Donnerstag, 30. Juli 2015

Veränderungen

Während wir gerade noch über Kopf- vs. Herznähen nachdenken, drängt sich ein zweites Thema an die Oberfläche, das in den mehreren Blogs auftaucht: Stil und Veränderungen. Auch hier möchte ich den Faden aufnehmen und ein bisschen weiterspinnen. Vielleicht haben die beiden Themen miteinander zu tun. Absurd fände ich es nicht.



Mit Erstaunen beobachtete ich bei Michou in den letzten Wochen den neuen Stil, die neue Silhouette. Ich war überrascht und doch nicht überrascht. Auf der einen Seite, die so stilsicher und konsequent gekleidete Frau und auf der anderen Seite Texte, die seit langem von Veränderung erzählen. Eigentlich ist es nicht erstaunlich. Aber es ist schön, daran teilzuhaben. Danke!

Die aktuelle Mode, diese weiten Flatterdinger, die frau seit einiger Zeit trägt, betrachte ich allerdings mit Verwunderung. Obwohl meine Augen sich langsam daran gewöhnen, kann ich das schon aus Prinzip nicht gut finden. Ja, wenn dünne Frauen so was tragen, dann wirkt es zart und unschuldig - bei Dicken ist es schlichtweg kaschieren oder schlimmer noch: gehen lassen. Das wird bei Dicken nicht akzeptiert. "Out of Bed" geht nur bis zu einem gewissen Alter und BMI - ab einem gewissen Alter, hat frau dafür zu sorgen, die Umwelt nicht zu sehr mit ihrem Aussehen zu belasten. 

Doch ich kann mich den Modeströmungen genauso schwer entziehen, wie der Sehnsucht nach Bequemlichkeit. Wie sehr sehne ich so eine stylishe Jogginghose in mein Leben wohlwissend, dass das bei mir wirklich niemals stylish aussehen kann. Ich bin nun mal ich und nicht Sinje! Jemand wie ich müsste schon High Heels dazu tragen, um ein Ausrufezeichen zu setzen mit der Botschaft "seht her, ich bin nicht verlottert". Das passt aber nicht zu der Sehnsucht, sich in Papas weiten Pullover zu hüllen, ein bisschen niedlich zu sein und einfach nur bezaubernd. Das funktioniert leider nicht. 

Ich mag meine Kleider, ich mag meine Klamotten und ich kann sehr gut damit leben, oftmals overdressed zu sein - aber ich trage sie mit bequemen Schuhen, denn mehr geht nicht. Mehr gut aussehen, macht mein alter Körper nicht mit. Die Jerseykleider sind eine gute Möglichkeit, schick auszusehen und trotzdem gemütlich zu sein. Leider verlieren sie sofort ihre Wirkung, sobald ich gezwungen bin, eine Strumpfhose zu tragen. Lieber friere ich von April bis November! Doch ein Jerseykleid mit Decoltée ist wahrlich nicht das Gleiche, wie eine stylishe Jogghinghose und zarte Flatteroberteile!

Wenn ich bei Michou und eben bei Zsusa von Veränderungen lese und mich in meiner Unlust beobachte, das Stoffwechselkleid in Retro-Optik - ein Style, der mir so dermaßen 2013 vorkommt -zuzuschneide, dann merke ich, wie eine kleine Sehnsucht mich umweht, mal wieder ganz etwas anderes zu probieren. Mein Leben ändert sich 2015 radikal - noch kann ich nicht viel verraten, aber meine unregelmäßige Bloggerei verrät möglicherweise, wie wenig ich derzeit bei der Sache bin. Und ganz nebenbei, fasziniert mich das Thema Wechseljahre mehr und mehr. Radikale Veränderungen verlangen zumindest eine neue Frisur - aber dem Mann gefallen meine wachsenden Haare nicht. Also habe ich einen Friseurtermin zum Nachschneiden vereinbart, arbeite brav am Stoffwechselschnitt, seufze dem Hauch von Sehnsucht hinterher und widme mich dem aufregenden echtem Leben, das sowieso eigentlich alle meine Kräfte fordert.



Zuzsa schreibt, dass sie in ihrem Blog Veränderung ausprobieren kann. Das finde ich eine schöne Vorstellung. Bevor es in die Welt hinaus geht, erstmal die virtuellen Reaktionen abwarten - wohlwissend, dass der Flausch, den wir uns hier schaffen, ein sanfter Versucht ist, eine neue Seite zu zeigen. Vielleicht tun wir das alle, wenn wir neue Kreationen beim Me Made Mittwoch zeigen, in einem Moment, in dem wir noch nicht wissen, wie es uns auf mittlere und auf lange Sicht mit dem neuen Kleidungsstück gehen wird. Mittwochs holen wir uns die Versicherung und die Kraft, uns mit einer kleinen Veränderung in die Welt zu trauen. Das ist eine wichtige Funktion unseres Mittwochstreffs, die ich sehr schätze. 

Vielleicht ist es aber in der Nähnerdnische auch deshalb so spannend, weil wir durch das Selbstnähen der eigenen Hülle, die Möglichkeit haben, auch auf seismografische Veränderungen unserer Stimmungslage, unserer Interessen, unserer Haltung und unseres Körpers zu reagieren. Kein Kleidungsstück, das wir produzieren gleicht dem anderen, genauso wenig, wie wir auf ewig der gleiche Mensch sind. Welch großartige Möglichkeit ist es doch, immer wieder neu das Innere im Äußeren manifestieren zu können und in wertschätzender Umgebung die ersten Schritte zu machen! 

Kommentare:

  1. hallo Meike,
    ich weiß nicht, ob das,was ich noch kurz einwerfen möchte, irgendwie bezug zu deinem thema hat, aber irgendwie schon..
    von post zu post sehe ich das hässliche wort KLAMOTTEN....
    also ich weiß echt nicht, wie das, was aus unseren händen liebevoll und zeitaufwendig erstellt wird so abwertend wie klamotte genannt werden kann.
    vor kurzem kann eine frau ins atelier und fragte, ob wir hochzeitsklamotten machen. als sie weg ging, sagte die designerin: aber JA! wir arbeiten in der klamotterei!
    und da fällt mir fantastische reportage über meinen lieblingsdesinger Michael Michalsky. Eine reporterin hat bei ihm ein praktikum gemacht und bekam dem entsprechend aufgaben zu erledigen. eine der aufgaben war, die kleidung zu sortieren. sie hängte alles so wie sie es vom einkaufen/shoppen gewohnt war.
    als er das gesehen hat, war er richtig sauer und verpasste ihr einen denkzettel mit den worten:
    so wie Sie es aufhängen erweisen sie dem nötigen respekt all den leuten, die an diesem kleidungsstück gearbeitet haben! und so ist absolut respektlos!
    es fängt mit kleinigkeiten an. ein kleidungsstück als klamotte zu bezeichnen würdigt nicht die arbeit und aufwand und ist nicht respektvoll.
    wenn wir schon dabei sind, ein umdenken in den gang zu setzen, dann kann man doch auch bei wort,was unsere bemühungen, arbeit, leistung definiert auch tun.
    oder?
    ich hoffe ich werde hier richtig verstanden.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Hmm ... Klamotten sind für mich schlicht ein Sammelbegriff für Kleider, Blusen, Hosen, Röcke, Pullis, Mäntel ... und den ganzen Rest, der uns kleidet. Halt umgangssprachlich für Kleidung. Ich lese da keine Geringschätzung, aber ich gebe zu, ich neige auch ein wenig zum Understatement ;-).

      Viele Grüße
      Ursula

      Löschen
    2. @Sewing Galaxy: Brechen deine Klamotten jetzt in Tränen aus, weil sie so genannt werden? Das ist, wie auch Ursula schreibt, einfach Umgangssprache, so wie das Auto zur Karre, der Hut zum Deckel, das Fahrrad zum Drahtesel wird. Du musst deine Kleider ja nicht Klamotten nennen, aber vielleicht mal akzeptieren, dass andere Menschen die Dinge auch anders machen, als du es gerne hättest. So viel zu "nicht respektvoll".

      Löschen
    3. Das ist ein Missverständnis. Es gibt Wörter, die sind bei manchen Leuten negativ konnotiert und bei manchen wirklich neutral.
      "Klamotten" gehört dazu. Ich sage nur im Ausnahmefall "Kleidung", weil das in meinem Umfeld völlig überkandidelt wirkt, wie eine Ballrobe auf einer Geburtstagsparty, auf der alle in Jeans und T-Shirt erscheinen.
      Unterschiedliche Gegend, unterschiedliche Sprache. Ich kenne z.B. jemanden, für den "Weib" ein neutrales bis positives Wort für eine Frau ist - für mich ist es ziemlich negativ und ich würde auf keinen Fall so genannt werden wollen.
      Also: Nicht alles, was für dich oder mich negativ klingt, ist auch so gemeint.

      Löschen
  2. Danke auch für deine Beobachtungen. Wobei ich mich am meisten darüber freue, dass du zu den aufmerksamen und genauen Leserinnen dieser Welt gehörst. Was mich wiederum nicht wundert, da ich gestern nachmittag für eine Freundin eine Blogliste erstellte - mit Blogs, die mehr als nur Bildchen gucken anbieten. Blogs, die mal persönlich werden, Fragen aufwerfen und neue Sichtweisen formulieren. Es war eine kleine, aber feine Auswahl, in der crafteln sich befand.

    Eigentlich wollte ich etwas ganz anderes schreiben, aber nun ist die Zeit erst einmal knapp :-D

    AntwortenLöschen
  3. Mir fehlt auch die Zeit, ein bisschen mehr zu schreiben, aber diese Themen wären einen eigenen Blogbeitrag wert, beschäftigen sie mich doch z.Z. auch. Ich denke schon, dass bei mir Kopf-und Herznähen und Veränderungen viel miteinander zu tun haben. Ich bin ganz sicher einen überwiegende Herznäherin, der Wunsch, mal anderes zu probieren, ist aber da. Und auch ein wenig die Einsicht, dass ich ein paar "dezentere, offiziellere" Kleidungsstücke brauchen könnte, Kopf also...aber ich habe auch Lust dazu, rutscht also in Richtung Herz, praktisch, oder?
    Herzliche Grüße
    Sabine

    AntwortenLöschen
  4. Mir scheint, es kommt gerade bei Vielen zufällig (?) einiges zusammen: der Wunsch nach Veränderung und andererseits Impulse von außen, weil sich in der Mode zum ersten Mal seit längerer Zeit die Silhouette grundlegend geändert hat. Wenn man nicht statisch in "seinem Stil" gefangen ist, nimmt man diese Veränderungen wahr und sie setzen etwas in Gang. Ich versuche mal, am Wochenende tiefer in das Thema einzusteigen! Ich finde es nämlich interessant zu beobachten, was die Mode derzeit mit mir macht. Die Frage ist ja auch: Verändert sich das Äußere, weil sich das Innere geändert hat (also wird eine innere Veränderung über die Kleider nur nachvollzogen?), oder verändert sich das Äußere, weil man aufmerksam für Modeströmungen ist und sich den neuen Sehgewohnheiten etwas anpasst, und spiegelt sich die Veränderung dann im Inneren, weil man auf andere anders wirkt?

    AntwortenLöschen
  5. Es beginnt immer mal wieder eine neue Lebensphase, die Veränderungen mit sich bringt. Ich habe auch gerade wieder eine vor mir, denn ab 2016 bin ich Rentnerin und benötige dann keine 'Bürokleidung' mehr. Trotzdem werde ich dann nicht in 'Sack und Asche' rumlaufen, im Gegenteil, ich habe dann endlich genügend Zeit zum Nähen und werde Vieles einfach mal ausprobieren. Ich freue mich schon auf diese Zeit, auch wenn sich mein Alltag ziemlich ändern wird.

    AntwortenLöschen
  6. Ich denke, dass das Herznähen viel mit bestimmten Veränderungen zu tun hat - und zwar mit den Veränderungen, die nicht offiziell und offensichtlich sind wie ein neuer Job oder eine Schwangerschaft, sondern sich in unser Leben einschleichen. Weil wir im Leben (und im Nähen) immer neue Erfahrungen sammeln, die wir in unser Ich einbauen (könnte man "Altern" oder "Reifen" nennen), und die dann auch ins Äußere drängen. Wenn man dann herumprobiert, wie man dieses veränderte Ich einkleiden könnte, wenn man dabei experimentiert, neue Wege geht, Irrtümer erlebt, sich verändert, dann hat man sicher viel herzgenäht.
    Hinzu kommt, dass die unbegrenzten Möglichkeiten des Nähens es uns leicht machen, diese Veränderung und Weiter-Entwicklung auch über Kleidung auszudrücken. Das ist ja das Tolle daran!
    LG Almut

    AntwortenLöschen
  7. Ich benutze ja das "Herznähen" gerne, um Dinge auszuprobieren. Ob etwas neues zu mir und meinem Leben, meinem Alltag passt. Insofern hängen die beiden Themen meiner Meinung nach sehr zusammen. Durch das Selbernähen und Ausprobieren können dann nämlich auch viel leichter Veränderungen angestoßen werden. Und was wäre Leben, wenn nicht Veränderung?
    LG
    Marlene

    AntwortenLöschen
  8. Ursula, Michou, Sabine, Lucy, Bellana, Almut und Marlene ganz herzliche Dank, für eure spannenden und ergänzenden Gedanken! Bloggen ist toll!

    AntwortenLöschen
  9. Guten Morgen Meike

    das Thema, über das ihr schreibt, finde ich sehr interessant. Mir ist es vor einiger Zeit schonmal bei alex begegnet, wo sie über cake und frosting und workhoses schreibt; nur habe ich die Erfahrung gemacht, dass bei mir diese strikte Unterscheidung nicht funktioniert.

    Ich habe zwar vor, nach Bedarf zu nähen, aber warum soll das nicht auch hübsch und ausgefaellen zugleich sein können? Und ist nicht das ganze Leben eine einzige Veränderung? Vielleicht brauche ich das Anfertigen von hübschen Dingen auch einfach nur, um in eine andere Welt einzutauhen und als Ausgleich für den Alltag, der sich zunehmend schwerer gestaltet. Ach, was mir noch eingefallen ist; was du schriebst...

    "Out of Bed" geht nur bis zu einem gewissen Alter und BMI - ab einem gewissen Alter, hat frau dafür zu sorgen, die Umwelt nicht zu sehr mit ihrem Aussehen zu belasten. " --- ist das so? Das wundert mich, denn dieses Phänomen ist mir noch nicht begegnet. Vielleicht gibt es ja wirklich sowas wie regionale Unterschiede, denn im Moment sehe ich einen Haufen Menschen in Jogging-/Pyjamahosenähnlichen Hosen, in allen Mustern und Farben- an Leuten in allen Größen und Altersgruppen.

    LG
    Ulrike

    AntwortenLöschen
  10. Definitiv ist die Bloggergemeinschaft als wohlwollendes Publikum ganz wichtig um sich frei auszuprobieren und auch immer wieder neue Inspiration zu bekommen. Wenn ich nicht Bloggen & Bloglesen würde, hätte ich mich nie so intensiv mit dem Thema Stil auseinandergesetzt. Redet man ja selten drüber im realen Leben (und unter nicht Nähenden). Ansonsten kann ich nur sagen ... ach, das hast du in deinem letzten Absatz so schön zusammengefasst! :D

    AntwortenLöschen
  11. Beim Nähen kommt noch meiner Meinung nach noch hinzu, dass man durch die Lust an einem Prozess oder einem neuen Material zu Stücken kommt, die außerhalb des eigentlichen Beuteschemas sind. Manchmal entdeckt man dann, wie gut sie einem stehen oder wie wohl man sich darin fühlt. Und man erobert sich eine neue kleine Ecke der Näh- und Modewelt. Das kann man auch Veränderung nennen.
    Viele Grüße,
    Katharina

    AntwortenLöschen

Ich freu mich sehr über Kommentare! Sie sind kleine Geschenke für mich! Vielen, vielen Dank im Voraus.