Montag, 19. Januar 2015

Nähen im Flow



In den letzten drei Tagen habe ich knapp 20 Stunden genäht. Das Nähnerd-Treffen in Bielefeld, war eine gute Gelegenheit, auch mal wieder ein größeres Projekt anzugehen. Schon seit 1,5 Jahren, also seit dem Kostüm-Sew-Along, habe ich zwei Stoffe hier, die zu Blazern werden sollen und deren Rockpartnerinnen schon lange fertig sind und fleissig getragen werden. Obwohl ich im Schnittkurs schon vor Monaten einen Blazergrundschnitt erstellt habe, war die Zusammenführung des Grundschnittes mit den Details des Suit Jackets von Gertie, das ich nähen wollte, eine Gehirnleistung, die ich lange vor mir herschob.

Sehr kurzfristig erfuhr ich, dass ich tatsächlich auf der Warteliste für die AnNAEherung soweit vorgerückt war, dass ich auch noch mit nach Bielefeld fahren durfte. Welch ein Glück! Mein Körper ist wieder in Hamburg, aber dem Geist fällt es schwer, wieder im Alltag anzukommen - nicht nur wegen der Müdigkeit. Vielen Dank den Organisatorinnen und den anderen Teilnehmerinnen. Ich habe die Zeit sehr genossen!

Mit Bahn und Nähmaschine zu reisen bedeutet nicht nur, gründliches Packen um nur ja kein Schnittteil etc. in der Heimat zu vergessen. Es bedeutet für mich auch, ohne Overlockmaschine zu nähen. Es ist verflixt, wie sich ein Nähnerd schnell und vollständig an die Erweiterung des Maschinenparks gewöhnt. Jedenfalls hatte ich keine Lust, etwas zu nähen, bei dem ich die Ovi vermissen würde. Also doch ein Blazer! Die kurzfristige Zusagen, eine mit Verpflichtungen vollgestopfte Woche, ein Schnitt, der noch erstellt werden muß und ein Stoff mit Karos, sind ehrgeizige Voraussetzungen. Doch ich schaffte, alles vorzubereiten, so dass ich am Freitag Abend mit dem Aufbügeln der Einlage beginnen konnte. So eine Bügelpresse, die ich ausprobieren durfte, ist zwar eine tolle Sache, aber gefühlt habe ich trotzdem den ganzen Freitagabend damit zugebracht, die Einlage aufzubügeln. 

Die Stunden am Samstag vergingen wie im Flug. Vormittags ein bißchen nähen, ein kleiner Nähnerdausflug und dann, nur von einem kurzen Abendessen unterbrochen weiter nähen bis kurz vor 1 in der Nacht. Von 17 Uhr bis Abendessen hatte ich eine Paspelknopflöcherblockade und ging Frau Nahzugabe vermutlich ziemlich damit auf die Nerven. Um 22 Uhr hatte ich die Knopflöcher dann im Blazer drin und hoffe nun immer noch, dass sich die Geschichte zum Running Gag aber nicht freundschaftstrübend auswirkt. Jetzt habe ich das gründlich kapiert mit den Knopflöchern und werde, falls ich die Tage mal Zeit finde, dafür eine Anleitung schreiben. Ich weiß, das gibt es schon tausendfach, aber das mache ich natürlich auch für mich, denn wer weiß, wann ich wieder Zeit für ein aufwändiges Projekt habe. 




Es war wirklich erstaunlich. In der Nacht zum Samstag hatte ich nur 6 Stunden geschlafen und diese wenigen Stunden wurden auch noch einen Wecker, der versehentlich um 6 Uhr klingelte und für dessen Ausschalten ich minutenlang brauchte, unterbrochen. Trotz heftiger Kopfschmerzen nähte ich unverdrossen und ich hätte auch noch nach Mitternacht lange weiter genäht, wenn die Stimmung im Raum etwas weniger Party gewesen wäre. Im Laufe des Abends, als immer mehr Näherinnen sich dem Partyflauschen zuwendeten, wurde es im Raum lauter und lauter, aber trotzdem nähte ich konzentriert und unverdrossen weiter. Es war eher die Vernunft, die mich dazu überredete aufzuhören und die Angst vor Fehlern und dem dazugehörigen Trennen. Zu diesem Zeitpunkt wurde der Blazer langsam erkennbar und die Fertigstellung absehbar. Es war wirklich schwierig, die Maschine auszuschalten bzw. nur für als Stimmungslicht anzulassen. 

Sonntag geriet ich etwas aus dem Flow und wurde etwas hektisch, aber ich glaube, mit dieser Stimmung war ich nicht alleine. Die Zeit des Abreisens rückte näher und das war im Raum zu spüren. Ich wollte das Ding gerne bis zur Abfahrt fertig bekommen, zumindest das Futter sollte drinnen sein, damit es nicht mehr aussieht, wie eine Operation am offenen Herzen. Leider ist mein Futter nicht optimal konstruiert, an den Futterschnitt muß ich noch mal ran und die Vorderteile und das Rückenteil des Ärmels noch mal neu zuschneiden und einnähen. Wie gut, dass es bisher nur geheftet ist! Und vor allen Dingen werden ich ordentlich alle Erkenntnisse notieren - hoffe ich doch! Denn eigentlich wäre es sinnvoll, den erträumten roten Blazer gleich hinterher weg zu nähen. Immerhin geht da der Zuschnitt leichter...

Für mich war es sehr erstaunlich, dass ich die Zeit mehr zum Nähen als zum Quatschen nutzte. Irgendeine sagte "Ach, nähen kann ich doch auch zuhause...", aber ich merkte, dass das für mich nicht wirklich gilt. Abends oder eben mal schnell zwischendurch zuhause nähen, ist nicht das gleiche, die die Chance konzentriert über mehrere Stunden sich einem Werkstück zu widmen. Im Nachhinein finde ich es zwar schade, dass ich weniger als geplant herumgelaufen, über die Schulter geschaut, Nähmaschinen angeschaut, geplaudert und von anderen gelernt habe, aber es fühlte sich so schön an, einfach zu nähen. Wer mich kennt, kennt meinen Spruch "eigentlich nähe ich gar nicht gerne" - mir ist am Wochenende klar geworden, dass ich unter den üblichen Bedingungen einfach nicht gerne nähe. Aber mit dieser Erkenntnis lässt sich ja arbeiten. 


beachte: mit eben-Julia-Gedenk-Tischmülleimertasse


Der Aufbruch war schnell und holprig, denn das bestellte Taxi kam früher als geplant. Leider konnte ich weder an der Abschlußrunde teilnehmen, noch mich gebührend bedanken und verabschieden. Aber wir lesen uns ja wieder! Das Treffen war toll und hat meine Nähmotivation extrem erhöht. Es fügt sich schön ein, in die diversen Nähnerdaktionen des Jahres und deswegen war der Abschied auch nur ein körperlicher Abschied, denn wir sind ja verbunden und das ist schön! Es fühlt sich schön an, ein Hobby zu haben, das hätte ich früher nie gedacht. Ich bin gerne ein Nerd! Ich finde es schön, in eine Tätigkeit versunken zu sein, Freundinnen und Bekannte zu haben, die sich für das Gleiche begeistern, mit ihnen in Geheimsprache zu reden und sich für Dinge zu begeistern, die andere nicht kennen oder mit den Augen rollen, wenn sie davon hören. Es macht Spaß, bis in die Nacht hinein, gemeinsam etwas zu tun, es ist toll, ein Wochenende komplett abzutauchen und sich mit Hingabe dem Nerdsein zu widmen. Wie schön, dass ich das Nähen für mich entdeckt habe und dass es die Nähnerds gibt!

edit:
Ich war ja nicht alleine in Bielefeld. Wie die anderen die vergangenen Tage erlebt haben, könnt ihr hier gesammelt nachlesen. Sehr spannend!


Kommentare:

  1. Das Klingt toll, das klingt klasse, das klingt motivierend...da will ich auch mal hin!
    Der Blazer sieht klasse aus und ich bin gespannt auf deine tragebilder!
    Grüße
    Nicole

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  2. Hach ja, das hört sich gut an.
    Schön, dass Du Dich da so richtig konzentrieren konntest.
    Will auch mal wieder ein paar Stunden am Stück nur mit Nähen verbringen.
    Bin gespannt auf den/die fertigen Blazer.

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  3. Ich schließe mich Dir an: Nähen und Nähnerds sind eine Bereicherung! Auf den Blazer bin ich auch gespannt. LG – Mrs Go

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  4. Ja, dass Aufbruchstimmung am Sonntag iin der Luft lag, habe ich auch gespürt, und darum auch kaum noch genäht - nur den Kragen (mein erster, wohlgemerkt) - und ansonsten alles vorgeheftet, was ich zu Hause fertig machen will.

    PS: falls ich nächstes Jahr dabeibin, fahre ich mal mit der Bahn, ist für mich evtl besser als vier Stunden auf diversen Autobahnen runterzuschrubben, wenn ich übermüdet bin.

    LG
    Ulrike

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    1. Ja, ich fand es - bis auf die langen Arme vom Nähmaschinentragen - auch definitiv eine gute Entscheidung, mit der Bahn zu fahren! Vor allen Dingen, weil im Winter ja auch noch Wetter dazwischen kommen kann.

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  5. Das kann kann ich so voll unterschreiben! Am Sonntag war ich auch wegen Schlafmangel unkonzentriert und es war etwas die Luft raus, aber ich habe an den Abenden zuvor auch nur aus Vernunft die Nähmaschine verlassen (und war mir vorher gar nicht so sicher, ob ich wirklich mehrere Tage stundenlang nähen mag.) Es war ein tolles Erlebnis und wirklich ein Vergnügen, sich ohne Unterbrechungen dem Nähen widmen zu können und ich überlege schon, ob ich mir ab und zu zuhause Nur-Nähtage verschaffen kann.

    Mach' mal unbedingt das Paspelknopfloch-Tutorial mit deiner Methode - ich kenne nur ein gutes englischsprachiges, auf Deutsch gibts kaum etwas darüber. Selbst in vielen Anleitungen in Büchern dazu sind Lücken, insbesondere was die Berechnung der Länge und Breite der Paspelstreifen betrifft ;)

    viele Grüße!
    (Der Wecker weckte minutenlang? Hab' ich vor lauter Näh-Erschöpfung gar nicht mitgekriegt.)

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    1. Bei eben-Julia gibt es eine gute Anleitung zu den Knopflöchern, allerdings würde ich etwas ausführlicher Texten. Das ist aber natürlich auch unser beider Naturell entsprechend. Und die Frage der Breite der Paspeln, mit der ich dich nervte, wird dort ja auch nicht thematisiert. Insofern werde ich mich da noch mal dransetzen.

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  6. Hachz! Der Tischabfall. Ich habe ja tatsächlich in der letzen Zeit jedes Heringsbecherlein aufgehoben und plante diese mitzubringen. War halt diesmal nichts, beim nächsten Mal, dann hat jede ihr eigenes. ;-)

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    1. Ja, so ein Herinbsbecherlein ist natürlich stilechter. Trotzdem denke ich bei jedem Tischmülleimer an dich - für immer! Es wäre mir eine Ehre, einen Heringsbecher zu erben.

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  7. Ja, das war einfach grandios. Das Nähen gemeinsam ist nicht nur schön. Es steckt einfach auch an. Voller Neid und Missgunst. Ein Aufhören war manchmal schwer. Und die Nacht zum Sonntag war viel zu kurz als das ich noch was gescheites hätte machen können. Aber die Stunden nach dem Nähen fand ich auch sehr schön.
    lg monika

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    1. Hattest du Neid und Missgunst. Ich hatte das erstaunlicherweise nicht sehr, weil ich so bei mir war. Das danach fand ich auch klasse. Es geht eben nicht alles auf einmal.

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    2. Ich Depp, schreiben wollte ich OHNE Neid und Missgunst. Das ist noch die Nachwirkung des Schlafentzuges gewesen.
      lg monika

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  8. So'ne Nähmaschine kann eben alles - auch Stimmungslicht :o)

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  9. Ich habe mich auch in einen Flow genäht und das gemeinsame Nähen ist einfach toll! Irgendwie waren diesmal auch alle ziemlich konzentriert an der Sache, mit recht ehrgeizigen Projekten.
    Es war toll, dich mal persönlich kennen zu lernen, lg, C.

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  10. Die Erzählungen klingen wunderbar, ich freue mich sehr, dass ihr so eine tolle Zeit hattet!
    Liebe Grüße!

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  11. Ein schöner Bericht! Und ja, wir sind Nerds! Das ist mir an diesem Wochenende auch noch einmal so richtig bewusst geworden. Ich freu mich, dass wir beide uns ein bißchen kennenlernen konnten und uns die Bahnfahrt genug Zeit zum quatschen ermöglicht hat... auch wenn die Mitreisenden evtl darunter gelitten haben... :-D
    Liebe Grüße und bis demnächst einmal,
    Hella

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  12. Für dein konzentriertes Arbeiten hab ich dich schon das ein oder andere Mal bewundert. War bei mir nicht ganz so,sonst hätte ich nicht meterweise immer wieder auftrennen müssen. Aber wen interessiert das schon im Nachhinein.
    Toll war´s und es schreit nach einer Wiederholung im nächsten Jahr.

    LG Tina

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  13. Ja, dafür dass Du eigentlich gar nicht nöhen wolltest, hast Du sehr konzentriert gearbeitet. Ich hatte eigentlich auch vor, viel rumzulaufen und mit allen zu quatschen, aber der Mantel kam dazwischen. Wann hat man auch mal die Gelegenheit, sich so in den Flow zu nähen und keiner will was von einem...?
    Ich habe mich sehr gefreut, dass wir uns kennengelernt haben!

    LG Luzie

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  14. Ja, von wegen 'nähen kann ich auch zuhause' - ist bei mir ja auch nicht so. Gut, dass man dann einmal im Jahr so richtig Zeit hat, Zeit für den Bielefeld-Flow! Da schafft man was weg, auch wenn man körperlich an seine Grenzen geht (Schlafmangel....). Wirkt zwar schnell etwas unsozial bis latent autistisch, wenn man sich so in's Nähen vertieft, aber zum Glück ist man unter gleichgesinnten, die einen sofort verstehen und das nicht übel nehmen.

    Es hat mich auf jeden Fall gefreut, Dich kennen zu lernen, auch wenn ich ebenfalls gern ein paar mehr Worte mit Dir gewechselt hätte. Unsere kleine Runde Samstag Nacht fand ich sehr nett, auch wenn ich in Sachen Müdigkeit schon jenseits von gut und böse war ;)

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