Dienstag, 24. Mai 2011

Sehen lernen

Unter der Dusche hatte ich heute morgen eine Idee. Der Post über die schönen Fotos hat etwas mit meinen Gedanken zum Stil-Suchen zu tun!

In den letzten Tagen saß ich immer wieder ein paar Minuten oder Stunden am Hemdblusenkleid. Am Wochenende war ich ziemlich enttäuscht, weil ich das Gefühl hatte, dass das Ding überhaupt nicht so aussieht, wie in meinen Träumen. Das ging mir bei dem Jeansmantel ja genauso. Da hatte ich wohl immer "heimlich" gedacht, ich sähe anders aus (natürlich schlanker) und sähe deswegen in dem Kleid anders (also ganz bezaubernd) aus?

In Ermangelung von Nähfreundinnen mit Zeit, zog ich Samstag Abend das fast fertige Kleid an und fragte meinen Mann, wie lang der Rocksaum sein sollte.  Er schaute und schwieg. Das war kein gutes Zeichen! Schließlich holte er die Kamera, fotografierte mich und sagte "schau selbst". Das tat ich natürlich sofort und fand alles furchtbar.

Gestern begradigte ich die Kreidelinie, las noch mal nach, wieviel Nahtzugabe die Burda vorschlug und schnitt beherzt das, was zuviel war ab. Außerdem trennte ich mal wieder rückwärtigen Abnäher auf, weil mit Ärmeln, auf einmal alles ganz furchtbar saß.

Merke: Abnäher zum Taillieren immer erst nach den Ärmeln stecken.

Huch! Die Länge war perfekt. Leider die Länge, die nun an Stoff übrig war, d.h. es blieb wieder nichts für den Saum übrig und die typische Meike-Lösung musste erneut gewählt werden: Schrängband.

Gestern war ich zum Mittagessen mit den Frauen aus meinem Netzwerk verabredet. Wir sind uns seit fast 10 Jahren "nützlich" und deswegen brachte ich dieses Mal ein Anliegen vor, dass nicht wirklich den Beruf zum Thema brachte. Ich bat darum, mir die Abnäher zu stecken. Die zwei Frauen kicherten und kamen mit in die Toilette in das Boudoir. Sie waren beeindruckt von meinen Nähkünsten und ich versöhnte mich ein wenig mit dem Kleid. Es ergab sich, dass der Sohn statt Spielplatz lieber Eis und Züge-schauen wollte. Wie praktisch, denn der Kurzwarenladen ist vis-a-vis vom Bahnhof.

Heute morgen unter der Dusche war mir auf einmal alles klar. Plötzlich verstand ich, dass wenn ich meinen eigenen Stil entwickeln will, ich lernen muß, mich wirklich zu sehen! Es geht darum, mich schön zu finden und gleichzeitig realistisch zu sehen. Das hat nichts  mit "sich selbst lieben lernen" zu tun, was ich nach wie vor für eine heroische aber sehr theoretische Idee halte. Es geht darum, sich realistisch zu sehen, ohne NUR auf die Mankos zu schauen, sondern einen realistischen Blick auf die Chancen zu entwickeln.

Die Idee mit den Fotos war deshalb ganz ausgezeichnet. Je häufiger ich mir die Fotos anschaue, desto mehr kann ich genauer hinschauen, statt vor Entsetzen in Schockstarre schnellstmöglich die Augen zu verschließen. Natürlich war es leichter, die Fotos anzuschauen, wo die Lösung (neu gesteckte Abnäher, Lob der Freundinnen und das Schrägband) schon da war. Mein Blick lenkte sich mehr auf die Chancen als auf die Risiken. Und jetzt bin ich verdammt gespannt, auf das hoffentlich bis morgen zum MMM fertige Hemdblusenkleid, was einen weiterer Meilenstein auf dem Weg meiner Suche nach Stil sein wird.

Kommentare:

  1. Liebe Meike,

    ich wollte nur schnell unbedingt mal dalassen, wie wunderbar ich deinen Blog finde. Deine Gedanken rund Stil, um Ausstrahlung und gute Fotos von sich selbst sind eine echte Bereicherung für die Bloggerwelt, finde ich -
    und ich lese hier einfach sehr gern.
    :-)
    Grüße von einer Exil-Eimsbüttelerin!
    Martje

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  2. Besser spät als nie: Ich wollte noch hinzufügen, dass ich diese Beobachtung, was Fotos betrifft, auch gemacht habe. Es ist einfach ein anderer Blick als in den Spiegel, und bei den MMM-Bildern habe ich bei manchen Kleidungsstücken festgestellt, dass ich schon beim ersten (Selbstauslöser-)Versuch ein (in meinen Augen gelungenes) Bild habe, bei anderen Sachen muss ich x-fach herumzupfen, mich dreimal anders hinstellen, bis es gut aussieht. Für mich trennt sich so mit Hilfe der Fotos die Spreu vom Weizen, was die Klamotten betrifft. Fernziel: Irgendwann nur noch Sachen aus der ersten Kategorie haben.

    viele Grüße!
    Lucy

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  3. Wie oft habe ich mich schon dabei erwischt, erschrocken in das Schaufensterspiegelbild oder auf ein Foto zu schauen, weil die Realität einfach nicht mit meinem Empfinden überein stimmt. Habe mich daheim hübsch zurecht gemacht und meinen Spiegelbild lachend zugekniept - um dann im Restaurant-Spiegel oder später auf Fotos in Schockstarre zu verfallen...
    Ja, ich empfinde mich innerlich als schlanker, ich sehe meine Schlupflider nicht so "schlafzimmerblickend" und auch meine Nase kommt mir eigentlich gar nicht so breit vor. ;)
    Irgendwie ist es ein komisches, ja: frustrierendes Gefühl, sich dann so anders, echter, zu sehen.

    Wenn Freunde oder Familie zu schrecklichen Fotos sagen "Was ist denn daran schlimm? Das bist doch Du!" denke ich oft, die haben sie nicht mehr alle. Ich seh doch gaaaaanz anders aus!!! Tatsache ist aber wohl, dass sich kein Double für mich hat fotografieren lassen.

    Und so endete auch schon mancher Nähversuch in Frust. Sah im Heft so schön aus - an mir wie Kartoffelsack. Gemein!

    Es ist genau so, wie Du´s sagst: ein bisserl mehr Realismus und die entsprechende Portion Selbstliebe wären nicht schlecht!!! Danke für diesen Denkanstoß!

    Viele Grüße
    Britta

    Dein Kleid ist übrigens toll geworden!

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