Dienstag, 28. Juli 2015

"Erst mal das weniger Schöne"



Ich mag es sehr, wenn sich in unsere Nähnerd-Nische Gedanken weiter gereicht werden. Zuletzt startete Julia und warf einen Gedanken in die Runde: Sie stellte Überlegungen zu "Nähen: Nutzen kontra Zeitvertreib in die Runde", die viele bewegten. La Couseuse nahm den Faden auf und bloggte über "Vernunft und Gefühl", wobei sie die zwei wunderschönen Begriffe "Kopfnähen und Herznähen" schuf, die fortan fester Bestandteil meines Wortschatz sind. Mamamachtsachen ergänzte dann, dass es für sie wenig sinnvoll ist so einen Widerspruch zwischen "Kopf UND Herz" aufzumachen, denn sie befriedigt Nähen insbesondere dann, wenn das Eine mit dem anderen zusammen geht. Alles drei sind lesenswerte Artikel und sehr typisch für die jeweilige Bloggerin, das gefällt mir. Lest auch die Kommentare.

Obwohl ich mir auch viel Gedanken über das Nähen mache, habe ich für mich noch nicht diese Unterscheidung zwischen Kopfnähen und Herznähen getroffen, denn eigentlich praktiziere ich nur Herznähen oder anders gesagt, ich nähe experimentierfreudig nach dem Lustprinzip. Das trifft auch dann zu, wenn ich ein Kleid wie Ajaccio schon mehr als 10 mal genäht habe - dann kommt die Lust aus der Motivation, genau aus diesem Stoff eben noch eines von der Sorte zu nähen und da ich die Dinger sowieso ständig trage, stellt sich für mich auch nicht die Frage von "zuviel" oder Unvernunft. Meine Vorliebe für das Lustprinzip beim Nähen mag daran liegen, dass ich selbständig arbeite und wenig Verpflichtungen habe, bei denen ich irgendwie korrekt aussehen muss. Im Gegenteil: bei mir ist es oft eher so, dass ich das Gefühl habe, overdressed zu sein - aber daran gewöhnt frau sich schnell. :-)

Meiner Erfahrung nach lohnt es sich, angebliche Beschränkungen zu hinterfragen. Ich bin der festen Überzeugung, dass in den allermeisten Branchen, diese "ungeschriebenen Gesetze der Kleiderordnung" eben nicht in Stein gemeißelt sind. Sie haben sich so ergeben und alle halten sich daran, weil es einfacher ist, keine eigenen Entscheidungen zu treffen. Dabei schätze ich das Risiko verhältnismäßig gering ein, "etwas falsch" zu machen, wenn frau etwas vom üblichen Dresscode abweicht. Ist es im Job nicht hilfreich, hin und wieder sichtbar zu sein, damit andere bemerken, wie sehr wir uns einbringen? Auf jeden Fall! Das gilt vielleicht nicht für jeden Tag. Jede hat diese Zeiten, in denen sie lieber in der grauen Masse verschwinden will, weil die Tagesform gerade nicht für Sonderleistungen ausreicht. Aber den Rest der Zeit, können wir durchaus mal was wagen, finde ich. Das können dann die Momente sein, an denen wir auch außerhalb unserer kuscheligen Nähwelt Komplimente bekommen.

Kurz und gut: ich ziehe an und nähe, wonach mir ist. Das einzige, was mich wurmt ist, dass ich im Vorfeld fast gar nicht sagen kann, welches Nähwerk ein Lieblingskleidungsstück wird und welches nicht. Ihr kennt sicherlich das Phänomen, dass Probekleider oftmals irgendwie besser werden, als das lange geplante Traumstück aus dem Streichelstoff. Das ist verflixt! Mich ärgert das deswegen, weil es nicht nur enttäuschend ist, wenn Träume wie Seifenblasen platzen, sondern das sind auch die Momente, in denen ich mich Frage, ob Nähen nicht manchmal Ressourcenverschwendung sein könnte.

Bei mir herrscht oft die Kleidungsregel, die dem Blogbeitrag seinen Titel gab "Erst mal das weniger Schöne!". Im Zweifelsfall ziehe ich die nicht ganz so heiß geliebten Klamotten aus dem Schrank, damit die Besonderen für besondere Anlässe geschont werden. Gerade heute trage ich das Kringelajaccio. Ich habe ein anderes, das ich euch morgen zeige, das ich viel viel schöner finde. Aber häufiger trage ich das mit den Kringeln. Welches hat nun seine Berechtigung? War es nun besser, das Blumenajaccio zu nähen oder das mit den Kringeln? Oder hätte eines von beiden gereicht und zwei sind Luxus?

Vielleicht muss ich die Kategorie "Lieblingskleid" überdenken, denn Lieblingskleider sind nicht immer die Schönsten, sondern möglicherweise die Meistgetragenen.


Ich bin gespannt, welche Bloggerin "das Stöckchen" nun aufsammelt und unser aktuelles Thema mit ihren Gedanken bereichert. Ich freu mich drauf!

Kommentare:

  1. sehr interessante gedanken hast du da niedergeschrieben zum thema nähen!
    ich habe ja mal mein geld mit nähen verdient - unter anderem. technisch kann ich das also im schlaf. und doch gab es früher sachen die sind mir nur unter mühen gelungen. das waren stücke aus stoff den ich schrecklich fand von kundinnen die mir unsympathisch waren und einen schnitt wollten der ihnen weder stand noch chic war. und irgendwann war ich es dann leid die perlen vor die säue zu werfen und auch noch meinem geld nachlaufen zu müssen - und beschlossen ich muss was anderes machen für meinen lebensunterhalt. dann konnte ich fast 2 jahre gar nix nähen, nicht mal reparaturen an meinen lieblingssachen. aber mittlerweile macht´s direkt wieder spass, aber nur für mich und meinen mann, für andere - nie wieder. und apropo lieblingssachen - ich hab nur noch solche. alles was nicht mehr passte ob nun körperlich oder zum lebenstil flog raus - und nähausschuss gibts ja bei mir nicht - nach 30 jahren berufserfahrung :-)
    im moment hab ich das problem dass immer noch wunderschöne stoffe am lager sind (aus der profi-zeit) und ich auch jede menge designs im kopf hab dafür - aber ich brauche eigentlich keine neuen anziehsachen! ich müsste erstmal das abtragen was aktuell im schrank hängt. und das kann dauern - bei der qualität :-)))
    das muster deines kringelkleides ist schön und die farben stehen dir hervorragend - nur das material find ich schrecklich - jersey ist mir einfach zu un-angezogen.
    beste grüsse! xx

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  2. Liebe Meike,
    auch ich finde deine Gedanken zum Nähen sehr interessant. Ich hab auch den Text von Julia bereits gelesen und mir meine Gedanken dazu gemacht.
    Mit Sicherheit haben wir alle genug in unseren Kleiderschränken, dass kann also nicht der Grund für ein neues Kleid sein. Alle Kleider in meinem Schrank passen und gefallen mir und ich liebe es, aus dieser Vielfalt auszuwählen. Zum Glück hab ich ein paar Schnitte gefunden, die mich - wie ich finde - gut kleiden. Ich bewege mich so ungefähr in deiner Größe ;o)). Mit diesen drei oder vier Schnitten wechsel ich ab. Neuer Stoff, neuer Look, neues Tragegefühl! Overdressed bin ich in unserem kleinen Städtchen IMMER ;o)). Das macht mir aber nix!
    Wenn ich einen schönen Stoff sehe....und auch das Kleid dahinter....dann nähe ich es mir....so einfach ist das....nicht mehr und nicht weniger! Ich finde das Leben ist zu kurz, um nicht an jedem Tag das schönste Kleid zu tragen - darum mach ich das!
    Danke für deine immer wieder interessanten und herzerfrischenden Texte.
    Liebe Grüße
    Beate

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  3. Also ich glaube ,ich nähe um zu nähen! Suo ergo Sum
    lg Sybille

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  4. Ich picke mir mal das "Lieblingskleid" heraus:
    Es ist nicht immer dasjenige, von dem ich wochenlang träumte und das ich dann zitternd-freudig nähte. Leider (nicht selten sogar) ist es dann ein eher zweitgeliebtes Teil.
    Das echte Lieblingskleid erweist sich erst beim ersten Tragen und beim späteren immer wieder hervorholen, wenn ich einen Schön-Fühl-Schub brauche. Und ich finde es sehr schwierig zu steuern, welches Kleid oder Kleidungsstück wohl das Zeug dazu hat. Bei mir hat das Reproduzieren eines Erfolgmodells leider noch so gut wie bei dir funktioniert: Das zweite Modell fiel fast immer durch.Was mich ärgert, denn eigentlich bin ich ein Fan des Gleicher Schnitt- Andere Wirkung-Prinzips :-D

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  5. Liebe Meike, ich stimme dir zu, dass es in vielen Jobs und Branchen Spielraum in alle Richtungen gibt. Vor ein paar Monaten war ich bei einer Veranstaltung eines Frauennetzwerks. Anwesend war auch die derzeitige Familienministerin in einem rot gemusterten Kleid. Meine Kollegin und ich waren begeistert. Anders eine Frau, Managerin im Bankenumfeld, sie fand das Kleid absolut unpassend. Mich jedoch hat das bestätigt, dass auch weibliche Kleider büro- oder Karriere tauglich sind, wenn frau sich darin wohlfühlt. Ich jedenfalls trage immer häufiger Kleider im Büro und bekomme dafür gerade von Frauen viele Komplimente. Was ich damit sagen will: Es kommt auf die Haltung an. LG Carola

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