Freitag, 14. Juni 2013

Auch ein #waagnis: Kleidung nähen und Welt verändern, statt an dick-fühlen zu leiden

In den letzten beiden Tagen rauschte das Thema "Dick-sein und wiegen" mit dem Hashtag  #waagnis durch twitter und die Blogosphäre, aber ich war gestern den ganzen Tag unterwegs und mußte die verbleibenden freien zwei Stunden dazu nutzen, den Dreckskragen an die zweite Version meines Kleides nach dem Schnitt McCalls 4769 anzunähen. Also erst heute mein Beitrag dazu. Der Hashtag #waagnis steht für eine Aktion, angeregt durch einen Artikel auf kleinerdrei, sich nicht mehr zu wiegen und die eigene Waage symbolisch auszusetzen. Als ich den Artikel las, nickte ich stumm mit dem Kopf, hatte aber das Gefühl, dass mir ein bloßer "Aufschrei", ein Bekennen á la "ja, so gehts mir auch und das muß mal gesagt werden" für mich nicht ausreicht, denn ich bin in dieser Hinsicht weiter und wir "Me Made Näherinnen" beschäftigen uns schon länger mit dem Thema (vgl. unseren Beitrag für die re:publica). Eine funktionierende Waage nutze ich nur noch zum Kochen und Briefe wiegen - aber die Aktion, mit Bildern zu sprechen, gefällt mir!

Ich lebe in einer Gesellschaft, in der grundsätzlich davon ausgegangen wird, dass jedeR alles ändern kann, so lange sie oder er sich nur genügend dafür anstrengt. Bei vielen Dingen würde ich in der Tat sagen, "ja, bekomme doch mal den Hintern hoch und habe Mut zur Veränderung", bei anderen Themen weiß ich, dass kein persönliches Fehlversagen vorliegt, sondern das strukturelle Bedingungen Grund für den Mangel-an-was-auch-immer sind. Probleme mit "dick-fühlen" gehören dazu. Veränderung haben ihren Preis: harte Arbeit und viel Mut kostet manche Veränderung. Das mag zwar in unser immer noch tief verwurzeltes protestantisches Arbeitsideal passen, widerspricht aber meiner Beobachtung, dass Dinge sehr viel leichter von der Hand gehen, wenn sie mit Lust und Liebe gemacht werden.

Zurück zum Thema. Sich dauerhaft von dick auf dünn zu verändern kostet einen hohen Preis, denn es geht nur mit Verzicht. In meinem konkreten Fall (keine Ahnung, ob das auf alle anderen übertragbar ist), geht es nur mit mindestens 3x die Woche Sport, wenig bis keine Süßigkeiten (also Fett und Zucker) bzw. Alkohol. Und das ein Leben lang, denn immer dann, wenn ich kurzzeitig dieses Leben führe, das durch Selbstkasteiung geprägt ist, nehme ich zwar ab, aber immer dann, wenn ich bei einem Punkt dieser Aufzählung lockerer werde, nehme ich wieder zu, bis ich mehr auf den Rippen habe, als vorher. Dieser Verzicht bedeutet nicht nur Leid ("oh, ich hätte jetzt Lust auf eine Kugel Eis, aber ich verzichte lieber") sondern vor allen Dingen auch Nicht-Teilnahme an Gesellschaft. Bei gesellschaftlichen Zusammenkünften, bei denen in der Regel Fett, Zucker und Alkohol gereicht werden, muß ich mich zurücknehmen oder nehme erst gar nicht mehr daran teil, um mich nicht zurücknehmen zu müssen. Wenn ich mindestens dreimal die Woche zum Sport gehe, muß ich auf Zeit mit meiner Familie, Zeit mit mir oder Zeit zum Arbeiten verzichten. Ich kümmere mich um die Veränderung meines Körpers und zahle den Preis des Verzichts auf Lust und Teilnahme an der Gesellschaft. Wozu?

Die großartige Denkerin Antje Schrupp hatte die Idee, dass ein generelles Gefühl der Unzulänglichkeit existieren könnte und die Beschäftigung mit dem Dick-sein nur eine Übertragung auf dieses Thema ist. Ich übersetze das für mich als ein Gefühl der Machtlosigkeit ("ich kann an den Verhältnissen sowieso nichts ändern") und ein Gefühl des Überlebenskampfes ("wenn ich nicht aufpasse, komme ich unter die Räder und dann wird es wirklich schlimm"), das so bedrohlich ist, dass frau (und vielleicht auch immer mehr auch man) sich lieber mit dem Thema "zu-Dick-sein" beschäftigt, statt sich diesen Gefühlen auszusetzen und an den konkreten Punkten - der Veränderung der Welt, die diese Gefühle auslöst - etwas zu verändern. Das finde ich eine gute These, kenne ich es doch von mir, dass ich oftmals mich mit irgendeinem Kram beschäftige, um irgendwelchen schwierigen Dingen auszuweichen, sei es die Steuererklärung, eine Schnittanpassung oder aber die tatsächliche Veränderung meiner Lebenssituation oder der Gesellschaft.

Jetzt ist es nicht so, dass wir alle einfach so, ganz zufällig, auf die Idee kommen, diese Beschäftigung mit dem "zu-dick-sein" als Ausweichthema zu wählen. So ein Zufall! Statt sich um die Lösung des Atom-Endlagerproblems oder die Abschaffung der FDP  des Hungers in der Welt zu kümmern, regen wir uns lieber mal darüber auf, dass uns keine Klamotten passen. Alle! Ganz zufällig! Es ist sicherlich ein Zufall, dass die Frauenzeitschriften, jedes Frühjahr wieder Diäten starten und dass sie nur so strotzten von Themen, die Frauen auf ihrer Unzulänglichkeiten hinweisen. Glaubten wir jetzt, an böse Verschwörungen, so würden wir auf die Idee kommen, dass eine Macht des Bösen den Frauen diese Themen immer wieder einflüstert, um sie davon abzuhalten, sich mit den wirklich wichtigen Themen auseinander zu setzen. Diese Macht des Bösen lässt die Frauen sich einfach selbst und gegenseitig lähmen. Dann braucht sie gar nichts mehr zu tun. Wir kommen gar nicht mehr auf die Idee, einfach glücklich zu sein und die Welt nach unseren Werten zu verändern, wenn wir dauernd damit beschäftig sind, uns selbst abzuwerten, uns mit anderen und den scheinbaren Idealen zu vergleichen.

Journelle weist darauf hin, dass es auf unsere Töchter wirkt, wenn wir jeden Tag auf die Waage steigen und aufgrund des Ergebnis den Tag in einen guten oder schlechten Tag einteilen. Auf unsere Söhne auch. Insofern, finde ich die Idee, das Wiegen sein zu lassen, einen guten Anfang. Als ich aus medizinischen Gründen gewogen werden mußte, ging ich lange Jahre rückwärts auf die Waage und bat die Arzthelferin mir nur die relativen Veränderungen zu nennen und nicht den absoluten Wert. Die relativen Veränderungen hatten medizinische Aussagekraft - der absolute Wert hätte mich kategorisiert: rein in die Schublade "dick" mit allen ihren bösen Wertungen und unsinnigen Zuschreibungen.

Statt auf die Idee zu kommen, dass etwas mit unsere Welt nicht stimmt, gehen wir meist davon aus, dass etwas mit uns nicht stimmt. Wir passen nicht in die Kaufkleidung? Also sind wir nicht gut genug für diese Welt. Von allen meinen Posts, ist "Nicht mehr dick" einer der meistgeklicktesten Beiträge auf meinem Blog - dabei schreibe ich die ganze Zeit, in jedem Beitrag darüber, wie ich das dort Beschriebene weiter überwinde, wie ich aktiv die Welt gestalte und wie ich immer wieder lerne, um besser, stärker und mächtiger zu werden. Denn meine Lebenswelt mit Selbstgemachtem und vor allen Dingen für-mich-selbstgemachter-Kleidung zu gestalten, verändert meine Welt und macht mich stark.

Ich nähe mir die Kleidung, die mir gefällt und die richtig für mich ist - denn ich bin richtig! Und ich bin mächtig, mich nicht klein kriegen zu lassen und mich schwach zu fühlen, weil ich "dick" bin. Ich bin mächtig, mich schön und sichtbar zu machen und damit zu zeigen, dass ich da bin und dass ich durchaus gewillt bin, noch mehr zu verändern. Durchhaltevermögen und Gestaltungsideen habe ich durch das Nähen gelernt und gewonnen. Hey du Dreckskragen McCalls 4769, ich beiße mich auch weiter durch, so oft, bis ich es geschmeidig kann und lerne nicht nur Kragen-Nähen, sondern dass ich mich durchbeißen kann und mächtiger bin, als ich zunächst vermutete.

Mir geht es darum, mir selbst und anderen zu vermitteln, dass es lohnt, etwas an den Umständen zu verändern, statt sich selbst zu lähmen, in dem frau sich selbst als nicht gut genug bezeichnet. Ich möchte aktiv sein und mir meine Welt so machen, wie sie mir gefällt. Das Nähen von Kleidung, in der ich selbstbewußt durchs Leben gehe, mich zeige, so wie ich bin ist ein Anfang, der vieles andere möglich macht; zum Beispiel auch die Zivilcourage, Menschen anzusprechen, wenn sie andere, bezüglich ihres Körperformats oder ihrer Hautfarbe o.Ä. dissen. Unterschiedlichkeiten sind fruchtbar und wir in unserer Verschiedenheit alle richtig und wunderbar. Wenn ich mich entzückt in einem neuen Kleid vor dem Spiegel drehe und mein Sohn mein Glück beobachtet, dann wird er bewußt oder unbewußt ganz viel darüber lernen, wie es möglich ist, sich wunderbar, ganz besonders und stark zu fühlen, weil frau es selbst in der Hand hat, ihren Kleiderschrank und ihr Leben zu gestalten.

Außer den verlinkten Artikeln schrieben zu dem Thema auch noch aus meiner Blog-Role (to be continued):




Kommentare:

  1. Jaaa, unbedingt :-) - besonders in Hinblick auf meine heranwachsenden Töchter, die das unbedingt auch unbewusst und bewusst lernen können sollen! Danke Meike fürs wieder einmal ordentlich durchrütteln :-)

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  2. Ich finde die Schlussfolgerung - den Fokus verändern und die Dinge verändern, und nicht sich selbst an die Dinge anpassen, sehr wichtig und richtig. Wenn man die neoliberale Welt betrachtet, in der wir leben, ist diese verschobene Fokus ein Problem in ganz vielen Bereichen. Um mal den ganz großen Bogen zu schlagen: Die Wirtschaft ist nciht für die Menschen da, sondern wir sollen uns an die Erfordernisse der Wirtschaft klaglos anpassen, immer verfügbar sein, uns ständig weiterbilden und aufreiben und mit immer weniger Lohn auch noch brav konsumieren. Wir sollen Kinder bekommen (für die Rente und als zukünftige gut ausgebildete Arbeitskräfte) und die Betreuung irgendwie organisieren und außerdem lohnarbeiten - ganz flexibel. Dazu auch noch schön und dünn sein, oder zumindest was kaufen, was uns suggeriert, wir würden schön und dünn, wenn wir es hätten. Und so weiter.
    Wenn man sich zumindest in einem einzigen Bereich von diesem ständigen Zwang zur Anpassung und Selbstverbesserung frei macht und sich über Konfektionsgrößen keinen Kopf mehr macht - und durch kaum noch Shopping nicht ständig dem Bombardement dieser Normen ausgesetzt ist - verändert das für einen selbst schon eine Menge. Das geht mir auch so, auch wenn die Waage für mich nie ein zentrales Problem war. aber das gefühl der totalen Unzulänglichkeit nach dem Verscuh, eine Jeans zu kaufen, kenne ich auch sehr gut, Und es geht mir mit mir selbst in den Phasen, in denen ich meine Kleider selbst nähe, wesentlich besser, als in den Kleiderkaufphasen. Und mittlerweile bin ich so weit, dass wohl kein Weg zum Kleiderkaufen zurückführt.

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    1. Ja, an den "großen Bogen" hatte ich auch gedacht, fand das dann aber zu weit für den Post. Trotzdem oder gerade deswegen gut, dass du es noch anführst!

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  3. Sehr gute Gedanken..bastle noch ein paar Minuten an meinen und dann kommt glaub ich schon noch ein paar Reaktionen....hoffe ich.
    Sei lieb gegrüsst
    stella

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  4. Ich habe die Waage schon vor ca.15 Jahren aus unserem Haushalt verbannt. Ob ich mich wohlfühle hat mit meinem Körpergewicht nichts zu tun und das wollte ich auch den Kindern vermitteln.
    LG Susanne

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  5. Danke für diesen herrlich erfrischenden Beitrag! Sehr gut!!!

    LG Louise

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  6. Danke, das war jetzt wirklich balsam! Dein blog hat mich vor knapp einem jahr ganz viel gelehrt und es ist immer noch fein hier zu lesen. Lg Manuela

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  7. Als Mutter einer 15jährigen Tochter und eines (fast)13jährigen Sohnes (für Beide ist/wird "das Äußerliche" wichtig) ist das mit dem Vorbild z.Z. besonders wichtig; Sich schön fühlen und mit seinem Körper zufrieden leben, auch wenn man/frau nicht die Topmodell-Kriterien erfüllt, das zu vermitteln ist heute auch ein Thema der Begleitung ins erwachsen werden. Ich versuche das weitgehend vorzuleben, wobei Schwäche zeigen erlaubt ist. Ich kann gut vermitteln, dass ich mit Falten und sonstigen Zeichen des Älterwerdens gut leben kann, meine grauen Haare kann ich (noch) nicht leiden, also Farbe, das ist aber kein Geheimnis. Eine Waage gibt es, benutzt wird sie gelegentlich....ob Waage oder nicht, entscheidend ist der Umgang damit.
    O.k., das ist alles ein bisschen Kraut-und-Rüben....
    Meike, danke für Deien Beitrag!
    Herzliche Grüße
    Sabine

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  8. Meine Gedanken zu diesem Thema würden das Kommentarfeld sprengen. Stattdessen habe ich auf meinem Blog dazu geschrieben:
    http://die-linkshaenderin.blogspot.de/2013/06/meine-gedanken-zum-waagnis.html

    Liebe Grüße,
    Henriette

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Ich freu mich sehr über Kommentare! Sie sind kleine Geschenke für mich! Vielen, vielen Dank im Voraus.