Freitag, 8. Mai 2015

Drapieren



Huch, Drapieren, ich? Eigentlich dachte ich immer, drapieren würde mich nicht interessieren. Ich stellte mir darunter vor, dass feinsinnige Menschen, fliessende Seidenstoffe um eine Puppe oder einen Körper hüllen, französisch ihr Gefallen oder Missfallen verkunden und dann wahnsinnig couturige Sachen produzieren.

Als ich letztens in Berlin war und meine Freundin und ehemalige Praktikumschefin Lindy in ihrem Laden und Atelier traf, fragte ich sie, ob sie mir "mal eben schnell" zeigen könnte, wie frau eigentlich einen Schnitt von einer Person/Puppe abnehmen könnte, ohne auf einem Blatt zu konstruieren. Ich ahnte ja nicht, dass man das drapieren nennt. Das kapierte ich erst gestern, als ich mir folgendes Buch aus der Bücherhalle auslieh und darin ganz ähnliche Fotos entdeckte, wie ich sie bei meiner kleinen Lehrstunde im Hause STOKX machte.



"Ich habe nur 15 Minuten Zeit, aber kein Problem, ich zeige es dir," sprach meine liebe Freundin Lindy, rollte eine Puppe herbei und riss ein Stück Stoff zum üben von einer Rolle. Sie steckte das Stück Stoff so auf der Puppe fest, dass die Webkante exakt an der vorderen Mitte steckte, danach fixierte sie den Stoff an der Schulter und markierte die Taille mit einem Band. Jetzt ging es schnell. Um mit dem Stoff die Körperformen abzunehmen, steckte sie einen Schulterabnäher und einen Taillenabnäher. Danach malte sie auf den Stoff die Seitennaht, die Schulternaht und das Armloch. Ich war beeindruckt. Dann durfte ich auf der anderen Seite es auch mal versuchen. Die strenge Lehrerin kontrollierte meinen abgenommen Schnitt mit ihrem und war zufrieden. Ich war zunächst erstaunt, denn mein Ergebnis sah anders aus als ihres. Es dauerte einen Moment bis ich verstand, dass das daran lag, dass ich die Abnäher nicht exakt an der selben Stelle positioniert hatte wie Lindy. Als wir die Abnäher aufschnitten und verschoben, sah ich aber, dass der Abnäherinhalt korrekt war. Well done, Meike!



Am Rückenteil war es eigentlich die gleiche Vorgehensweise. Wieder wurde nur die eine Körperhälfte abgenommen, in dem die Stoffkante an der hinteren Mitte ausgerichtet war. Im Schnelldurchlauf kam dann noch ein kleiner Vortrag über Revers und Kragenformen. Aber ich glaube, das muß ich mir noch mal in Ruhe ansehen.

edit: Was ich vergaß zu Erwähnen: Die Abnäher werden übrigens auch ganz einfach mit dem Stift markiert. Einfach mit dem Filzstift an der Abnäherkante und dort, wo sie den Stoff berührt langfahren, so werden gleichzeitig beide Schenkel gezeichnet.




Fazit: Krass! So geht drapieren?! Ab gesehen davon, dass ich keine Puppe besitze finde ich das ziemlich toll. Grundsätzlich finde ich die zweidimensionale Schnittkonstruktion, so wie ich sie im Unterricht lernte leicht anzuwenden, aber ich hatte ja gesehen, dass das nur die halbe Miete ist und es anschließend noch einiger Probemodelle und Schnittkorrekturen brauchte, bis der Schnitt wirklich für den echten Körper gemacht war. Das Drapieren verschaffte mir diesbezüglich noch mal neue Erkenntnisse - frau lernt nie aus!

Kommentare:

  1. Liebe Meike, drapieren kann man auch am menschlichen Körper. Dummer Weise nur nicht bei sich selbst ;) Das 'dumme' Buch da oben ist in unserer Bibliothek seit Monaten dauerverliehen :( Und im Handel nicht mehr zu haben (außer zu horrenden Preisen...)

    Viel Spaß damit.... Und bis vor etwa einem Jahr habe ich das mit dem drapieren, wallenden Seidenstoffen und französischem gemurmel so ähnlich gesehen wie Du ;)

    LG
    neko

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    1. Sehr lustig, dass du das auch französisch assoziiert hast!

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  2. Drapieren ist aber auch ein blödes Wort, damit assoziiert wohl jede in Falten gelegte Stofffülle. Hieß das nicht früher mal Abformen?

    Wie auch immer, wenn Du das ernsthaft an Dir selbst probieren willst, brauchst Du eine Puppe mit Deinen Formen, sonst wird es frustrierend. Also keine verstellbare Puppe, sondern wirklich "Dich". Auf Craftsy gibt es einen Kurs dazu, "Customize Your Dress Form", da werden verschiedene Techniken erklärt, wie man sich so eine Puppe selbst machen kann. Fand ich interessant. In "Plus-Size Pattern Fitting and Design" wird auch eine davon beschrieben, nämlich die Papiermumien-Methode.

    Viel Spaß dabei! Ich glaube, Du hast gerade ein neues Level der kreativen Betätigung entdeckt ...

    Viele Grüße
    Ursula

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    1. Nein, eigentlich war ich nur neugierig. Ich glaube aber nicht, dass ich mich damit in naher Zukunft weiter beschäftigen werde, denn eine Puppe mit meinen Maßen kommt mir nicht ins Haus, so lange wir auf so begrenztem Platz leben. Ich könnte sie nur ins Wohnzimmer oder in den Flur stellen und da macht sie mir zu viel Konkurrenz :-) Mir ging es wirklich nur darum, es mal auszuprobieren. Manche Dinge werden verständlicher, wenn frau es mal gemacht hat und wer so ne tolle Freundin hat wie ich, die wäre ja blöd, wenn sie das Wissen nicht bei jeder Gelegenheit anzapfen würde.

      Abformen, ja, ich finde, das Wort trifft es wohl besser, auch wenn es nicht so kunstvoll klingt.

      Ich freue mich immer über deine Kommentare, liebe Ursula!

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  3. Ach, das ist Drapieren! Ich dachte dabei auch immer nur an Wasserfall und Seidenstoffe. Danke für die Aufklärung
    Andrea

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  4. Danke für den Beitrag, dachte eher, dass es darum geht mit Stoff zu dekorieren oder Tücher richtig zu binden. Man lernt nie aus.
    LG Schurrmurr

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  5. Hallo, sehe erst jetzt, dass das Buch von Teresa gilewska ist. Von der gibt es auch noch andere Bücher über Figuren und schnittgestaltung.
    LG schurrmurr

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  6. Wundervoller Ausflug in die Welt der Konstruktion....macht Lust auf mehr.
    Liebe Grüße
    Sandra

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