Freitag, 18. September 2015

Die dritte Dimension

In meinen letzten Nähnerdgesprächen, kam auf die Frage "Warum nähst du eigentlich?" erstaunlich oft das Thema Dreidimensionalität auf. Das finde ich ja extrem spannend.

Wenn ich das recht verstanden habe, dann fasziniert es, ein zweidimensionales Ding, sprich den Stoff, durch zusammenfügen in die dritte Dimension zu bringen, also in ein Kleidungsstück zu verwandeln, dass einen Raum bietet, in den der Körper schlüpfen kann. Oder um es ganz schlicht zu sagen: Stoff liegt platt auf dem Tisch und anschließend entsteht ein Objekt in der dritten Dimension.

Witzigerweise habe ich diese Frage der Dreidimensionalität weniger am Objekt gesehen - also den platten Stoff in ein raumgebendes Ding zu verwandeln, sondern mich interessiert viel mehr die Dreidimensionalität des Körpers. Im Endeffekt kommt das auf das Gleiche raus, denn das eine folgt aus dem anderen. Aber der Blickwinkel ist ein anderer. Das reine Schaffen von Dreidimensionalität interessiert mich wenig, das gibt es auch bei einem schlichten Shirt mit Schulternähten und Seitennähten - bam! Dreidimensionalität ist möglich.

Mich interessiert viel mehr die vielen kleinen dreidimensionalen Herausforderungen des weiblichen Körpers. Vielleicht gerade deswegen, weil ich so viele davon habe. Hier sind Brüste, da der Po, von Bauch 1 und Bauch 2 ganz zu schweigen. Wie schaffe ich ein Kleidungsstück, dass durch Schnittführung, Linien und Abnäher so geschaffen ist, dass diese Dreidimensionalität nicht nur verhüllt wird, sondern figurumschmeichelnd ins rechte Licht gerückt wird. Mich erinnert das ein bisschen an modellieren und zack habe ich die Assoziation von zweiter Haut. Wenn es aber bloß um ein Nachformen des Körpers gehen würde, dann würde es ja reichen, Stoff zu verflüssigen und unseren Körper hinein zu tunken. Das will ja eigentlich auch niemand - obwohl, für Strumpfhosen wäre das eine faszinierende Idee. Es geht ja darum, die Dreidimensionalität des Körpers zu nutzen, mit einzukalkulieren, ja sogar zu feiern, um ein Ding aus der zweiten Dimension zu zu verwandeln, dass es den Körper umhüllt und schmeichelt. Genau an diesem Punkt, wird es erst spannend.

Das beschreibt ungefähr das, worüber ich zur Zeit nachdenke. Die Gier ist erstmal besänftigt, der Kleiderschrank ist voll. In die Kunst der Schnittkonstruktion habe ich ein wenig hereingeschnuppert, ohne tatsächlich sagen zu können, dass ich sie auch nur im Ansatz beherrsche. Aber die Neugier ist geweckt und was mich zur Zeit tatsächlich am meisten interessiert, sind aufregende Linien, handwerklich gut gemachte Schnitte.

Für mich ist das deswegen auch so spannend, weil ich so viele Jahre meines Lebens mit den Dingen und dem Raum fremdelte. Als ich mit Mitte 20 viele Architekten kennenlernte, war ich fasziniert davon, wie das Thema Raum ihre Gedanken beherrschte, lebte ich doch nur in der Welt der Ideen und Worte. Ich schaute mir ihre Arbeiten an, hörte fasziniert zu und hatte trotzdem das Gefühl, nur einen Buchteil zu verstehen. Erst, seit dem ich nähe, merke ich, wie mich Raum, Dinge und Dreidimensionalität interessiert und mich aufs Herrlichste aus meinem Wolkenkuckucksheim der Ideen herausholt.

Wie wunderbar ist es doch, Nähnerds zu kennen, sie sich ebenso für das Thema begeistern. Was fällt euch dazu ein?

Kommentare:

  1. Ich mache meine Schnitte ja an der Puppe. Ich kann das nur so. Ich muss es sehen. Das ist die Regisseurin in mir. Die es leibhaftig in Raum und am besten noch in Bewegung sehen muß. Es ist ja nicht nur, dass unsere Kleidung einen Rum für unseren Körper schafft. Durch die Kleidung, die wir schaffen, etablieren wir ja auch unseren Körper im und zum umgebenden Raum. Ich kenne eine kleine, sehr zierliche Kabarettistin, die privat nur ausladende "Gewänder" trägt: sehr weite Hosen, Jacken und Jacketts mit extremem Volumen, ganz so als wolle sie mit ihrer Kleidung ihrem zarten Körper mehr Gravitas im Raum geben. Ich hingegen versuche ja eher, meinen eh als massig empfundenen Körper schmaler erscheinen zu lassen.

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    1. Ha, das ist spannend und in deinem Kommentar steckt viel drin, über das ich im Einzelnen noch mal nachdenken will. Danke!

      Was mir aber spontan einfällt ist: ich brauche eine Puppe! Spätestens jetzt! Die Argumente "kein Platz" und "steht doof rum" zählt nicht, wenn genau die Dreidimensionalität das Thema ist, das mich gerade fasziniert. Ich habe ja wenig Erfahrung mit Drapieren, darüber aber auch schon mal gebloggt. Ja, das würde ich gerne weiter ausprobieren! Danke für den Schubs!

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  2. Danke für den tollen Bericht und viele Grüße.

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  3. Dreidimensionalität ist es auch, was mich beim Goldschmieden so fasziniert. Wobei man da einerseits freier ist, als beim Nähen, da es keine Schnittmuster gibt, andererseits ist man dafür beim Material eingeschränkt, das ist immer das gleiche (Silberblech) und verhält sich auch immer gleich. Das ist ein bißchen so, als ob man alle seine Kleider aus dem gleichen Stoff nähen würde... Beim Nähen ist ja auch spannend, wie anders sich die Materialien in der dritten Dimension verhalten.
    Mir geht es beim Nähen vor allem um die Proportionen, empfinde ich die bei meinem unbekleideten Körper als sehr stimmig, ist das leider bekleidet meist nicht mehr der Fall. Aber nur, wenn die Proportionen stimmen, fühle ich mich in der Kleidung auch uneingeschränkt wohl und gut gekleidet.
    Auf jeden Fall ein spannendes Thema!
    Und eine Puppe will ich auch!
    LG
    Marlene

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    1. Achjaaa, die Proportionen! Auch ein sehr spannendes Thema, dem ich mich noch fast gar nicht gewidmet habe. Ist das nicht unglaublich, wir nie fertig mit den Themen werden? Ich empfinde diese immer wieder neu aufploppenden Fragen als großen Reichtum.

      Der Vergleich mit dem Goldschmieden und die Idee, immer mit dem gleichen Stoff zu nähen ist auch wahnsinnig spannend. Danke!

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  4. Interessant, einmal über die 3-D-Komponente des Nähens nachzudenken... Wobei, alles, was über einfache Seiten- und Taillennähte hinausgeht, fasziniert mich. Daher sammele ich auf pinterest Bilder von Jacken oder Röcken, die interessante Nahtlinien aufweisen und es teilweise schaffen, durch geschickte Abnäher eine Super-Passform zu erzeugen (teilw. aus einem Stoffstück) oder einem Rock durch Nähte und Falten eine ganz neue, ungewohnte Optik zu verleihen (besonders bei festen Webstoffen mit Stand scheint das gut zu funktionieren). Das geht schon in Richtung Avantgarde und natürlich Maßschneiderei und hat nix mit Straßenmode zu tun, weil es zu aufwändig für die Massenfertigung ist.
    Als Nähnerd ändert sich der Blick auf Kleidung und man ist schon angefixt, von dem, was alles möglich ist. Natürlich habe ich (im Geheimen) den Wunsch, irgendwann einmal ähnlich virtuos mit Stoffen und Materialien umgehen zu können... Aber im Grunde muss man doch bei jedem Nähprojekt im Hinterkopf haben, dass man mit dem Material einen 3-dimensionalen Körper bedeckt, so dass die Schnittteile (so ging es mir anfangs) sehr seltsam und skurril aussehen, dann aber später ein sinnvolles Ganzes erzeugen. Das ist sehr, sehr spannend, wenn man anfängt zu nähen und die Konstruktionskomponente dabei entdeckt. Von daher hast Du im Wolkenkuckucksheim der 3-D-Möglichkeiten viel Gesellschaft - zumindest von allen, die sich über gute Passform Gedanken machen... Oder?
    Liebe Grüße – Mrs Go

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  5. interessanter gedanke..
    da ich genau aus dem gebiet komme, sprich architektur und konstruktion 3D, kann ich dir sagen, und die letzte gehirnforschungen bestätigen das nur, dass nur ganz wenige Frauen haben die fähigkeit, 3-dimesional, räumlich zu denken. 3D-räumliches denken haben hauptsächlich männer und mir war das noch vor einigen jahren noch gar nicht klar, dass das ein privileg ist und dass es einem in die wiege gelegt worden ist, 3D vorstellen und denken zu können. ich sah viele azubis, praktikanten und sogar kollegen, an den einfachen aufgaben scheitern.
    manche kommen ohne das räumliche denken auch zur lösung,allerdings müssen sie viel zeit miteinberechnen und brauchen praktische materialen. d.h. das,was sie nicht vorstellen können, müssen sie erst erschaffen. das beginnt aber bei der neuen aufgabe von vorne.
    und was die mode/das nähen/das konstruieren betrifft... dazu habe ich den post geschrieben "warum ich nach schnittmustern nähe",weil es genau darum geht, das körper nciht zu wiederholen, sondern mit den anatomischen linien zu brechen.
    und wie du siehst- das 3D räumliches denkvermögen reicht selbst bei mir nicht aus.

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    1. Räumliches Vorstellungsvermögen kann man trainieren, vielleicht machen es mehr Buben von früher Kindheit an, aber es ist kein männliches Privileg.
      Viele Grüße
      Julia,
      Die beim bpd Test genauso gut war wie bei den Schlauchfiguren ;)

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    2. Leider ist dem nicht so.
      ein sehr liebes und fleissiges Mädchen musste leider Ihre Ausbildung zu Bauzeichnerin abbrechen,weil es nicht ging.
      3D kann man leider nciht aneignen-das wußte ich vorher nicht.
      das tragische bei der Story war, dass das Mädchen es so liebte, dass sie sogar ihren Taschengeld für nachhilfe bezahlt hat. sie hat so bitter geweint,dass mir das Herz brach. Aber es wurde ihr nah gelegt von mehreren Architekten,dass es weiter einfach keinen sinn macht.
      und ein anderes Beispiel aus dem realen Leben, dass eine Kollegin gehen musste, weil sie bei einem wichtigen Kunden den Grundriss permanent verkehrt herum und teilweise auf dem kopf gehalten hat bis der Kunde es korrigierte. in einem stark verwinkelten und verbauten gewerberaum kam sie rein gar nicht zurecht und konnte sich nciht orientieren, sie konnte nicht mal bestimmten,wo sie grade steht. dummerwiese war sie in der probezeit. so ist ihr das noch zum verhängnis geworden.

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    3. P.S. bei frauen sind ganz andere regionen im gehirn beteiligt. frauen denken in anderen muster. sie ersetzen 3D vermögen z.b. durch fotografishces gedächnis, wenn es um merken der zuordnung im raum ist.
      es sind wissenschaftliche erkenntnisse- nicht meine:-)!
      wenn eine frau das hat, dass ist es ein bonus.
      viele frauen haben probleme bei konstruieren, bei schnittmusterteile auseinander zu halten oder nachvollziehen bestimmter schritte oder sogar beim zusammenbau -so meine praktische erfahrung aus den kursen.

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    4. Ich würde es vorziehen, wenn wir hier nicht verallgemeinern oder mit wissenschaftlichen Studien kommen. Subjektivität ist hier gerne gesehen, denn mich interessieren Erfahrungen, Erlebnisse und die damit verbundenen Gefühle.

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  6. P.S.
    es müssen nicht immer 3D's sein, um etwas eine andere form zu geben.
    proposrtionen und andere aufteulungen der farbflächen haben manchmal ebenfalls solche effekte.
    über die macht der illusionen bei der kleidung schrieb ich schon im jahre 2012 den ausführlichen post:
    http://sewinggalaxy.blogspot.de/2012/09/intelligente-garderobe-oder-die-macht.html

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  7. Vorstellungsvermögen und die Fähigkeit, zu beurteilen ob etwas im Raum funktioniert, zweierlei sind. Ich brauch zwar das Modell oder die bewegten Körper auf der Probebühne, aber dann sehe ich die Wirkung. Und diese Seherfahrungen addieren sich über die Zeit. Mit Kleidung ist das ähnlich. Ich fange nich immer wieder bei null an.

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  8. ok, zu den erfahrungen in 3D mit 3D-kosntruktion der kelidung.
    in russland sind mittlerweile viele hobbyshcnierinen mit dem thema vertraut.
    der anfang war schwer. mittlerwiele haben viele schon 3Dscanner zuhause stehen- sie machen selbst 3dimensionalen scan ihres körpers.viele haben damit auch ein problem zu akzeptieren, wie man wirklich ist, denn der scan zeigt alle unregemässigkeiten des körpers unumstrietten weiter, auch die assymetrien, die man nicht so gerne wahr haben möchte. danach konstruieren sie. eigentlich es ist wenige konstruktion, sondern mehr linien formen auf einem 3D-körper.
    aber es ist immer noch sehr schwierig die silhouetten zu erraten, damit es wirklocih gut funktioniert.
    hier ist ein konkrettes beispiel, scrol ein beitrag tiefer:
    http://club.season.ru/index.php?s=&showtopic=6132&view=findpost&p=963466
    auch sehr komplexe desigenrmodelle kommen nicht selten vor:
    http://club.season.ru/index.php?s=&showtopic=33487&view=findpost&p=951181
    es gibt das ganze thread voll mit beispielen dferprototypen und gemachter 3Dkleidung auf 68 seiten...

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  9. Na toll, jetzt möchte ich auch einen 3-D-Scanner...

    Wahnsinn, was man damit so alles machen kann! Ich wusste ich gar nicht, dass so etwas im Privatbereich eingesetzt wird.
    Gruß – Mrs Go

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    1. :-)))) viel schwieriger ist es auf das richtige 3D-konstruktionsprogramm zu setzen...denn mittlerweile ist der markt überflutet....man sieht den wald vor lauter bäume nicht. allerdings gibts es nciht so viel auf dem deutschen markt oder in deutscher sprache.

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  10. und das natürlich ,möchte ich dir auch nciht vorenthalten.
    sehr schwierige figur für 2D-konstruktion.
    das interessante beim projekt war, dass die kundin,schneiderin und die konstruierende dame in völlig unterschiedlichen punkten der welt leben.
    hier ist das ergebnis, der weg dazu ist ein beitrag unter. die kontruiktionslinien werden auf das scann übertragen. und unten kannst du sehen, dass es schirr unmöglich jemals ein algorithmus für der art abnäher zu erfinden.aber der erfolg gibt den recht! so eine passform bei so einer schwierigen figur ist ja reiner wahnsinn.
    http://club.season.ru/index.php?s=&showtopic=34085&view=findpost&p=712315
    http://club.season.ru/index.php?s=&showtopic=34085&view=findpost&p=731253

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  11. Wie man einen zweidimensionalen Schnitt in ein sehr schönes dreidimensionales Gebilde umwandelt, sieht man auch immer sehr schön an den Beiträgen auf http://www.studiofaro.com/well-suited.
    Wenn man sich ein wenig reindenkt, bekommt man ein Gespür dafür, wie man 2-D-Stoff auf einen 3-D-Körper umsetzt. Ich finde, das ist eine tolle Seite, wenn man sich für (besondere) Schnittkonstruktionen interessiert. Gruß – Mrs Go

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  12. Alexandra: hast Du denn eine Puppe mit Deinen Massen? Das finde ich toll bzw. würde ich toll finden. Denn dann kann ich mir das gut vorstellen, dass man das - ganz praktisch - gleich an seinem Ebenbild anpasst.

    Es gibt doch der goldene Schnitt, nachdem alles im Verhältnis des Ganzen ist. Ich habe vor Jahren mal einen Vortrag dazu zum Thema Nähen besucht. (Da mir das ganze Paket aber doch zu teuer war, habe ich darauf verzichtet.) Aber: Meike, hast Du das auch mal ausprobiert? Das hat wahrscheinlich nichts mit 3D zu tun, aber mathematisch auf ein gutes Resultat (sprich Schnittmuster oder dann auch "3D"-Kleidungsstück) zu kommen, wär' doch auch nicht schlecht, oder?

    Ich weiss von einer Schneider-Firma. Die stellen "Uniformen" für Musikvereine und auch Trachten für Männer her. Die können am PC die Masse des Kunden eingeben und dann schneidet der Roboter gleich nach diesen Massen den Stoff zu. Ist das nicht genial?

    Liebe Grüsse
    Milena

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    1. Nein, den goldenen Schnitt habe ich noch nicht probiert, obwohl mich auch die mathematische Vorgehensweise interessieren würde.

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  13. Seit langem denke ich in 3D wenn ich Teddybärschnittmuster entwerfe , bei Kleidung denke ich nicht so daran .
    Ne Puppe hätte ich auch gern .Kein Platz , schmoll :(

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  14. Ich habe zwar eine Puppe. aber mein Körper weicht doch ziemlich von den Einstellmöglichkeiten ab, deshalb sieht das Ergebnis an mir dann doch immer anders aus als an der Puppe. Aber man lernt ja nach und nach die problematischen Stellen am eigenen Körper beim Nähen genauer kennen. Vielleicht ist es in Zukunft ja mal möglich, sich scannen zu lassen und dann gute Schnittmuster auf die eigenen Maße umrechnen zu lassen. Vorstellen kann ich mir das schon....

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Ich freu mich sehr über Kommentare! Sie sind kleine Geschenke für mich! Vielen, vielen Dank im Voraus.