Freitag, 27. November 2015

Aus dem Nähkästchen geplaudert: "Geschickt eingefädelt"

Vox: Andrea Friese

Am letzten Dienstag lief die vierte Folge des Näh-Wettbewerbs zur Primetime bei VOX. Um Euch das Warten auf die nächste Folge zu verkürzen, erzähle ich euch wieder etwas über mich und mein Nähen in der vierten Woche von "Geschickt eingefädelt". 

Für die nächste Etappe hatte ich mich auf das Kleid am Modell gefreut, doch vor diesem Vergnügen stand die Kreativaufgabe. Nachdem ich bei der Jeansbluse wirklich stolz darauf war, was ich geschaffen hatte, war ich nicht mehr so aufgeregt, was denn kommen könnte. Im Vorfeld der Sendung hatte ich viel zum Thema Upcycling recherchiert, aber wie man eine Corsage aus einem BH macht - so etwas war mir noch nicht untergekommen. Und obwohl ich es nun zwar verstanden hatte, wie man einen Schnitt von der Puppe abnimmt, wollte es mir an diesem Tag trotzdem nicht gelingen. Ich stand mir im Weg, Schnitteile für eine Corsage zu entwickeln, weil ich davon ausging, dass es, wie bei einem Korsett mehrere Teile sein müssten, die in Bahnen zusammen genäht werden. Das war natürlich Quatsch, vor allen Dingen, weil ich mir ja schon den elastischen Pailettenstoff ausgesucht hatte. Auf die simple Idee, die Guido mir dann zeigte, hätte ich auch kommen können, kam ich aber leider nicht.

"Wenn die Nähmaschine rattert, macht es wieder Spass. Ich musste mich nur einfach Stich für Stich vorarbeiten." 


So oder so ähnlich sagte ich das auch in der Sendung und so war es auch. Schwierigkeiten gehören bei Nähprojekten genauso dazu, wie bei allen anderen Projekten. Sie sind eine hervorragende Chance, etwas zu lernen und sich weiter zu entwicklen. Tränchen trocknen schnell und danach ist der Stress draußen und es kann Stich für Stich auf das Ergebenis weiter hingearbeitet werden.




Bei der Kreativaufgabe half es mir, ein Bild vor Augen zu haben. In der ersten Woche war es die hanseatische Büroparty, für die ich eine Bluse schneiderte, in der zweiten Woche nähte ich in Gedanken für ein junges Mädchen im Hochsommer, in der dritten Woche leitete mich das Gillian Dress. Dieses Mal hatte ich eine Synchronschwimmerin vor Augen. Alte Filme faszinierten mich schon als Kind und irgendwie hinterliessen Synchronschwimmerinnen in mir einen bleibenden Eindruck. Während mich die Idee einer Corsage kalt ließ, gefiel mir der Gedanke an die eleganten Badeanzüge der Synchronschwimmerinnen, deswegen wählte ich die grünen Pailletten. Als die Grundform stand, arbeitete ich mich Stück für Stück mit Abnähern an eine gute Passform. Ich beeilte mich, denn ich hatte noch vor, Glassteinchen wie eine Fontäne über den Brüsten regnen zu lassen und mir war klar, dass dieses Hand nähen seine Zeit brauchen würde. Im Gegensatz zu einem Handnähprojekt, wie einen Saum, hatten aber die Steine den Vorteil, dass ich aufhören konnte, wenn die Zeit um ist, weil es an dieser Stelle nicht um Vollständigkeit gehen würde, so frei, wie ich die Steine links und rechts auf den Brüsten verteilte. Ging es dann doch, denn Inge fand ausgerechnet den Stein, bei dem ich keine Zeit mehr hatte, den Faden zu vernähen.



Die Aufgabe "Schlankmacherkleid" kannten wir im Vorfeld und wir durften uns einen Schnitt mit Material für das Projekt aussuchen und dieses auch zuhause an einem Model üben. Ein Schlankmacherkleid? Natürlich kann ich mir etwas darunter vorstellen, bin doch auch ich jahrzehntelang mit der gängigen Ideologie gehirngewaschen, den weiblichen Körper als mangelhaft und stets verbesserungswürdig anzusehen. Ich nähe, um eben nicht auf das Angebot an Kleidung angewiesen zu sein, sondern um meine eigene Vorstellungen davon umzusetzen, was mir gut tut und meinen Körper schmückt. Warum sollte ich diese frauenverachtende Vorstellung reproduzieren, einen Körper, der solide durchs Leben trägt, als minderwertig anzusehen und ihn mit Kleidung für die Augen anderer so optimieren, dass er den Ansprüchen der Ideologie genügt? Mal ganz abgesehen davon, dass Kaschieren und Konsorten sowieso viel schlechter funktionieren, als gemeinhin angenommen.



Aus diesen Überlegungen heraus, entschied ich mich für ein Schnittmuster, das dem Frau-Kirsche-Kleid, das ich schon oft für mich genäht hatte, sehr ähnelt: Ein schlichtes Oberteil, ein Taillenband und ein weit schwingender Rock. Ein weiter Rock lässt die Taille schmaler wirken, doch die Frage ist, was will ich damit erreichen? Mir geht es nicht darum "eine Kleidergröße kleiner" vorzutäuschen, sondern um die Silhouette. Mir gefällt die Sanduhr-Silhouette und genau diese wird erreicht, wenn der Rock so weit ist, dass die Taille schmaler wirkt. Es entspricht genau meinem Humor, an der weichen Stelle meines Körpers, wo durchaus nicht nur Taille, sondern auch noch "Bauch2" und Rettungsringe sind, einen Hingucker mit einem Taillenband zu setzen und zu sagen "jawohl, schaut ruhig hin - aber sieht es nicht insgesamt hinreißend aus?" Doch ein Frau-Kirsche-Kleid passte nicht in die vorgegebenen Katergorien zu "Schlankmacherkleid" und ich wurde gebeten, mich nach einem anderen Schnittmuster umzuschauen.

Nun konzentrierte ich mich darauf, ein Schnittmuster zu finden, das ein für mich übersichtliches und machbares Projekt darstellt. Ich war froh, als mein zweiter Vorschlag bewilligt wurde. Mir schwebte von Anfang an ein Romanitjersey zur Umsetzung des Jerseykleides vor. Das Musterkleid auf dem Schnittmusterumschlag war aus elastischem Samt genäht. Das sieht zwar an den drapierten Stellen toll aus, aber ich wollte mich dem Schwierigkeitsrad Samt zu nähen unter Zeitdruck nicht aussetzen. Den Animalprint fand ich super, denn er passt sehr gut zu dem elegantem Schnitt, auch wenn er absolut nichts wäre, das ich für mich ausgesucht hätte. Aber darum ging es ja nicht.  Ob ich damit die Jury schon wieder (ent-)täuschte? Der Animalprint hatte von weitem eine interessante Anmutung "eine Mischung aus Raubtier und Hering" beschreibt es gut. Mir gefiel das, denn wenn etwas zu eindimensional wird, dann empfinde ich Dinge schnell als langweilig. Diesen festen, nur wenig dehnbaren Jersey, fand ich perfekt für das Projekt und freute mich darauf, ihn zu vernähen.




Zuhause nähte ich das Kleid für eine Freundin. Als ich den Schnitt ausgesucht hatte, hatte ich auch genau diese Freundin vor Augen, denn ich hatte schon viele schöne Wickelkleider an ihr gesehen und mich stets an der Eleganz erfreut, mit der sie sie trug. Ich freue mich sehr, das Kleid für sie zu nähen, war es doch eine wundervolle Art "Danke" zu sagen für das, was sie vor nicht allzu langer Zeit für mich getan hatte.

Ich studierte das Schnittmuster und überlegte, welches das relevante Maß zur Größenauswahl sein könnte. Ich entschied mich für den Brustumfang und veränderte das Kleid an Taille und Hüfte. Sorgfältig maß ich die Schulterbreite aus, denn ich kann es gar nicht leiden, wenn Schultern nicht passen oder Wickelkleider aufstehen. Meine Herangehensweise ist es, den Schnitt im Vorfeld möglichst gut anzupassen, um anschließend nicht zu viele Änderungen machen zu müssen. Das liegt bestimmt daran, dass ich für mich ohnehin stets alle Schnitte vergrößern muss und daran, dass ich keine Schneiderpuppe habe, an der ich Änderungen abstecken könnte. Den Kleiderschnitt hatte ich unter anderem auch deswegen ausgewählt, weil das Kleid eine Naht in der hinteren Mitte hat. Meine Freundin Lindy, die Mode-Designerin, bei der ich 2012 ein Praktikum machte hatte mich mal auf dieses Designelement hingewiesen, da sich mit dieser Naht ein Rücken schön anpassen lässt. Das erwies sich tatsächlich als Vorteil.

Mein "Plus-Size-Model", das freundlicherweise für mich ausgesucht wurde, hatte obenrum eine Größe 38 in der Taille eine 40 und an der Hüfte eine Größe 42. Das ist ganz typisch, nur die wenigsten Frauen haben am ganzen Körper die gleiche Konfektionsgröße. Wir müssen einfach damit leben, Schnittmuster nur als Grundlage zu nutzen und sie für unseren ganz speziellen Körper anzupassen. Zu Hause hatte ich eine Größe 36 und eine Größe 42 vom Schnittmusterbogen abgepaust, denn ich wusste ja nicht, wie das Model aussehen würde, für das ich das Kleid nähen würde. Ich hatte mir außerdem genau angeschaut, wie sich das Armloch von Größe zu Größe verändert. Das Armloch war mir wichtig, denn der Jersey war nur sehr wenig elastisch. Ich hatte Glück, dass ich daran fast nichts verändern musste. Die Anpassungen an der Hüfte waren leicht und für die Taille konstruierte ich freihändig eine neue Taillenrundung. Ja, ich hatte mir ein einfaches Schnittmuster ausgesucht und freute mich darüber, eine gute Wahl getroffen zu haben.

Das Nähen war überschaubar und fiel mir als geübte Jerseykleidnäherin nicht schwer. Ich achte sehr darauf, dass mein Ausschnitt nicht leierte, weil ich wusste, das Inge ein Auge darauf haben würde. Sehr sorgfältig nähte ich auch die Rundung der Rockteile. Ärmel einsetzen mache ich routiniert, aber es ist doch jedes Mal spannend, dies gleich mit der Overlockmaschine und ihrem Messer zu tun. Zeit, die Ärmel erst einmal zu heften, hatte ich nicht, also ging ich gleich auf volles Risiko. Doch es zahlte sich aus, dass ich mein Model gut vermessen hatte und anschließend nichts ändern musste.

Inges "kleiner Insidertipp", einen Rollsaum zu nähen, erschien mir aus zweierlei Gründen absurd. Zum einen hatte ich einen wirklich festen Jersey vor mir. Inge hatte uns in einer Pause gezeigt, wie man einen leichten Stoff, wie Chiffon oder Seide rolliert. Dies nun mit diesem dicken, festen Jersey zu tun, hätte vermutlich eine dicke Wurst erzeugt. Wäre das wirklich schön? Der zweite Grund war natürlich die Zeit, denn schließlich hätte ich nicht nur den Saum rollieren müssen, denn die gesamte Strecke um den Halsauschnitt und an den schrägen des geteilten Rockteiles sowie die Ärmelsäume. Diese Strecke entspricht vermutlich der eines halben Tellerrockes und wenn ich einen Solchen per Hand nähe, sitze ich zwei Abende daran.

Mir machte die Aufgabe unheimlich Spaß. Es war toll für die junge Frau zu nähen, sie zeitweise neben mir sitzen zu haben und mit ihr zu plaudern. Ich fand, sie sah hinreißend aus, als sie das Kleid anzog und ihr gefielt es auch. Als wir auf die Bewertung der Jury warteten war ich glücklich, zufrieden und stolz, so ein schönes Kleid genäht zu haben. An diesem Tag war irgendwie alles anders. Wir warteten aufgeregt auf unsere Models und vermutlich hatte nicht nur ich diese kribbelnde Vorfreude, das Werk zu präsentieren und der Jury und den Menschen draußen vor dem Fernsehen vorzuführen. Es ist einfach viel schöner, ein Kleidungsstück am Menschen zu sehen, als an einer Puppe.

Den Schnitt gibt es auch in der Dezember Burda

Die Jurybewertung holte mich auf den Boden zurück. Natürlich findet man immer etwas, dass es zu kritisieren gibt und natürlich mache auch ich das bei jedem fertigen Kleidungsstück. Ich kenne die Stellen, die trotz großer Mühe nicht hundertprozentig so sind, wie ich es mir wünschen würde. Aber es gibt einen Punkt, an dem ich entscheide "jetzt ist es fertig" und dann zählt nur noch der Gesamteindruck. Im Wettbewerb war nicht ich diejenige, die dieses "fertig" definiert, sondern die Uhr. Den hinteren Saum hätte ich zuhause noch mal gemacht, aber ansonsten war ich begeistert: ich fand mein Werk einfach schön!

Den Rest kennt ihr. Ines und ich wurden nachhause geschickt. Ich war erleichtert. Diese Entscheidung war genau richtig und passend, denn für mich war die Luft raus. Die Aussage, dass ich ein "Herrenkleid" genäht hatte, weil die Raffung auf der falschen Seite ist,  zeigte mir, dass ich beim Nähen ganz andere Prioritäten setze. Meine Mission, Menschen vom Nähen zu begeistern, ihnen zu zeigen, wie großartig es ist, etwas nach eigenen Vorstellungen und mit den eigenen Händen zu schaffen, konnte ich im Wettbewerb mit seinem Ziel, "den besten Hobbyschneider" zu suchen, leider nicht vermitteln. Es war gut, dass ich nach Hause fuhr und ich drückte den anderen Kandidatinnen, dir mir in der Zeit sehr ans Herz gewachsen warn, nun von zu Hause aus die Daumen.



Donnerstag, 26. November 2015

Übermorgen lese ich bei Stoff und Stil in Halstebenbek!




Am Samstag noch nichts vor? 

Wie wäre es mit einem Besuch der Stoff und Stil Filiale in Halstenbek (in der Nähe von Hamburg). Dort lese ich aus meinem Buch, plaudere mit euch über das Nähen und signiere Bücher. Ich freue mich, wenn ihr kommt - ihr dürft mich auch alles fragen!

Wann: 28.11.2014 um 13 Uhr
Wo: Stoff und Stil, Gärtnerstraße 130 - 140 in Halstenbek (Wohnmeile)





Mittwoch, 25. November 2015

MMM - nicht perfekt und trotzdem stolz darauf!



Endlich bin ich mal wieder beim Me Made Mittwoch, dem wöchentlichen virtuellen Laufsteg mit Menschen in selbstgemachter Kleidung,  dabei!

Mein Probe-Appleton-Dress, das ich das letzte MMM zeigte, wird wirklich SEHR von mir geliebt, deswegen hatte ich Mut, den länger gestreichelten Karo-Jersey anzuschneiden, um daraus noch ein Wickelkleid zu nähen. Leider hatte ich nur 2m Stoff beim Ausverkauf der Stoffabteilung des Alsterhauses gekauft - das war das letzte Stück - deswegen konnte ich beim Zuschnitt auch ganz und gar nicht auf den Karoverlauf achten. Im Nachhinein finde ich das auch nicht wirklich tragisch, denn dieses Wickelkleid zieht sich dahin, wo es hin will (der Woll-Plastik-Jersey verhält sich ganz anders, als der Viscosejersey vom letzen Mal), da hätte das im Vorderteil sowieso kaum mit dem Musterverlauf hingehauen.

Und das bringt mich zu meiner Botschaft: Perfektion ist schön aber nicht notwendig! Wir dürfen unsere selbstgenähten Kleidungsstücke tragen, sie liebhaben und stolz darauf sein, was wir geschaffen haben, auch wenn sie nicht perfekt sind -  denn im Vertrauen gesagt: wir sind auch nicht perfekt und Perfektion ist auch mit Anstrengung und dem Konsum der in Frauenzeitschriften redaktionell und per Anzeige beworbenen Produkte niemals erreichbar.




Wie schön, dass wir eine Alternative haben und in Nähblogs sehen, worauf echte Menschen stolz sind: Mehr wunderbare selbstgemachte Kleidung an echten Menschen findet ihr wie immer Mittwochs auf dem Me Made Mittwoch Blog, heute mit Monika als Gastgeberin in einem Kleid, das ich letztens in Köln sehr anschmachtete, weil der wunderbare Stoff wirklich jeden Cent wert war.

Dienstag, 24. November 2015

Jeans, ein faszinierendes Material! - Teil 1 (Werbung)

Der folgende Blogpost spukt mir schon ganz lange im Kopf herum. Ich bin einfach ein großer Jeans-oder-besser-gesagt-Denim-Fan, auch wenn ich den Jeans-Hosen eher abgeschworen habe. Aber das Material Denim mag ich sehr, obwohl ich weiß, dass der Stoff nicht unumstritten ist. Man könnte sogar sagen, ich habe eine ganz innige Beziehung dazu und diese würde ich gerne mal gründlich überdenken. Umso mehr freut es mich, dass stoffe.de, als Stoffladen, der auch Denim im Angebot hat, sich bereit erklärte, zwei Beiträge zu sponsern (d.h. ich bekomme Geld für diesen Blogbeitrag, er ist also rein rechtlich gesehen Werbung), in denen ich frank und frei laut denken und schreiben darf, was mir zum Thema Jeans einfällt. Herzlichen Dank dafür!



"Jeans, amerikanische Bezeichnung für Blue Gene oder Blue Genois als blaues Genueser Gewebe. Mit "genoese" wurden schon sehr früh die Baumwollhosen bezeichnet, die in ihrem einfachen Schnitt den genueser Seemanshosen entsprachen. Im Slang der Hafenarbeiter wurde "genoese" dann zu "jeans" verballhornt. Von dieser Bezeichnung distanzierte sich Levi Strauss, da seine textilen Erzeugnisse aus Nimes kamen und die Origianlbezeichnung "Serge de Nimes" (-> Denim) trugen." aus  Lexikon der Gewebe: Technik, Bindungen, Handelsnamen von Thomas Meyer zu Capellen

Jeans, oder besser Denim (da lassen wir jetzt mal die Kirche im Dorf und benutzen das Wort, welches uns lieber ist - machen ja alle) finde ich deswegen faszinierend, weil dieser Stoff irgendwie alles mit macht. Man kann sich die Finger daran abwischen, ohne dass sofort Spuren zu sehen sind und auf Bäume klettern, ohne dass etwas reißt. Nicht, dass ich das dauernd machen würde. Aber theoretisch könnte ich das und das ist gut zu wissen! Jeans macht so einiges mit und kann deswegen auch mehrere Tage hintereinander getragen werden, ohne dass es der Umgebung sofort auffällt. 

Denim ist stabil, das liegt unter anderem an der Köperbindung. Während andere Webware meist mit waagrechten und senkrechten Fäden gewebt werden (Leinwandbindung), erkennt man bei der Köperbindung ein Diagonalmuster, das entsteht, weil eben nicht immer abwechseln hoch und runter gewebt wird, sonder der Schußfaden über mehre Kettfäden hinweg geht und dieser Rhythmus dann von Reihe zu Reihe versetzt wird. Je nach verwendetem Material und Art der Bindung, entsteht ein sehr stabiles und belastbares Gewebe. Aber Halt! Kennt ihr den Beitrag von Manomama, der beschreibt, dass Jeans heutzutage mit zusätzlichen Appreturen stabil gemacht wird, statt mit gutem altem Zwirn, weil dieser anspruchsvoller zu Verweben ist. Da wirft sich mir doch die Frage auf, ob Jeans wirklich so stabil ist, wie ihm zugeschrieben wird. Die Löcher an der Innenseite der Oberschenkel meiner häufig getragenen Jeanshosen, hatten mich an diesem Mythos ohnehin schon länger zweifeln lassen. Trotzdem, ich mag von diesem Gefühl "der macht alles mit" irgendwie nicht lassen, irgendwie ist es doch tröstlich, einen Stoff zu tragen, der zumindest das Image hat, dem trubeligen Alltag stand zu halten. 

Jeans fasziniert viele Menschen, weil Jeans, so wie Leder, mit der Zeit und mit Benutzung immer "besser" wird. Dieses "besser" muß ich in Tüdelchen schreiben, weil auch dies im Auge der Betrachterin liegt. Aber bei vielen Kleidungsstücken aus Denim ist es in der Tat so, dass sich das Kleidungsstück mit der Zeit mehr und mehr den Körperkonturen anpasst und dass Gebrauchsspuren das Kleidungsstück tatsächlich lebendiger machen. Vielleicht ist das auch der Grund, wieso manche Leute so eine innige Beziehung zu alten Jeans haben? Irgendwie ist der Körper mit dem Kleidungsstück derart verwachsen, dass ein Nachfolgemodell so schnell nicht an die tiefe dieser Beziehung heran kommt.

Der "Used-Look" ist das größte Problem


Ich vermute mal, dass diese Gebrauchsspuren, mit denen man heutzutage Jeans kaufen kann, auch aus diesem Grund in Mode gekommen sind. Sie symbolisieren "wir zwei, wir haben schon einiges miteinander durchgestanden" - auch wenn das natürlich nicht stimmt. Und da sind wir nun genau an dem Punkt angelangt, an dem sehr deutlich wird, was das Problem mit Jeans ist. Jeans ist nämlich zu Recht mittlerweile mit einem schlechten Ruf behaftet: Jeanshosen, die man in den Läden kaufen kann, sind - unabhängig von Preis und Marke - in der Regel unter schlechten Bedingungen für die Umwelt und in Textilfabriken mit schlechten Arbeitsbedingungen produziert, ganz zu schweigen davon, dass eine Jeans, vom Fädchen bis zur fertigen Hose so viele Arbeitsschritte in den unterschiedlichsten Ländern durchläuft, dass schon aufgrund des Transportes die Ökobilanz saumiserabel ist. Und gerade die in den letzten Jahren so beliebten Gebrauchsspuren, sind das größte Problem. 

Einfach zusammengenähte Jeans, aus gefärbtem Denim gibt es heutzutage kaum noch. Die meisten Jeanshosen sind so bearbeitet, dass sie gebraucht und irre individuell aussehen - "Used Look" das sagt schon alles! Das ist echt total verrückt, aber mir geht es mittlerweile so, dass ich bei einer Jeans, die aus durchgefärbtem Stoff, ganz ohne diese Behandlung sehe (und dabei spreche ich noch nicht mal von Löchern, sondern nur von Bleichung und diesen künstlichen Sitzfalten) mittlerweile das Gefühl habe, dass die unbehandelte Jeans billig aussieht! Das muß man sich mal vorstellen! Wahrscheinlich geht das nicht nur mir so: das abgetragen-aussehende Stück erscheint hochwertiger! Ich finde das verrückt und frage mich, wann und wie genau diese Gehirnwäsche bei mir eingesetzt hat. 

Einen Erklärungsversuch, den ich dafür habe ist, dass der Konsumzyklus bei Kleidungsstücken mittlerweile irre kurz geworden ist. Während wir früher Kleidungsstücke so lange trugen, wie sie  nicht auseinanderfielen und uns noch passten, ist es heutzutage völlig normal, Dinge nur ein einziges Mal zu tragen. Mit dieser Wegwerf-Strategie heizen wir ordentlich das Wirtschaftswachstum an und ignorieren, dass dies auf Kosten der Menschen in anderen Ländern und den zukünftigen Generationen, die unter unseren Umweltsünden zu leiden haben, geht. Da sich dieses wenige-Male-getragen-und-hopp-und-weg vielleicht doch komisch anfühlt, sind einfach die neuen Kleidungsstücke so gemacht, dass sie schon den Look von oft getragenen "Lieblings-Stücken" haben. Und wir spielen dieses Spiel mit, ohne darüber nachzudenken.

Nähen für ein besseres Gewissen


Als Menschen, die nähen können, können wir dieses fiese Spiel unterbrechen. Wir können uns zum Beispiel ganz bewusst zertifizierte Stoffe kaufen und daraus Kleidung nähen - das das mit den Zertifikaten aber nicht so einfach ist, das hat Frau 7000Sachen ja letztens ausführlich beschrieben und ich kenne die Bedenken der Hobbynäherinnen ordentlich Geld für Stoff auszugeben, wenn in die Nähfertigkeiten noch nicht genügend Vertrauen ist, um sich wirklich sicher zu sein, ein großartiges Kleidungsstück zu fabrizieren.

Also was tun? Ich vermute, es geht nicht ohne Kompromisse. Für mich ist es ein Kompromiss, mit dem ich leben kann, möglichst wenig behandelten Jeans zu vernähen, das ist das immer noch besser, als eine Jeans von der Stange zu kaufen. Wir können uns gegen vorgefertigten Used-Look entscheiden, diese "Verzierungen" falls gewünscht selbst machen, statt es den schlechtbezahlten Produzentinnen zu überlassen, aber besser noch:

Wir können unser selbstgemachtes Kleidungsstück aus Jeans lieben, ehren und lange tragen! 


Wenn wir selbst nähen, dann wissen wir, wie viel Aufwand in einem Kleidungsstück liegt und können diesen Wert schätzen. Mir geht es so, dass es mir mittlerweile extrem schwer fällt, Kleidung zu entsorgen. Ich sehe nicht mehr das 10-Euro-Teil sonder ich sehe ein Kleidungsstück, das von Menschen zusammen genäht wurde.

Wir können daran arbeiten, besser zu nähen, um weniger Stoff zu verschwenden, der unter schwierigen Produktionsbedingungen hergestellt wurde. Wir können etwas über Schnitterstellung und Anpassungen lernen und wir können uns dazu aufraffen, genähte Kleidungsstücke so lange und sorgfältig zu bearbeiten, dass sie zu Lieblingsstücken werden. Das auf dem Weg dorthin das eine oder andere UFO entsteht, dass frustriert in die Ecke geknallt wird oder im Mülleimer landet, das wird vermutlich ein ganz normaler Teil des Weges sein. Aber das Ziel vor Augen, sich selbst tolle Kleidung zu nähen, hilft uns Schritt für Schritt unabhängig von Produktionsprozessen zu machen, die wir nicht unterstützten wollen.

Auf Jeans zu verzichten, weil die Produktionsbedingungen nicht toll sind, ist für mich noch keine Alternative. Konsequent gedacht, wäre es dann auch notwendig, noch tiefer in die Materie einzusteigen und sich über die Produktionsbedingungen von Baumwolle und über die Verwendung von Erdöl für die Faserproduktion schlau zu machen. Ich bin da keine Heilige und mag Baumwolle und insbesondere Jeans wahnsinnig gerne. Ich arbeite Schritt für Schritt an meiner ganz persönlichen Lösung, nur noch Lieblingskleidungsstücke zu produzieren, die ich gerne und lange trage. Dazu mehr im nächsten Beitrag über Jeans.

Montag, 23. November 2015

Aus dem Nähkästchen geplaudert: "Geschickt eingefädelt" - Manchmal hilft auch kein Flamingo!

Vox: Andrea Friese

Am letzten Dienstag lief die dritte Folge des neuen Näh-Wettbewerbs zur Primetime bei VOX. Um Euch das Warten auf die nächste Folge zu verkürzen, erzähle ich euch wieder etwas über mich und mein Nähen in der dritten Woche von "Geschickt eingefädelt". 

Der nächste Drehtag fühlte sich für mich an, wie der dritte Tag beim Skifahren, wenn Erschöpfung sich breit macht und die Verletzungsgefahr am höchsten ist. Am Tag zuvor hatten wir frei und ich hatte versucht, die freie Zeit so effizient wie möglich zu nutzen und ein Maximum an Entspannung und schönen Dingen zu erleben. Ich war mit ein paar KandidatInnen zum Stoff kaufen auf dem Crellemarkt, trank mit Frau Nahtzugabe Kaffee, besuchte Lindy im Atelier und versuchte abends in der Sauna zu entspannen. Letzteres war allerdings wenig erholsam, denn meine Gedanken kreisten um die nächsten Aufgaben und im angrenzendem Schwimmbad, amüsierten sich 50 italienische Teenager.

Es fehlt Ella! Ich vermute, sie hat fotografiert.

Als ich nach der Sauna auf meinem Hotelzimmer meinen Lieblingsrock für den nächsten Tag bügelte, war ich 100 % sicher, dass als nächste Aufgabe würde eine Hose mit allem Pipapo, also Reißverschluss mit Untertritt und Taschen, zu Nähen sein wäre. Das wäre eine Technikaufgabe nach meinem Geschmack gewesen! Ich hatte mir im "Nähkästchen", wie der Raum mit den Stoffen genannt wurde, bereits einen roten Hosenstoff mit Elasthan-Anteil ausgesucht, deswegen trug ich auch an diesem Tag den roten Rock. Die Jury hatte mir als Feedback mitzugeben, mehr meinen Style zu zeigen. Der rote Rock war definitiv mein Style - kein Kleidungsstück hatte ich den Monaten zuvor lieber getragen. Was ich aber nicht bedachte war, dass die Jury möglicherweise ein ganz anderes Bild von mir und meinem Style hatte.

Lieblingskleidungsstück 2014

Um beim Nähen keine wertvolle Zeit zu verschwenden, lernte ich beim Bügeln noch mal die Schritte auswendig, die für den Hosen-Reissverschluss notwendig sind und prägte mir fest ein, auf welcher Seite er für Damen oder Herren genäht wird. Ich hatte zwar schon zwei Mal eine Herrenhose mit Reißverschluss genäht, war aber jedes Mal stur einer Anleitung gefolgt und zwei Versuche sind zu wenig, um wirklich Routine zu haben. So ist das bei Hobbyschneiderinnen! Abends konnte ich nicht einschlafen, so sehr stand ich unter Strom: die italienischen Jugendlichen, der Reißverschluss, das Drapieren an der Puppe ... in meinem Kopf brummte es und die Gedanken fuhren Karussell.

Keine Ahnung, warum ich so felsenfest davon überzeugt war, dass eine Hose dran wäre, jedenfalls fiel ich aus allen Wolken, als die Jogginghose verkündet wurde. Eine richtige Hose, hätte ich zickzack genäht. Ich hätte Inge gerne gezeigt, dass ich das kann. Aber nun war ich irritiert: Eine Jogginghose zu nähen, stellt für mich eigentlich kein Problem dar, schwierig fand ich allerdings die Aufgabe, eine dekorierte Partyjogginghose zu nähen, mit einem Schnittmuster, das mich mehr an Windeln, als an eine Hose für einen erwachsenen Mann erinnerte. Wahrscheinlich bin ich spießig, aber ich kann mir beim besten Willen keine dekorierte Jogginghose vorstellen, die meinem Mann gefallen könnte. Ich wäre niemals auf die Idee gekommen, einen der Stoffe der anderen KandidatInnen zu wählen! Mit meiner Enttäuschung darüber, dass wir keine "anständige Hose" nähen sollten, stand ich mir zu sehr im Weg, einfach mal spaßeshalber etwas auszuprobieren. Zu diesem Zeitpunkt konnte ich einfach nicht mehr klar denken und fühlte mich der Situation ausgeliefert. Schon erstaunlich, was mit einer in Extremsituationen passieren kann. Das hätte ich so nicht von mir vermutet.


vom TV abfotografiert - Zeitpunkt: "überall lagen Teile rum"

Wie Inge darauf gekommen ist, dass ich unstrukturiert arbeiten würde, ist mir ein Rätsel, denn ich ging Schritt für Schritt der Anleitung nach. Nach meinem Verständnis der Technikaufgabe, war das selbstverständlich. Dadurch, dass die Taschen auf die an der Seitennaht geschlossenen Hosenbeine kamen, lagen eben zu dem Zeitpunkt des Jurybesuchs an meinem Tisch noch viele Teile herum, weil ich gerade mit der ersten Tasche beschäftigt war. Vielleicht wäre es geschickter gewesen, mich erst mal mit der Öse zu beschäftigen, so lange noch Zeit ist, denn so etwas hatte ich noch nie vorher gemacht. Aber das kam in der Anleitung weiter hinten.

Der Schnitt war insofern nicht ganz einfach zu nähen, weil die Teile nicht wie typische Hosenbeine aussahen. Es galt, insbesondere bei dem "Windeleinsatz", alle Teile auf der linken Stoffseite zu beschriften, um nicht mit Vorne und Hinten durcheinander zu kommen. Das war bei meinem freundlichen Stoff kein Problem, es verlangte eben nur Konzentration, um mit den Schnittteilen nicht durcheinander zu kommen. Dass meine Nähte nicht vorbildlich waren, da will ich mich jetzt gar nicht im Nachhinein mit ungewohnter Maschine und Zeitdruck entschuldigen, ja, sie waren nicht perfekt, bei einer Partyhose hätte ich das nochmal aufgetrennt - bei einer Jogginghose so gelassen.




Ich finde es total spannend zu erkennen, dass ich wirklich nicht modern denke. Ich bin sowas von weitab von Style und Mode, dass ich bei einer Aufgabe, wie einer "Partyjogginghose" überfordert bin. Schon spannend was passiert, wenn frau sich aus der normierten Welt der medialen Vorbilder bewusst zurück zieht und sich eigene Inspirationsquellen sucht. Wenn ich allabendlich durch meine abonnierten Nähblogs surfe und mir die selbstgenähten Werke an stolzen Hobbyschneiderinnen ansehe, dann wird mein Geschmack und mein Blick darauf, wie Frauen aussehen können ganz anders geprägt, als durch die Stilvorbilder der Frauenzeitschriften, der Plakatwände und des Fernsehens. Vielleicht weiß ich nicht, was "der neuste Schrei" ist, aber ich entwickele einen ganz eigenen Geschmack und bin dadurch garantiert eigensinniger geworden im Sinne von autark. Auch in der Nähbloggerinnenwelt gibt es Moden, aber diese hinken der Mode ein bisschen hinterher, nehmen nicht jedes angesagte Element auf und entwickeln auch ein ganz anderes Verständnis von Mode, das mehr auf echte Frauen die im Leben stehen fokussiert ist, als auf junge, knabenhafte Modells.




Der Jogginghosentag war sehr anstrengend, deswegen zog ich am nächsten Tag ein Kleid an, dass ich eigentlich nicht für die Drehtage eingepackt hatte: ein Jerseykleid - die Jogginghose unter den Kleidern. Ich brauchte etwas Komfortzone, um mich den kommenden Aufgaben zu widmen und hatte keine Lust, an diesem Tag darauf zu achten, ob der Rock richtig sitze. Das Jerseykleid, von dem ich so viele Variationen besitze und zu vielen Anlässen trage, war an diesem Tag in all seiner Bequemlichkeit Rüstung für mich, um mich dem neuen Kampf zu stellen.





Für die Kreativaufgabe hatte ich mir fest vorgenommen, dieses Mal einen Schnitt an der Puppe zu drapieren und etwas wirklich Neues zu schaffen. Anscheinend war es angesagt, weniger vom Upcycling-Material zu nehmen, als ich angenommen hatte, also beschloss ich einen neuen Schnitt zu machen, einen tollen Stoff zu nehmen, auf den ich einfach Lust hatte und die Jeans nur zur Deko einzusetzen. Weil ich Nähbloggerinnenkreisen zu dieser Zeit das Gillian Wrap Dress so angesagt war, hatte ich schon länger vor, mal etwas mit Epauletten zu machen. Ich überlegte erst, ob ich mir einen Jersey suche und eine Art Gillian nähe, fand dann aber den Jeans zu steif, um ihn mit Jersey zu kombinieren, also entschied ich mich für eine konservative Form: ein tailliertes Oberteil mit Abnähern.

Ich machte also einen Schnitt für die Puppe, schnitt dann eine Rückenpasse und Epauletten zu. Die Frage war nun, wie ich die Schnitteile und damit die zwei verschiedenen Stoffe verbinden sollte. Ich entschied mich zu deutlich sichtbaren Nähten mit einem Garn in Kontrastfarbe, um den Jeansstyle zu wahren. Das war ein Fehler! Die Nähte waren durch die Kontrastfarbe sehr sichtbar - sowas sollte frau nur machen, wenn sie Zeit und Ruhe zum Nähen hat.




Mir war es wichtig, viel vom Jeans zu nehmen, deswegen die Idee, den Reissverschluss nicht direkt an dem Baumwollstoff anzusetzen, sondern eine Jeansblende zu nähen. Ich hätte sehr gerne noch Schrägband aus dunkelblauem Chambrey geschnitten, um die Armlöcher und den Halsausschnitt einzufassen, fand jedoch kein passendes Material. Also entschied ich mich für graues Schrägband, da im Blumenstoff grau vorkam und der graue Reissverschluss farblich besser passte, als ein dunkelblauer, der nicht den gleichen Ton hatte, wie der Denim. Es war natürlich ein Fehler, das Schrägband auch mit dem sichtbaren Garn in Kontrastfarbe anzunähen - das kann unter Zeitdruck nur unordentlich werden! Den Hosenbund als unteren Bund für die Bluse zu nutzen, fand ich toll, war aber schwierig zu nähen.




"Meike ist der Typ, die wirklich bewusst in ihr textiles Unglück rennt ... sie macht Fehler und macht einfach weiter. Das ist ein großes Problem. Warum? Weil sie so eigensinnig ist. Sie trennt alles von der Jeans ab und nimmt nur das Material und will was völlig neues creiren und das ist ein bisschen das Problem." Guido Maria Kretschmer in "Geschickt eingefädelt" am 17.11.2015

Ach ... ! Im Nachhinein finde ich, dass meine Strategie, etwas zu wagen, etwas Kompliziertes zu nähen, genau richtig war. Den Schnitt für die Puppe selbst zu machen, war aufwendig, aber ich hatte es zumindest einmal geübt und war festentschlossen, das frisch Gelernte umzusetzen, auch wenn ich zwischendurch das Gefühl hatte, dass das Projekt ne Nummer zu groß für mich war, um es in der vorgegebenen Zeit zu schaffen. Aber an diesem Tag war ich kämpferisch gestimmt und wollte es allen zeigen.

Mit dem Ergebnis war ich sehr zufrieden. Mir gefiel meine Bluse und ich fand, ich hatte genau das richtige Maß an Upycycling betrieben und meinen Stil eingebracht. Gut, von Nahem gefielen mir die Nähte in dem Kontrastgarn auch nicht, aber das wäre eben genau das Detail, das ich in Ruhe anders machen würde. Außerdem hatte ich beschlossen, mit diesem Werk Anke und Guido zu gefallen, denn es handelte sich um die Kreativaufgabe. Im Rahmen meiner Möglichkeiten, hatte ich mein Bestes gegeben und beim Anblick meiner Bluse tatsächlich das Gefühl, als Hobbyschneiderin, die sonst ganz andere Dinge näht, über mich hinaus gewachsen zu sein.




Da ich die Kommentare der Jury hinter den Glastüren nicht kannte und während des Nähens auch nicht mitbekam, was die Anderen machten, vermutete ich, dass ich mich im Mittelfeld bewege, was für mich völlig ok war.  Ich hatte niemals behauptet, besonders gut zu nähen. Wie auch, ich nähe seit knapp 6 Jahren, denn die Stoff-Rechtecke, die ich als Teenager zu einem Rock oder Shirt zusammen nähte, zählen nicht wirklich. Ich nähe ungefähr einmal in der Woche, dafür habe ich eine Menge Kleidung fabriziert, auf die ich stolz bin und die ich gerne trage. Aber natürlich kann ich keine Wunder vollbringen, denn Routine, Sicherheit und Erfahrung stellen sich auf diese Weise nur langsam ein. Aber genau das ist Hobbynähen!

Das Nähen ist eine Ergänzung zu unserem Leben mit seinen vielfältigen Anforderungen. Nähen ist Hobby, Entspannung, Herausforderung und gleichzeitig schaffen wir mit unseren eigenen Händen Kleidungsstücke, die genau das sind, was wir uns für uns wünschen. Ich nähe normalerweise nur das, was mir gefällt und auch wenn nicht alles perfekt ist, bin ich sehr wohl der Meinung, dass ich darauf stolz sein kann. Diesen Stolz und diese Freude am Nähen würde ich gerne im Fernsehen transportieren, aber das ist in der Wettbewerbssituation nicht so leicht.

Für die nächsten Aufgaben nahm ich mir vor, einfach das zu tun, was ich kann und liebe und mich nicht mehr von der Wettbewerbssituation auffressen zu lassen- ob mir das gelingen würde? Da wir Stoff und Schnitt für das Kleidungsstück, das als nächste dran kommen würden selbst ausgewählt hatten, freute ich mich sehr darauf, dieses Kleid zu nähen. Ich freute mich darauf endlich zu zeigen, dass Nähen wirklich Spass und Kleidung zu nähen glücklich macht.

Dienstag, 17. November 2015

Am 28.11. lese ich bei Stoff und Stil in Hamburg (Halstenbek)




Wie schon irgendwo zwischen den Zeilen verraten, lese ich am 28. November um 13 Uhr bei Stoff und Stil in Halstenbek aus meinem neuen Buch "Nählust statt Shoppingfrust". Etwa zwei Stunden werde ich vor Ort sein, euch von meiner Mission und dem Buch erzählen, mit euch über das Nähen plaudern und Bücher signieren.



In Köln fand ich es super, dass mich Menschen einfach zu der Veranstaltung besuchten, weil sie neugierig auf mich waren. Das ist doch klar, wenn man jemand von Blog und aus dem TV kennt. Ich freue mich wirklich, wenn ihr mich ansprecht! Also kommt einfach - ich beiße nicht! Ihr dürft auch alles fragen.

Wann: am Samstag, den 28. Novembuer 2015 um 13 Uhr
WoStoff und Stil "Hamburg", Gärtnerstraße 130 - 140 in Halstenbek

Zur Einstimmung hier schon mal ein paar schöne Bilder von der Veranstaltung am Samstag in Köln; fotografiert und dankenswerter Weise zur Verfügung gestellt von meiner Nähbloggerinkollegin Marja Katz. Dankeschön!



Auslosung der Gewinnerinnen für "Neues Leben für alte Kleider"



Huch, die Bekanntgabe der Gewinnerin der Buchverlosung von "Neues Leben für alte Kleider", dem neuen Upcycling-Buch von Frau Nahtzugabe steht ja noch aus. Die Buchbesprechung schrieb ich vor zwei Wochen, der Lostopf war bis letzten Dienstag geöffnet - da wird es ja langsam mal Zeit!



46 gültige Kommentare habe ich gezählt und dafür kleine Zettelchen geschrieben. Ich überlegte, ob ich irgendein Gefäß habe, das etwas mit Upcycling zu tun hat....mmhhh... und dann noch in der richtigen Größe für die Lose....mmmmhhh...Aber dann fiel mir das Multifunktions-Nadelkissen ein, dass mir eine Freundin als Glücksbringer für die Sendung genäht hat - vielleicht entdeckt ihr es ja heute Abend? Es kann piepsen wie ein Vögelchen, wenn frau es schüttelt (sehr gutes Feature bei schlechter Laune durch doofe Nähaufgaben) und ist aus kleinsten Stoffreststückchen genäht. Wenn schon nicht Upcycling, dann doch zumindest tolle Resteverwertung. Danke, für das tolle Teil, Anett!




Aber zurück zur Verlosung. Zwei Bücher durfte ich verlosen und zwei Gewinnerinnen habe ich gezogen. Herzlichen Glückwunsch Elke und Ute. Die Bücher werden euch vom Verlag zugeschickt.

Alle anderen: bitte nicht traurig sein! Es ist ja bald Weihnachten - wünscht euch das Buch oder gönnt es euch selbst; es lohnt und es ist ein tolles Geschenk!

Und wer Verlosungen liebt: bei rosa p. gibt es heute mein Buch zu gewinnen.

Montag, 16. November 2015

Nähbloggerinnentreffen in Köln #nbtk15



Ganz beseelt, muss ich rasch noch einen Rückblick auf das wunderbare Nähbloggerinnentreffen am Wochenende schreiben, bevor mich der Alltag wieder mit Haut und Haaren hat. Ich bin immer wieder erstaunt, wie körperlich anstrengend so ein Trip sein kann  (kein Wunder, wenn das Bett erst gegen 4.30 Uhr kurz besichtigt wird) und wie gleichzeitig inspirierend Begegnungen sind, die die körperlichen Zipperlein doch in einem derart flauschigem Gefühl überlagern, dass ich einfach nur sagen kann: gut so! War toll, dass ich da war!

Und bevor ich jetzt noch von meinen Erlebnissen berichte, muss ich einfach den Organisatorinnen "Danke" sagen. Schon bei den Mails im Vorfeld war klar: in Köln gibt es klasse Frauen, die so ein Treffen mit viel Herz und viel Verstand planen. Das führte allerdings dazu, dass ich mich so aufgehoben fühlte, dass ich mich entschloss, einfach nur mitzulaufen, statt mich für irgendetwas zu entscheiden (die Auswahl war ohnehin nicht leicht) und dann das Chaos noch perfekt machte, in dem ich alle Reiseunterlagen, für die ich mir im Zug Zeit nehmen wollte, prompt in Hamburg liegen liess. Frau Dreikah und Frau AlleWünschewerdenwahr, Frau MachenstattKaufen, Bele (ohne Blog aber fleissige Kommentatorin), Frau Overluck, Frau wunderbarerKleiderschrank und Marja Katz - ihr habt das ganz großartig gemacht, alles perfekt organisiert und mit viel Herz vorbereitet. Ganz herzlichen Dank dafür!



Direkt nach der Anreise traf ich (was gar nichts mit dem Treffen zu tun hat) Daniela von gemachtmitliebe, die ich vor einigen Monaten auf twitter kennenlernte. Daniela bloggt über Häkeln und Stricken und hat auf der re:publica mal einen Vortrag über DIY gehalten. Ich war sehr neugierig auf sie, denn wir hatten auf twitter schon gemerkt, dass viele Dinge einfach auf 140 Zeichen nicht möglich sind. Wir unterhielten uns darüber, was Nähbloggerinen und Wollbloggerinnen verbindet und trennt, über die re:publica und über alles mögliche, rund um das Bloggen. Das war nicht nur nett, sondern auch sehr spannend und findet garantiert eine Fortsetzung.

Vor und während eines wunderbar leckeren Abendessens, dass Herr Dreikah für uns kochte, hatten immerhin 8 von 10 Frauen des Me Made Mittwoch-Teams die Gelegenheit, endlich mal "von Auge zu Auge" statt nur per Mailaustausch über den MMM an sich, Werbung, Sew Alongs und eine mögliche Spendenaktion zu Weihnachten zu sprechen. So sehr, wie ich das Internet und seine Austauschmöglichkeiten liebe, so fasziniert bin ich jedes Mal davon, wie viel angenehmer und effizienter der direkte Austausch ist. Aber - ohne das Internet würde es weder diese Runde noch den MMM geben, also toll, dass es sowas gibt. Das Thema Werbung-und-wie-gehen-wir-als-MMM-Organisatorinnen-damit-um war eine Diskussion, die mich sehr beschäftigte. Ich freue mich, dass wir uns als Team so einig darüber sind, dass wir den MMM werbefrei haben wollen und viel dafür tun, wohlwissend, dass wir das ganze ehrenamtlich machen und das dann auch seine Grenzen hat. Natürlich betrifft mich das Thema Werbung, denn auch mein Blog hat sich gewandelt. Deshalb versuche ich bei solchen Themen immer sehr genau hinzuhören, um zu lernen, wo Grenzen sind und in welcher Weise frau sie managen kann. Das ist nämlich alles andere als einfach! Ich bin wirklich froh, dass im MMM-Team und in unserer Nähnerd-Nische so viel intelligente Frauen sind, denen schwarz-weiß-Denken fremd ist und dass wir gemeinsam nach Lösungen suchen, damit umzugehen. By the way (via MarjaKatz) stieß ich auf twitter auf einen interessanten Blogartikel mit juristischem Hintergrund zum Thema Werbung und Blogs .

Die Verbindung von kommerziellen Interessen und Bloggen beschäftigte mich natürlich, denn für den Samstag morgen hatte ich eine Lesung geplant, also einen Geschäftstermin, der in meinen Augen nichts mit dem Bloggerinnentreffen zu tun haben sollte. Ich dachte, ich klinke mich einfach für 2 Stunden aus und stoße später zur Gruppe wieder dazu. Aber so einfach ist das natürlich nicht. Erst war ich irritiert, als Frau drehumdiebolzen auf twitter überlegte, zur Lesung zu kommen - aber als sie, Marja Katz und Lotti Katzkowski tatsächlich kamen, war ich sehr froh über die Unterstützung. Ich finde, diese Situation spiegelt sehr gut, meine Versuche, die Grenzen zu managen wieder: machmal versuche ich überkorrekt zu sein und dann bin ich erstaunt und sehr erfreut, wenn andere mich so wohlwollend begleiten. Dafür bin ich sehr sehr dankbar. Ich versuche, nicht zu viel und zu kompliziert zu denken, sondern ein mehr auf Genuss umzuschalten und die Unterstützung anzunehmen und mich darin gut zu fühlen. Je mehr ich es schaffe, aus dem Hamsterrad meiner Ansprüche auszusteigen, um so besser gelingt es mir. Danke!

Nachmittags war ich leider zu erkältet und geschafft für den Plissierladen oder die Stadtführung oder den Schnäppchenmarkt. Das wäre bestimmt toll gewesen, aber meine Schnupfnase und meine müden Knochen wollten einfach nur mit Frau Nahtzugabe Kaffee trinken.

Das große Treffen abends, war einfach wunderbar, obwohl es ja immer schwierig ist, so vielen Menschen in so kurzer Zeit gerecht zu werden. Auf jeden Fall hat es großartig geklappt, dass immer wieder Plätze getauscht wurden und sich neue Gesprächskonstellationen gaben - inklusive Party im Klo-Vorraum. Auch am Abend beschäftigte mich natürlich die Frage, wie viel will ich von meinen aktuellen Erlebnissen erzählen und wo ist die Grenze, an der es anfängt zu viel zu werden. Das war sehr schwer für mich zu managen, stieß ich doch auf so viel wohlwollendes Interesse. Aber mir war es lieber, wieder einen schweren Koffer mit Büchern mit zu nehmen, statt mit ihnen hausieren zu gehen. Das ist schon gut so! Ich fand es wunderbar, so viele Frauen wieder zu sehen. Natürlich ist es schade, mit der einen oder anderen nur kurz geplaudert zu haben, aber das Tolle ist doch, dass wir uns ziemlich sicher sein können, einander in den verschiedensten Konstellationen wieder zu sehen, weil es eben nicht nur ein Treffen Neugieriger ist, sondern eine Comunity!



Die Führung durch die Ausstellung "Look! Modedesigner von A bis Z" im Museum für Angewandte Kunst Köln war am Sonntag Morgen noch das Sahnehäubchen. Am Frühstückstisch kommentierte ich noch "Kunst ist ja theoretisch ne gute Idee" und meinte damit, dass ich möglicherweise mit dem, was ich geschlafen hatte, wenig aufnahmefähig wäre, aber es kam ganz anders. Die Führung von Bele und ihrer Kollegin war einfach toll! Im Zug zurück freute ich mich, dass ich mich doch noch dazu aufgerafft hatte. Plötzlich wurde mir klar, dass es sich bei der Führung auch um eine Verknüpfung von Nähbloggerinnengemeinschaft und beruflicher Kompetenz zu tun hat.  Wenn Bloggen und Kommerz scharf getrennt wird, dann hat das seine Berechtigung, bringt uns aber möglicherweise auch um das Einbringen von vielfältigen Kompetenzen, die diese ganzen tollen Frauen in anderen Lebensbereichen einsetzen. Für mich war es ungemein bereichernd, so eine persönliche und kompetente Führung zu erleben und ich bin mir sicher, dass das bei jeder der anwesenden Frauen genauso gewesen wäre, wenn sie mich oder uns in ihren Lebensbereich mitgenommen hätte und uns einen Blick hinter die Kulissen mit persönlichen Erklärungen geschenkt hätte.




Da wurde mir auf einmal klar, dass es nicht nur für mich eine Unterstützung war, dass die Bloggerinnen zur Lesung kamen, sondern möglicherweise auch interessant für sie gewesen sein könnte, mich in anderer Rolle zu erleben. In der Führung wurde viel vom "Bewahren" geredet, denn ich habe gelernt, dass es gar nicht leicht ist, Bekleidung zu archivieren und zu zeigen, weil das Material so empfindlich ist. Aber weil es so wichtig ist, etwas zu Bewahren und zu Vermitteln, werden die Mühen dafür aufgenommen. Und als ich im Zug so darüber nachdachte und jetzt diesen langen Blogbeitrag schreibe, dann denke ich, dass solche Treffen und unsere Blogbeiträge auch etwas mit "gut Aufbewahren" zu tun haben und das finde ich schön.

Um noch rechtzeitig zum Zug zu kommen (Frau Dreikah sagte, der Verspätungsalarm wäre nicht immer präzise), verschwand ich ganz plötzlich vom Treffen, ohne mich von allen und vor allen Dingen gebührend verabschieden zu können. Ich war aber froh, nur ganz kurz auf dem Gleis noch das letzte Kölnfoto schießen zu können und dann in den Zug zu steigen, um dort in Ruhe die vergangenen Stunden Revue passieren zu lassen und ein bisschen zu schlafen.






Auch wenn ich es schwierig finde, familiär Zeit für solche Veranstaltungen frei zu kämpfen, da die Familie dieses Jahr ohnehin nicht so arg viel von mir hatte, bin ich doch froh, dass ich trotz aufkommenden Schnupfens meine Fahrkarte nach Köln kaufte, um euch zu treffen. Ich habe die Zeit sehr genossen und bin froh, so wenig wie möglich geschlafen zu haben. Bis bald und 1000 Dank, dass ihr da wart und euren Teil dazu beigetragen habt, dass es ein wunderbares Wochenende war!

Mehr Berichte zum Treffen findet ihr gesammelt bei Frau Dreikah auf dem Blog. 

Samstag, 14. November 2015

Aus dem Nähkästchen geplaudert: "Geschickt eingefädelt" - Kragen und Ausschnitt

Foto: Vox/Andrea Friese


Am Dienstag lief die zweite Folge des neuen Näh-Wettbewerbs zur Primetime bei VOX. Um Euch das Warten auf die nächste Folge zu verkürzen, schreibe ich heute etwas über mein Nähen in der zweiten Woche, weil ich doch weiß, wie sehr euch diese Hintergrundberichte gefallen.

Die Technikaufgabe fand ich super: eine ärmellose Sommerbluse mit Bubikragen. Das bedeutete, ich konnte mich für einen freundlichen, das heißt, einfach zu verarbeitenden, Baumwollstoff entscheiden und einen Bubikragen hatte ich schon mal genäht. Mein Bubikragennähen lag zwar schon einige Jahre zurück, genauer gesagt war es im Herbst 2011, da ich aber den Bubikragen damals selbst konstruiert hatte, hatte ich das Gefühl, das, was ich tat, zu verstehen. Ich finde, ein Flachkragen, wie der Bubikragen ist leichter zu nähen, als ein Kragen mit Steg und/oder Revers, also ging ich relativ entspannt an die Aufgabe. Die weiße Lochstickerei hatte ich schnell ausgewählt, auf die hatte ich schon in der ersten Woche ein Auge geworfen; ein herrlich sommerlicher Stoff. Ich kombinierte dazu einen rot-pinken Patchworkstoff, der mir auch unheimlich gut gefallen hatte, mir aber für ein komplettes Kleidungsstück etwas "zu viel" gewesen wäre. Zuschnitt und die ersten Nähte waren dank freundlichem Baumwollstoff unproblematisch.



Als ich den Kragen nähte, hatte ich das Problem, dass er nicht schön rund wurde, sondern lauter kleine Ecken hatte. Erst, als ich den Tipp der Jury aufnahm, statt die Nahtzugabe einzuschneiden, diese sehr kurz zurückzuschneiden, wurde er rund. Das hatte ich so noch nie gehört oder gemacht! Wie sieht es bei euch aus? Gehört ihr zu der Fraktion der "Einschneiderinnen" oder der "Zurückschneiderinnen". Alle Frauen, mit denen ich bisher genäht hatte, hatten meines Wissens die Nahtzugabe eingeschnitten, um Rundungen besser hinzubekommen. Oder hatte ich nur nicht bemerkt, dass ich neben "Zurückschneiderinnen" genäht hatte? Der Tipp, die Nahtzugabe zurück zu schneiden ist gold wert und ist einer der wertvollen Erkenntnisse, die ich aus der Sendung mitgenommen habe. Ich habe zwar immer noch ein wenig Sorge, dass sich Stoff auflösen könnte, nur weil die Nahtzugabe zu knapp ist, aber ich versuche nun wirklich daran zu glauben, dass das bei verstürzten Nähten nicht passieren wird. Inge wird schon nicht irren!

Nachdem der Kragen rund war, war das weitere Nähen kein Problem, allein, es fehlte mir an Zeit. Mit den ungewohnten Nähmaschinen zu nähen, dauerte einfach länger, als mit meinem Liebling zuhause. Merkwürdigerweise nähte meine Maschine hin und wieder einfach rückwärts statt vorwärts, was mich mehrmals komplett aus der Fassung brachte. Natürlich wusste ich, dass die Maschine einen Rückwärtsgang hatte, aber immer, wenn ich aus Versehen darauf gekommen war, geriet ich so in Panik, dass ich den Knopf nicht mehr fand, um den Rückwärtsgang auszustellen. Furchtbar! So ein Mist kostet wertvolle Zeit.

Als ich das Schrägband an die Armausschnitte nähte, war ich unsicher. Sollte ich das so unelegant, wie in der Anleitung beschrieben lösen oder lieber so, wie ich es immer mache, dass Anfang und Ende unsichtbar werden, weil ich das Schrägband vor dem Festnähen zum Kreis schließe. Ich entschied mich der Anleitung zu folgen; immerhin befand ich mich in einer Prüfungssituation und aus dem Studium kannte ich, dass es nichts nützt, besonders kreativ zu sein - wenn die Aufgabe nicht erfüllt ist, gab es Null Punkte. In der Nähmaschinenschulung hatten wir sehr ausdrücklich den Schrägbandfuß ans Herz gelegt bekommen. Nach ein bisschen Probieren in der Schulung, fand ich es auch prima, wie ich mit dem Füßchen das Schrägband extrem ordentlich und in einem Rutsch annähen konnte. Also wollte ich das Füßchen auch für die Bluse benutzen. Das war ein Fehler und kostete mich wertvolle Zeit! Was ich übersehen hatte war, dass wir in der Schulung das Schrägband an ein gerades Stoffstück, ähnlich einem Kissen, angenäht hatten - bei einem runden Armausschnitt ging das leider nicht so perfekt, wie ich mir das vorstellte. Also trennte ich ein wirklich übel angenähtes Schrägband wieder ab, schnitt ein Neues zu, bügelte es und legte wieder von vorne los - kein Wunder, dass ich anschließend keine Zeit mehr für Saum und Knopf-Schlinge hatte.

Ich war mit meinem Ergebnis trotzdem sehr zufrieden und ich fand meine Bluse hübsch. Hätte ich im Sommer ein bisschen Zeit übrig gehabt, hätte ich mir auf jeden Fall auch so ein Blüschen genäht. Aber ob ich dabei so kritisch wie Inge schauen würde, ob der Unterkragen ein paar Millimeter rausschaut, weiß ich nicht. Natürlich versuchen wir Hobbyschneiderinnen alles so gut, wie nur möglich zu machen und ärgern uns selbst, über schlampige Details, aber gerade bei einem Stoff, wie dem gemusterten Patchworkstoff, finde ich, kann man auch mal die Kirche im Dorf lassen.




Auch die Upcycling- oder Refashion-Aufgabe der zweiten Woche fand ich super. Die Aufgabe lautete "Konstruiere einen Ausschnitt für ein Kleid". Prima, dachte ich, heute musst du nicht ein komplettes Kleidungsstück umarbeiten, sondern darfst dich auf ein Detail konzentrieren. Ein toller Ausschnitt ist ein Hingucker, da fand ich es gerade reizvoll, den Rest des Kleides schlicht zu lassen. Ich überlegte, welche Ausschnittsformen mir in den Sinn kamen: freier Rücken, hatte ich bei der letzten Aufgabe, rund oder V-Ausschnitt fand ich langweilig. Einen eckigen Ausschnitt, wie beim China-Shirt fand ich zunächst eine gute Idee, bezweifelte aber, ob ich das mit dem sehr dünnen Jersey mit hohem Kunstfaseranteil hinbekommen würde. Was lag also näher, als den Ausschnitt zu nähen, den ich wenige Wochen vorher ein paar Mal zur Vorbereitung für die Sendung genäht hatte, als ich mir noch ein paar Shirts nähte: assymetrisch mit einem netten Faltendetail als Hingucker. Das fand ich originell. Außerdem hatte ich von der Jury bei den Bewertungen vorher die Rückmeldung bekommen, ich sollte etwas nähen, das mehr meine Handschrift trägt. Bei der Jerseyaufgabe dachte ich "Bingo, das könnt ihr haben". So in der Art sah mein Weihnachtskleid 2011und meine neuen Shirts  aus - also nähe ich das so. Aber vielleicht meinte die Jury Blümchenmuster?




Für den anthrazitfarbenen Jersey und den asymmetrischen Ausschnitt konnte ich mir nur Colorblocking vorstellen, ein gemusterter Jersey hätte nicht zu dem Look gepasst. Petrol ist meine Lieblingsfarbe, die Farbkombination mag ich gerne, also legte ich los. ich trennte den einen Ärmel so ab, dass der diagonale Ausschnitt entstand. Das war leicht, denn es handelte sich ja um einen angeschnittenen und nicht um einen eingesetzten Ärmel. Anschließend nutze ich den herausgeschnittenen Ärmel als Schnittmuster und schnitt ihn aus dem petrolem Jersey zu. Bei den Belegen gab ich mir natürlich dieses Mal besondere Mühe! Schon merkwürdig, wie man als erwachsene Frau plötzlich zur strebsamen Schülerin wird!

Die Falten zu legen, war nicht leicht, denn in dem Jersey des vorgegebenen Kleides waren sie nicht bügelbar. Vielleicht wären sie dauerhaft dringeblieben, wenn ich das Plastik mit dem Bügeleisen verschmolzen hätte, aber das hätte möglicherweise bei Inge Punktabzug gegeben. Wie die Jury richtig bemerkte, kämpfte ich mit den Falten und war am Schluss auch nicht wirklich zufrieden, so, wie es aussah. Aber zu diesem Zeitpunkt, war es zu spät, für eine Planänderung.





Selbstgenähtes lebt von kleinen, aber feinen Details. Ich trennte das Ärmelbündchen des grauen Kleides ab und nähte es an den Ärmel in Petrol. Hätte ich mehr Zeit gehabt, hätte auch der anthrazitfarbene Ärmel noch ein Petrol-Bündchen bekommen. Auf die Schlitze, an der Unterkante des Kleides nähte ich links und rechts Riegeln in Petrol, die ich in freihandstickerei mit einem Kreuz versah. Inge fand dieses Detail schrecklich. Selbst, als ich erklärte, dass es eine Art "Logo der Hobbyschneiderinnen" ist, war ihr Kommentar, "das ist No-Go, statt Logo". Nun gut, das ist Geschmacksache und wurde bei der Bewertung dann ja auch nicht gezeigt.

Als ich die kreativen Werke der anderen KandidatInnen sah und die Jurybewertungen hörte, war mir schon klar, dass ich Gas geben müsste, wenn ich weiter dabei bleiben wollte. Aber wie? Ich nahm mir vor, in der freien Zeit etwas über die Arbeit an der Puppe zu lernen. Nur so hätte ich die Chance, bei der Upcycling-Aufgabe etwas Neues zu schaffen, um die Jury einmal zu überraschen. Und natürlich nahm ich mir auch vor, noch sauberer, noch ordentlicher zu arbeiten, obwohl mir klar war, dass Zeitdruck und ordentliches Arbeiten leider auf dem Kontinuum an gegenüberliegenden Seiten liegt. Mittlerweile war ich aber an meiner Hobbyschneiderinnenehre gepackt. Ich wollte zeigen, dass ich gut nähen kann und kreativ bin, also würde ich alles tun, um weiter dabei zu sein.

Mittwoch, 11. November 2015

Style versus Kreativität

Kreativität finde ich schwer definierbar. Ich kenne das bewegende Gefühl, auf einmal tief in mir drin zu wissen, dass etwas Großes passiert ist, etwas Neues geboren wurde, dass ein bestimmter Einfalls sehr gut ist und Fäden zusammenknüpft, die schon lange offen sind - aber leider passieren solche großen Momente nicht ständig und sind für mich keinesfalls auf Knopfdruck abrufbar. Es muss also noch irgendwo eine Art Alltags-Kreativität geben, die uns in gewöhnlichen Situationen dazu befähigt, von dem Üblichen abweichende Lösungen zu finden; ohne zu wissen, was das Übliche ist und warum man davon abweichen sollte. Aber das ist ein anderes Thema.

Style ist für mich ein Gespür für Farben und Trends und hat etwas mit Mode zu tun. Zu Mode habe ich wenig Bezug. Vermutlich ist das deswegen so, weil ich schon als Teenager nicht in modische Klamotten passte und aus Trotz eine Anti-Mode-Haltung entwickelte. In den vergangenen Lebensjahrzehnten, habe ich mich mehr für das Wahre und das Gute interessiert. Dass das Schöne für mich wichtig werden könnte, erstaunte mich in den letzten Jahren. Viel Übung habe ich nicht darin, Schönheit zu entdecken, das verraten meine Schwierigkeiten, Instagram mit Inhalten zu füllen oder meine Accessoires- und Heimdeko-Allergie. Und obwohl ich Schönheit mittlerweile ne klasse Sache finde, habe ich nach wie vor wenig Interesse an mir vorgesetzter Mode. Style ist also nicht so meins.

Stil klingt so ähnlich wie Style, ist aber in meinen Augen etwas ganz anderes. Stil ist etwas Eigenes, eine Zusammensetzung von Dingen, wie zum Beispiel Kleidungsstücken, die zueinander passen und eine gemeinsame Aussage bilden. Stimmig ist für Stil das entscheidende Kriterium -  ob es gefällt, liegt dann im Auge der Betrachterin.

Für mich stellt sich die Frage, ob nicht manchmal Style mit Kreativität verwechselt wird und ich überlege, ob das irgendwie mit einer Abwertung weiblichen Tuns zusammenhängt. Wenn Frauen basteln, ihr Zuhause verschönern, sich selbst oder ihre Kinder benähen, dann ist das zwar gekoppelt mit Moden und nicht frei von ihnen, aber es findet auch in einem speziellen Raum, dem weiblichen und weitestgehend privaten Raum, statt. Das, was dort an Moden produziert wird, hat wenig mit dem Style von Designern zu tun, es sei denn, die Frauen greifen auf das zurück, was ihnen vorgemacht wird. Das ist manchmal, aber nicht immer der Fall, denn die Motivation dieser weiblichen Kreativität liegt in einem "ich mache es für mich/für uns schön" begründet.

In dem Moment, in dem Style mit Kreativität verwechselt wird, findet eine Abwertung, individueller Kreativität, privaten Geschmacks und möglicherweise auch weiblichen Tuns statt. Der fokussierte Blick auf modischen Style, grenzt aus und lässt wenig Vielfalt zu, obwohl Kreativität doch eigentlich die Eröffnung eines größeren Raumes möglich machen soll und vielleicht gerade beim Blick über die Grenzen geschieht. Für mich stellt sich nun die Frage, was das Gewöhnliche und das Ungewöhnliche ist und wenn ich darüber nachdenke, lande ich immer wieder beim Auge des Betrachters, das niemals unabhängig von Mode und Mainstream ist.

Meine Bekleidung selbst zu nähen, bedeutet für mich die Freiheit, selbst zu entscheiden, wie ich aussehe und unabhängig von Mode das zu produzieren, was mein Inneres und Äußeres in Einklang bringt. Ich glaube daran, dass Vielfalt nicht nur eine Berechtigung hat, sondern unsere Welt bunter und interessanter macht. Ich bin alt genug, zu entscheiden, was mir gefällt und wie ich meinen Stil gestalte. Mehr Schönheit in mein Leben zu lassen, ist eine aufregende Erfahrung für mich, seit dem ich mir gestatte, dass auch eine Frau wie ich schön sein darf. Aber Style ist für mich kein Maßstab.

Dienstag, 10. November 2015

Meet & Greet am Samstag in Köln - mit mir, dem Buch und dem Partyknopf



Am Samstag, den 14. 11. bin ich von 11 Uhr bis 13 Uhr in KÖLN bei Stoff und Stil, lese aus meinem Buch, plaudere mit euch über das Nähen und signiere Bücher. Ich freue mich auf euch - mit und ohne Partyknopf!

Wann: 14.11.2015 von 11 Uhr bis 13 Uhr
Wo: Stoff und Stil, Auf dem Berlich 6 in Köln

Montag, 9. November 2015

Darf ich mich vorstellen? Das Nähen und ich.

Zur Zeit kommen so viele neue Leute hier auf dem Blog vorbei, dass ich das Gefühl habe, ich müsste mich der Höflichkeit halber vorstellen. Das ist vielleicht für diejenigen, die hier schon länger lesen, kalter Kaffee, aber ich mach es trotzdem. Vorsicht, der Text wird lang und ist ohne Bilder. Aber vielleicht macht er euch trotzdem Freude. Das hoffe ich doch!

Also, ich heiße Meike, bin 47 Jahre alt, arbeite in Teilzeit als Coach und Autorin, blogge seit 2003 und schreibe seit fast sechs Jahren diesen Nähblog. 20 Stunden im Monat arbeite ich auch noch in einem Stoffladen und empfinde das als tollen Ausgleich zu meinem Job, der sich zum großen Teil am Schreibtisch abspielt. Ich bin verheiratet, habe ein frisch eingeschultes Kind und lebe mit meiner Familie in Hamburg. Seit dem Frühjahr 2010 hat mich das Nähfieber gepackt und seit dem ist Nähen ein wichtiger Teil meines Lebens geworden.

Als Teenager habe ich schon mal genäht. Damals habe ich auch viel gestrickt, ein bisschen gehäkelt, ein bisschen Makramee (Kind der 70er...) und natürlich gebastelt. Stricken war mir von allen Handarbeiten aber das Liebste. Als Schülerin und in den Anfangsjahren meines Studiums jobbte ich in einer Stoffabteilung eines Kaufhauses, das machte Lust auf nähen. Ich hatte gerne mit Stoffen zu tun und war hin und wieder beim Arbeiten so fasziniert von einem Material, dass ich es mit nachhause nahm und am gleichen Nachmittag noch ein Outfit für eine Verabredung am Abend nähte. Ihr könnt euch vorstellen, dass das alles andere als sorgfältig genäht, aber dafür sehr kreativ war. Jedenfalls habe ich damals niemals nach Schnittmustern genäht.

Zwischen Anfang 20 und 40 habe ich wenig gehandarbeitet. Eigentlich machte ich nur etwas selbst, wenn ich etwas ganz Spezielles brauchte: eine Mütze, einen Schal oder eine Häkelgardine als Geschenk für den restaurierten Küchenschrank einer Freundin. So, wie ich auch tapezieren und kochen kann, gehörte das Handarbeiten zum Leben dazu, ohne, dass ich es irgendwie ernst nahm oder gar als Hobby bezeichnete.

Als mein Kind ungefähr 1,5 Jahr alt war, hatte ich Lust, ein Wochenende raus zu kommen und mit Erwachsenen irgendetwas zu machen, das meine eingerosteten Gehirnwindungen wiederbelebt. Es war wirklich Zufall, dass ich einen Nähkurs machte -  das war eben der Kurs, der mir in der Elternschule quasi vor die Füße fiel und der am wenigsten aufwendig zu organisieren war.  Mein Leben wäre ganz anders verlaufen, wenn ich zufällig beim Yoga oder Angelschnitzen gelandet wäre.

Ich war erstaunt, wie viel Spaß es mir machte, im Nähkurs eine Latzhose für das Kind zu nähen, obwohl die Lehrerin streng war und mich aufforderte ordentlicher zu arbeiten, als es meine Art war. Der Wochenendkurs reichte nicht, um die Hose fertig zu bekommen, als ich sie zuhause an meiner geerbten Discountermaschine weiter nähte, wurden mir zwei Dinge klar: nähen macht Spass und wenn ich das weitermachen will, dann brauche ich eine neue, gescheite Nähmaschine.

In den folgenden Monaten nähte ich mit den Frauen des Nähkurses und meiner neuen Nähmaschine jeden Freitag. Schnell wurde mir klar, dass ich eigentlich viel mehr Lust habe, etwas für mich zum Anziehen zu nähen, als Kinderklamotten. Kindersachen gibt es auf dem Flohmarkt und in den Läden in großen Mengen, aber für meine Figur etwas Schönes zum Anziehen zu finden, ist wie die Stecknadel im Heuhaufen suchen. Also begann ich, Kleidung für mich zu nähen.

Als erstes entdeckte ich Farbenmix. Ich war begeistert. Die genähten Beispiele sahen so anders aus, als das, was ich bisher in den Großen-Größen-Läden gekauft hatte. Mehr aber noch, als die Farbenfreude, begeisterte mich das Motto von Farbenmix. Ich habe es nicht mehr wörtlich im Kopf, aber es war sowas wie "du musst nicht perfekt nähen, im Zweifelsfall ist es Design". Dieser Spruch gab mir die Freiheit und den Mut mich auszuprobieren und einfach loszulegen.

Meine ersten Sachen, die ich für mich nähte, waren farbenfroh. Ich hatte dieses ewige Schwarz so satt. Viele Leute glauben ja, dass schwarz "schlank macht". Aber seien wir doch mal ehrlich. Es ist doch egal, ob ich schwarz oder grün trage - dass ich dick bin, sieht man ohnehin. Ich war bezaubert von modernden Stoffläden, die so spannende Muster, so farbenfrohe Stoffe und so interessante Designs boten. Alles das wollte ich haben und fand es auch prima, so bunte Klamotten zu nähen. Ich fand es super, wenn man meiner Kleidung schon von weitem ansah, dass sie selbstgenäht war, denn ich war ausgehungert nach Anerkennung und Lob. Das Leben als Mutter eines kleines Kindes, kann sehr arm an Anerkennung sein; der Job ist weit weg, das Gehirn ist wenig mehr gefordert, als ständig nur "nein dies", "nein jenes" zu sagen und auf dem Spielplatz zu sitzen und mit den Müttern die ewig gleichen Gespräche zu führen wird irgendwann auch langweilig. Und am Schlimmsten: wenn etwas süß/toll/großartig gefunden wird, dann das Kind. Als ich begann, meine Kleidung selbst zu nähen, bekam ich Respekt und Anerkennung und das tat verdammt gut!

Sehr schnell entdeckte ich Nähblogs und surfte vom einen zum anderen. Je mehr Nähblogs ich entdeckte, um so mehr merkte ich, wohin sich mein Geschmack entwickelte. Das, was ich zu sehen bekam, wurde vielfältiger. Ich entdeckte, dass es mehr zu nähen gab, als Farbenmix und ungefähr zu diesem Zeitpunkt, entwickelte sich der Me Made Mittwoch. Bam! Das war nen Ding. Plötzlich sah ich Woche für Woche, was Frauen alles großartiges für sich selbst nähen können! Ich war wirklich geflasht. Vieles, was ich sah, konnte ich erst einmal nicht auf mich übertragen. Es fiel mir schwer, mir vorzustellen, dass bestimmte Kleidungsstücke auch an meiner Figur gut aussehen könnten und viele Nähwerke waren auch jenseits davon, mit meinen noch unentwickelten Nähfähigkeiten umgesetzt werden zu können.

Aber das, was ich beim Me Made Mittwoch sah, liess mich nicht los. Immer stärker wurde dieses Bedürfnis, meinen Stil zu verändern und andere Kleidung zu nähen. Ich sah Frauen, die Röcke und Kleider trugen - viel mehr Frauen in  Röcken und Kleidern als die Frauen in meinem echten Leben um mich herum. Auch wenn ich mir diese Kleider zunächst nicht an mir vorstellen konnte, ich fand sie einfach nur schön. Und dann sah ich mich eines Tages in der Fensterscheibe eines Busses gespiegelt: Ich trug Jeans und ein weißes T-Shirt und ich fand mich furchtbar. So viele Jahre hatte ich Jeans und Shirt getragen und dies niemals in Frage gestellt - warum auch, die meisten Menschen laufen schließlich so herum! Aber an diesem Tag wurde mir der Unterschied zwischen den Frauen in den Nähblogs und mir in Jeans und Shirt klar. Die Jeans mit ihrem engen Bund und das Shirt, die taten einfach nichts für mich. Es gab keinen Grund, bei diesem Kleidungsstil zu verharren, aber es gab jede Menge Gründe, mich in das Abenteuer zu wagen, ganz andere Kleidung für mich zu nähen.

Mein Problem war, dass es die Schnitte, die ich für mich nähen wollte, nicht in meiner Größe gab. Es bliebt mir gar nichts anderes übrig, als zunächst etwas über Schnittanpassungen, Schnitte vergrößern und bald auch etwas über Schnittkonstruktion zu lernen. Ich hatte mir bestimmte Kleidungsstücke in den Kopf gesetzt, die ich unbedingt an meinem Körper sehen wollte, also musste ich mir den Schnitt selbst machen, wenn es ihn schon nicht fertig gibt.

Die zahlreichen Sew Alongs in der Nähbloggerinnenwelt halfen mir dabei, mich an schwierige Projekte zu trauen und beim gemeinsamen Tun, in Austausch mit den anderen Teilnehmerinnen des Sew Alongs, das Nötige zu lernen. Ich merkte gar nicht, wie viel ich Monat für Monat lernte und dass ich immer mehr tragbare Kleidungsstücke produzierte. Was für einen Output ich trotz knapper Zeit und ohne Nähzimmer hatte, merkte ich immer erst erstaunt beim obligatorischen Jahresrückblick. Und wenn ich so auf mein Werk schaute, wurde mir klar, dass ich nicht nur tolle Werke genäht hatte, sondern, dass auch mit mir etwas passiert war. In dem ich mehr und mehr das Nähte, was mir wirklich gefiel, wurde ich auch mehr und mehr zu der Frau aus meinen Träumen. Das passierte nicht über Nacht. Ich veränderte mich, im Laufe meiner Nähkarriere, genauso, wie sich der Inhalt meines Kleiderschrankes veränderte. Alles das, ist hier im Blog nachzulesen, der schon immer längere Texte hatte und weit mehr war, als eine reine Werkschau.

Ich stricke, häkele, koche, backe und bastele immer noch. Ich nähe auch immer wieder für mein Kind  und meinen Mann und ich nähe tatsächlich auch hin und wieder Krimskrams. Aber alles das, was ich so nebenher handarbeite, ist in den letzten Jahren irgendwie nicht wichtig genug für meinen Blog gewesen. Die Suche nach Anerkennung war nicht mehr mein treibendes Motiv. Viel mehr wurde das gemeinsame Lernen mit anderen Nähbloggerinnen für mich wichtig und die Dokumentation meines eigenen Lernprozesses und meine persönliche Entwicklung. Das fand ich spannend und darüber hatte ich Lust zu bloggen und so wurde crafteln, ganz anders, als zunächst geplant, ein fast reiner Nähblog.

Da ich auch beruflich schreibe, war mir sehr schnell klar, dass ich das, was ich erlebte und fühlte, was selbstgenähte Kleidung mit mir macht, nicht nur im Blog aufschreiben will, sondern noch mal geordneter und aufbereitet in einem Buch. Es war nicht leicht, für dieses Buch einen Verlag zu finden, ist es doch kein typisches Handarbeitsbuch, obwohl es vom Handarbeiten handelt. Im Laufe diesen Jahres, habe ich dann gefühlt mehr über das Nähen geschrieben, als tatsächlich genäht. Aber die wichtigste Erkenntnis ist und bleibt: Nähen macht Spass. Kleidung nähen macht glücklich!

Melde dich für unseren Newsletter an

* Pflichtfeld



Mit dem Eintrag in unsere Freundinnenliste, bekommst Du regelmäßig einen Blick hinter die Kulissen von crafteln.de. Ich erzähle Dir Hintergründe zu ausgewählten Blogartikeln und Social Mediabeiträgen und nicht zuletzt gibt es Neuigkeiten über Angebot, Schnittmuster, Workshops und andere Produkte aus dem Hause crafteln.de per Mail. 

(Nur Mailadresse und Vorname sind Pflichtfelder. Mit der Postleitzahl könnte ich Dich zu Veranstaltungen in Deiner Nähe einladen.)



Du kannst dich jederzeit wieder abmelden!

Freitag, 6. November 2015

"Nählust statt Shoppingfrust" - Einblicke ins Buch



Endlich! Nach einigen Anlaufschwierigkeiten gibt es seit gestern mein Buch "Nählust statt Shoppingfrust - Selber nähen macht glücklich!" bei der Buchhändlerin eures Vertrauens.

Damit ihr vorab schon mal wisst, was euch erwartet, zeige ich euch - über das, was ich letztens schon mal über das Buch erzählt habe - hinaus, ein paar Einblicke ins Buch. Aber zuerst ein Foto von dem Lieblingsmoment einer jeden Autorin. Die Kiste öffnen, das Werk, an dem frau so lange gearbeitet hat sehen, ein Buch herausnehmen, staunen, ein bisschen fremdeln, langsam kennenlernen und sich dann einfach nur  f-r-e-u-e-n!





Das Cover kennt ihr ja schon von vorne. Ich freue mich sehr über die Illustrationen! Aber von hinten gefällt mir das Buch noch viel besser. Mein Motto und dann dieses herrliche Bild, das Monika Lauber von mir machte (über das lustige Shooting schreibe ich bei Gelegenheit noch mal was).

"Nählust statt Shoppingfrust" ist ein Sachbuch über das Glück, die eigene Kleidung zu nähen. Ich möchte Menschen aus dem Jammern darüber, dass sie nichts Gescheites zum Anziehen finden, herausholen und ihnen Nähen als Lösung zeigen. Damit sie auch wissen, wie sie dann loslegen können, wenn ich sie überzeugt habe, gibts am Schluss gleich ein erstes Projekt: ein einfacher Rock zum "nach Maß auf den Leib schneidern".




Das Inhaltsverzeichnis habe ich euch auch fotografiert, ich hoffe, ihr könnt was erkennen. Im ersten Teil des Buches erzähle ich vom Umkleidekabinenfrust und erkläre, warum nicht wir falsch sind, sondern warum uns die Massenkonfektion und die medialen Vorbilder Probleme bereiten.

Im zweiten Teil berichte ich von dem aufregenden Prozess der Selbsterkenntnis, rund ums Maßnehmen und Nähen, vom Kopfkleiderschrank und den Erfahrungen, wenn auf einmal ganz andere Kleidung getragen wird, von all dem, das bei mir dazu führte, endlich Frieden mit meinem Körper zu machen.




Der Mittelteil ist für Anfängerinnen mit den grundlegenden Informationen zum Loslegen.

Kapitel 5 "Dranbleiben, wenns schwierig wird" war mir ein Anliegen, weil ich finde, dass den Schritt für Schritt-Anleitungen fehlt, dass jemand Erfahrenes neben einer sitzt und mit ruhiger Stimme sagt "ist nicht so schlimm, dass es nicht auf Anhieb klappt, das geht allen immer mal wieder so.", denn wenn-dann funktioniert leider nicht immer und es wäre doch schade, aufzugeben! Mit meinem Text bin ich dann diese beruhigende Stimme, die Freundin an der Seite, die Händchen hält, wenn es mal schwierig wird.




Kapitel 6 widmet sich der guten Passform. Im Buch gibt es keine Fotos von Kleidungsstücken und damit auch keine konkrete Problemanalyse, ich versuche eher zu beschreiben, was gute Passform eigentlich ist und wie wir uns dieser nähern können, ohne gleich zum Profi zu werden zu müssen.




Dann gibt es noch einen Praxisteil der Anleitung für einen Bodygraphen, einer Figurine und einem einfachen maßgeschneidertem Rock. Bodygraph und Figurine dienen der Selbsterkenntnis nach dem Motto "wie sehe ich aus" bzw. "wie sieht eigentlich der Körper aus, für den ich etwas nähen möchte", denn dieser objektive Blick- ohne Schuldzuweisungen und schlechtes Gewissen! - ist meines Erachtens der Schlüssel für gute Passform und wirkliches Glück mit selbstgemachter Kleidung. Den einfachen Rock habe ich mit ins Buch genommen, weil ich zeigen will, dass die Grundlagen der Konstruktion keine Zauberei sind, sondern logisch und nicht allzu kompliziert. Ich finde, das ist eine gute Möglichkeit, Maßschneidern, einmal ohne Schnittmuster nähen, einfach mal auszuprobieren.




Ich bin begeistert davon, dass der technische Zeichner, dem ich nie begegnet bin, aus meinen wahrlich merkwürdigen Kugelschreiberzeichnungen so tolle Zeichnungen fertigte. Mir gefällt die Gestaltung des Buches überhaupt. Die kleine Absätze in Schreibschrift und die "Plakate" im Buch mit Zitaten regen zu Denkpausen beim Lesen an. Und die eingestreuten Illustrationen machen es einfach nett.




Ganz besonders gefallen mir aber die Nähgeschichten meiner fünf NähfreundInnen. Denn alles, was ich schreibe, haben wir - die Nähnerdcomunity, meine Blogleserinnen und ich - zusammen gelernt. Es war ein stetiges Geben und Nehmen und deswegen freue ich mich, dass einzelne Stimmen aus unsere Welt, mein Buch bereichern.




Für alle, die noch einen Stups brauchen, um davon überzeugt zu werden, dass das Nähen der eigenen Kleidung einfach großartig ist, ist das Buch das perfekte Geschenk. Und für euch, meine lieben Leserinnen, ist es, so wie für mich, eine Essenz unseres gemeinsamen Lernprozesses, in der es einfach Spaß macht, zu lesen und zu blättern.


Meike Rensch-Bergner
Nählust statt Shoppingfrust
Selber nähen macht glücklich!
160 Seiten, hochwertiger Pappeinband, 21,5 x 13,5 cm
14,99 € (D) 15,50 € (A)
ISBN 978-3-95550-179-2
Trinity Kreativ


Falls ihr zum Köllner Nähbloggerinnentreffen kommt und ein Buch wollt - sagt mir bescheid, dann bringt ich es mit. 

Für die Hamburgerinnen und Kölnerinnen sind Lesungstermine in Vorbereitung.