Donnerstag, 27. März 2014

Schnittkonstruktionsunterricht 9: Modell mit Oberarmnaht und der Grundschnitt für eine taillierte Jacke

O

Für letzte Woche lautete meine Hausaufgabe: neues Kleideroberteil nähen mit dem neukonstruierten Ärmel mit der Oberarmnaht. Am späten Donnerstag Abend kam ich endlich dazu. Nachdem ich den blöden Reißverschluß endlich drin hatte, nähte ich dann fluchend gegen 23 Uhr die Ärmel ein und hoffte, zu dieser späten Stunde, ordentlich genug zu nähen, um valide Aussagen über die Qualität des neuen Ärmels machen zu können. Während des Steckens überlegte ich hin und her, ob ich mich traue, den neuen Versuch anzuprobieren, oder ob ich die Unterrichtsstunde am nächsten Tag abwarte. Ich war natürlich doch neugierig, schlüpfte in das Modell und war sehr angetan. Passt gut - Autofahren mit Lenken ist möglich. Bingo!



Meine Lehrerin sah das genauso. Der Kleider-Grundschnitt ist fertig. Die Vorteile, den Ärmel mit Oberarmnaht zu machen überwiegen, so dass die Naht wohl in den meisten Fällen in Kauf genommen werden kann. Sollte es aufgrund des Musters etc. nicht gewünscht sein, einen Ärmel mit zusätzlicher Naht zu arbeiten, müssen eben nach dem Nähen, wenn ich sehe, wie sich der vernähte Stoff und das aus dem Grundschnitt entwickelte Modell verhält, Änderungen gemacht werden. Merke: ein Grundschnitt wird fertig definiert - Änderungen an, nach dem aus diesem Grundschnitt genähtem Kleidungsstück sind möglich bzw. wahrscheinlich. Wir wissen ja, jeder Stoff verhält sich anders.



Für mich ist das völlig ok mit so einem "vorläufig, als fertig definiertem, Grundschnitt" zu arbeiten. Ich gehe davon aus, dass sich mein Körper in den nächsten Jahren ohnehin noch mal verändern wird (Stichwort Menopause) und ich weiß, dass ich theoretisch sowieso für jeden BH einen passenden Grundschnitt erstellen müsste, weil es mit der wichtigste Faktor für das Oberteil ist, wo nun mal die Brüste untergebracht sind und wo damit der Brustpunkt sitzt. Wenn ich irgendwann mal rumstrebern will, erstelle ich noch mal einen Festtags-Kleidergrundschnitt für stark hochgeschnallte Brüste. Dies ist jetzt aber erstmal mein Alltags-Grundschnitt und ich bin damit sehr zufrieden.

Und für die ganz-genau-Hinguckerinnen: ja, hier und da gäbe es Optimierungsmöglichkeiten, auch ich sehe hier und da noch Falten etc. Aber der Stoff ist wenig fließend und z.B. die Nähte und Abnäher sind nicht ordentlich aufgebügelt... Als Modell, zur Beurteilung der Passform reichte es, auch wenn ich diese Bilder niemals in ein Poesiealbum kleben würde.




Was war ich am Jubeln, als meine Lehrerin meinte, dass wir als nächstes zum Jackett übergehen. Juchhu, endlich! Träume ich doch schon seit September von einem roten Kostüm für den Frühling! Wir konstruierten also gemeinsam den Jackett-Grundschnitt in 1:4. Ich merkte, wie ich viel in meinen Unterlagen nachschlagen mußte, denn 3x konstruieren reicht nicht aus, um es aus dem Effeff zu können. Aber egal, ich weiß jetzt ja, wo ich es nachschlagen kann.

Auch wenn die Konstruktion weitesgehend analog zum Kleidergrundschnitt verlief, fand ich es aber doch immens spannend. In den Fachbüchern werden immer Bandbreiten (zB 1-3 cm, was ja definiv einen Unterschied macht) für die Zugaben angegeben, die Konstruierende muß dann entscheiden, für welches Maß an Zugabe sie sich entscheidet. Auch wenn ich mir nicht alles merken konnte (und leider auch nicht alles mitschrieb), was meine Lehrerin bei der Konstruktion in Erwägung zog, habe ich doch mit Interesse verfolgt, wann sie sich für welche Zugabe entschieden hat. Das ist genau das, was nicht per Unterricht vermittelt werden kann und auf Knopfdruck funktioniert, sondern vor allen Dingen mit der Erfahrung zu tun hat, sich bei den Abwägungen für die hilfreichsten Sachen zu entscheiden. Bei der Konstruktion des Jackengrundschnitts berücksichtigten wir auch, die Erkenntnisse und Änderungen, die wir aus dem Kleidergrundschnitt gewonnen haben.

Den größten Aha-Effekt hatte ich, als es um die Taillierung ging: hier wurden die Entscheidungen nicht nur aufgrund von Konstruktionstheorie und Erfahrung getroffen, sondern Geschmack und Vorlieben spielten eine Rolle. Auch wenn ich nicht die wahnsinnig große Taillen-Hüft-Differenz habe, so gilt es doch für ein auf Figur geschnittenes Jackett, diese Differenz, auf Taillierung in der Seitennaht und die Abnäher zu verteilen. Wir entschieden uns dafür, nicht ganz gleichmäßig zu verteilen, sondern der Seitennaht, etwas mehr Taillierung zu spendieren. Ich mag einfach "Sanduhr". Als ich mir das, was wir konstruierten ansah, wurde mir klar, wieso ich Schößchen so gerne mag! Gerade weil ich nicht so eine große Taillen-Hüft-Differenz habe (insbesondere vorne, durch den  "Nach-Schwangerschafts-Zweitbauch" auf Taillenhöhe) werden Jacken bei mir gerne schnell sackig und ich sehe aus wie eine Littfasssäule. Die Brust braucht Platz und die Taille ist nicht super schlank, wie ich es mir zur Sanduhrfigur erträume. Seitennahttaillierung und Abnäher sind zwar möglich und nötig, aber schaffen noch nicht ausreichend die Silhouette, die ich an mir mag. Durch ein Schößchen wird der Hüftbereich verbreitert und damit eine größere Taillen-Hüft-Differenz erreicht. Ist doch sonnenklar und ganz einfach!

Wenn ich so darüber nachdenke und diese Erkenntnisse so unglaublich plausibel finde, frage ich mich, warum das nicht schüchternen, selbstzweifelnden Teenagern als Pflichtfach in der Schule erklärt wird. Letztlich ist das die gleiche Erleuchtung, wie ich sie auch schon beim Petticoat hatte. Wenn ich unten breiter bin, sehe ich oben schmaler aus. That's it! Wenn ich Kurven haben will, dann reicht es nicht aus, mir als dicker Frauen zu erzählen, dass ich ein schönes Decoltée habe! Wir müssen auch wissen, dass wir untenrum verbreitern müssen, selbst wenn möglicherweise viele Dicke finden, dass sie untenrum, an Bauch und Po, zu viel haben. Meine Güte, warum habe ich das nicht schon lange gewusst!

Gestern kaufte ich auf dem Markt in der Großen Bergstraße Plastik-Anzug-Stoff für 2 € den Meter, um ein Probejackett zu nähen. Ja, wir Hamburgerinnen haben auch ein Märktchen, auf dem es neben Obst und Gemüse auch etwas Stoff gibt. Allerdings ist die Qualität wirklich unterirdisch bzw. "zielgruppenorientiert". Aber für ein Probemodell ist es ok. Vor dem Zuschnitt muß ich aber erstmal den Grundschnitt noch in Originalgröße konstruieren. Deswegen bin ich ganz froh, dass wir den morgigen Unterrichtstermin ausfallen lassen und uns erst nächste Woche wiedersehen.

Ach, ich könnte jetzt so viel experimentieren und üben wenn ich Zeit hätte: Theoretisch könnte 2014 das Blusenjahr werden, um aus dem Kleidergrundschnitt möglichst viele Variationen (obenrum) zu entwickeln. Allein es fehlt mir an Zeit! Das ist echt schade! Aber so ist es eben und ich freue mich, an dem was ich habe: ich finde es großartig, mir diesen Schnittkonstruktionsunterricht zu gönnen, lerne sehr gerne und träume von schönen Kleidern und Jäckchen. Hach!

Kommentare:

  1. Das hast du schön gesagt:
    »Wenn ich so darüber nachdenke und diese Erkenntnisse so unglaublich plausibel finde, frage ich mich, warum das nicht schüchternen, selbstzweifelnden Teenagern als Pflichtfach in der Schule erklärt wird.«

    Ich bin zwar eher der Typ, der sich oben verbreitern muss und die Hüfte am liebsten kaschieren möchte, aber es geht ja um's Prinzip: Man soll nicht immer nur an den Problemzonen herumdoktorn, sondern einfach mal schauen, wie sich ein stimmiges Gesamtbild ergibt. :.)

    Ich freue mich schon auf dein Frühlingskostüm!

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  2. Deine Erkenntis ist genial! So ähnlich ging es mir vor kurzem, die Shirtkleider an anderen über die Maßen schön findet, an mir selbst ... siehts immer doof aus. Die Erkenntnis: meine Beine sind lang und schlank (relativ!) und meine Waffe. Wenn ich da ein Kleid drüberbammeln lasse, brauche ich mich nicht zu wundern, dass ich mich dick fühle.
    Ja, sowas müsste man irgendwo lernen dürfen ohne jahrelang an sich selbst herumzuexperimentieren.
    Lieben Gruß und frohes Konstruieren,
    Simone

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  3. Das Problem sind ja auch diese pauschalen Ratgeber, die bestimmte Regeln verabsolutieren, nach dem Motto, jede Fraue mit Birnenfigur trägt am besten dieses und jede mit mehr als Cupgröße C trägt am besten jenes usw. Das stimmt eben auch nicht immer, es kommt immer auf die Gesamtproportionen an. Mir wird das auch erst so langsam klar - zum Bespiel weil mir unlängst aufgefallen ist, dass ich meine Figur insgesamt besser proportioniert finde, seitdem meine Taille nicht mehr so schlank ist... Darf man vermutlich keinem erzählen, sowas, hält einen ja jeder für bekloppt. Stimmt aber. Die Sanduhrform extra noch zu betonen finde ich für mich z. B. eher ungünstig, im Zusammenhang mit Ausschnitt habe ich dann das Gefühl, dass mir niemand mehr ins Gesicht guckt. (Stimmt vielleicht gar nicht, aber das Gefühl stört trotzdem.) Hüftbetonung und oben schmal mit moderatem Ausschnitt wie beim Elisalex hingegen funktioniert.

    Man muss wirklich viel ausprobieren und vergleichen, um der Sache auf die Spur zu kommen. Die Frage, welche Schnittformen einem stehen, ist ein einziges "kommt darauf an", und diese ganzen Bekleidungsratgeber zielen drauf ab, individuelle Menschen in einen übersichtlichen Satz von Schablonen reinzupressen. Die Fotos, die man beim MMM von sich macht, sind auf jeden Fall eine große Hilfe bei diesem Selbsterkenntnisprozess.

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  4. ganz erlich?
    wenn das das endergebnis so viele sitzungen und vor allem anpassungen sein sollte, dann weiß ich nicht was ich davon halten soll.
    mein guter rat wäre, begebe dich in wirklich professionelle hände, in ein 2 oder 3-tagigen workshop.
    bei uns z.b. kriegen frauen nach 2 workshoptage vernünftig sitzende angepasste grundschnitte.
    ich ahbe das gefühl,dass deine meisterin selbst an dir lernt und immer wieder ausprobiert...IMHO

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    1. Vielleicht war ich nicht klar genug in meinem Bericht. Meine Lehrerin sprach von Anfang an davon, dass ich, als "große Größe" einen Ärmel mit Oberarmnaht brauche. Da ich aber das Konstruieren grundsätzlich lernen will ( wenigstens einen Teil), starteten wir mit dem "normalem" engen Ärmel, der aber nur passte, nachdem das Armloch noch mal korrigiert wurde und Defizite, bezüglich der Bequemlichkeit hatte. Mit dem neuen Ärmel, der ins ursprünglich konstruierte Armloch gesetzt würde, gab es diese Probleme nicht mehr. Das könnte mir aber durch den umständlichen Weg über die komplizierten Anpassungen deutlicher klar werden. Wären wir diesen nicht gegangen, hätte ich mich immer gewundert, wieso ich so nen komischen Ärmel in meinem Grundschnitt habe.

      Sewing Galaxy, ich bitte dich in Zukunft solche Bemerkungen, dass du es besser weißt oder dass meine Lehrerin nix taugt oÄ, zu unterlassen. Sie überschreiten eine Grenze, das möchte ich hier, in meinem "Blogzuhause" nicht haben. Es gibt viele Wege zum Glück. Meiner unterscheidet sich eben sehr von deinem.

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    2. ich redete überhaupt nicht von den ärmel,sondern von der basis!
      und ich redete nicht von mir, sondern z.b. von Peggy Morgenstern u ä.,deren ergebnisse ich gesehen habe.

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  5. Du wolltest,dass ich dir nicht mehr helfe, sondern meine meinung zum ausdruck bringe.
    nun habe ich dein wunsch respektiert und äusserte nur meine meinung.

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    1. Man kann aber seine Meinung äussern und konstruktiv sein oder seine Meinung äussern und verletzend und besserwisserisch sein. Es steht ausser Frage, was nützlicher ist für jemanden der gerne beraten werden möchte oder Meinungen sucht.

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    2. Ok, dann werde ich deutlicher:
      Ich vermute, dass Empathie und Höflichkeit - die, wie Frau Nahtzugabe treffend beschreibt, fehlt - nicht von Heute auf Morgen zu lernen ist. Deswegen bitte ich dich, fortan hier nicht mehr zu kommentieren.

      Ich weiß, dass Deutsch nicht deine Muttersprache ist, deswegen habe ich in den letzten Jahren immer ein Auge zugedrückt und habe versucht, freundlich zu antworten. Das ist mir aber jetzt zuviel. Ich möchte deine Kommentare einfach nicht mehr hier lesen und hoffe, du kannst deine Zeit in deinem Blog oder bei anderen besser investieren.

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  6. Sewing galaxy, du bist doch ein Freundin des Klartexts, daher sage ich jetzt mal ganz offen, wie dein Verhalten auf mich wirkt: Deine Kommentare sind zutiefst respektlos gegenüber Meike und gegenüber ihrer Schnittlehrerin, die du überhaupt nicht kennst und deren Kompetenz du meinst, aus ein paar kleinen Bildern beurteilen zu können. Meike hat dich mehrmals gebeten, ihre Grenzen zu respektieren, und ehrlich gesagt bewundere ich sie, dass sie deine Kommentare jetzt nicht einfach löscht - ich würde das tun, weil ich keine Lust hätte, mit jemandem, der nicht die mindeste Empathie und offenbar nicht die mindeste gute Erziehung mitbekommen hat, endlos zu diskutieren. Und mich als Nur-Leserin hier stört es auch sehr, hier ständig deine verletzenden Bemerkungen, deine anschließenden Rechtfertigungen und x-fach nachgeschobenen Erklärungen zu lesen - das ist größtenteils off-topic, vollkommen unkonstruktiv, nimmt in den Kommentaren unverhältnismäßig viel Raum ein und dient m.E. nur dazu, dass du dich besser und die Kommentierte sich schlechter fühlt. Ich will das nicht lesen müssen, ich will mich damit nicht beschäftigen müssen und ich würde es sehr begrüßen, wenn du ohne weitere Diskussionen einfach Meikes Wunsch Folge leisten würdest.

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  7. Liebe Meike,
    du schreibst immer so herrlich lustig-pragmatisch! Über dein Aha-Erlebnis werde ich auch nochmal in Ruhe nachdenken. Es ist so bestechend logisch.
    Unangebrachte Kommentare würde ich übrigens einfach löschen, da bist du ganz schön nachsichtig... IMHO *prust* ich hab's gegoogelt. Sehr geil.
    Ich wünsche dir ein schönes Wochenende,
    Kathrin

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