Montag, 2. März 2015

Nähen ist das neue Kochen

Irgendwie liegt es in der in der Luft, dass Nähen einen Popularitätsschub bekommen könnte. Die englische Sendung über das Nähen Great British Sewing Bee wird gerade in der dritten Staffel ausgestrahlt und bekommt nach und nach Kinder: es gibt einen französischen Ableger, einen Niederländischen, es gab wohl eine norwegische Sendung über das Nähen, im deutschen Regionalfernsehen im Kabelnetz und für ganz Deutschland und auch in Amerika gab es immerhin schon mal einen Aufruf zum Casting. Fernsehen ist ein Massenmedium - das Thema Nähen scheint nun massenkompatibel zu werden. Vor einigen Jahren begannen die Kochsendungen die deutsche Fernsehlandschaft zu überschwemmen - wieso sollte das, was beim Kochen möglich ist, nicht auch mit dem Nähen möglich sein. Vermutlich hätte vor 20 Jahren noch jeder Sender abgewunken, wenn jemand eine Kochsendung realisieren wollte von wegen "das muß man riechen und schmecken, die Botschaft bekommen sie nicht über das Fernsehen realisiert" oder "wer interessiert sich schon fürs Kochen, die Welt freut sich über Convienienceprodukte" oder aber "Kochen? Das ist doch nur was für Frauen!". Aber das scheinbar Unmögliche wurde möglich und obwohl Kochsendungen schon länger todgesagt wurden, gibt es sie immer noch.

Gleichzeitig schwant es nicht nur mir, dass Nähen auch anderweitig aufgewertet werden könnte. In der englischen dritten Staffel der Great British Sewing Bee gibt es auf einmal Männer, die richtig nähen können, mindesten einen Mann, der eine gute Chance auf den Gewinn des Wettbewerbs hat und Männer, die sich gegenseitig abklatschen, weil sie einen guten Job machen. Erinnert ihr euch an MyBoshi? Kaum nahmen sich Männer dem uncoolen Häkeln an, wurde es ein Trend. Und dann gab es noch die putzigen Männer, die Christbaumkugen strickten und auf der Buchmesse letztes Jahr in Frankfurt sah ich eine einzige Handarbeitsvorführung: ein häkelnder Mann, vermutlich Nachahmer der MyBoshi-Vorreiter. Selbst das zieht.



Vielleicht habt ihr dieses Interview über nähende Männer letzte Woche gelesen, auf das uns Frau Drehumdiebolzen auf twitter aufmerksam machte. Fünf Männer erklären, warum sie nähen und wir weiblichen Nähnerds auf twitter waren eher irrtiert, als begeistert. Auf twitter ist so etwas schwierig zu diskutieren, umso erfreuter war ich, als Lotti Frau Fadenverloren in einem Blogpost aufschrieb, was vielen durch den Kopf schoß.




Na, darauf werden auch andere schon gekommen sein und spätestens, wenn sie unsere Beiträge lesen, werden sie darauf kommen. Männer, es warten lukrative Buchverträge auf euch! Wie sollen sich Männer, denn mit Handarbeitsbüchern voller Röcke, Deko, Haushaltskram und Kindersachen identifizieren? Von Männer für Männer, so einfach ist das und vermutlich ist das mehr als eine Pressemeldung wert. Schaut her: Handarbeiten sind doch gar nicht so schlecht, sogar Männer begeistern sich dafür!

"Ich frage mich ja seit langer Zeit, wo dieses negative Image herkommt. Und ich frage mich (eigentlich immer mehr) warum textile Arbeiten als weibliche Arbeit gelten. Wie hängen beide Aspekte zusammenhängen: Ist das Handarbeitsimage negativ, weil es weiblich besetzt ist, oder ist es weiblich besetzt, weil Männer zu stolz / sich zu schade sind für schlecht angesehene Tätigkeiten?" Suschna

Bisher ist das anders. Es gibt natürlich Berichte über Handarbeiten, aber diese haben alle ein Geschmäckle. Nähen, Stricken, häkeln, so lange es von Frauen ausgeübt wird,  hat es nicht den besten Ruf. Hypothesen dazu, könnt ihr bei Suschna und KittyKoma nachlesen, das ist wahnsinnig spannend.

Was bedeutet das für uns, wenn Handarbeiten zum neuen heißen Ding werden?


Nehmen wir ganz hypothetisch an, es gäbe auch in Deutschland eine Nähsendung im Fernsehen. Was würde das mit uns und unserem Hobby machen? Was würde mit unserer kuscheligen Ecke im Internet passieren? Wie würde es uns damit gehen? Als The Great British Sewing Bee vor zwei Jahren in England startete, waren wir alle euphorisch. Wir waren begeistert von der Sendung, wir liebten die KandidatInnen und wir freuten uns, dass das, was wir lieben sogar in einem Massenmedium gewertschätzt wird. Die Begeisterung ist ungebrochen. Wir tun auch bei der dritte Staffeln noch alles dafür, diese sehen zu können, aber wir fangen an, genauer hin zu sehen und ich glaube, das ist gut so.

Das "neue Handarbeiten" ist derzeit nur ein Phänomen unter vielen und findet in einer Nische statt. Es ist stark mit dem Internet verknüpft: gut vernetzte Blogs, kostenlose Anleitungen, gemeinsame Schaffen-und-Zeigen-Aktionen (Sew Alongs, Knit Along und Linksammlungen wie der Me Made Mittwoch) machten es auch denjenigen möglich, bei denen der Fluss der Wissensvermittlung von den Ahninnen unterbrochen war. Im Internet ist es ein Special-Interest-Thema, eine Nische in die sich nur diejenigen verirren, die gezielt danach suchen. Für den Rest der Welt, hat das, was wir in unserer Nische machen keinen Relevanz. Das könnte sich ändern, wenn es das Nähen auch ins deutsche Fernsehen schafft und wahrgenommene und positiv bewertete Männer unser Hobby bekannt machen.

Hat es mehr Vor- oder Nachteile für uns, wenn unser Lieblingshobby, unsere Leidenschaft, massentauglich und stärker kapitalisiert wird? 


Es hat sich schon viel geändert. Es hat den Anschein, als würde unsere Nische beständig größer werden. Wir können alle ein Lied davon singen, wie viel besser, die Ausgangsbedingungen zur Ausübung unseres Hobbys in den letzten Jahren geworden sind. Neben dem Schatz, den uns das Internet bietet, sind in den letzten Jahren an vielen Orten neue Handarbeitsläden, Nähcafés etc. entstanden. Es ist sehr viel leichter, an "Stoff" nicht nur im ursprünglichen Sinne zu kommen. Das ist toll! Während vor einigen Jahren die ersten Nähenden im Internet noch verzweifelt nach Gleichgesinnten suchten, gibt es mittlerweile (mehr als) eine große und lebendige Szene. Wir Nähnerds sind eine Nische in der Nische und noch nicht mal eine abgegrenzte Gruppe. Wir wissen, dass es auch andere Nischen gibt, in denen genäht wird und das ist gut so.

In meiner Ecke des Internets wird für sich selbst genäht. Wir nähen unsere Bekleidung selbst, wagen es, uns zu zeigen und teilen unsere Erkenntnisse. Das ist so unglaublich nährend und selbstermächtigend für unser Selbstbild als Frau und unser Selbstbewusstsein. Manchmal möchte ich vor Glück laut losjubeln, dass es euch, eure Blogs, eure Kommentare, eure Aussagen auf twitter, meinen Flauschbereich im Internet gibt und dass ich mit euch gelernt habe, was es für mich bedeutet, mit meiner selbstgenähten Garderobe mein Selbstbild selbst zu gestalten und wie es geht, im Nahtschatten zu nähen. Ich möchte dieses Glück teilen und wünsche allen Frauen, dass sie früher oder später diese immense Chance entdecken, die das Nähen der eigenen Kleidung bietet.

Doch die anderen Ecken des nähenden, bastelnden, kochenden  Internets sind auch toll, wenn auch für mich derzeit aus vielen Gründen nicht ganz so spannend. Doch egal was wir selbst machen - es verändert etwas! Wenn wir Dinge selbst machen, dann lernen wir, sie mehr und mehr so zu machen, wie sie für uns gut sind. Wir lösen uns aus den üblichen Konsumprozessen und gestalten unser Leben und unsere Lebensumwelt nach eigenem Gusto. Das ist in jedem Fall bereichernd und lehrreich. Es lebe die Vielfalt! Alle DIY-Ecken des Internets sind gut. Ach hätten wir nur die Zeit überall zu schauen und uns inspirieren zu lassen! Wenn die Massenmedien uns und viele andere mit der Nase auch auf Unbekanntes stupsen, ist das nicht das schlechteste, auch wenn wir latent das Gefühl haben, dass wir Internettussis das alles schon vorher wussten. Mag sein - aber auch wir haben nur begrenzte Zeit und leben in einer Filterblase.


Selbermachen ist toll - je mehr es erkennen, um so besser!


Je mehr Menschen den Wert des Selbstgemachten erkennten, umso besser wird unsere Welt. Diese Theorie mag naiv klingen, aber ich glaube fest daran. An mir und an anderen kann ich beobachten, wie das selbst in die Hand nehmen, das Selbermachen, das Gestalten der eigenen Lebensumwelt mehr als die Garderobe veränderte. Durch das Selbermachen und das sich zeigen wird ein Erkenntnisprozess in Gang gesetzt, der sich auch auf andere Lebensbereiche überträgt. Da beginnt etwas, das nicht mehr rückgängig zu machen ist. Wenn unser Hörspiel zu Weihnachten auch ein Märchen war, die positiven Rückmeldungen dazu bestätigten uns darin, dass nicht nur wir so fühlen.

Was könnte passieren, wenn Handarbeiten (wieder) massentauglich wird? Was könnten die Nachteile sein? Ich weiß es nicht, weil ich es mir eigentlich gar nicht vorstellen will. Aber vielleicht packt diese Freude am Selbermachen nicht alle. Das kann schon sein, auch ich habe nach einer aktiven Phase als Teenager und junge Erwachsene fast zwanzig Jahre nur wenig gehandarbeitet, bis ich es wieder für mich entdeckte. Ich kann nicht genau sagen, woraus diese Pause resultierte. Vielleicht passte es nicht in meine Leben, vielleicht passte es nicht in die Gesellschaft. Wenn es mir passiert, kann es auch anderen so gehen. Ich will ja gar nicht alle bekehren. Es muß schon passen. Irgendetwas in uns muß reif dafür sein, etwas Neues auszuprobieren und das Leben die Hand zu nehmen.

Vielleicht wird Nähen auch nur ein kurzlebiger Trend. Vielleicht nähen nach einer Nähsendung im Fernsehen auf einmal mehr Menschen Loops und legen sie ein paar Jahre später zu den MyBoshis in die Altkleidersammlung. Vielleicht wird es nur eine Mode, die recht schnell von der nächsten Mode abgelöst wird. Oder, wenn Nähen nicht das neue MyBoshi sondern das neue Kochen ist, dann passiert vielleicht etwas anderes. Vielleicht gefällt es den FernsehkonsumentInnen Nähen zu konsumieren. Wir wissen alle, das nicht mehr Leute kochen, nur weil sie Kochsendungen im Fernsehen sehen. Und trotzdem sind diese Sendungen beliebt. Vielleicht passiert genau das gleiche rund ums Nähen? Vielleicht ist es einfach spannend, einen Nähwettbewerb zu sehen und wenn nach ein paar Jahren die Luft raus ist, wird eben ein TöpferInnencasting veransteltet. Wer weiß, jetzt wo Macramee Paracord heißt, erscheint mir alles möglich.

Oder aber wir Frauen werden als Zielgruppe entdeckt. Vielleicht gibt es irgendwann einen Fernsehsender wie  DMAX  für Frauen oder besser gesagt "für Menschen". Wenn Sendungen über das Angeln, das Tunen alter Fahrzeuge oder das Holzfällern im Dschungel interessant genug sind, um als Serien produziert zu werden, könnte es doch auch sein, dass es gar keines Wettbewerbs im mittlerweile auch schon ausgelutschtem Castingformat bedarf, um ein Thema interessant zu machen. Vielleicht entdecken irgendwann mutige FernsehmacherInnen uns nerdige Klamottennäherinnen und machen Sendungen, die für Aussenstehende möglicherweise absurd langweilig sind, für uns aber die logische Fortsetzung der Nähpodcasts von Frau Nahtzugabe5cm, bei denen wir gebannt zuhören, was zwei Frauen, über ihre Leidenschaft, die auch unsere ist, erzählen.

Ich sehe das Glas halbvoll statt halbleer und nehme es als Chance, wenn Handarbeiten durch Männer oder das Fernsehen eine Aufwertung bekommt. Ich bin bereit mein Glück zu teilen und der festen Überzeugung, dass es genug Materialien für uns alle gibt und das Internet groß genug ist, noch mehr Handarbeitsnischen ein Zuhause zu bieten. Wenn mehr und mehr Menschen das Selbermachen für sich entdecken und daraus ein neues Selbstbewußtsein, eine innere Stärke und die Lust, etwas zu verändern bekommen, das wäre doch einfach wunderbar!

In meiner Ecke des Internets passieren gerade spannende Dinge. Ich freue mich über unsere Diskussionskultur, es ist eine gute Mischung, aus Diskussion in den Kommentaren, Inspiration auf twitter und längerem lauten Nachdenken auf dem eigenen Blog - sehr inspirierend, danke!

Kommentare:

  1. Ich habe ja einerseits ein bißchen Sorge, dass durch so eine Popularisierung des Nähens nicht nur mehr Leute das Nähen im Internet entdecken, sondern auch mehr doofe Leute. Dass wir dann Trolle haben, jede Menge Wichtigtuer, eine Fülle von "Experten", die die schnelle Mark machen wollen, aber keinerlei Ahnung haben. Aber andererseits. Beim Kochen hat sich das auch nach einer Weile zurechtgestutzt, und man kann sich jetzt einfach nur noch dran erfreuen, dass Küchenzubehör, exotische Zutaten etc. viel leichter verfügbar sind, und natürlich daran, dass Selberkochen den Ruch der vorgestrigen Beschäftigung für minderbemittelte Hausfrauen verloren hat. Und wenn es so kommt soll mir das recht sein.

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    1. Stimmt, das könnte eine berechtigte Sorge sein, dass Trolle versuchen werden, uns den Spaß zu vermiesen. Das verdränge ich gerne.

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  2. Grundsätzlich finde ich es gut, das unser Hobby an Breite gewinnt. In den letzten vier Jahren, in denen ich wieder nähe ist echt viel passiert, schon beängstigen schnell.
    Positiv natürlich die größere Auswahl an Materialien,- im gleichen Zusammenhang negativ, der rasante Preisanstieg. Ein Plus der letzten Jahre, der intensive Austausch von Erfahrungen vor allem hier im Netz, das ermöglicht Anfängern ein gutes Weiterkommen und dazulernen. Allerdings geht mir der Hype um neue, meist recht simple Schnittmuster mit diesen vielen selbsternannten Probenäherinnen zur Zeit gehörig auf den Wecker. Ich glaube man muß für sich selbst eine Grenze finden, wo lerne ich dazu und was bringt mich weiter. Sicher, für jeden findet sich eine Nische und das ist auch gut so. Man sollte sich aber überlegen, wo verlinke ich was. Von der Qualität der gezeigten Sachen beim MMM war und bin ich immer begeistert, auch von den hilfreichen Anregungen und Erläuterungen. Und ich hoffe, das bleibt auch weiter so...
    in diesem Sinne, dir einen schönen Tag
    lG Silke

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  3. Hallo ihr Lieben!
    Ich bin ganz neu hier, fühle mich aber schon pudelwohl.
    Ich saß mit 12 zum ersten Mal an der Nähmaschine meiner Mutter. Es war eine Pfaff 230 aus den 1950er Jahren (jaaa, so alt bin ich schon). Auch bei mir gab es eine Zeit, in der ich nicht genäht habe, weil es, naja, irgendwie trutschig war. Uncool heisst es auf Neudeutsch :-)
    Trotzdem konnte ich mir einen Haushalt ohne Nähmaschine nicht vorstellen und war begeistert, als meine Enkelin vor ein paar Jahren anfing, sich für`s Nähen zu interessieren. Hier muss ich eine Lanze brechen für die simplen Schnittmuster: klug ausgewählt sind sie perfekt, um eine neue Generation von Nähnerds zu erzeugen. Neben dem Stolz auf etwas Selbstgemachtes und Einzigartiges gibt es als positiven Neben-Effekt noch ein kritisches Bewusstsein im Bezug auf billig hergestellte Massenware. Frei nach dem Motto: "Kaufst du noch oder nähst du schon?" interessiert sich jetzt auch meine Tochter dafür. Und ich hatte schon geglaubt, wir müssten eine Generation überspringen.

    Liebe Grüße
    Ute

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  4. ich weiß nicht, ob man noch von einer nische beim nähen sprechen kann..
    das nähen, DIY und sonstiges handarbeiten erlebt grade den boom, der aber schon langsam abflacht, das merkt man an den kursenanmeldungen sofort.
    wenn vor 2 jahren morgensgruppe total überbucht waren, ist jetzt deutlich ruhiger geworden.
    Stoffläden, die keine kinderstoffe anbieten, sind zum teil gar nicht mehr da, nur die, die exclusive Stoffe verkaufen- die werden so oder so überleben, weil sie einen bestimmten Klientel ansprechen.
    die meisten die durch den boom gewockt zu den kursen kommen, stellen schnell fest, so einfach ist es gar nicht mit dem kleid.
    den häufigsten satz ,den ich höre:
    "ich hätte nicht gedacht ,dass es sooo viel arbeit ist! und dass es soo lange dauern wird!"
    so viel geduld haben bei weitem nicht alle. dabei rede ich grade nicht von der perfekten Ausführung oder Anpassung, sondern einfach nur Fertigung.
    viele mögen es gar nicht so schwierig im Hobby haben.
    ich weiß nicht, wie man das nähen entspannend finden kann. ich rtue es nie?
    weil neben den Händen muss permanent der kopf arbeiten. denkt man nicht im vorraus- produziert man fehler, auch wenn man seit 30 jahren näht.
    und so wie jeder boom, wie es auch mit Aerobic, chatten in den 90-er war, so wird's auch mit nähen passieren.
    das sieht man an den unzähligen Blogs, die seit 1 jahr nicht mehr geführt werden.
    bleiben werden die, die tieferes Interesse haben.

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  5. Ich denke, das ist eine vorübergehende Welle wie der Strick- und Häkelboom in den 70-er und 80-er Jahren. Das waren vielleicht insgesamt 15 Jahre, bis es wieder still wurde und die vielen Stricklädchen nach und nach wieder verschwanden. Wenn man die ersten zarten Anfänge um 2005 ansetzt, hätten wir noch etwa 5 Jahre. Dazu passt Sewing Galaxys Beobachtung bei den Kursen.

    Zugegeben, als alte Textiltante kann ich mir gar nicht vorstellen, dass es so bald wieder vorbei sein soll. Es muss aber auch nicht zwingend jede Welle gleich lang sein. Außerdem bringt das Internet sicher auch eine neue Dimension ins Spiel. Nie war es so einfach, sich so vielfältig über Techniken zu informieren. Und auch der Einzelhandel hat sich verändert. Lucy (oder war es jemand anders?) hat vor einiger Zeit über die Orag in München geschrieben. Ich kenne den Laden aus den 80-ern, der hat sich wohl kaum verändert, mit einem Unterschied: damals hatten Hobbyschneiderinnen keinen Zutritt. Beim Roten Faden in Aachen könnte es ähnlich gewesen sein. Heute können die sich - wegen des Internets! - die Abschottung gegenüber Endverbrauchern gar nicht mehr leisten.

    Der Stoffeinkauf hat sich über die letzten 40 Jahre überhaupt sehr verändert. Damals gab es noch das breit sortierte Allround-Fachgeschäft, und auch die Stoffabteilungen der Kaufhäuser waren modisch bestückt. Beides gibt es in der alten Form kaum noch. Stattdessen fand man lange Zeit nur kleine, hochwertige Stoffläden - wenn man den Stil mochte und das Portemonnaie es zuließ, wunderbar. Ansonsten gab es 2 mal im Jahr Sonderverkaufsflächen im Kaufhaus oder, wenn man großes Glück hatte, am Ort einen Stoffhändler, der mit viel Feeling für Trends Musterungsreste aus der Industrie aufkaufte und dadurch günstig anbieten konnte. (Dieses bis heute gängige Geschäftsmodell liegt oft Schnäppchenpreise bei guter Qualität zugrunde.) Seit ein paar Jahren ist - neben den reisenden Märkten - der Online-Handel dazu gekommen. Dass das mit Stoffen funktioniert, ist aber auch erst möglich, seitdem die Übertragungsraten vernünftige Bilddarstellungen und großzügiges Scrollen erlauben.

    Da andererseits Online-Läden eine viel größere Reichweite haben und somit Skaleneffekte nutzen können, hoffe ich, dass uns zumindest die Materialauswahl erhalten bleibt, auch wenn der Boom irgendwann vorbei sein wird. Genauso hoffe ich, dass viele Ressourcen im Internet nicht so schnell verschwinden werden, insbesondere die privaten Blogs und Videos. Und die Nähnerds untereinander sind sowieso von keinem Boom da draußen abhängig ...

    Übrigens hätte ich eine Idee für ein Näh-Reality-Show-Format im de-Mol-Stil. Ich denke, das wäre breitentauglich. Gibt es jemand unter den Nähnerds, die/der gute Medienkontakte hat? Dann könnten wir ja mal spinnen ...

    Viele Grüße
    Ursula

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    1. Nein, ich habe (natürlich!) keine Medienkontakte. Aber jetzt hast du mich neugierig gemacht. Was stellst du dir nur vor?

      Vieleleicht dass sie 10 Profi-Schneiderinnen mit 10 Lehrlingen für ein Jahr in einem Atelier einsperren, damit in dem Zeitraum eine tolle Kollektion erarbeitet wird? Und die Zuschauer können interaktiv mitmachen und die Sachen nachnähen bzw. mit den Lehrlingen im Livestream zusammen lernen? - So irgendwie??? :)))

      Liebe Grüße
      Immi

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    2. :-)))))))))))))))))))))))))) ist das geil!:-))))))))))ich lache mich schlapp:-)
      tolle version, Immi!*daumenhoch*

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    3. Ich bin auch neugierig Ursula und gerne per Mail.

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  6. Ein sehr schöner Post! Der auch wunderbar ohne Bilder auskommt :-) Auch mal angenehm!
    Ich persönliche meine ja, dass Nähsendungen jedenfalls tierfreundlicher sind, als Kochsendungen. Stoff vom Polyestertier gibt es ja noch nicht... ;-)
    Liebe Grüsse, Sylvie

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  7. Ich denke, dass Nähen für viele zu zeitintensiv ist, daher werden dieses Hobby in der Regel nur wenige Frauen (oder Männer) ausüben können. Ein 8-Stunden-Arbeitstag und dazu Familie ermöglicht nur wenig Zeit, sich an die Nähmaschine zu setzen. Damals noch ohne Kinder und mit Kleinkindern und einer längeren freiwilligen Arbeitspause habe ich für mich und die Kinder viel genäht und gestrickt, danach bestimmt 20 Jahre überhaupt nicht mehr. Da ich nun Ende dieses Jahres in den Ruhestand gehe, beginne ich so langsam wieder mit dem DIY. (Schließlich braucht man ja auch als Rentner eine sinnvolle Beschäftigung.) Es macht mir wieder richtig Spaß und das Internet ist eine unglaubliche Informationsquelle. Egal, welche Fernsehshows es geben wird, ich glaube nicht, dass das Selbernähen von Kleidung ein Massenphänomen werden wird.
    Grüßle Bellana

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    1. Ich glaube nicht, dass die Zeitintensität das Problem ist, die schreckt ja Leute wie mich, als arbeitende Mutter auch nicht ab, auch wenn es die Rahmenbedingungen natürlich schwerer machen. Ich denke, es ist eher die Hemmung, gleich mit einer teuren Maschine einzusteigen.

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    2. ein gutes beispiel dafür sind russinen!
      du wirst kaum eine frau finden die nicht 1-2 kinder hat und dabei nicht fulltime beschäftigt ist! dabei nähen sie, als ob es kein morgen gibt, sowohl in der menge als auch in der qualität der fertigung und passform.
      nebenbei kochen sie für die ganze familie und schmeissen haushalt und keine beschwert sich. alles ist nur frage der planung.
      die zeit, die die deustchen auf tweeter verbringen- nähen sie;-)

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  8. Ich glaube ebenfalls nicht, dass das Nähen durch gewisse Shows längerfristig zunehmen wird. Klar, nach jedem neuen Trend wird es mehr Material und mehr Auswahl geben, die die Willigen anfangs auch sicher wie wild kaufen werden. Wirkliche Bedenken habe ich bei den hochwertigen Stoffen eigentlich nicht, eher bei den praktischen Nähhelferlein, davon werden wir sicher überschwemmt werden. Aber der gemeine Nähnerd wird schon zu unterscheiden wissen, was die Sachen taugen und ob absolut nötig.
    Da ich selbst keine Kinderstoffe benötige (oder wenn für die Enkel, dann nur projektbezogen kaufen werde), bleibe ich den meisten Internetshops fern und besuche lieber mal meine Stoffhändlerin des Vertrauens, dort wird auch für mich bestellt, wenn ich mal etwas Besonderes brauche.
    LG Petra

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  9. Vielen Dank für diesen Beitrag! Ich kann mich meiner Vorrednerin anschließen, ich glaube nicht, dass die Nähshows dazu beitragen werden das viele Menschen in Zukunft selber nähen werden. Ich beobachte immer wieder, dass viele Leute z.B. Kochshows anschauen und trotzdem keinerlei interesse an selber kochen oder Nahrung an sich haben. Viele lasse sich berieseln und erfreuen sich an Pannen und Hoppalas. Ich sehe auch gerne "Gartenshows" und habe jetzt festgestellt, dass die neuesten Folgen fast ausschließlich davon leben das die Protagonisten herumstreiten während sie fast nebenbei irgendwas im Garten machen. Will man also Informationen zum Gartenthema ist das nicht mehr die Sendung zur Wahl. Will man das allgemein Menschliche - perfekt. Viele Kochshows trifften auch in diese Richtung und mit den Nähsendungen wird es wohl auch so sein.(Irgendwann, später) Weil einfach zu wenig Zuseher wirklich nähen, kochen oder gärtnern. Übrigends, nicht jeder der im Fernsehen Häuselbauer beim Scheitern zuschaut baut selber ein Haus.

    Ich freue mich jetzt über die Nähsendungen bis sie an Qualität verlieren. Selber nähe ich seit mehr als 40 Jahre. Ich kenne noch Zeiten als es in Wien viele Stoffgeschäfte gab und kenne auch die Zeiten als es stetig schlechter wurde mit den Stoff und Zubehögeschäften. Jetzt wird es grad ein bisserl besser, was sicher auch am Internet und seinen Möglichkeiten liegt. Ich wundere mich schon lange, dass wenn Männer sich eines Themas annehmen plötzlich aus Handarbeiten Kunst wird. Bei Quilt fällt mir spontan Kaffee Fassett ein, obwohl ich seine Arbeiten wirklich liebe und schon einiges nachgearbeitet habe, ärgert das schon ein wenig.
    LG
    Teresa

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  10. Arghhh! Jetzt habe ich meinen eigenen Kommentar gelöscht. Aber ich finde deinen Post so gut, dass ich nochmal schreibe - allerdings in Kurzversion.

    Ich nähe nicht um mich selbst zu verwirklichen oder um Ressourcen zu schützen oder um Kinderarbeit zu unterbinden. Nein, diese hehreren Ziele verfolge ich nicht. Ich nähe, weil mich der handwerkliche Prozess interessiert. Ich möchte neue beziehungsweise alte Techniken erlernen, Proportionen erkennen, gezielte Änderungen durchführen, Materialien austesten und inspirierende klassische Modelle nacharbeiten. Für mich ist der Weg viel interessanter als das Ziel. (Allerdings freue ich mich schon, wenn ab und zu etwas Passendes herauskommt.)
    Durch das Internet habe ich viele nette Blogbekanntschaften gemacht, die mich inspirieren und die mir bei meinen Fragen helfen. Allerdings habe ich auch das Gegenteil gesehen. Da wird ein (grottiges) Schnittmuster entworfen und "zack" per E-Book ins Internet gestellt. Ich verstehe, dass man Stolz auf sein Können ist. Aber zwischen Können und Selbstüberschätzungen ist bei manchen Menschen ein schmaler Grat. (Natürlich trifft das nicht auf alle zu, sondern nur auf ganz wenige!)
    Wie gesagt, Nähen ist meine Liebhaberei - genauso gut hätte ich mich fürs Malen oder für den Sport entscheiden können.
    Ach ja, wenn es um das Nähen geht, fallen mir Namen wie Lagerfeld, Gaultier, McQueen oder Galliano oder Charles Frederick Worth ein. Das sind alles Männer! Ob die allerdings alle richtig mit Nadel und Faden umgehen können, weiß ich nicht genau.
    Martina

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    1. Danke, dass du noch mal geschrieben hast!

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  11. Ich finde es klasse, dass Nähen aus der Verschrobenen-Ecke rauskommt und so das Angebot in den letzten Jahren immer weiter zugenommen hat. Immer mehr Frauen und auch Männer in meinem Bekanntenkreis nähen – wenn auch meist eher gelegentlich aber auch das ist schon eine immense Veränderung.
    Ich warte noch sehr gespannt auf den deutschen Ableger von GBSB – vor Allen Dingen, ob da jemand von uns Nähnerds dabei sein wird. Dein Beispiel mit Kochshows ist gut – davor gab es auf allen Sendern Talkshows und inzwischen wird zu allen Tages- und Nachtzeiten gekocht. Ob ich allerdings so viele Nähsendungen sehen wollte lass ich jetzt mal dahin gestellt :-)

    Du frägst nach Nachteilen zu diesem aufkeimendem Näh-hype in dem Medien: ich glaube nicht, dass das uns Nachteile bringen könnte. Ob wir die neuen Angebote nutzen können wir schließlich selbst entscheiden. Lucy (Nahtzugabe) meinte, dass die Gefahr von Trollen zunehmen könnte – da stimme ich ihr zu. Gerade unter Frauen gibt es ja leider immer wieder so Tendenzen. Das wird nur die Zeit zeigen wie sich unsere offene Nähnerd-Internetecke entwickeln wird.

    Ein DiY- Sender wäre natürlich was Feines aber bis dahin, vermute ich, ist es noch sehr langer weg. Da müsste die Nachfrage nach DIY von Menschen noch ordentlich zu legen. Auch bei den deutschsprachigen Podcasts zum Thema Nähen sieht das Feld sehr dünn aus – zum Stricken, Spinnen etc. gibt es zahlreiche Podcast-Kanäle aber reine Nähpodcasts (außer meinem *hüstel*) finde ich bisher nur in Englisch.

    Danke für diesen tollen Post zum Nähen im Allgemeinen und zu „unserer“ Ecke im Internet.

    Lieber Gruß, Muriel

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  12. Moin Moin,
    war Nähen jemals ganz von der Bildfläche verschwunden? Ich glaube nicht - Do it yourself gab's doch schon in den 70ern, nur lag der Schwerpunkt bei den Männern eher auf Heimwerken. Jetzt nehme ich verstärkt Männer wahr, die textiles Gestalten für sich entdecken. Finde ich auch erstmal gut. Und vielleicht entspringt der Wunsch einiger Männer, mehr von Männern geschriebene Bücher haben zu wollen, der Vorstellung, es gäbe vielleicht wirklich zu wenige Schnittmuster für Herrenkleidung? Anders kann ich mir dies nicht erklären – ob dies wirklich so ist, entzieht sich allerdings meiner Kenntnis. Den Vergleich mit Kochsendungen – früher Biolek, heute Mälzer & Co. - finde ich äußerst treffend. Ja, in meinen Augen ist das mittlerweile schon ein kleiner Hype, der da entstanden ist, und die Sender wären ja schön blöd, wenn sie sich diesen Trend entgehen lassen würden. Ist halt nur dumm, wenn dann wirklich mehr und mehr Trolle im I-Net ihr Unwesen treiben, da gebe ich euch recht.

    Aber dass unser Hobby sich hierzulande sich keines guten Rufs erfreuen soll, weil es zumeist von Frauen ausgeübt wird, habe ich persönlich noch nicht erlebt. Die meisten, die ich kenne, stehen dem eher neutral gegenüber. Und das sind keine Hobbyschneider. Oder anders gesagt, niemand, den ich kenne und der von meiner Freizeitgestaltung weiß, rümpft darüber die Nase oder beäugt mich komisch. Beispielsweise von den Kollegen in England kamen anerkennende Worte. Und das sie sich bei mir oft nicht sicher sind, ob meine Sachen gekauft oder selbstgeschneidert sind, nehme ich solche Bemerkungen dann eher auch als Kompliment.

    Kann gut sein, daß unsere Wahrnehmung unterschiedlicher Natur ist, ob die Einstellung der Menschen hierzulande sich von denen in anderen Ländern unterscheidet, weiß ich nicht zu sagen, und ich würde auch dafür nicht unbedingt meine Hand ins Feuer legen wollen. Vielleicht sollten wir uns von vermeintlich abfälligen oder negativen Bemerkungen einfach nicht mehr irritieren oder runterziehen lassen.

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