Donnerstag, 5. Dezember 2013

Die Moden, der Tellerrock, der Petticoat und so

Das Tellerockfieber geht um. Weite Röcke, gerne auch mit Petticoat darunter, sind gerade groß in Mode in der Nähbloggerinnenwelt, die sich mittwochs beim Me Made Mittwoch trifft. Ich erwähnte das ja schon in meinem kleinen Saum-Tutorial vom Dienstag und gestern in meinem MMM-Beitrag. Allerleihrauh formulierte poetisch und für mich gedankenanstoßend "viele der modemäßig tonangebenden Nähbloggerinen ihre Fahrkarte für die Retroeisenbahn gelöst haben" und Catherine machte sich auch gestern Gedanken zum Petticoat. Das Thema liegt in der Luft.

Zunächst zur Mode. Ich glaube, wir sind alle von Moden nicht frei. Wahrscheinlich geht es euch wie mir. Meine Augen müssen sich erst an eine neue Farbe, eine neue Silhouette gewöhnen und wenn ich es nur oft genug sehe, fängt es an mir zu gefallen und steigert sich irgendwann bis zu dem Wunsch, so etwas zu besitzen, weil ich ohne diese Farbe, diese Silhouette oder dieses Schnittmuster nicht mehr leben kann. Auch wenn ich immer wieder beeindruckt bin, wie weit sich das Nähen mittlerweile etabliert hat und mich darüber freue, wie viele Frauen beim Me Made Mittwoch mitmachen, so ist das doch, auf Deutschland gesehen, eine relativ kleine Zahl von Frauen, bei denen sich diese Mode etabliert. Selbst wenn ich ein ähnliches Kleid oder sogar den gleichen Rock nähe wie Frau XY aus Z, dann ist doch Z wahrscheinlich recht weit von Hamburg entfernt. Auch wenn Frau XY wie ich in Hamburg leben würde, wäre es eher unwahrscheinlich, dass wir uns begegnen. Sollten Frau XY und ich befreundeten sein und uns in den ähnlichen Kleidern treffen, dann wären wir eben wie zwei 14 jährige Mädchen im Partnerlook und würden kichern uns über interessante Sachen unterhalten, während andere staunen. Schlimm fände ich das nicht.

Mode hat auch etwas mit "sich trauen" zu tun. Zu manchen Neuerungen muß frau sich trauen. Sich etwas zu trauen hat nicht nur mit den Sehgewohnheiten zu tun, sondern auch mit positiven Erlebnisberichten und echten Fotos an echten Frauen. Es ist etwas anderes, wenn ich ein tolles Kleid an einem Kleiderbügel oder einer Puppe sehe, als eine echte Frau, tanzend mit fliegendem Rock und einem glücklichen Bericht darüber, wie sehr sie ihr neues Kleidungsstück mag. Diese persönliche Empfehlung bezaubert mich. Es ist kein Wunder, dass mein Begehren wächst und ich Mut finde, mich etwas zu trauen.

Der Petticoat ist ein ganz besonderes Ding. Irgendwie ist er ein Klein-Mädchen-Traum. Wenn ich im Kindergarten mit Petticoat erscheine, um meinen Sohn abzuholen, bin ich oftmals umringt von kleinen Mädchen, die ehrfüchtig in meinem Petticoat wuscheln und ganz entzückt sind, wenn ich mich graziös damit hinsetze. Welches Mädchen möchte nicht hin und wieder eine Prinzessin sein! Das geht uns Frauen genau so, insofern ist die Sehnsucht, nach dem Geraschel des Petticoats quasi in unseren Genen angelegt. Der Petticoat hat den Vorteil, dass er frau um die Knie herum breiter macht, was automatisch dazu führt, dass die Taille schmaler wird. Ein simpler Trick. Ob es an den Filmen liegt, die wir in unserer Kindheit sahen - alle die gleichen Filme, schließlich hatten wir damals ja nix, sprich nur 3 Programme - ich weiß es nicht? Ich weiß nicht, woher diese Sehnsucht nach der Sanduhrfigur kommt, weiß aber, dass viele Frauen sich nach genau dieser Figur sehnen. Oder haben wir zu viel mit Barbie gespielt?

Der Tellerrock, sei es ein ganzer oder ein halber Teller, hat den Vorteil, dass frau in ihm durchs Leben tanzen kann. Bei jedem Schritt schwingt der Rock, das wirkt sich auf die Laune aus und verleiht ein beschwingtes Lebensgefühl. Viele, viele Jahre trugen wir Hosen oder schmale Röcke, um praktischer durchs Leben zu stiefeln oder einen kompetenten Eindruck zu machen. Wir trugen Kleidung, die praktisch ist, uns nicht noch unseren Pflichten abhält und nicht zu sehr auffällt. Einen Tellerrock, womöglich auch noch mit Petticoat darunter, zu tragen ist für diejenige, die das noch nicht gewohnt ist, ein verrückter Ausflug ins Mädchenhafte, in den Traum, eine Prinzession zu sein. Heute mal bezaubernd statt praktisch oder kompetent. Wenn der Rock um die Beine schwingt, erinnert uns jedes Schwingen daran, wie bezaubernd wir sind. Wir erlauben uns, heute mal durchs Leben zu tanzen. Ein königliches Gefühl.

Auch wenn es vielleicht ein bißchen langweilig erscheint, daß es in der Me Made Mittwoch-Bloglandschaft derzeit so viele Tellerröcke und Petticoats zu sehen gibt - ich mag es, wie sich dieser Virus verbreitet. Ich würde mir wünschen, dass sich Frauen immer mehr und immer öfter trauen, sich einen leichtfüßigen Königinnengefühltag zu gönnen, statt nur pflichtbewusst durchs Leben zu eilen. Wenn Tellerrock und Petticoat dabei helfen, na bitte! Und wenn echte Menschen es vormachen und damit inspirieren, aber gerne!

Kommentare:

  1. :-) Ich kann mir auch noch eine Million Tellerröcke und Petticoats angucken und werde den Anblick immer noch mögen.

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  2. Ich lese deine Beiträge immer sehr gerne, du schreibst so inspirierend und fröhlich. Da mir der Ausdruck "overdressed" sowieso nicht passt gefällt mir deine Einstellung, dass doch jede Frau ein wenig Prinzessin sein darf, wenn sie sich so wohlfühlt.

    Ich habe schon vor bald 10 Jahren meine ersten Tellerröcke genäht und damals sehr gerne getragen (weiss-rosa kariert und grün-glänzend *hihi*). Zwischenzeitlich habe ich umgestellt auf kürzere und engere Röcke, möchte aber gerne wieder mehr Tellerröcke tragen. Gerade mit Kindern sind die einfach so praktisch und bequem. Und wenn man, wie ich, nie still sitzen kann und gerne die Beine anwickelt sind Tellerröcke ganz toll, da sieht man nicht drunter *g* Nach einem Petticoat liebäugle ich auch schon länger, mein Problem ist aber, dass ich die Röcke gerne kürzer mag als die "Retrolänge", da muss ich wohl dann den Petticoat etwas abschnipseln.

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    1. Mein Petticoat von Petticoats.de ist zwar Einheitsgröße, aber er hat oben mehrere Tunnel für den Gummibund, so dass frau ihn kürzer tragen kann. Er heißt "Soft Lace" falls du noch ein Weihnachtsgeschenk suchst.

      Den Aspekt "bequem" hatte ich vergessen, danke für den Hinweis.

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    2. moin moin ich misch mich hier mal ungefragt ein: es gibt ganz kurze petticoats! schau mal beim square dance versand.

      und ich kann das von meike so trefflich beschriebene schöne tragegefühl bestätigen, ich besitze zwar aktuell keinen petticoat, habe aber viele jahre mit ganzem-teller-rock und unterschiedlichsten petticoats square dance getanzt. einfach herrlich, wie so ein rock fliegen kann!!!!

      jetzt bin ich mir nicht schlüssig, weil mir die kombi-kleidung wie oberteile und jacken fehlen,, die blüschen von damals mit puffärmeln und gerafftem ausschnitt würde ich nicht mehr tragen wollen.

      lg birgit

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    3. Das "obenrum-zum-Petticoat"-Problem, sprach Dodo ja bereits am Mittwoch an.

      http://dodosbeads.blogspot.de/2013/11/memademittwoch.html

      Das ist eine meiner nächsten Forschungsaufgaben. Ich glaube, was aber klar ist, ist dass eng sein muß, weil blusig omamäßig wird. Ich sollte mal an meinem halbfettigen kurzen, engem Pullover weiterschicken.....

      Sind die Square Dance Petticoats auch schön weich? Ich olle Diva mag ja so nen billigen Tüll nicht.

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    4. Danke für eure Antworten, das sind ja rosige Aussichten! Vielleicht schenke ich mir selber einen zu Weihnachten :)

      Zum oben ohne Problem: Was mir sehr gut dazu gefällt sind kurze gestrickte Pullis und Jäckchen, Andi Satterlund designt viele solcher Modelle, gerade hat sie ein Gratismuster für einen wirklich schönen kurzen Pulli gepostet.

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    5. wieso habe ich oben ohne geschrieben? Ich brauch Kaffee

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    6. Die Dame kannte ich ja noch gar nicht. Ich kannte natürlich nur Miette. Oh Gott, ich bin schockverliebt in Agatha
      http://untangling-knots.com/patterns/agatha/

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    7. Ja, bin ich auch!! Wobei ich diese Version hier noch entzückender finde als das Original http://zeldas-handarbeiten.blogspot.de/2013/11/die-jodelschnepfe-beim-memademittwoch.html

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  3. Ich glaube, die große Industrie lässt sich auch nicht allzu wenig von den Nähnerdtrends leiten. Vielleict sogar mehr, als diese wahrnehmen.
    So sah ich beim MMM die ersten Röcke mit breiten Jerseybündchen. Und einen Sommer später diese auch im Laden. Genauso erging es mir mit ungewöhnlich gefälteten Röcken, Tellerröcken oder Oberteilen mit spezielleren Ausschnittmustern (art Lätzchen).
    Und ja, die ersten Tellerröcke begegneten mir vor 2 oder 3 Jahren im Internet und letztes und dieses Jahr in verschiedenen Zeitschriften. Zufall?

    Ansonsten muss ich dir natürlich Recht geben. Ich brauch meist sehr lange, bis ich mich an eine neue Silouette oder ein verändertes Tragegefühl gewöhnt habe. Sonst war der Trend dann schon wieder rum. Seit ca 5 Jahren habe ich das Gefühl, dass Trends nicht mehr gehen, sondern nur kommen. Ob es am MMM liegt. Das mein auge sich so sehr daran gewöhnt aht, Dineg zu sehen, die der jeweiligen Frau gefallen und sie schöner macht!? Wer weiß?!


    Ich hoffe, du kommst heute Unfallfrei durch den Sturmtag.

    Liebe Grüße,
    Pauline

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  4. Ich finde, dass der Rummel um Frau Hoschek mit auch sehr weiten Röcken das auch schon sehr eindrucksvoll zeigt, dass viele das auch eigentlich wollen. Auf Nachfrage heißt es meistens 'unpraktisch' oder 'ja, aber nicht an mir'.. schade drum.

    Und zum 'Oben'-Problem: kleine Pullover dazu sind auch sehr hübsch, Strickjacken ebenso. Es sollte halt nur eng oder in den Rock zu stecken sein, damit das Oberteil die Silhouette nicht wieder zunichte macht. Viel mehr muss man nicht beachten, wenn man es nicht ganz so retro mag.

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  5. Ganz vergessen: Bodys gehen sehr gut, die rutschen nicht heraus und nichts zeichnet sich ab. Und alles mit Schösschen sollte doch auch funktionieren, nicht? Wenn es nicht allzu sehr "heraussteht". Dann kann man diese Oberteile auch zu Röcken und Hosen tragen, welche auf den Hüften oder weiter unten als die Taille sitzen, was der Vorteil ist gegenüber kurzen Pullis und Jäckchen.

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  6. Das allerschönste Wort in Deinem tollen Post ? KÖNIGINNENGEFÜHLTAG - genauso isses mit diesen Röcken und dem darunter ! Vielen Dank übrigens für Deinen soo schönen Kommentar bei mir :)
    Nach einer Woche Tragen des Tellerchens fühl ich mich inzwischen sehr wohl damit :)
    LG Dodo

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  7. Ich habe schon von Natur aus eher eine Sanduhrfigur, da stehen einem weite Röcke einfach besser. An Tellerröcke muss ich mich aber erst gewöhnen, ich bin erst beim halben Teller angelangt:
    http://die-fadenwerkstatt.blogspot.de/2013/10/mmm-nr-132013.html. Und bei diesem Kleid frage ich mich manchmal, ob es nicht etwas "breit" macht. Das Tragegefühl ist aber genial.
    LG, Claudia

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  8. Das hast du sehr schön geschrieben.
    Mich stört es auch überhaupt nicht, dass es da "Modeentwicklungen" beim MMM gibt. Dann gefällt es halt vielen, ist doch schön!

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  9. Ich bin seit Langem stille Leserin und komme oft hier vorbei, nicht zuletzt weil Du häufig und ganz offen mit herrlich eigener Meinung und Mut zum auch Ändern eben dieser Meinung Deine Artikel verfasst. Vielen Dank dafür. Und ja, ich werde mir auch demnächst einen Tellerrock nähen und ausprobieren, ob er zu mir und meinem Wesen passt. Schön sind sie alle anzusehen. Und ach, Andi Satterlund ist mir auch schon aufgefallen. Wenn ich doch nur so schön stricken könnte...
    Ganz liebe Grüsse Heike (Deine Namensvetterin)

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