Sonntag, 25. Oktober 2015

Vom Stoffeltrüffeln und dem Nähnerdglück



Ich kaufe gerne Stoffe in Berlin auf dem Markt am Maybachufer. Warum eigentlich? Eigentlich bräuchte ich gar nicht mehr so gierig sein und jede Berlinreise rund um einen Marktbesuch zu planen, arbeite ich doch mehrmals im Monat in einem Stoffladen. Es gibt viele Menschen, die weite Strecken auf sich nehmen, um genau in diesem Stoffladen zu kaufen. Was fasziniert mich so an dem Stoffkauf auf dem Markt?

Letztens sagte mein Mann zu mir "wenn du dein komplettes Stofflager (in allen Ecken der Wohnung) auflöst, dann kaufe ich dir richtig guten Stoff." Ach! Gierig begann mein Herz zu flattern, bis er die Aussagen schnell einschränkte in "einen richtig guten Stoff". Na, das ist natürlich keine Option!

Eigentlich habe ich genügend Stoff und bräuchte nichts. Das kennt ihr sicher. Und trotzdem geht doch nichts über Stoff jagen: eine Stoffquelle zu betreten, die Hand sanft über die Stoffe gleiten zu lassen, zu fühlen, zu betasten, den Stoff aufzufächern, um zu sehen, wie der Stoff wirkt, wenn er ausgebreitet ist oder sanft in Falten fällt. Es ist einfach großartig, Farben abzuscannen und Muster zu checken und damit Träume zu entwickeln, was daraus werden könnte. Stoff kaufen macht einfach Spaß.

Stoff kaufen und Stoff besitzen ist auch gar nicht das Problem. Das Schwierige ist nur, dass wir alle zu wenig Zeit haben, die Träume zu verwirklichen. Jeden Stoff, den wir kaufen, kaufen wir in dem festen Bewusstsein, einen Schatz gehoben zu haben. Wir wollen ihn haben und wissen genau, dass er uns glücklich macht. Deswegen ist der neuste Stoff auch stets der Schönste, denn die Träume verblassen im Schrank, je länger es her ist, dass wir den Traum geträumt haben.

Die vernünftige Lösung wäre es natürlich, nur noch ganz gezielt Stoff für ein konkretes Projekt zu kaufen, für das wir einen Anlass haben, zu dem es fertig gestellt sein muss und Zeitfenster geplant haben, in denen wir es verwirklichen. Wenn wir so vernünftig vorgehen würden, dann könnten wir uns auch den superduperqualitativen teuren Stoff leisten. Ich weiß noch, wie ich zusammenzuckte, als ich realisierte, dass ich fast 120 € für den Wintermantel-Walk ausgeben musste und überlegte, ob ich das wirklich tun sollte. Ich kaufte ihn, schließlich hatte ich im Vorfeld zwei Probemäntel genäht und brauchte einen Wintermantel. Was soll ich sagen: der teure Walk sieht auch nach drei langen Wintern, an denen der Mantel jeden Tag getragen wurde, immer noch aus, wie neu. Theoretisch weiß ich natürlich, dass guter Stoff lohnt.



Aber praktisch ist es auch immer wieder aufregend, Stoffe auf dem Markt zu kaufen. Gut sortierte Stoffgeschäfte langweilen mich eher. Auch bin ich überfordert, wenn es von einer Materialart zig verschiedene Varianten und Farben gibt. Zum Beispiel zu Mahlerstoffe gehe ich nur, wenn ich ein ganz konkretes Problem habe, wenn ich zum Beispiel einen Kombinationsstoff zu einem Traumstöffchen habe, das ich in ganz bestimmter Farbe und Qualität brauche. So etwa findet sich im Fachhandel, den ich genau dafür schätze. Aber den Einkaufsrausch bekomme ich woanders.

Ich mag es, auf dem Markt nach Schätzen zu suchen. Es gibt viel Mist und viele Plastikstoffe, aber die interessieren mich nicht. Auch auf dem Markt versuche ich, wie ein Trüffelschwein, die guten Qualitäten zu finden. Ich habe damit eine Erfolgschance von mehr als 50/50, je besser ich die Händler zu unterscheiden weiß, um so treffsicherer werde ich. Fabrikverkäufe liebe ich auch sehr, weiß ich doch, dass ein Markenhersteller von Bekleidung, ganz andere Ansprüche an Stoffe stellt, als der normale Stoffladeneinkäufer. Aber Fabrikverkäufe gibt es nicht auf Wunsch und schon gar nicht um die Ecke. Und in Fabrikverkäufen siegt oft das vernünftige Kriterium "gute Qualität" über den Wunsch nach außergewöhnlichen Farben und Mustern. Ist doch klar, eine Kollektion muss möglichst den breiten Geschmack treffen, da werden nicht so viele Experimente gebracht.

Im Stoffladen, in dem ich arbeite, wechselt die Ware ungefähr alle halbe Jahr. Dann gibt es einen neuen Katalog, eine neue Saison, neue Farben und Mustern. Wenn ich mich dann für etwas begeistere, zögere ich beim Kauf, wohlwissend, dass der gleiche Stoff noch Wochen später garantiert verfügbar ist. Das ist nur der halbe Spaß beim Kauf. Das Gefühl, ein Schnäppchen gemacht, einen Schatz ertrüffelt zu haben, stellt sich eher ein, wenn die Gelegenheit einmalig ist. Ich gebe zu, ich mag den Thrill.

Und ich mag tatsächlich auch das Gefühl, das meine selbstgemachte Kleidung nicht teuer ist. Es freut mich, wenn ein Kleid weniger als 30 Euro kostet und zwar deswegen, weil ich einen guten Stoff ertrüffelt habe, statt dafür Arbeitskräfte in Fernost auszubeuten. Ok, über die Stoffherstellung und die damit verbundenen Bedingungen weiß ich dann nichts, aber ich kann zumindest sicher sein, keine Näherin auszubeuten. Als Stoffverkäuferin kann ich einigermaßen einschätzen, welche günstigen Stoffe es lohnt, zu kaufen. Jeder Stoff, den ich kaufe, vernähe, oft trage und wasche lehrt ich mehr über gutes Material.

Nachdem ich auf dem Markt letzte Woche günstige Schnäppchen machte und herrliche Stoffe mit nach Hause brachte, gönnte ich mir noch einen Besuch im Nähkontor und ballerte das gesparte Geld für Knöpfe raus, was mich sehr sehr glücklich machte. Ok, manchmal schockt es auch mich, wenn die Kurzwarenabrechnung mal wieder das investierte Geld für den Stoff übersteigt, aber ich weiß genau, dass gerade ein tendenziell unspektakulärer, einfarbiger Stoff ganz besonders gewinnt, wenn er tolle Knöpfe hat. Kurzum: ich bin mit meinen Mitbringeln aus Berlin sehr glücklich!


Kommentare:

  1. Gerstern im Nähkurs meine die wohl langjährigste Näherin:
    "Das Schönste am Nähen ist das Stoffekaufen"
    Ich musste so lachen.

    Das Schönste ist es (für mich) zwar nicht, aber es ist der leichteste und gerade in Maybachufergesellschaft wohl auch der amüsanteste Teil.

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    1. In der Tat: in Nähnerdgesellschaft gleich doppelt so schön!

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  2. Oooooh jaaaa ... ich weiß genau, wovon Du sprichst!!! Dieser Virus plagt mich nun schon ca. 40 Jahre und es wird einfach nicht besser. Nein, es wird eher schlimmer! Mein Stofflager und somit auch die eingelagerten Träume reichen wahrscheinlich für den Rest meines Lebens. Trotzdem kann ich nicht damit aufhören, immer wieder neue Stoffe zu 'ertrüffeln'. Ein richtiges Wolkenkuckuksheim ist auf diese Weise quasi entstanden. Ich hab das ganze sogar noch weiterentwickelt. Ausgemusterte Kleidung - aber der Stoff ist doch noch gut ... Nachbarn bringen mir solche Schätze, ausgemusterte Bettwäsche gehört ebenso dazu ... alles ist noch für irgendwas gut. Und in der Tat, bei spontanen Nähanfällen bin ich jedesmal im siebten Himmel, wenn ich meine Schranktüren öffne und auch fast immer das richtige Stöffchen für das spontan geplante Projekt finde. Aber eben nur fast ... also auf zum nächsten Stoffmarkt ...!
    Liebe Grüße
    Antje

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    1. Die "spontanen Nähanfälle" sind ja genau der Rechtfertigungsgrund für ausgeprägte Lager und das Problem, warum es uns so schwer fällt, uns von alten Träumen zu erleichtern.

      Mir hilft es, mir immer wieder bewusst zu machen, wie reich ich bin!

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  3. Jaaaaa!!! Genau!!!!! Auch ich bin eine Trüffelsau mit einem viiiiel zu kurzem Leben und viiiiiiel zu wenig Zeit, als das ich das alles verarbeiten könnte!!! Aber herausholen, den Stoff streicheln von Zeit zu Zeit, macht die Muse, welche zum Vernähen fehlt, meistens doch gleich wett!!!

    Und außerdem: freue ich mich auf eure Fernsehauftritte, die ich versuchen werde aktiv und wach zu begleiten, denn seit über sechs Jahren gehört unser TV-Gerät Mann und Kindern ausschliesslich. Denn: mich langweilt das Dargebotene - egal auf welchem Kanal - bis zum spontanen Hinwegdösen spätestens nach 10 Minuten...

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  4. ja - am maybachufer hab ich auch schon schätze gehoben - edle stöffchen für winziges geld weil sie vom design nicht ins beuteschema der schöneberger nähmuttis passten ;-)
    aber ich hab für mich noch nie stoff gekauft ohne zu wissen was daraus zu machen - und hab es dann auch immer gemacht. was aber immer noch mein stofflager füllt sind die reste aus meiner werkstatt. die kundschaft wollte immer in einem gefüllten stoffregal wühlen - nur um am ende doch einen anderen "ganz speziellen" zu bestellen. und dann immer mindestabnahme 6 meter.....
    aber steter tropfen höhlt den grössten stoffberg aus :-)
    xxx

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    1. Das Kriterium "ich weiß, was ich daraus mache" zählt nicht, denn oft fehlt schlichtweg die Zeit, um die Träume zu realisieren. Trotzdem Respekt, dass du das für dich so gut hinbekommst.

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  5. Ich war als Berlinerin noch nie auf dem Maybachufermarkt und kann daher über die Qualität und Herkunft der Stoffe nichts sagen. Allerdings machen mich solche Schnäppchen - auch wenn ich selbst gerne Schmäppchen jage - immer ein wenig nachdenklich. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie tatsächlich unter so ganz tollen Bedingungen hergestellt werden. LG carola

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    1. Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.

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    2. noch mal ohne verschreiber:
      hochwertige stoffe kann man nicht unter miesen bedingungen herstellen.
      jetzt müsste man nur noch wissen wie man "hochwertig" erkennt ;-)
      ausserdem sind die stoffe im kaufhaus aus den gleichen fabriken - seien sie nun eine manufaktur für wolltuch in italien oder eine fiese chinesische kunterbunter baumwolljersey fabrik.... das zeug auf dem markt ist billig weil die vertriebswege etwas düster sind ;-)

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    3. Nein, werden sie ganz sicher nicht. Aber diese Garantie hast Du leider auch nicht, wenn Du bei Frau Tulpe einen Jersey für € 23,—/m kaufst. Leider. ,-(

      Tatsächlich gibt es am Maybachufer viel der Stoffe deswegen so günstig, weil sie eben oft auch Fehldrucke sind oder Webmängel haben. Man muss da sehr genau hingucken!

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    4. Ja, so sehe ich das auch wie Beate und Creezy. Vertriebswege und Fehler sind tatsächlich auch in meinen Augen der Grund für die Preise. Ich glaube, da werden oft Restmengen aus der Produktion aufgekauft. Z.B. habe ich beim letzten Besuch einen Jersey von einem sehr teuren Nachthemd dort gefunden, den ich genauso wie das Nachthemd nicht kaufte.

      Ich bin immer wieder schockiert, wie markengläubig manche Menschen sind, denn leider ist es ja bei den meisten Marken nicht garantiert, dass es sich wirklich um "besseren" Stoff handelt. Ich vermute, dass der Mehrpreis eher zu Gunsten des Marketings oder der Unternehmensgewinne geht.

      Trotzdem ist es natürlich eine berechtigte Frage, sich um die Herkunft und Qualität der Stoffe zu kümmern. Ich wünschte, es gäbe ein größeres Angebot, "fairer" Stoffe und muß mich tatsächlich an die eigene Nase fassen, dass ich meine Konsumentinnmacht nicht diesbezüglich nutze.

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    5. Ok, dann sollte ich mich dort einfach mal umsehen. Schade finde ich dennoch, dass man in den meisten Fällen, egal wo man kauft, keine Herkunftsbezeichnung findet. Das sollten die Stoffhändler mal einführen. LG Carola

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  6. Als ich vor mehr als zwei Jahrzehnten mit dem Nähen angefangen habe, war ich noch umgeben von Zwirnereinen, Woll-, Tuch- und Seidenwebereien, Reißverschluss und Knopffabrik waren genao wie Färbereien ums Eck... Da hatte ich oft das große Glück, jemanden zu kennen, der mir Schätze brachte, die eigentlich nur für die Industrie gedacht waren. Einige dieser Schätze hüte ich immer noch ;) Leider ist die Textilindustrie hier ausgestorben - keine Gönner oder Lagerverkäufe mehr (schnief!)
    Am Maybachufer habe ich auch schon ein richtiges Schnäppchen gemacht ;)))

    Ich bin richtig froh, dass ich morgen mit meiner nähverrückten Freundin zu einem Lagerverkauf sehr hochwertiger Woll- und Baumwollstoffe fahren kann. Das findet nur einmal im Jahr statt...

    Liebe Meike, ich freue mich schon auf die Sendung und werde es vorsichtshalber aufnehmen ;)))))

    Ganz herzliche Grüße vom Schlottchen, die morgen auf Stofftrüffeljagt geht

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