile sein? Ich weiß es nicht, weil ich es mir eigentlich gar nicht vorstellen will. Aber vielleicht packt diese Freude am Selbermachen nicht alle. Das kann schon sein, auch ich habe nach einer aktiven Phase als Teenager und junge Erwachsene fast zwanzig Jahre nur wenig gehandarbeitet, bis ich es wieder für mich entdeckte. Ich kann nicht genau sagen, woraus diese Pause resultierte. Vielleicht passte es nicht in meine Leben, vielleicht passte es nicht in die Gesellschaft. Wenn es mir passiert, kann es auch anderen so gehen. Ich will ja gar nicht alle bekehren. Es muß schon passen. Irgendetwas in uns muß reif dafür sein, etwas Neues auszuprobieren und das Leben die Hand zu nehmen.

Vielleicht wird Nähen auch nur ein kurzlebiger Trend. Vielleicht nähen nach einer Nähsendung im Fernsehen auf einmal mehr Menschen Loops und legen sie ein paar Jahre später zu den MyBoshis in die Altkleidersammlung. Vielleicht wird es nur eine Mode, die recht schnell von der nächsten Mode abgelöst wird. Oder, wenn Nähen nicht das neue MyBoshi sondern das neue Kochen ist, dann passiert vielleicht etwas anderes. Vielleicht gefällt es den FernsehkonsumentInnen Nähen zu konsumieren. Wir wissen alle, das nicht mehr Leute kochen, nur weil sie Kochsendungen im Fernsehen sehen. Und trotzdem sind diese Sendungen beliebt. Vielleicht passiert genau das gleiche rund ums Nähen? Vielleicht ist es einfach spannend, einen Nähwettbewerb zu sehen und wenn nach ein paar Jahren die Luft raus ist, wird eben ein TöpferInnencasting veransteltet. Wer weiß, jetzt wo Macramee Paracord heißt, erscheint mir alles möglich.

Oder aber wir Frauen werden als Zielgruppe entdeckt. Vielleicht gibt es irgendwann einen Fernsehsender wie  DMAX  für Frauen oder besser gesagt "für Menschen". Wenn Sendungen über das Angeln, das Tunen alter Fahrzeuge oder das Holzfällern im Dschungel interessant genug sind, um als Serien produziert zu werden, könnte es doch auch sein, dass es gar keines Wettbewerbs im mittlerweile auch schon ausgelutschtem Castingformat bedarf, um ein Thema interessant zu machen. Vielleicht entdecken irgendwann mutige FernsehmacherInnen uns nerdige Klamottennäherinnen und machen Sendungen, die für Aussenstehende möglicherweise absurd langweilig sind, für uns aber die logische Fortsetzung der Nähpodcasts von Frau Nahtzugabe5cm, bei denen wir gebannt zuhören, was zwei Frauen, über ihre Leidenschaft, die auch unsere ist, erzählen.

Ich sehe das Glas halbvoll statt halbleer und nehme es als Chance, wenn Handarbeiten durch Männer oder das Fernsehen eine Aufwertung bekommt. Ich bin bereit mein Glück zu teilen und der festen Überzeugung, dass es genug Materialien für uns alle gibt und das Internet groß genug ist, noch mehr Handarbeitsnischen ein Zuhause zu bieten. Wenn mehr und mehr Menschen das Selbermachen für sich entdecken und daraus ein neues Selbstbewußtsein, eine innere Stärke und die Lust, etwas zu verändern bekommen, das wäre doch einfach wunderbar!

In meiner Ecke des Internets passieren gerade spannende Dinge. Ich freue mich über unsere Diskussionskultur, es ist eine gute Mischung, aus Diskussion in den Kommentaren, Inspiration auf twitter und längerem lauten Nachdenken auf dem eigenen Blog - sehr inspirierend, danke!