Samstag, 10. Oktober 2015

Unabhängiger werden von Schnittmustern - Teil 1 Grundschnitte

Die Aktion von Mema und Immi "Unabhängiger werden von Schnittmustern" finde ich großartig. Eine Wissenssammlung zu organisieren und uns zum Austausch anzuregen, ist ein toller Anstoß, mal wieder über das Thema nachzudenken. Warum schreibt ihr kein Buch darüber? Das wäre doch was!

Heute will ich meinen Beitrag dazu leisten und mal aufschreiben, wie es mit mir und der Schnittkonstruktion und den Grundschnitten rückblickend geht.

Während ich 2012 von Maßschnitten träumte und quasi auf Magie hoffte ("Maße in ein Computerprogramm eingeben, zack, der perfekte Schnitt kommt raus"), hatte ich Ende 2013 dann das Gefühl, es würde sich lohnen, ein wenig theoretischer einzusteigen. Ich kann gar nicht mehr genau sagen, ob ich wirklich alles lernen wollte, ich glaube, ich hoffe doch auch wieder ein kleines bisschen auf Magie und als Resultat perfekte Grundschnitte. Trotzdem machte ich mich auf, suchte mir eine Lehrerin und lernte ganz brav, von der pieke auf, einen Schnitt  zu machen. Die einzelnen Erfahrungsberichte dazu, findet ihr gesammelt hier.

Mir hat das 1:4 konstruieren Spaß gemacht. Ich mochte es gerne, wieder "zur Schule zu gehen" und lange Zeit ungenutzte Hirnareale wieder auf Trab zu bringen. Die Frage ist nur, was ich davon mitnahm. Ich glaube, das, was ich im Unterricht lernte, war ein wenig den Respekt vor den Schnitten zu verlieren und gleichzeitig Respekt vor Erfahrungswissen zu bekommen. Klingt widersprüchlich? Ich versuche es genauer zu erklären.

Theoretisch Schnitte zu machen, ist eigentlich ganz leicht. Es gibt bestimmte Fachausdrücke, die frau lernen muß und es gibt Schritt-für-Schritt-Anleitungen, wie etwas konstruiert wird und Formeln, die frau auswendig lernen oder nachschlagen kann. Dieses auf-Papier-malen, machte mir Spaß, aber ich empfand es auch sehr theoretisch. Dieses tiefere Wissen, was hinter manchen Sachen steckt, kam oft zwischen den Zeilen, immer dann, wenn Formeln nicht eindeutig waren und Bereiche angegeben waren. Manchmal wusste meine Lehrerin spontan eine Antwort "bei dickem Po nehmen wir lieber den größeren Wert", aber ganz oft sagte sie auch "jaaaaaa, najaaa, das werden wir sehen. Wir fangen mal mit einem mittleren Wert an und dann schauen wir mal, wie das wird, wenn wir den Ärmel einsetzen". Mein Eindruck war, dass das, was ein Lehrbuch, wie der dicke Hofenbitzer bietet, zwar irgendwie ganz schön ist und auch schwer beeindruckend im wahrsten Sinne des Wortes, aber gleichzeitig eben auch sehr theoretisch ist. Um das umzusetzen, wovon der Großteil des Buches handelt, braucht frau eben erstmal einen gut sitzenden Grundschnitt und der ist leider noch nicht erreicht, wenn er einmal theoretisch konstruiert worden ist.

Deswegen bestand ein Großteil des Mehrwertes, den ich aus dem Unterricht zog, tatsächlich aus der "Magie" - genauer gesagt, aus dem erfahrenen Blick meiner Lehrerin. Erst, als ich nach dem Grundschnitt ein Probemodell nähte, sie dann probierte und änderte, wir den Grundschnitt veränderten und dann das nächste Probemodell nähten, näherten wir uns einem guten Ergebnis. Ich fand das alles ziemlich komplex. Weder sah ich sofort, was sie sah, noch hatte ich eine Idee, wie das auf den Schnitt zu übertragen wäre und dann auch noch diese Zusammenhänge! Sobald etwas an der einen Seite geändert wird, verändert sich an anderer Stelle auch etwas!

Ich lernte, dass es verdammt schwierig ist, das richtige Material für die Probemodelle zu wählen, denn kaum änderte ich das Material, sah schon wieder alles ganz anders aus. Und ich lernte eine Menge Demut, denn was als Grundschnitt dabei herauskam, reichte noch lange nicht aus, um meine Designansprüche zu verwirklichen. Der Kleiderschnitt und der Hosenschnitt sind gut. Da kam etwas passendes bei raus, aber weder weiß ich mittlerweile, welche Form genau meine perfekte Hosen haben müsste (je nach Tagesform rutscht der Bund hoch oder runter und ich weiß einfach nicht, was perfekt wäre) noch habe ich ein Jacketschnitt daraus entwickeln können, der dem entspricht, wie ich mir ein tolles Jacket für mich vorstellen.

Ich habe ganz viel implizites Wissen im Unterricht gelernt und durch das Nähen und beobachten gewonnen - es ist aber nicht leicht, dieses wieder zu geben und auch anzuwenden! Es ist ein bisschen frustrierend für mich, dass ein guter Grundschnitt nur der halbe Weg zum Ziel ist, denn gutes Design verlang noch viel viel mehr Erfahrungswissen und es ist kein Zufall, dass es viele Schnitte nicht bis zu meiner Größe gibt. Aber ich sehe Schnittmuster nun mit anderen Augen. Irgendwie habe ich das Gefühl, sie nicht nur anwenden zu können, sondern sie auch ein Stück weit zu verstehen. Ich weiß, was da vor mir liegt, ich kann mir auch oft erklären, warum etwas so ist, wie es ist - zumindest im Groben.

Es lohnt es sich auf jeden Fall, einen Grundschnitt zu machen und vor allen Dingen lohnt es sich, beim Finetuning helfen zu lassen! Ich nutze zwar immer noch Fertigschnittmuster, aber ich kombiniere diese gekauften Muster mit meinem Grundschnitt, um daraus einen Maßschnitt für mich zu konstruieren. Ich schaue mir das fertige Schnittmuster an und versuche es zu verstehe, überlege, welche Hintergedanken bezüglich der Proportionen dem Design innewohnen, nehme meinen Grundschnitt und bastele die Design-Details daran. Das klappt mal mehr, mal weniger. Ich übe noch.

Ich weiß gar nicht, ob dieser Erfahrungsbericht nun wirklich als Hausaufgabe gilt und in die Wissenssammlung passt. Aber es war interessant, nach ein paar Monaten mal Resümee zu ziehen. Mein Ziel für die nächsten Lernschritte wäre es, tatsächlich unabhängiger von Schnittmustern zu werden, d.h. mir wirklich den Hofenbitzer zu nehmen, und mir, ausgehend von meinem Grundschnitt, einige der dortigen Modelle umzusetzen. Das ist irgendwie nicht so sexy, wie Teil eines Trends zu sein und ein Lemmingschnittmuster umzusetzen, würde mich aber in Sachen Schnittkunst unabhängiger und versierter machen. Denn eigentlich ist das möglich: aus einfachen Grundschnitten lassen sich tolle Sachen zaubern, wenn Abnäher verlegt, Ärmel variiert und Kragen angesetzt werden. Eigentlich würde es sich lohnen, sich mal so ein Projekt vorzunehmen. Mein Vortragskleid war ein bisschen so: da der bestellte Schnitt nicht kam, habe ich mir das Kleid selbst konstruiert und nur beim Schleifendetail Hilfe geholt. Aber zum Beispiel der selbstkonstruierte Kragen ist genau das Detail, was mir am Kleid nicht gefällt. Die Proportionen stimmten nicht und die Angaben im Buch reichten mir nicht, um aus dem Stand heraus, den zu dem Kleid passenden Kragen, wie ich in vor Augen hatte, konstruieren zu können. Wahrscheinlich muß frau das einfach immer und immer wieder tun, denn das Schöne an unserem Hobby ist ja: das Lernen hört nie auf. Wir können immer und immer besser werden!

Ein wesentliches Ergebnis meines Schnittkonstruktionsunterrichts ist aber die Erkenntnis, dass mir gute Passform wichtig ist und dass ich mit offenen Augen durch die Gegend laufen muss, um etwas über gute Passform zu lernen. Es gilt, ein Auge dafür zu entwickeln, was wo nicht stimmt und es gilt gut sitzende Kleidungsstücke mit den Augen abzuscannen und zu studieren und zu überlegen, warum dieses Kleidungsstück eigentlich so verdammt gut sitzt. In letzter Zeit habe ich gerne mein schwarzes Kleid getragen und bekam ganz andere Komplimente als mit anderen selbstgenähten Kleidungsstücken. Während sonst oft der Stoff, das Muster, die Farben ins Auge stechen und deswegen gelobt wurden, hörte ich beim schwarzen Kleid das Feedback "oh, das sitzt aber gut". Da muss es hingehen, finde ich. Darüber möchte ich noch mehr lernen, solche Kleidungsstücke möchte ich mehr besitzen!

Kommentare:

  1. zitat:
    ""bei dickem Po nehmen wir lieber den größeren Wert", aber ganz oft sagte sie auch "jaaaaaa, najaaa, das werden wir sehen"
    das ist so typisch für Müller, deswegen mag ich das System überhaupt nicht.
    zu viele Annahmen und Formel! das setzt vorraus,dass der menschlicher Körper mathematisch zu berechner wäre, und das impliziert,dass der Körper perfekt , proportional und symmetrisch wäre. dem ist nicht so. deswegen scheitert der Müller permanent bei besonders schwierigen Figuren und insbesondere bei grössem Busen. Je grösser der Busen desto grösser ist das Armloch.
    es gibt aber jede menge andere Schnittsysteme, die mehr auf gemessenen Maßen basieren und nicht auf Annahmen und Formel. Hofenbitzner ist für mich nichts anderes als "müller" übersetzt für jeden.

    Die perfekte Passform ergibt sich erst aus einem Können der Anpassung, egal welches System zugrunde lag. Und das kommt erst aus Erfahrung, Fehler machen, Schlüsse ziehen, Verstehen lernen,was die Probleme verursacht, viel Geduld und sehr langem Lernweg!

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    1. Julia,
      diese These, dass bei Müller gilt: Je größer der Busen umso größer auch das Armloch ist für mich noch nicht so richtig verifiziert. Ich weiß ja dass du aus Erfahrung sprichst, weil du für extrem große Größen schon oft Müller angepasst hast - aber ist das wirklich so???
      Bin gespannt ob noch jemand hier im Kommentar eine Meinung dazu hat!

      Dein Schlusssatz ist natürlich sehr weise! Man - ich finde Nähen bzw. Schneidern und alles was dazugehört ist aber auch unglaublich anforderungshoch! Das klingt ja auch hier bei Meike sehr gut durch!

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  2. Liebe Meike,
    ich finde diesen Erfahrungsbericht absolut passend zur Wissenssammlung! (Viel passender und schöner geschrieben, als meinen eigenen jüngsten Post .)
    Wegen deiner Blogposts damals wo du erzähltest, dass ihr in 1:4 konstruiert, bin ich damals übrigens auch damit angefangen im kleinerem Maßstab zu zeichnen.

    Liebe Grüße
    Immi

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