Montag, 10. Februar 2014

Schnittkonstruktionsunterricht 4: Kleidergrundschnitt nach meinen Maßen



Es ist gar nicht so leicht, das, was wir im Unterricht machen, mitzuschreiben, so dass ich es zuhause oder sogar noch Monate später nachvollziehen kann. Das liegt daran, dass wir nun zwar die Standardvorgehensweisen zur Konstruktion zum Teil anwenden, aber dabei immer auf die speziellen Formen meines Körpers Bezug nehmen. Sicher, das ist alles nicht einmalig - ich vermute, dass meine Lehrerin einen ganzen Ordner voll "Spezialfälle" hat, aber wir machen eben jetzt immer nur das, was für mich relevant ist. Es ist eben kein Vorgehen nach Schema F sondern ein Herantasten an die Wahrheit, bei der ich live dabei bin; immer geleitet von der Frage "Wo braucht die Frau was wirklich", was nicht nur von den Maßen abhängt, sondern auch von der Körperhaltung.

Wenn ich am Anfang der Stunde noch einmal nachfrage, was ich zuhause nicht hinbekommen oder nicht verstanden habe merke ich, dass ich mir das doch irgendwo notiert hatte, aber eben nicht ausführlich genug. Es scheint, als passiert doch einiges zwischen den Zeilen - deswegen ist es so wahnsinnig wichtig für mich, alles zuhause noch mal in Ruhe alleine zu machen, um zu bemerken, wo etwas möglicherweise nur an mir vorbei gerauscht ist. Das, was meine Lehrerin an Erfahrung mitbringt, ist für sie und anschließend für mich nicht immer leicht in Worte zu fassen.

Aber nun zu den Inhalten. Ein Problem, das wir bei der Schnittkonstruktion berücksichtigen mußten, war die zu große Differenz zwischen vordere Länge und Rückenlänge. Die Proportionen stimmten nicht. Auch da scheint es wieder Maße zu geben, die noch funktionieren ("5 cm Differenz sind noch ok") und wenn die Differenz größer ist, muß ein anderer Weg gegangen werden. Aus diesem Grund haben wir den Vorderteilschnitt vorläufig mit einer geringeren Länge konstruiert und ihn dann wie auf dem "Butterbrotpapier-Bild" oben zu sehen ist, noch einmal aufgesperrt und verlängert. Wo genau aufgesperrt wird, hängt davon ab "wo die Brust beult", so die charmante Formulierung in den Unterlagen meiner Nählehrerin. Na, stimmt ja irgendwie. Die vordere Mitte ist nun keine Senkrechte mehr - ich bin gespannt, wie sich das weiterhin auswirken wird, denn "im Bruch arbeiten" geht so ja nicht mehr. Vermutlich erzeugt das neue Abnäher. Wir werden sehen.

Um das Armloch auszumessen, steckte mir meine Lehrerin ein längs gefaltetes Din A 4 Blatt unter die Achseln und markierte das, was ich an Armloch brauche, um dies auszumessen. Als wir dann Rückenbreite, Armlochdurchmesser und Brustbreite addierten, kamen wir leider nicht auf den gemessenen Brustumfang, also wurde die Armlochbreite noch mal korrigiert. Auch die Abnäherlinine haben wir in meinem Schnitt nicht mehr nach Formel (1/10 Bu + 0,5 cm) konstruiert sondern den tatsächlichen Brustabstand gemessen und berücksichtigt. Interessant fand ich auch, welche Zugabe tatsächlich gewählt wurde. Meist sind die Zugaben für die Konstruktion in Bereichen angegeben. Ich dachte erst, das wäre eine Frage der Mode, ob frau es derzeit eher eng anliegend oder leger trägt, aber auch hier scheint es eher auf die Figurtype anzukommen, so wählte z.B. meine Lehrerin bim vorderen Armloch die Zugabe 1 cm (statt 2,5 bis 3 cm ) wegen der großen Brust, denn dadurch geht der Abnäher weiter auf und das Armloch wird schön rund. Aha.

Den Tipp meiner Leserinnen, mir kariertes Flipchartpapier zu besorgen, werde ich noch mal nachgehen, auch wenn meine Lehrerin verwundert den Kopf schüttelte. Ich fand es wirklich schwierig, in groß zu zeichnen. Ich besitze zwar alle notwendigen Lineale, aber nachdem das Kind mit dem 1-m-langem Alu-Lineal Schwert gespielt hat, ist es leider nicht mehr gerade. Die Methode von immi, scannen und auf dem Rechner skalieren finde ich auch sehr interessant! Aber eins nach dem anderen: als nächstes schneide ich meinen Schnitt aus pinker Baumwolle aus (ich habe extra eine Farbe genommen, die ich eigentlich unpassend für mich finde) und bin gespannt, wie das Modell passt. Mehr dazu bei Gelegenheit!


Kommentare:

  1. ich glaube ich muss mir doch einen flattr-account zulegen, um diese schöne artikelreihe damit würdigen zu können.

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  2. Danke fürs Berichten...auf das pinke Modell bin ich gespannt.
    Und von wegen lange Lineale...ich habe hier mehrere Metall-Fussbodenleisten, die, die zwischen zwei Räume in die Tür gehören. Zwar ohne Massskala, dafür aber stabil, günstiger als Lineale und länger als ein Meter. Nachmessen kann man ja auch per Bandmass.

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  3. Ich finde Deine Berichte aus Deinem Schnittkonstruktionskurs sehr spannend. Vor einiger Zeit hatte ich mir überlegt, ein Buch zum Thema zu kaufen. Wenn ich Deinen Bericht lese, bin ich froh, dass ich es nicht gekauft habe. Das hätte ich alleine nicht hinbekommen.
    Ich wünsche weiterhin viel Spaß und Erfolg!

    Liebe Grüße, Frilufa

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  4. Das klingt ja echt kompliziert, aber interessant.
    Und das mit dem Flipchartpapier kann ich mit bestätigen. Ich nehme mein gebrauchtes immer für Schnittmuster, die ich selbst erstelle.

    Viel Erfolg
    ck

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  5. Das klingt ja echt kompliziert, aber interessant.
    Und das mit dem Flipchartpapier kann ich mit bestätigen. Ich nehme mein gebrauchtes immer für Schnittmuster, die ich selbst erstelle.

    Viel Erfolg
    ck

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  6. Habe ich schon gesagt, dass ich deine Berichte interessant finde?
    Besonders weil du nicht stumpf Malen nach Zahlen machst, sondern auch die Überlegungen erwähnst die bei der Schnittaufstellung für deinen Figurtyp wichtig sind. So wird ja bereist beim Erstellen des Maßsatzes hinsichtlich der Körperbalance manipuliert. Ich lese gerade ein bisschen im Buch von Sarah Velben (perfect fitting) herum - sie rät dazu horinzontale udn vertikale Linien auf die Proben zu zeichnen um die Körperbalance mit Hilfe der Linien bei der Anrpobe zu checken.

    Bin wirklich gespannt auf dein erstes Muslin. Gerne lese ich weiter wie es dir ergeht und lerne dabei selbst.

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  7. Danke für die Kommentare! Es freut mich, dass es euch interessiert.

    Ehrlich gesagt, bin ich aber eher verwundert, dass euch das interessiert. Was ich schreibe ist ja eher abstrakt. Es ist keine Anleitung zum Konstruieren, sondern nur eine Beschreibung dessen, was mir auffällt und was ich mir gerne merken würde. Insofern nutze ich meinen Blog wieder einmal als Tagebuch. Wenn es für euch dann auch noch spannend ist, prima! Zweck erfüllt.

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    1. Für mich ist das was du schreibst nicht abstrakt, weil ich die Konstruktionen nach Müller ja schon 30 Jahre lang kenne! Und letztlich lernt man am Besten durch Wiederholen.

      Liebe Grüße
      Immio

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    2. Für mich ist es schon eher abstrakt. Und mit wieviel Glück man eigentlich auch in einen Kaufschnitt passen muss?! Vor allem zeigt es mir aber auch, dass ich nicht gleich das Handtuch werfen soll, weil es "an mir liegt" das mir was nicht passt. Es sind sozusagen meine Besonderheiten, und ändern muss eigentlich eh fast jeder was. Hab noch nirgends wo gelesen "ich zog das Kleid über und es passte wie angegossen" . Ich finds schön zu lesen was du berichtest, ich brauch nicht immer einen Nutzen aus Gelesenem. In deinem Text schwingt soviel Freude und Wissbegier mit, das allein reicht mir völlig :-) Liebe Grüße!

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    3. Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.

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    4. Amen!
      Genau diese Freud und Wissbegier ist es.
      Ich merke, dass Dir das Schreiben dieser Artikel etwas bringt und wie viel Freude es Dir bereitet etwas neues zu lernen, wobei Du es wirklich verinnerlichst.
      Und dies wiederum bereitet mir Freude (denn es ist traurig, dass viele Menschen (of schon in jungen Jahren) vergessen wie wunderbar es ist lernen zu können).schöne Grüße

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    5. Danke, dass ihr mir sagt, warum ihr diese Beiträge gerne lest! Dankeschön!

      Wer aufhört zu lernen, hört doch auch irgendwie auf zu leben, oder? Meine liebe Oma ist uralt geworden, weil sie immer das Gefühl hatte, dass es noch so viel zu lernen gab. Ich schätze an meinem Schnittkonstruktionslernen, dass es ein wenig sinnfrei ist, dass es keine "berufliche Weiterbildung" oder "um zu" ist, sondern, dass ich es einfach aus Vergnügen mache, mit dem Bewußtsein, dass sich irgendwann immer herausstellt, wozu es gut ist.

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