Donnerstag, 6. Februar 2014

Schnittkonstruktionsunterricht 3 : Kleidergrundschnitt nach meinen Maßen in 1:4



Bevor ich morgen schon wieder Schnittkonstruktionsunterricht habe (juchhu!), sollte ich endlich mal von letzter Woche berichten. Vorneweg: nach dem Unterricht war ich nicht mehr so müde und hungrig, wie die beiden vorherigen Male. Ein Fortschritt.

Als Hausaufgabe wollte ich letzte Woche noch einmal den Kleidergrundschnitt komplett zeichnen konstruieren. Ich habe die fünf Einzelschritte zweimal gemacht, einmal im Unterricht, einmal zuhause, also stellte ich mir als ("Prüfungs-")Aufgabe relativ zügig einmal den kompletten Schnitt zu konstruieren. Nach dem Grundgerüst beendete ich mein Vorhaben, weil ich entdeckte, dass ich bei Schritt II vergessen hatte, die weiteren Maße statt an der Grundlinie an der konstruierten hinteren Mitte auszurichten. Die Zeit reichte nicht, um noch mal von vorne anzufangen, ich tröste mich damit, dass man manche Fehler nur einmal macht, nachdem sie so doof gelaufen sind.

Bei Treffen Nummer 3 ging es nun darum, mich zu vermessen und einen Kleidergrundschnitt in 1:4 von mir zu erstellen. In den letzten Jahren wurde ich schon manches mal vermessen, aber dieses Mal fand ich es besonders interessant, dass meine Lehrerin schon beim Messen laut nachdachte und Abwägungen traf. Zum Beispiel maßen wir "Hüfte 1" und "Hüfte 2" was ich eine sehr charmante Umschreibung für "Bauch" fand. Hüfte 1 ist die Hüfte an der üblichen Stelle, während Hüfte 2 die Maße der tatsächlich dicksten Stelle angibt. Um diese beiden Maße anschließend im Schnitt verorten zu könnten, wurde das Höhenmaß von Hüfte 1 und 2 in Abhängigkeit von der Taille vermerkt. Auch beim Armloch sagte meine Lehrerin "ich schreib das jetzt mal so auf, darüber machen wir uns später noch genauere Gedanken." Aha, dachte ich, aber als wir später die Maße mit dem "errechneten Armloch" verglichen, wurde mir klar, woher diese Differenz stammt und wo wir abwägen müssen, für welche Zahl wir uns entscheiden. Das fand ich echt total interessant, denn bisher war ich immer davon ausgegangen, dass es so etwas wie eine gute, sprich objektive, Kunst des Messens gibt und dachte, dass viele Passformschwierigkeiten darauf beruhen, dass Laien eben oft nicht korrekt messen. Nun wurde mir aber klar, dass es sehr oft auch um Abwägungen gehen, weil die paar Maße eben nicht 100 % den dreidimensional, merkwürdig gerundeten Körper abbilden. Es sind eben nur ein paar Maße an bestimmten Stellen und kein 3D Modell!

Beim Aufschreiben der Maße wurde noch einmal deutlich, dass der Mehrbedarf an Weite bei mir extrem im Vorderteil ist. Für mich erklärte sich dadurch, warum ich stets Schwierigkeiten mit dem Rückenteil habe (um das ich mich in der Regel auch nicht kümmerte, weil ich ja mit der FBA im Vorderteil beschäftigt bin) und warum bei mir sowohl Kaufkleidung als auch Genähtes an den untrainierten, fallenden Schultern, die vergleichsweise schmal sind zum beträchtlichen Vorbau, so schlecht sitzt.

Anschließend konstruierten wir parallel (also beide, jeweils auf einem eigenen Papier) einen Kleidergrundschnitt für mich. Ich hatte ganz schön Bammel, dass das bei meinem Volumen nicht auf ein DIN A4-Blatt passen würde; das sind so beschämende Gedanken, wie sie mich schon mein Leben lang verfolgen. Aber glücklicherweise konnte ich das "aus-der-Norm-Fallen" vermeiden, in dem ich den Zwischenraum zwischen Rückenteil und Vorderteil halbierte. Puh! Ich bekam es gut, schnell und fast fehlerfrei hin, den Schnitt in 1:4 für mich zu konstruieren (siehe ganz oben) und war fast gerührt, als ich ihn sah. Ja, so sehen Schnitteile für mich aus. Das bin ich! Toll!

Morgen geht es nun daran, meinen Kleidergrundschnitt in Originalgröße zu konstruieren. Da bin ich schon sehr gespannt drauf, merkte ich doch, wie schnell kleine Ungenauigkeiten z.B. bei rechten Winkeln, das Werk in seiner Qualität extrem beeinflussen. Für ordentliches Arbeiten bin ich nicht wirklich bekannt. Ich bin gespannt, wie ich diese Schwierigkeit, einen Schnitt nach Maßen in Originalgröße zu konstruieren, meistern werde. Und auf das Stoffmodell bin ich natürlich noch viel viel mehr gespannt!

Kommentare:

  1. Oh wie schön - ich hab' gerade auch so einen riesigen Abnäher herumliegen und hatte schon sehr an mir gezweifelt, aber nun sehe ich ihn auch bei Dir und fühle mich beruhigt :)

    Vielen Dank für Deine Berichte - das ist wirklich sehr interessant!

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    1. Bei Dir liegen Abnäher rum? Tststs, da mußt du wohl mal aufräumen.

      Der Abnäher ist so groß, weil eben ordentlich Differenz zwischen Brustweite und Schulterbreite besteht. Je nach Design, kann man den Abnäherinhalt natürlich auf mehrere Abnäher verteilen bzw. den Abnäher auch rotieren lassen, so dass er z.B., wie oft üblich, seitlich der Brust ist.

      Aber ist schon krass, das "Schulterchen" und der riesen Abnäher! Das sehe ich auch so.

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    2. Ja, der Staubsauger lässt die dummerweise immer liegen ;)

      Hast Du zufällig einen Tipp bekommen wo Du mit dem Stoff aus dem Monsterabnäher hinsollst? Abnäher aufschneiden oder besser abschneiden? Bei mir hängt da nämlich sonst echt ein Zipfel irgendwo raus und ich glaube das könnte unbequem werden..

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    3. Nein, darüber haben wir nicht gesprochen. Wenn es dir bis morgen reicht, dann frage ich (falls ich es vor lauter Staunen und Lernen nicht vergesse).

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  2. Falls es dich beruhigt (zum Thema "aus der Norm fallen"): Bei der Art, wie ich die Kleidkonstruktion gelernt habe, sollen sich die Seitennaht von Vorder und Rückenteil ab der Hüfte kreuzen. Tun sie bei mir aber nicht, dank nicht vorhandener Taille...

    Die Sache mit den rechten Winkeln bei so langen Linien kenne ich auch. Da wirkt sich schon 1/2° abweichung krass aus. Es gibt kariertes Flipchart-Papier, wenn man davon mehrere Bögen zusammenklebt, hat man ein tolles rechtwinkliges Raster, an dem man sich orientieren kann.

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    1. Das ist ne super Idee mit dem Flipchartpapier, ich glaube, so etwas habe ich sogar noch!

      Ich wußte gar nicht, dass du auch Konstruktion gelernt hast. Was? Wie? Wo? Ich hatte mich nur gewundert, mit welcher Akribie du dich dem Armloch gewidmet hast. Spannend! Wenn du Lust hast, dann schreib doch mal was darüber.

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  3. sehr nett deine "Angst " nicht aufs Papier zu passen...das kennen ich :-)
    sehr interessant das alles.
    den Abnäher schneidet man so wie ich es gelernt habe auf NZ zurück und verzaubert ihn.Aber es gibt ganz bestimmt noch andre Möglichkeiten....

    viel Spass weiterhin
    stella

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  4. Deine "Berichte " vom Schnittkonstruktionsunterricht finde ich super! Vielen Dank, dass du uns so auch ein wenig daran teilhaben lässt. Schittkonstruktion steht ganz oben auf meiner Wunschliste. Dank dir, weiss ich immer mehr, was mich da wirklich erwartet.
    Bin gespannt, wie's weiter geht
    LG Karin

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    1. Bitte! Gerne!
      Ich weiß allerdings nicht, ob ich einen "klassischen" Unterricht bekomme. Da ich einzige Schülerin bin, kann ich zum einen mehr die Richtung bestimmen, in die es geht und es kann auch spezieller auf meine Körpereigenschaften eingegangen werden. Aber ich bin auch gespannt!

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  5. Sehr interressant , Deine Unterrichtsprotokolle ! Wenn das so weitergeht frag ich Dich wahrscheinlich noch , ob Deine Schnitt Guru Frau generell " käuflich " ist , oder nur für Dich... ;)
    LG Dodo

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    1. Dodo, das halte ich nicht für unwahrscheinlich, dass sie dadurch Lust auf mehr bekommt - und mit Dir würde ich meine Guru teilen!

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  6. Liebe Meike,
    das was du beschreibst und dein Ergebnis ähneln sehr meinem Kurs in der Heide Anfang Oktober.
    Auch mir sind Leuchttürme aufgegangen und ich habe einen großen Schritt gemacht.
    Und kariertes Flipchartpapier ist mein Lieblingsmedium für Schnittmusterkonstruktion geworden - später kommt dann der Grundschnitt auf Pappe.
    Viel Erfolg weiterhin.
    Gruß Mema

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    1. Dein Kurs in der Heide, war meine Inspiration, es anzugehen! Da ich an Wochenende nur so kompliziert frei bekomme, habe ich nun meine kleine hamburger Lösung probiert, aber dein Kurs war der Anstoß! Danke dafür.

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  7. Hach, das klingt alles so spannend.
    Will auch!
    Bin mir gerade nicht sicher, ob ich es schon schrieb, aber: Ich freue mich sehr für Dich.
    Beste Grüße Christoph

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  8. Danke Meike, für deine Mühe über das Alles zu berichten! Das ist einfach großartig und sehr sehr spannend!! Viel Freude weiterhin beim Unterricht! Lg Manuela

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  9. Das klingstt alles ziemlich kompliziert.
    Danke für deinen ausführlichen Bericht und die Zeit, die Du dir dafür nimmst.
    Wo nimmst du denn den Schnittunterricht?
    Liebe Grüße und viel Erfolg für den perfekten Schnitt,
    Susan

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    1. Ich habe eine Nählehrerin gefragt, bei der ich schon zwei Wochenend-Nähkurse macht, von der ich weiß, dass sie Modedesignstudierende in Konstruktion unterrichtet. Ich weiß nicht, ob sie sonst auch solche Privatstunden gibt, aber zwischen uns passt es einfach.

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  10. Deine Berichte über deinen laufenden Schnittkurs lese ich mit großem Interesse. Über deinen Satz, " für ordentliches Arbeiten bin ich nicht bekannt " mußte ich schmunzeln-ich werde auch schnell ungeduldig und fange dann an zu pfuschen, nur um mich hinterher zu ärgern. Aber du stehst ja unter wachsamer Aufsicht. Ich bin schon so gespannt auf dein Stoffmodell.
    LG Susanne

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  11. '...dass das bei meinem Volumen nicht auf ein DIN A4-Blatt passen würde; das sind so beschämende Gedanken, wie sie mich schon mein Leben lang verfolgen.'
    Kann ich unterschreiben, wie schön, dass Du Dich das aussprechen traust. Tröstlich, irgendwie. Für meine Oberteilschnittkonstruktion im 1/4 Maß hab ich das DIN-A-4 Blatt quer genommen, hihi.
    LG Elke

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  12. Ja, es ist interessant zu lesen wie es dir so ergeht beim Schnitt konstruieren. Ich selbst habe einige Male stumpf nach Buch Schnitte aufgestellt. Aus lauter Faulheit bin ich auch auf die Idee gekommen im kleineren Maßstab zu konstruieren, weil das Material und Zeit spart, besonderswenn es um Modellschnitte geht. Ich fotografiere die fertigen Schnitte dann ab, skaliere sie im Bildbearbeitungsprogramm und mache mit einem andern Programm rucki/zucki Pdf's davon. Hoch lebe Multimedia! :)

    Liebe Grüße
    Immi

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    1. Das klingt ja SEHR interessant, wie du das machst. Da muß ich mal den Gatten fragen, ob er mir das auch zeigen kann.

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    2. Vielleicht hat dein Gatte ja sogar noch eine genialere Idee als ich.
      Übrigens möchte ich mich korrigieren: Die Schnitte die ich in kleinem Maßstab zeichne, die fotografiere ich nicht, sondern ich scanne sie, um sie dann zu skalieren (jpeg). Die PDF's mache ich mit dem Programm: online.rapidreziser.com

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  13. Danke, dass Du Deine Erlebnisse in Schnittkonstruktion mit uns teilst! Sehr spannend!
    Was ich gern fragen würde: wie ist/war Deine "Vorbildung" für Deinen Privatkurs? Was konntest Du schon in dem Bereich oder hast es einfach probiert? Oder hättest Du dafür auch ganz blutiger Laie sein können?
    Ich überlege, ob das nicht auch was für mich wäre. Eine Lehrerin hätte ich, glaube ich, auch schon an der Hand ... .
    Liebe Grüße
    mei

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    1. Vorbildung? Eigentlich keine. Ich nähe seit 3 oder 4 Jahren Kleider für mich und ändere im Vorfeld am Schnitt etwas herum (mache eine FBA für mehr Platz für die Brust und mache oft auch die Taille oder Hüfte weiter). Ich ändere aber wenig am genähten Teil. Die Änderungen im Vorfeld, habe ich mir selbst im Internet zusammen gelesen und ausprobiert. Das Meiste davon, habe ich hier im Blog dokumentiert.

      Ich glaube, man kann das auch ohne Vorkenntnisse lernen. Manchmal hilft es mir, dass ich schon viele Kleider genäht habe, weil ich dann genauere Fragen oder auch Aha-Erlebnisse habe. Aber ob das fürs Lernen so relevant ist?

      "Normale" Schnittkurse fangen wohl mit Röcken an. Das finde ich eigentlich auch vernünftig, weil es die Grundlagen schafft. Meine Probleme liegen aber so stark im Oberteil-Bereich, dass ich es nicht ausgehalten hätte, gründlich mit den Grundlagen zu beginnen. Ich werde mich aber auf jeden Fall auch noch mal dem Thema Rock widmen!

      Wieso sprichst du nicht einfach mit der Lehrerin?

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    2. Danke für Deine Antwort. Ich überleg mal, was genau ich will, und dann red´ ich mal mit ihr.
      Liebe Grüße
      mei

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