Dienstag, 20. Januar 2015

Futterschnitt

Hofenbitzer: Schnittkonstruktion für die Damenmode


Ich bin immer noch hochmotiviert und würde am liebsten nähennähennähen, aber leiderleiderleider fehlt die Gelegenheit; umso schöner ist es, auf das Wochenende zurück zu blicken. Jedenfalls bin ich sehr motiviert, die karierte Jacke fertig zu machen, auch oder gerade, weil sie mir so, wie sie ist, nicht gefällt. Das Schößchen steht sehr merkwürdig vom Körper ab.

Es gibt drei Gründe dafür bzw. Sachen, die ich verändern könnte:
1. Das Futter zuppelt den Beleg nach oben
2. Die Einlage ist zu steif
3. Das Schößchen ist zu ausladend zugeschnitten.

Ich fange nun erstmal mit dem Futter an und dann sehe ich weiter. Da ich das Futter bisher nur mit großem Stich eingenäht habe, weil ich nicht sicher war, ob es passt, ist es leicht, wieder herauszutrennen und glücklicherweise habe ich noch von dem schönen türkisen Futterstoff.

Obwohl meine Jacke dem "Suit Jacket" aus Gerties Buch ähnelt, habe ich sie selbst konstruiert und nur die Schößchen- und Kragenidee von Gertie übernommen. Dementsprechend habe ich natürlich auch das Futter selbst "konstruiert", d.h. ich habe geschaut, wo Beleglinien sind und es einfach so zugeschnitten, leider ohne vorher das schlaue Schnittkonstruktionsbuch (Hofenbitzer) zu konsultieren. Das Einzige, was ich als Unterschied berücksichtig hatte, war eine Bewegungsfalte im Rücken und die Ärmellänge. Nun ja, wer nicht verlängert, muß sich nicht wundern, wenn es zuppelt.

Was habe ich nun beim Erstellen des neuen Futterschnitts beachtet:

Vorderteil:
1. Im Futter genauso viel Abnäher zu haben, wie im Vorderteil ist unnötige Mehrarbeit. Außerdem nähten sich die Abnäher auch nicht so prickelnd und ich hatte das Gefühl, dass die Perforation durch die Nadel den Stoff auch nicht stabiler macht. Im Buch wird vorschlagen, die Abnäher zu schließen und zur vorderen Mitte zu verlegen. Dort kann dann die Mehrweite eingehalten bzw. in Falten gelegt werden. Zwei der drei Abnäher habe ich also nach vorne verlegt, den dritten lasse ich, ohne ihn zu Nähen, so dass das Vorderteil noch etwas Weite bekommt. Mal schauen, ob das eine kluge Entscheidung ist, ggf. nähe ich den Abnäher doch noch.



2. Auf dem Bild kann man gut erkennen, dass durch die Verlegung der Abnäher, die Unterkante des Vorderteils nicht mehr gleichmäßig ist. Die Angleichung nutze ich gleich, um das Vorderteil zu verlängern: Das Vorderteil-Futter habe ich um 1,5 cm in der Mitte, zur Seitennaht auslaufend, verlängert.

3. Die Schulterpolstererhöhung habe ich wieder herausgenommen, weil das Schulterpolster zwischen Oberstoff und Futter liegen wird.

4. Da das Futterteil nun nicht mehr identisch mit dem Vorderteil ist und deswegen in der Rundung auch nicht der Belegrundung entspricht, habe ich ab der Stelle, ab der ich einhalten muß, ein zusätzliches Passzeichen in Futter und Beleg gemacht.

Rückenteil

1. Die Taillenabnäher habe ich in die hintere Mitte verlegt.

2. Die Bewegungsfalte ist wie vorher ca. 2 cm in jedem Rückenseitenteil.

3. Das Rückenteil habe ich um 2 cm verlängert

4. Auch im Rückenteil habe ich die Schulterpolstererhöhung wieder weggenommen.

Jetzt bin ich gespannt, ob das Futter besser passt oder ob ich es "zu gut gemeint" habe und es nun ganz fürchterlich flattert. Manchmal arbeite ich ja nach dem Prinzip "mehr ist mehr", weil mir "weniger ist mehr" nicht wirklich einleuchtet.

Theoretisch müsste ich auch noch meinen Zweinaht-Futter-Ärmel an der Armkugel vergrößern, aber bei der Anprobe fühlte sich der Ärmel gut an. Wenn er sich gut heraustrennen lässt, dann lasse ich ihn so und mache das erst beim nächsten Jackett.

Beim Lesen der Theorie fand ich es spannend, dass für die industrielle Fertigung Tipps gegeben wurden. Da geht es ja immer darum, Arbeit oder Material zu sparen. Deswegen ist es natürlich auch schlüssig, auf Abnäher zu verzichten, die nicht notwendig sind. Der Futterschnitt soll so einfach und aufwendig wie möglich sein. Darüber hatte ich vorher noch gar nicht nachgedacht.

In Bielefeld zeigte mir Mema, dass sie das Futter auch "in Falten legt, so wie sie kommen". In dem Moment, als sie mir das zeigte, habe ich noch gar nicht darüber nachgedacht, was das für den Futterschnitt bedeutet. Aber jetzt ist es mir klar. Mein Futter war "passend" zugeschnitten", da stellte sich die Frage nur im Bereich der Bewegungsfalte. Ahaaaa!

Hach, alles sehr spannend! Ich bin gar nicht frustriert, dass ich das Futter noch mal machen muß, weil ich das Lernen so spannend finde.

Kommentare:

  1. Hmm ... mir fallen bei Deiner Schilderung ein paar Sachen auf, die ich anders machen würde (oder falsch verstehe?).

    Das Schnittfoto oben sieht seltsam aus.
    - Wie sind denn die zugedrehten Abnäher im Jackensaum gemeint? Die Saumweite des Futters muss schon gleich sein wie im Oberstoff.
    - Der Inhalt des Brustabnähers wird in der Tat nach vorne gedreht, daraus sollte nur eine ganz kleine Falte resultieren (die natürlich abhängig von der Breite des Belegs ist). Der Pivotpunkt ist aber der Brustpunkt und die Falte sitzt auch auf Höhe der Brust. Für den Inhalt des Taillenabnähers würde ich einen Abnäher machen oder alternativ eine Falte in Taillenhöhe, und zwar an der Stelle, wo sonst der Abnäher wäre.
    - An Armloch und Ärmel wird am unteren Ende der Armkugel Rollweite eingezeichnet (also vertikal nach oben), und zwar soviel, wie die Nahtzugabe breit ist, also i.d.R. 1 cm. Verlaufend nach oben auf Null, oben braucht man sie ja nicht. Sinn ist, dass der Futterärmel Platz hat, sich um die Nahtzugabe des Oberstoffs zu legen.
    Die Armkugel wird dazu beiderseits ca. in halber Armlochhöhe nach außen gedreht, sodass die Länge von Armloch und Armkugel gleich bleiben. Die Ärmelweite und die Weite an der Seitennaht dagegen wird dadurch etwas größer. Die Mehrweite ist aber nur lokal nötig und wird wieder auf die "eigentlichen" Ärmel- bzw. Seitennähte verlaufend eingestellt.
    - Die Gesamtmehrlänge für die Säume entsteht, indem man dem Oberstoff jeweils eine Saumzugabe von 4 cm gibt, dem Futter nicht. Mehr braucht es nicht.

    So kenne ich das aus der Industrie. Wahrscheinlich erzähle ich gerade dasselbe wie der Hofenbitzer, aber den kenne ich halt nur dem Namen nach.

    Ich schaue gespannt, was Ihr so alles produziert habt am Wochenende. Zum neidisch werden ;-) ...

    Viele Grüße
    Ursula

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    1. Nachtrag: nicht nur die Armkugel, sondern auch das Armloch werden nach außen gedreht.
      Dass nicht nur der Ärmel alleine verändert wird (dann aber um die doppelte Nahtzugabe), hat den Sinn, dass die Veränderung so harmonischer zu machen ist.

      Viele Grüße
      Ursula

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    2. Liebe Ursula, danke für deine Hinweise!

      Ja, das Futterteil sieht komisch aus, aber ich glaube, das liegt auch daran, dass das Vorderteil komisch aussieht. Sämtliche Abnäher sind nach unten verlegt, so dass ich "am Bauch" drei Abnäher habe statt Schulterabnäher und Brustabnäher. Diese Abnäher wollte ich beim Futter vermeiden.

      Ich werde deine Hinweise aber ernst nehmen und meinen Futterschnitt noch mal anschauen uns insbesondere überprüfen, ob ich wirklich um den BP gedreht habe. Ich glaube, da war ich nicht genau.

      Ansonsten habe ich mich brav ans Lehrbuch gehalten, eben unter Berücksichtigung dessen, das meine Abnäher anders als gewohnt liegen.

      Ich habe jetzt auch beschlossen auch noch mal neue Futterärmel zu machen, so dass ich auch dafür einen Ärmelfutterschnitt konstruiere. Wenn schon denn schon. Nicht, dass ich mich anschließend ärgere. Immerhin würde ich gerne noch mehr Jacken nähen.

      Wenn ich es richtig verstanden habe, dann ist aber ein Teil der Änderungen für den Futterschnitt dafür, dass industriell weniger aufwändig genäht werden kann. Meine Schnittkonstruktionslehrerin war eher großzügig und legte hauptsächlich wert auf die Bewegungsfalte im Rücken, aber nachdem ich jetzt schon zum dritten Mal ein zu kurzes Futter habe, wollte ich mal genauer schauen.

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  2. Das ist total spannend, und mich sind das alles böhmische Dörfer. Ich bin sehr gespannt auf das Ergebnis, ob es so passt, wie du dir das vorstellst!!!
    Liebe Grüsse, Sylvie

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    1. ICH AUCH und hoffe sehr, dass ich nächste oder übernächste Woche mal wieder Zeit zum konzentrierten Nähen finde.

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