Montag, 16. März 2015

Warum ich gerne im Stoffladen arbeite (1)

Da ich gerade nicht so viel an fertigen Nähwerken zum Zeigen habe, wollte ich euch erzählen, was das mit mir und der Arbeit im Stoffladen so auf sich hat. Dazu will ich ein bisschen ausholen, denn meine Stoffladenliebe begann schon in den 80ern.

Mit 16 oder 17 suchte ich als Schülerin einen Nebenjob. Meine Eltern weigerten sich, mir Allround-Turnschuhe, Levis-Jeans, Ski-Urlaub und den Führerschein zu bezahlen, also musste ich Geld verdienen. Eigentlich konnte ich nix und Babys mochte ich nicht - ich war eben noch Schülerin. Also lief ich durch Frankfurts größte Einkaufsstraße, die Zeil, und fragte in jedem Kaufhaus nach, ob ich dort als Aushilfe arbeiten könnte. Ich kann mich noch gut erinnern, wie spannend ich das fand, diese Kaufhäuser durch die Hintertür zu betreten und durch dunkle Gänge mit Linoleumböden zu laufen und das zu sehen, was frau als Kundin nie zu sehen bekommt. Ich füllte in diversen dunklen Kabuffs Bewerbungsbögen aus und nach wenigen Tagen hatte ich einen Job. 

Ich hatte das große Glück im Kaufhaus M. Schneider zu laden. Meine Oma fand das super, denn das Kaufhaus Schneider war ein frankfurter Traditionskaufhaus, familiengeführt, kompetent für Spezialinteressen wir Miederwaren oder Socken und eben auch Stoffe - ein Kaufhaus, das bei älteren Damen sehr beliebt war und hohes Ansehen genoss. Zunächst war ich etwas enttäuscht über die Zusage, hätte ich es doch viel cooler gefunden in einem etwas moderneren Ambiente zu arbeiten, bei dem mir die Personalprozente etwas dienlicher hätten sein können. Aber mit der Zeit lernte ich diesen Laden zu schätzen, arbeitete dort fünf Jahre und hätte das auch noch weiter getan, wenn nicht mein Stundenlohn zu mager gewesen wäre, um meine eigene Wohnung zu finanzieren. 

Von Anfang an, war ich der Stoffabteilung zugeteilt. Meine vorrangige Aufgabe war es, Stoff, der auf Rollen geliefert wurde, zu doublieren, das heißt zusammengefaltet auf eine Pappe zu wickeln. Dazu standen immer zwei SchülerInnen in eine Büroraum im vierten Stock nebeneinander an zwei Tischen, rollten ab und wickelten auf und schwätzten den ganzen Tag. Nach einiger Zeit durfte ich das erste Mal ins Lager. Ich fand es immens aufregend, in den Keller zu fahren. Es gab sogar noch einen Keller unter dem Kellergeschoß und alles war voller Stoff. Im Winter lagerten dort die Sommerstoffe und umgekehrt. Am Ende des Verkaufstages durften wir in die Stoffabteilung, um dort beim Aufräumen zu helfen. Wir wurden auch von KundInnen angesprochen, konnten aber nur wenig beraten und auch keinen Stoff abschneiden, denn jede Verkäuferin trug ihre eigene Schere an einem Band am Gürtel oder am Handgelenk befestigt. 

Am spaßigsten war es, in der Weihnachtszeit zu arbeiten. Während auf der Zeil den lieben langen Tag MusikerInnen Weihnachtslieder dudelten, tranken wir Glühwein aus der Thermoskanne, trugen Faschingshütchen und doublierten Karnevalsstoffe, denn diese Artikel mussten rechtzeitig vor Silvester für den Laden vorbereitet sein. Überhaupt, Alkohol war durchaus ein Thema bei diesem Job. Es gab mehr als eine Kollegin, bei der ein Alkoholproblem offensichtlich war und es gab eigentlich ständig Schnapspralinen und einen Sekt zum Feiern. Ich fühlte mich wahnsinnig erwachsen. 

Die Verkäuferinnen fanden es sehr hilfreich, uns SchülerInnen-Aushilfen für Botendienste zu nutzen. Mindestens einmal am Tag mussten wir ins Nachbarkaufhaus " zum Wulli" (Woolworth), um dort etwas zu besorgen - im Zweifelsfall die Schnapspralinen. Da das Doublieren auf die Dauer doch ein wenig monoton war, genoss ich diese Ausflüge. Aber ich war auch gerne vor Ort, denn ich liebte es auch, die Gespräche der Verkäuferinnen zu belauschen. In dem Raum, in dem wir doublierten, hatte die "Lagerverwalterin" ihr Büro. Diese war die Briefkastentante für die ganze Abteilung und so bekamen wir den lieben langen Tag lang Besuch von Verkäuferinnen, die uns ihr Leid klagten und dafür eine Praline bekamen. Ich lernte eine Menge über Eheprobleme, Zipperlein, die Wechseljahre und Ähnliches. 

Bevor ich in der Stoffabteilung zu Arbeiten begann, hatte ich schon einmal genäht: ich färbte ein altes Bettlaken lila, schloß es mit einer Seitennaht zum Rock, säumte es und nähte einen Tunnel für einen Gummizug. Fertig war mein Femistinnenoutfit. Es sah bestimmt hinreißend aus in dem langen lila Rock mit meinen grünen Haaren und der lila Windel um den Hals. Leider, leider gibt es davon keine Fotos. Natürlich bekam ich durch meinen Job Lust, mit dem Nähen zu beginnen. Ich hatte zwei mal die Woche mit den herrlichsten Stoffen zu tun - allerdings kaum Geld, um sie mir leisten zu können. 

Trotzdem, die Stoffe verzauberten mich. Immer wieder träumte ich beim Doublieren. Ich träumte von wallenden Kleidern, von edlen Roben und konnte mich nur schlecht auf Eheberatung und Zipperlein konzentrieren. Irgendwann beschloss ich, dass ich zwar keine Ausbildung in dem Kaufhaus machen wollte, aber alles über Stoffe lernen wollte, was es zu lernen gab und erzählte dies frech dem Abteilungsleiter. Was dann geschah, erzähle ich ein anderes Mal. 

Kommentare:

  1. Grüne Haare mit lila? Ich kam nicht umhin an folgende Figur zu denken:
    http://img3.wikia.nocookie.net/__cb20121231164852/muppet/images/thumb/2/28/Mokey.jpg/310px-Mokey.jpg
    LG

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  2. Klingt total interessant dein Sprung in die Vergangenheit! Ich bin gespannt, was der Abteilungsleiter gesagt hat!

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  3. Na also, hör mal, du kannst doch nicht mittendrin enden ...

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    1. Ich hätte auch große Lust gerade, daran weiter zu schreiben, weil mir diese Reise in die Vergangenheit auch großen Spaß macht, aber leider ist mir gerade das Leben und die Arbeit dazwischen gekommen. Aber Fortsetzung folgt und es wird eine ganze Reihe, denn ich merke, da habe ich noch eine ganze Menge zu erzählen über das Damals und das Heute.

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    2. Wer hat Leben und Arbeit eigentlich genau wann erlaubt, ständig dazwischen zu funken?
      Ich finde es besonders schön, weil wir das gleiche Jugendjahrzehnt teilen und mir alles so wunderbar plastisch vor Augen steht. Zu den Schnapspralinen gehörte doch bestimmt auch das "Frau Müller, kommst du maaal?" dazu, oder?

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    3. Ja, "Frau Müller und du" gehörte ebenso selbstverständlich dazu wie "ich bin dann mal auf 17", was nichts anderes bedeutete, als auf dem Klo.

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  4. ich bin sehr gespannt, was danach kommt !
    sei lieb gegrüßt
    anja

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  5. Und so erfährt man auch mal, dass du ein Frankfurter-Mädche bist! Sehr interessant dein Rückblick. Wie sich die Zeil doch verändert hat...

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    1. Ei sischer, en eschtes frankfurter Mädscher!

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  6. Ganz genau - Stoff zu fühlen, durch die Hände gleiten zu lassen, das regt schon zum Träumen an ...
    Das Kaufhaus M. Schneider habe ich noch gut in Erinnerung - wegen der Vielfalt der Stoffe. Hübsch waren auch die zierlichen, kleinen Schaufensterpuppen auf den Stofftischen, die hübsch drapierte Kleider trugen. Dem Dekorateur, der diese tollen Modelle gesteckt hatte, gehörte meine Bewunderung.

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  7. Ach, schön, deine Zeitreise. Das Kaufhaus kenne ich, aber ich wusste nicht, dass es ein Original Frankfurter Kaufhaus war; M.Schneider gibt es wohl wirklich nur noch in Offenbach, aber ist dort so erfolgreich, dass es zusätzlich ein Outlet und ein Strumpfhaus eröffnet hat. Jetzt gibt es ihn in meiner Stadt gleich drei Mal.

    PS: müsste es nicht Linoleumboden heißen anstatt Petroleumboden?

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    1. Achjeee, da habe ich das -leum verwechselt vor lauter Erinnerungsgedösel.

      In dem Wikipediartikel, den ich verlinkt habe, steht, dass das sogar eine Kette war. Aber in den 80ern gab es glaube ich nur noch Frankfurt und Offenbach.

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  8. Toll, einfach nur toll! Mir stand sofort mein Schülerin-Studentin-Nebenjob beim Kar.stadt vor Augen. War thematisch anders (ich habe in der Süßwarenabteilung gearbeitet), aber an "auf 17" und "wir fegen das Lager" erinnerte ich mich auch sofort. Das letztere war der Sekt im Abteilungslager....Ich erwarte eine sofortige Fortsetzung! Real Life - so what! Gruß Tine

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  9. Auf diesen Cliffhanger ein Mon Cherie! :-)

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  10. Wirklich interessant zu lesen! In meinem Heimatkaff gabs keine solchen Jobs, mangels Kaufhäusern, Stoffläden o.ä. :D
    Aber mein allererstes selbstgenähtes Teil, in ähnlichem Alter, war auch aus lilagefärbtem Bettlaken :) (aber völlig unfeministisch)

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  11. Liebe Meike, dies ist eine höchst interessante Geschichte und erinnert mich ein wenig an den Roman " Das Paradies der Damen". Ich bin sehr gespannt wie es weiter geht. Liebe Grüße, Valentina_naeht

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  12. Ich hab es damals nur zu New Yorker geschafft. Sehr hip , sehr eintönig,sehr einsam und seit dem weiß ich genau was Qualität bedeutet ;)
    Ich bin gespannt auf die Fortsetzung .
    Liebste Grüße
    Nina

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