Samstag, 3. September 2011

Heute ist der besondere Tag



Na, ihr wartetet doch schon sicherlich sehnsüchtig auf die Ergebnisse meiner verzweifelten Bemühungen um die Hochzeits-Clutch! Sie ist, dank Euerer Hilfe, rechtzeitig fertig geworden und hat die Braut erfreut. Puh, das ist gerade noch mal gut gegangen. Heute ist ihr großer Tag, heute heiratet meine Freundin. So lange wollte ich warten, bevor ich Euch etwas zeige. Ich bin ganz traurig, dass ich nicht bei dem großen Ereignis dabei sein kann, aber mit der Clutch ist ein Teil von mir dabei und ich denke heute ganz fest an die beiden lieben Liebenden!

Was schenkt man zu einer Hochzeit? Ich habe es ja nicht so mit Geldgeschenken, obwohl ich es natürlich auch gut fand, dass wir zu unserer Hochzeit Geld bekamen, um uns einen großen Wunsch zu erfüllen. Aber für die Schenkenden ist es immer ein bißchen merkwürdig. Deshalb wollte ich sehr gerne etwas ganz wertvolles selbstgemachtes Verschenken und hatte die romantische Idee....

.... meine Freundin zu fragen, ob sie nicht ein Täschchen, aus den Resten der Seide genäht zu bekommen, die von meinem Brautkleid übrig habe.

Was macht man mit den Stoffresten des eigenen Brautkleides (eine Freundin hatte es damals für mich entworfen, die Seide in Asien gekauft und es nähen lassen)? Ich nähte damals noch nicht wieder und nahm die Reste an mich, ohne zu wissen, was ich damit anfangen sollte. Als meine Freundin mir von ihren Hochzeitsplänen erzählte, war es auf einmal sonnenklar: natürlich sollte es etwas sein, was an eine Braut weitergereicht wird.

Glücklicherweise fand sie die Idee bezaubernd. Aber leider reichte die Seide nicht für Täschchen und einen Schal, den der diesjährige Sommer mit seinen wenig sommerlichen Temperaturen, einforderte. Also mußten wir noch Stoff kaufen. Den Termin verschoben wir Woche um Woche, weil ihr Kleid noch bei der Schneiderin war und Bräute ja ohnehin noch ziemlich viel zu erledigen haben. Als der Hochzeitstermin nahte, wurde ich nervös. Plötzlich wurde mir bewußt, dass ich eigentlich gar keine Ahnung hatte, wie man ein Täschchen näht.

Das Folgende kennt ihr. Ich fragte meine lieben LeserInnen und bekam super Antworten. Dann wünschte sich die Braut noch einen Reissverschluß und ich wurde langsam panisch. Reissverschluss! Das ist wirklich das, wovor ich am allermeisten Respekt habe und weswegen diverse Nähprojekte von mir als Ufo endeten oder ungern getragen werden (weil ich auf den Reissverschluss verzichtete und mir einbildete, dass es auch ohne gehen würde...).

Also nähte ich zuerst den Schal aus dem zugekauften Stoff. Wir hatten 200 x 90 cm vereinbart und ich war zu faul, die Ovi auf weiß umzufädeln. Dann saß ich einen ganzen Abend bei 27 Grad in der stickigen Wohnung daran, diese riesige Tischdenke mit der Nähmaschine zu versäubern, die zwei Lagen zusammen zu nähen und mit einem Zierstich abzusteppen, um dann festzustellen, dass die Tischdecke um die Schultern gelegt, wirklich doof aussah. Aus den restlichen 200 x 60 cm wollte ich ursprünglich irgendetwas für den Alltag zaubern, dass ich zu der kleinen Nachfeier mitbringen wollte. Aber als "die Tischdecke" so grauenvoll aussah - eher wie eine Rettungsdecke oder eine Bettdecke, mußte ein zweiter Schal genäht werden. Das Zimmer hatte sich, dank des Fernsehers mittlerweile auf 29 Grad aufgeheizt und ich nähte noch mal 60 x 200. Immerhin. Das Ergebnis war perfekt. Gottseidank! (Das Knittern war gewünscht. Die eine Seite des Schales ist eine ganz feiner hellbeige Baumwollbatist und die cremefarbene Seite eine knittrige Viscole-Polyester-Mischung. Der Blätterzierstich ist nur ganz dezent auf der beigen Seite zu sehen.)

Am nächsten Abend konnte ich mich nicht mehr um das Täschchen drücken. Mir blieben noch drei Tage. Und die drei Tage brauchte ich auch. Es sollte eine Clutch werden, außen mit Seide, innen mit hellblau gepunkteter Baumwolle ("was Altes, was Neues, was Blaues...."). Außerdem sollte die Clutch in der Klappe einen sichtbaren Reißverschluß haben, um eine Art Geheimfach zu haben. Auf Euren Rat hin, kaufte ich dünne Schabracke und Volumenvlies und grübelte, wie ich die diversen Lagen so aufeinander nähe, dass beim Wenden keine Naht mehr sichtbar ist und Seide außen und Volumenvlies innen ist. Ein Abend Grübeln und Zuschneiden.

Pah, dachte ich, nähen ist doch ein Kinderspiel, wenn das Konzept steht. War es theoretisch auch. Praktisch sprühte ich Sprühkleber auf diverse Schichten, in der irren Annahme, dass es dann besser zusammenhält - vergaß dabei aber zu Bedenken, dass ich wenden wollte. Der Sprühkleber löste sich einigermaßen, aber fortan klebte alles. Das war kein Spaß, diese klebrige Zuckerwatte zu bearbeiten. Ich muß sicherlich nicht erwähnen, dass ich Vlies und Schabracke so knapp kalkuliert hatte, dass es gerade so reicht, nur einmal  Magnetverschluß und Reissverschluß hatte und keine Zeit mehr blieb, nochmal in die Stadt zu fahren, um das Gleiche noch mal zu kaufen. Aber schließlich hatte ich das Ding, sogar auf Anhieb fast richtig, zusammengenäht, wendete und schaute verwundert auf die linke untere Ecke. Da stimmte was nicht! 9 Mal. 9 Mal habe ich es aufgetrennt, wieder zusammengenäht, das mittlerweile überall klebrige Dinge gewendet und es stimmte immer noch nicht.

Dann betrat mein Held die Bühne. Mein Mann mußte beim Denken helfen, denn die Seide begann sich allmählich durch das viele Trennen an der besagten Ecke aufzulösen. Wie er nun mal ist, konstruierte er erstmal eine Maschine, um mein Problem zu lösen. Nun gut, eine Maschine war es nicht, aber nachdem er das Prinzip des Wendens verstanden hatte, experimentierte er mit verschiedenen Materialien, wie die Stofflagen vorrübergehend verbinden, das Ganze wenden kann, um zu sehen, wie man die Ecke näht. Ich bin mir sicher, dass ich die vorherigen 9 Male die Ecke ganz genauso zusammen nähte, wie nach den Vorschlägen des Gatten. Aber ich muß gestehen, er zeigte mir, wie ich es machen muß und ohWunder, ich hatte auf einmal zwei funktionierende Ecken! Puh!

Dann stellte sich heraus, dass der Reißverschluss das Futter einklemmte. Dabei war ich so stolz gewesen,  so nah an den Zähnchen zu nähen, weil ich dachte, das wäre besonders perfekt. Also trennte ich den Reißverschluß wieder heraus und fummelte ihn erneut in die fertige Tasche. Das war natürlich schwieriger, als ihn als erstes an die noch offenen Stoffbahnen zu nähen.

Als ich diese Herausforderung gemeistert hatte, wollte ich "nur eben schnell" das Täschchen bügeln, in der Hoffnung, dass die mittlerweile merkwürdig aussehende Seide sich durch das Bügeln von dem allzu häufigen Wenden und der mittlerweile nur noch an einigen Stellen heftenden Schabracke erholen würde. Das tat sie auch und die Schabracke klebte auch wieder überall.... bis ich die Klappe der Clutch an der Stelle, wo man auf jeden Fall hinschaut, da, wo die Hand sicherlich nicht anfasst... verbrannte. Zunächst dachte ich, dass das olle Bügeleisen mal wieder Dreck abgesondert hatte, aber als ich wutheulend laut aufschrie und der glücklicherweise anwesende Gatte zu Hilfe eilte, bemerkte er den Brandgeruch und wußte auch nicht recht, wie der das tobende Ungetüm, die verzweifelt heulende Meike trösten konnte. Glücklicherweise hatte sich die Schneiderin überlegt, das Brautkleid mit einer Blume zu verschönern und eine Zweite für das Täschchen gemacht. Und glücklicherweise war die Blume größer als der Brandfleck!

Als ich die Geschenke am nächsten Tag der Braut übergab, diese entzückt den teuren Karton öffnete, respektvoll das goldene Seidenpapier aufschlug und absolut verzückt die Clutch in der Hand bewunderte, war alles wieder gut und ich verstand, dass ich wohl Einiges an Brauthormonen im Blut hatte, als ich mich in den vergangenen Tagen so unendlich bei dem verfluchtem Projekt ausheulte. Die Braut packte immer wieder die Clutch aus, legte sich den perfekten Schal um die Schultern und weinte fast vor Rührung....

... Und ich verstand, dass bei aller Nüchternheit über die Erfolgsquote von Ehen, Heiraten doch immer noch etwas ganz besonderes ist und dass mein Mann etwas wirklich sehr Besonderes ist. Insofern war es doch ein ganz wunderbares Projekt, aus der Seide meines Brautkleides, etwas für die Hochzeit meiner Freundin zu nähen.

Jetzt hoffe ich, dass der Bräutigam ob der Begeisterung für seine schöne Braut gar nicht bemerkt, dass ich ganz vergessen hatte, auch etwas für ihn zu machen! Aber irgendwie ist das schon ok, denn sie ist meine liebe Freundin und auch wenn ich heute nicht dabei sein kann. Ich denke ganz fest an sie und wünsche ihr, dass ihre Ehe glücklich wird und ihr toller Mann genauso ein Held ist, wie der Meine.

Kommentare:

  1. Ich habe das jetzt zwei Mal gelesen und bin irgendwie angerührt. Allein der Werdegang macht Tasche und Stola zu einem wunderschönen Geschenk. Deine Arbeit hat sich wirklich gelohnt.
    Ich hoffe, Deine Freundin hat eine traumhafte Hochzeit! (Warum kannst du eigentlich nicht dabei sein?)
    Herzliche Grüße
    Sabine

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  2. Puh, was für ein Krimi! Die Ausgangslage: nur noch ganz wenig Zeit und nur Material für einen einzigen Versuch macht mich auch nach Jahren immer noch hochgradig nervös (auch wenn genau das die Art ist, wie hier selbstgenähte weihnachtsgeschenke entstehen, vielleicht ist Weihnachten deshalb immer so stressig). Na, jedenfalls hat mich deine Erzählung beim Lesen genauso nervös gemacht, obwohl man ja an dem Bild sehen kann, dass es geklappt haben muss. Tasche und schal sind so wirklich etwas ganz besonders geworden.

    viele Grüße, Lucy

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  3. Du solltest Romane schreiben...selten habe ich so andächtig und aufmerksam gelesen. Dein Weg zur fast perfekten Clutch war wirklich zum mitfiebern.
    GLG
    Annette

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  4. "manchmal sind es richtige Krimis..." - so hab ich auch mitgefiebert! Wow, ich konnte richtig mit Dir mitfühlen und ich freu mich sehr, dass es letztendlich so erfolgreich war! Dranbleiben ist alles!
    Und echt schön sind beide Stücke übrigens auch geworden ;-)

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  5. Sehr schön Meike - die Geschichte (vor allem: spannend!) und das Ergebnis. Herzlichen Glückwunsch zum Happy End!
    Melleni

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  6. Hallo Meike,

    toll geschrieben! Schöne Geschichte wie der Brautkleidstoff zwischen euch Freundinnen weitergereicht wurde.

    Lieber Gruß, Muriel

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  7. Dankeschön für die netten Kommentare! Ja, diese Geschichte mußte einfach aufgeschrieben werden! Aber ich bleibe lieber bei Sachbüchern, Romane liegen mir leider nicht.

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  8. Hach, so eine tolle Geschichte!
    Spannung, Schweiß, Tränen, die Rettung(en ;-) ) und dann- das wunderbare Ende :-).

    Sehr schön geworden und wirklich der Inbegriff von GESCHENK, finde ich.

    VG,
    Martje

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