Sonntag, 22. Januar 2012

Praktikum - Nachtrag

Ich muß unbedingt nochmal meine Erfahrungen aus meinem kleinen Praktikum zusammenfassen, um nichts Wichtiges zu vergessen:

1. Es ist alles eine Frage des Schnittmusters. Bis vor vier Tagen dachte ich noch, dass mein inneres und mein äußeres Bild auch bei selbstgenähten Kleidungsstücken nicht 100%ig aufeinander passen, weil ich eben ein „Träumerle“ bin und in meinen Träumen die „Hardware“ vernachlässige - nach dem Motto: aus schlechtem Ausgangsmaterial kann man eben keine Elfe basteln. Heute würde ich sagen, dass das nicht stimmt. Nicht, dass ich unbedingt eine Elfe sein wollte. Nein, das werde ich wohl nie. Aber ich möchte gut aussehen und meinen Kopfkleiderschrank verwirklichen. Ich fürchte, das funktioniert mit konventionellen Schnittmustern (zumindest mit denen, die ich bereits kennengelernt habe) nicht, weil sie einfach nicht gut genug für mich sind. Mein Blickwinkel hat sich verändert: Nicht ich bin nicht gut genug, sondern die Arbeit anderer. Es ist möglich, dass jemand wie ich aussieht wie Mary Poppins! Aber jetzt weiß ich auch, wieviel Arbeit, Erfahrung und Gehirnschmalz in einem wirklich gutem Schnitt steckt. Ich kann es zumindest vermuten, denn ich sehe den Unterschied.

2. Ein wirklich guter Schnitt ist zwar aufwendig und etwas kompliziert zu nähen - aber nicht schwer. Letztlich bargen die Schnitte keine Geheimnisse. Es war an vielen Stellen so, dass sich Sachen automatisch fügten, nachdemm ich sie Schritt für Schritt angegangen war. Und das sogar in weiten Teilen ohne Anleitung, ausschließlich durch Betrachten eines fertigen Stückes und logischen Denkens. Ich bin wirklich erstaunt, wie so manche Falte, die die bezaubernde Weite bringt, zustande kam. Aber ich nähte wirklich nur „einfach zusammen“ und auf einmal war sie da.

3. Die einzigen Schwierigkeiten die ich hatte, begründeten sich in den ungewohnten Maschinen. Entgegen meiner „Haushaltsmaschine“ ratterten die Industriemaschinen einfach ziemlich schnell und waren zudem mit meinem grobmotorischen linken Fuß zu bedienen. Gerade bei Rundungen ist mir das Zusammennähen verdammt schwer gefallen. Aber das ist alles eine Frage der Übung. Es ging von Tag zu Tag besser. Richtig schwer fand ich eigentlich sonst nichts. Der Mantelstoff war etwas glitschig, ok, aber mit anderem Stoff und meiner gewohnten Maschine würde ich auch den Kragen hinbekommen, den dieses Mal Lindy genäht hatte, weil es am Schluß schnell gehen mußte. Klar, der Kragen ist figelinsch, aber wie alle Schnittteile gibt es unzählte Knipse, so dass klar ist, wie man was zusammensetzt.

4. Mir hat sich endlich erschlossen, wie das Zusammenspiel von Nähmaschine und Overlockmaschine funktioniert, d.h. welche Aufgaben von einen und welche von der anderen übernommen werden. Interessant fand ich auch, die Zerlegung der Arbeitsschritte in der Hinsicht, dass eine gewisse Effizienz an den Tag gelegt werden konnte, d.h. das nicht bei jedem Schritt die Maschine gewechselt wurde. Zusammengefasst eigentlich keine neue Erkenntnis: Nähen und steppen mit der Nähmaschine, versäubern mit der Overlock. Alles, was gleichmäßig zusammengenäht wird, wird zusammenversäubert, anderes einzeln. Keine großartige Erkenntnis, werden manche sagen, aber für mich war das im Vorfeld nicht so klar.

5. Noch eine Erkenntnis, zu der es eigentlich kein Praktikum bedarf, die mir aber wichtig ist: egal, ob ein Kleidungsstück „made in Germany ist“ oder von zarten Kinderhänden in Entwicklungsländern gefertig ist (was ich natürlich verurteile!) es bedarf einiger Zeit, um ein Kleidungsstück zu nähen. Und obwohl es natürlich schneller geht, wenn man arbeitsteilig arbeitet und Übung hat. Trotzdem dauert es immer noch verdammt lange! Das muß einfach bezahlt werden. Ich hoffe, ich beherzige diese Erkenntnis wirklich, wenn ich wieder mal ein vermeintliches Schnäppchen in der Hand halte. Irgendwann wird der Boykott sich lohnen, wenn mehr und mehr Menschen dies verstehen.

6. „Mode“ ist ein schwachsinniges Konzept. Natürlich ist es angenehm, wenn man nicht immer das Gleiche und die gleichen Farben tragen muß, aber unsere auf Wachstum ausgerichtete Ökonomie, die das Phänomen Mode erzwingt, bringt eben auch wenig Qualität mit sich. Man kann nicht im Wochentakt eine ganze Kollektion genialer Outfits zaubern. Ein gutes Kleidungsstück zu entwerfen braucht Muse und Leidenschaft. Aber dann ist es auch etwas zeitloser!

7. Schnitte mit Nahtzugabe sind sinnvoll. Es ergeben sich einfach weniger Schlampenfehler, vor allen Dingen, wenn man schon weiß, dass das Schnittmuster funktioniert.

Irgendwie, habe ich das Gefühl, dass noch ganz viel fehlt, aber jetzt ist ja auch erstmal genug geschrieben und wenn mir noch etwas einfällt, dann findet ihr es hier!

Kommentare:

  1. Hallo Meike, ich habe deine Berichte mit großem Interesse gelesen. Auf die Schnelle möchte ich aber auf einen Irrtum hinweisen. Zu Punkt 5: AUCH TEURE KLEIDUNG wird unter menschenunwürdigen Bedingungen genäht. Nur wirklich in der z.B. in der BRD produzierte Teile sind eine Alternative. Auch große teure Labels lassen in Lateinamerika, Asien etc. produzieren. Ob ein Teil 30,- Euro kostet oder 300,-, die Näherin erhält etwa 2 Cent. Der "Rest" des Verkaufspreises wandert an andere Stellen. Teuer ist nicht gleich besser. Es geht nicht einfach nur darum billige Kaufkleidung zuvermeiden. "Saubere Kleidung" zu kaufen ist komplexer und wird in der Fußgängerzone nicht so ohne weiteres gelingen. LG, Bronte

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  2. da kann ich mich bronte nur anschließen. teuer ist nicht gleich gut und billig ist sowieso nicht gut. genau das ist das dilemma. und es geht noch weiter, denn nicht nur kleidungsstücke, sondern auch stoffe werden entsprechend produziert. nur mit selbst nähen, löst man das problem also auch nicht. ein gutes gewissen muss man sich tatsächlich leisten können - im wahrsten sinne des wortes.

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  3. Ihr Lieben,
    ich stimme Euch zu. Ein Aspekt des nicht leisten könnens kann aber durch das selbernähen doch verbessert werden: wenn ich hochwertige, mit Liebe gemachte Dinge selber fertige, ggf. auch ändere und weiterverwerte, dann kann ich durch ebendieses und das längere "Auftragen" den Kostenaspekt wieder bessern für mein Portemonnaie. Am Anfang mehr investieren, dafür vielleicht weniger. Als Nähanfänger ist das noch sehr schwierig. Denn teuren Stoff, der "fair und ökorrekt" hergestellt wurde zu verhunzen tut echt weh. Aber dann tröstet vielleicht ein wenig, wenn man doch nicht jene Stoffe gewählt hat, das frau ganz vieles und langlebiges daraus zauberrt, wenn auch noch nicht so perfekt. Ich bin noch auf der Suche nach meinem Stil, um eine Gaderobe zu bekommen aus zwar wenigen Teilen aber dafür "gute" kombinierbare. Neudeutsch swap?. Die Geanken im Kopf bewirken schon was. Aber so ist das meistens, wenn man etwas mehr nachdenkt;-)
    Deine Praktikumserfahrungen und -gedanken sind begeisternd. Und es folgen noch tolle Diskussionen. Mensch Meike:-)

    LG, Sabine

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  4. So ein Praktikum, wie du es gemacht hast, bei einer Freundin ist einfach etwas ganz persönliches.
    In einigen Punkten kann dich dir zustimmen in einigen jedoch nicht.
    Bei Punkt 1 denke ich nicht, dass konventionelle Schnittmuster nicht gut genug sind. Es gibt Schnittmuster die bewusst einfach gehalten sind, um ein breiteres Spektrum damit abzudecken. Da geht es leider nicht darum Problemfiguren mit einzubauen, sondern die Standardfiguren mit "normalen" Masen. Das trifft auch leider mich. Obenherum eine Größe kleiner als untenherum - welch konventionelles Schnittmuster beinhaltet das? Ich glaube keines. Das ist es, was uns Hobbyschneiderinnen mit Leidenschaft ausmacht - selbst kreativ zu werden und die Schnittmuste anzupassen. Es ist leidig. Es gibt sicher auch Unterschiede in den Schnittmustern. Ich bastele gerade an einem Mantel. Wieder die Größenumstellung. Und verwünsche diesen Schnitt, nicht weil er schlecht ist, sondern weil er inzwischen nicht mehr meinen Vorstellungen entspricht. Ich möchte einen Mantel mit Futter. Dies ist aber ein Schnitt mit Anleitung ohne Futter. Kopfkino wieder bei mir.
    Du hast einen Schnitt, der deinen Körpermasen angepasst ist. Das ist wunderbar und es kann einem nichts besseres passieren. Du kannst nähen und musst nicht mehr diese vielen Änderungen vornehmen.
    Jetzt bin ich irgendwie abgeschweift - ein Schnittmuster für das breitere Spektrum - beinhaltet auch die Einfachheit im nähen. Um so weniger Schnittteile, um so einfacher. Um so mehr Schnittteile um so schwieriger für viele.
    Ich denke, das ist auch im mmm zu sehen. Die, die sich bewusst die nichteinfachen Schnitte heraussuchen und mehr Zeit zum nähen brauchen. Aber auch hier - eine Standardschnittgröße trifft auf eine nicht Standardfigur.
    Aber, wer kann sich ein Schnittmuster nach eigenen Körpermasen anfertigen lassen?
    Lucy hat dies Buch, sie hat es ja probiert. Vielleicht geht dieser Weg irgendwo in diese Richtung. Standardschnittmuster sind uns nicht gut genug....
    Mode mag ich persönlich sehr. Doch habe ich auch an Lebenserfahrung gewonnen und die Einsicht: "Nicht alles an der aktuellen Mode ist gut und schön. Und vor allem nicht alles an der aktuellen Mode passt zu mir. Ich habe gelernt mir das aus der Mode zu nehmen was mir gefällt und was zu mir passt und dies zu kombinieren wie ich es mag."
    z.b. Wickeljacken. Ich hatte letzten Winter 2 genäht. In einem uralten Heft einen Schnitt gefunden und angepasst. Und jetzt, jetzt gibt es Schnitte in allen Variationen.
    Einen Nähkurs besuchen ist auch ein Stück Praktikum. Irgendwie.
    Ich habe einen einzigen besucht und mir einen schnitt ausgesucht, das ich zwar hätte alleine nähen können, irgendwie, aber ich wollte es nicht irgendwie sondern gut nähen. Und ich wollte es lernen wie es richtig gemacht wird. Und nebenher viele andere TIps bekommen.
    Auch bezüglich der Verarbeitung des Materials mit diversen Maschinen.

    Genug jetzt.
    viel Text von dir.
    Viel Text von mir.

    Wünsche dir einen schönen Sonntag
    lg monika
    die sich überlegt, den Mantel doch ohne Futter zu nähen und endlich nach einem passenden Schnitt mit Futteranleitung sucht

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    1. Hallo monika,

      ich weiche ab: aber reicht ein gutes Nähbuch nicht aus, um den Mantel zu füttern? Haha, das klingt jetzt sehr missverständlich. Aber ich meine, dass man doch mit den Schnittmuster vom Mantel problemlos das Futter nähen kann, und das Einnähen evtl. mit Bewegungsfalte, findet sich doch eigentlich in den üblichen Nähbüchern? Aber ich bin vielleicht auch ein wenig naiv. Ich würde das so machen (und habe das auch schon so gemacht, allerdings bei Jacke, nicht Mantel).

      Liebe Grüße!
      frifris

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  5. Ein sehr interessanter Bericht. Dieses Praktikum wird dir sicherlich noch immer wieder hilfreich sein und der Kontakt ist unbezahlbar.
    Zu der Diskussion möchte ich sagen, dass ich mir bereits ähnliche Gedanken gemacht habe. Ich möchte fast alles nur noch selber nähen, aber die Stoffe? Irgendwann gehe ich dieses Problem dann auch noch an. Ein Anfang ist ja so schon gemacht.
    LG LeNa

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  6. Fazit: Praktikum gelungen - du weißt, wo du hinwillst, du siehst in nähtechnischer Hinsicht klarer und weißt, dass das meiste eigentlich nicht wirklich "schwierig" zu nähen ist. Die Erkenntnis, das teure, in Asien genähte Sachen keinen Deut besser sind als billige Sachen, nur dass da irgendeine Firma noch mehr dran verdient, ist wohl leider wahr - und dass es mit Stoffen ja dasselbe ist. Selbernähen, wenn dabei Sachen herauskommen, die man wirklich ganz lange anzieht, ist vielleicht einen Tick besser, weil man sich ganz lange Gedanken macht, was man will und dann nicht spontan und gedankenlos irgendwas anschafft, das dann nur im Schrank hängt. Ich versuche jedenfalls, mein Nähen in diese Richtung zu betreieben, und wie wir neulich ja fetsgestellt haben, führt das wirklich dazu, dass man weniger bis nichts mehr an Fertigklamotten kauft.

    viele Grüße! Lucy

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  7. Tja. Schnittmuster sind eben auch ein gutes Stück weit "von der Stange", daher auch immer diese ärgerlichen Änderungen.
    Deshalb lohnen sich ja (meines Erachtens) Grundschnitte für den eigenen Körper irgendwann dann doch, vor allem wenn man nicht Standardmaße hat (also für eine große Mehrheit).

    Und das mit dem Preis: schon schwierig. Es ist eben, wie andere hier auch schon gesagt haben: eines ist die Arbeit - die können wir übernehmen und finanzieren damit wenigstens keine Sweatshops. Die Frage des Stoffes finde ich aber auch nicht einfach, da hat man sehr wenig Kontrolle über die Herstellung. Da würde ich mir schon bessere Informationspolitik seitens der Stoffhersteller wünschen, denn ich finde das zunehmend wichtiger und ärgere mich oft darüber, dass da keine Länderangabe gemacht wird. Warum eigentlich? Warum muss man das bei Stoffen nicht? Bei den vielen tollen Farben der modernen Stoffe muss ich inzwischen auch wirklich oft an Chemiecocktail denken.

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  8. Hallo Meike,

    ich habe deine Praktikumstage mit viel Interesse verfolgt. Was für eine tolle Chance.

    Wer von uns Hobbyschneiderinnen würde nicht auch mal gerne einer Designerin mehrere Tage über die Schulter schauen?

    Freue mich schon darauf, deine Werke fertig zusehen. Die sind wirklich was besonderes.

    lieber Gruß, Muriel

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  9. Hallo ich bin Daniela vom Hibbel-Blog. Da ich sonst eine eher stille Leserin bin aber deine Blog regelmäßig verfolge und viel von dir lerne, habe ich dich heute getaggt. Wenn du Lust zum Mitmachen hast, dann schau doch mal bei mir vorbei. LG Daniela

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  10. punkt 6 ist großartig. also eigentlich nicht der fakt natrülich, aber deine aussage dazu. toll!!!!

    lg
    halitha

    p.s. der gedanke, dass du vor rührung über den passenden mantel und die schöne zeit beim praktikum weinen musstest, rührt auch mich....manchmal bedeutet einem so wenig so viel!

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  11. Irgendwie voll süß deinen bericht gerade zu lesen, aus Sicht von jemandem der tagtäglich damit zu tun hat :-) Ich freue mich total für dich, das es dir so viel Spaß gemacht hast und du so viel mitnehmen konntest!!!!!

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Ich freu mich sehr über Kommentare! Sie sind kleine Geschenke für mich! Vielen, vielen Dank im Voraus.