Montag, 27. April 2015

Interview von mir mit mir

Im März hatte ich nicht nur den 1000. Blogbeitrag, sondern auch noch 5 Jahre Blog-Jubiläum. Zeit, mal ein bißchen Resumée zu ziehen, da es sonst keiner tat, habe ich einfach mal ein Interview mit mir geführt.

FrauCrafteln, oder darf ich Meike sagen, seit wann nähst du?

Obwohl ich schon als Teenager genäht habe, würde ich sagen, dass ich erst seit 5 Jahren "richtig" nähe. Als Teenager, in den 80er Jahren, habe ich hauptsächlich unförmige Quadrate zusammen genäht, ein bißchen drapiert, hier und dort etwas abgeschnitten und vor allen Dingen stets am gleichen Abend zur Party angezogen. Ich habe damals weder nach Schnittmustern genäht, noch einen Nähkurs besucht, aber ich war von Stoffen und Selbermachen fasziniert. Doch zu dieser Zeit habe ich viel mehr gestrickt als genäht.

Als mein Kind ein paar Monate alt war, hatte ich den Wunsch, mal ein Wochenende lang irgendetwas zu lernen, etwas für mich zu tun, mit Erwachsenen zusammen zu sein. Da ich zu diesem Zeitpunkt aber sehr fantasielos war, was das sein könnte, wählte ich das Naheligendste: ein Nähkurs, der in der Elternschule angeboten wurde. Ich nähte eine Latzhose, die das Kind zum Weinen brachte, wenn es in seine Nähe kam - danach beschloss ich für mich zu nähen.

Das heißt, du hast dich gleich getraut, Erwachsenenkleidung zu nähen?

Ja, ich habe das weniger als "sich trauen gesehen", als eine Form von Zauberkräften, ein dringendes Bedürfnis zu erfüllen. Für das Kind gab es ja viele niedliche Klamotten, sei es neu oder vom Flohmarkt. Aber ich hatte mit meiner Figur immer Probleme, schöne Anziehsachen zu finden. Als mir das Nähen an sich soweit Spaß machte, dass ich mir eine bessere, als die geerbte Aldi-Maschine wünschte, war es naheliegend, mich um meine Klamotten zu kümmern. Aufgrund meiner Dekorations-Legathenie bin ich auch nie auf die Idee gekommen, Kissen oder Ähnliches zu nähen. Mir ging es von Anfang an um Klamotten.

Und Taschen? Hast du auch Taschen genäht?

Auch Taschen waren für mich nicht von größerem Interesse, obwohl diese in großer Zahl auf den Blogs gezeigt wurden, die ich zum damaligen Zeitpunkt las. Als dicke Frau war ich sehr gut mit schönen Schuhen und Taschen ausgestattet, denn diese sind - auch für eine Frau großer Größe - einfach zu kaufen. Schöne Taschen und Schuhe, halfen es mir besser zu ertragen, wenig Kleidungsstücke zu besitzen, die ich wirklich schön fand.

Was war das erste Kleidungsstück, das du für dich genäht hast?

So genau kann ich mich gar nicht mehr daran erinnern - das müsste ich selbst im Blog nachschauen, aber ich meine, es war eine Tunika aus Ikea-Stoff. Damals trug ich ja täglich Jeans und fand aber die dazu kombinierten Pullover und Shirts nicht sehr vorteilhaft. Eine Tunika erschien mir wie ein praktisches Kleidungsstück, das Figur zeigt, weiblich ist und im Alltag chic zur Jeans kombinierbar ist. Mir war schon klar dass Teilungsnähte, ein Kleidungsstück formen können und dass es möglich ist, durch eine taillierte Tunika-Form meine Figur vorteilhafter ins rechte Licht zu rücken.

Das heißt, dein erstes Kleidungsstück war gleich ein voller Erfolg?

Oh nein, eigentlich war es eine furchtbare Erfahrung! Ich kaufte mir ein Schnittmuster für eine Tunika, das meinen Vorstellungen entsprach und war enttäuscht, dass die genähte Tunika nicht wirklich gut passte. Ich konnte die Arme nicht gut bewegen, die Tunika beulte über dem Busen rückte meine Figur wesentlich weniger gut in ein neues Licht, als ich mir das erträumt hatte. Zudem war ich in einem doofen Nähkurs gelandet, den ich ausgerechnet mit starken Zahnschmerzen besuchte. Die Nählehrerin zwang mich wiederholt, unordentliche Nähte aufzutrennen, bis ich weinte. Ich versuchte ihr erfolglos zu erklären, dass es mir eigentlich um etwas ganz anderes ging: ich wollte von ihr lernen, wie ich das Schnittmuster so anpassen konnte, bis ich mir ganz viele tolle Tuniken nähen konnte. Ob eine Naht ein bisschen schief wäre oder nicht, war mir eigentlich schietegal. Beim zweiten Nähkurstreff, bekam ich dann allerdings den Eindruck, dass mir diese Nählehrerin meinen Wunsch gar nicht erfüllen konnte. Sie war zwar an diesem Tag in der Lage, mir die Tunika abzustecken, so dass sie anschließend gut saß, aber sie hat mir nicht geholfen, die Änderungen auf den Schnitt zu übertragen. Schließlich ging ich nicht mehr in diesen Nähkurs und nähte die nächste Tunika aus Jersey und nach dem Annäherungsprinzip: ich nähte sie größer und Schritt für Schritt enger, in dem ich sie auf links drehte und selbst an mir absteckte.

Wie ging es weiter, hast du dann lauter Tuniken genäht?

Dann kam der Sommer und ich nähte meine ersten Röcke. Im Sommer hatte ich schon immer gerne Röcke getragen und als ich entdeckte, dass es ziemlich leicht ist, einen Rock zu nähen, nähte ich in diesem Sommer gleich mehrere. Damals war ich von der Farbenmix-Welt fasziniert und fand es ganz großartig, bunte Sachen zu nähen und ordentlich zu "pimpen". Kein Kleidungsstück ohne Applikation *g*. Mittlerweile bin ich rückblickend mit diesen selbstgenähten Kleidungsstücken wieder versöhnt, denn ich habe verstanden, warum mir das damals so ein Bedürfnis war. Ich war enttäuscht, dass passformgenaue Kleidungsstücke doch schwerer zu nähen sind, als ich mir das vorgestellt hatte, da ich aber trotzdem gerne für mich nähen wollte, wollte ich auch unbedingt dafür Anerkennung bekommen. Mir war es wichtig, dass man sieht, dass etwas Genähtes etwas ganz besonderes ist und das erreichte ich durch wilde, bunte Muster und Verzierungen. Damals hätte ich mir partout nicht vorstellen können, ganz normale Kleidungsstücke zu nähen, die für die Basisgarderobe sind und denen man eben nicht ansieht, dass sie selbstgenäht sind.

Und dann, wie ging es weiter?

Was die weiteren Nähschritte und -Erfolge waren, weiß ich aus der Erinnerung gar nicht mehr so genau, das müsste ich im Blog nachlesen. Ich denke aber der nächste Meilenstein war der Me Made March, an dem Catherine teilnahm. Erst einmal waren das Welten für mich, die Vorstellung jeden Tag im Monat etwas Selbstgenähtes zu tragen. Aber am Ende des Me Made Marchs oder kurz danach wurde in den Kommentaren in ihrem Blog die Frage diskutiert, ob es genügend Interesse gäbe, eine wochentagliche Veranstaltung zu machen. Das fand ich eine tolle Idee! Aus dieser Diskussion ist dann der Me Made Mittwoch entstanden. Da das Ganze eine Aktion war, bei der es nicht verpflichtend war, wirklich jede Woche teilzunehmen, war ich von Anfang begeistert dabei - aber eben nicht jede Woche. Und gerade, weil es nicht verpflichtend war, empfand ich es enorm motivierend, mehr für mich zu nähen, um öfter daran teilzunehmen. Gleichzeitig war der Me Made Mittwoch natürlich von Anfang eine immense Inspirationsquelle und Wissensammlung.

Hat sich durch den Me Made Mittwoch dein Stil, deine Nähprojekte verändert?

Es ist ganz schwierig zu sagen, wer mich wann und wie beeinflusst hat. Ich glaube, es war wirklich das bunte Zusammenspiel der Teilnehmerinnen am Me Made Mittwoch, aber ich glaube der nächste, entscheidende Schritt war das Knotenkleid. Insgesamt war ich erstaunt, wie viele Kleider es an den nähenden Frauen zu sehen gab. Das Knotenkleid war eines, was mich sofort ansprach, weil ich ahnte, dass es für meine Figur vorteilhaft sein könnte. Um dieses zu Nähen, mußte ich allerdings meine Jerseyfurcht überwinden und wenn ich mich recht erinnere, habe ich auch ungefähr zeitgleich, im die Overlockmaschine geschenkt bekommen. Auch die Knotenkleider waren nicht von Anfang an ein Erfolg: einfarbiger Viskosejersey zeigte zu viele Röllchen und Baumwolljersey klebte an den Strumpfhosen. Ich war nicht 100% begeistert, hatte aber das Gefühl, auf dem richtigen Weg zu sein. Der wöchentlich stattfindende MMM war ja auch Inspiration genug, um keinen Mangel an eträumten Nähprojekten zu haben.

In der nächsten Zeit nähte ich viele, viele Kleider, insbesondere aus Jersey und Walk. Ich begann in Serie zu nähen und einen Schnitt wie eine Besessene in vielen Farben zu nähen. Damals hatte ich dann zum ersten Mal das Gefühl, dass mich das Nähen reich und mächtig macht: Ich hatte mein Schicksal in der Hand - endlich konnte ich nähen, was ich für mich schön fand!

Das heißt, weil du auf einmal schönere Kleidung trugst, fühltest du dich schöner! Hat sich dadurch noch mehr verändert?

Eine Zeit lang, war ich verrückt nach Kleidern. Ich fand ich mich in Kleidern wirklich toll. Nachdem ich beschlossen hatte, keine Jeans mehr tragen zu wollen, weil mir mein Spiegelbild im Bus mit der unterbrochenen Silhouette von Shirt und Jeans nicht gefallen hatte, fand ich Kleider als "die Lösung".  Ein Kleidungsstück aus einem Guß fand ich extrem vorteilhaft. Ab gesehen davon, fand ich es auch extrem praktisch, morgens nicht über Kombinationen nachdenken zu müssen, denn mit einem Kleid ist eine Frau immer gut angezogen.

Ach, aber ich wollte doch die Frage beantworten. Ja, ich fühlte mich sehr viel schöner in meinen neuen selbstgenähten Klamotten. Ich wurde definitiv selbstbewußter mit dem Gefühl, schön angezogen zu sein. Ich glaube, das Fotografieren für den Blog und den Me Made Mittwoch hat diese Entwicklung meines Selbstbewußtseins auch noch unterstützt. Es ist gar nicht so leicht, Fotos von sich selbst gut genug zu finden, um sie im Internet zu zeigen. Mehr und mehr gewöhnte ich mich aber an die Fotografiererei und immer besser konnte ich es ertragen, Bilder von mir zu sehen.

Je mehr ich nähte, um so mehr hatte ich das Gefühl, langsam in den "richtigen" Klamotten zu stecken. Mehr und mehr hatte ich das Gefühl, dass "mein Innen" und "mein Außen" im Einklang sind. Als ich noch Klamotten kaufte, fand ich nur sehr sehr selten etwas, was mir richtig gut gefiel. Ich hatte oft das Gefühl, in der falschen Hülle zu stecken und ich dachte, dass Menschen einen ganz falschen Eindruck bekamen, wenn sie mich nur oberflächlich kennenlernten. Ich war gar nicht die, die ich sein wollte. Und war so oft enttäuscht, wenn ich mein Spiegelbild irgendwo sah. Als ich mehr und mehr für mich nähte, verschwand dieses Gefühl, dass ich nicht schlank war, wurde immer weniger wichtig, denn ich fand mich schön und stimmig. Irgendwie war alles rund - im positiven Sinne, als nicht im Sinne von dick, sondern von stimmig.

Das klingt, als wärest du schon vor zwei drei Jahren am Ziel angekommen?

Mit den Kleidern wurde vieles besser. In der Tat, irgendwann war der Moment da, an dem ich gerne schöne Kleider trug und sicher sein konnte, ausreichend schöne Kleider im Schrank zu haben. Trotzdem gab es immer noch Momente, an denen ich an meiner Figur zweifelte. Ich hatte zwar nicht mehr das Gefühl, mich mit den Schlanken vergleichen zu müssen, aber trotzdem war ich noch manchmal neidisch auf sie - weniger auf ihr Aussehen, sondern wegen dem Gefühl, dass es für sie einfach mehr Auswahl an Schnittmustern gab. Ich fühlte mich bei der Schnittmusterauswahl ähnlich limitiert in meiner großen Größe, wie beim Klamottenkauf. Viele Schnitte konnte ich einfach nicht nähen, weil sie nur bis Größe 42 oder 44 erhältlich waren und es wirklich nicht banal ist, einen Schnitt um mehrere Größen zu vergrößern. Ich glaube, deswegen habe ich auch so gerne Jerseykleider genäht und getragen. Aufgrund der Dehnbarkeit des Materials mußte ich nicht so stark vergrößern und eine gute Passform war leichter zu erreichen, als bei Webware. Aber ich bewunderte die Kleider der anderen aus Webware und war ein bißchen traurig, mich diesbezüglich limitiert zu fühlen.

Aber plötzlich hatte das doch ein Ende? Warum hast du dich irgendwann doch dazu getraut, Kleider aus Webware zu nähen?

Schuld, war der Petticoat. Bei einer Reise nach Berlin durfte ich bei Wiebke unter den Rock fassen und den Petticoat berühren und ich war verzaubert. Ich fand den Petticoat irgendwie magisch. Es ist wahrscheinlich ein Kleinmädchentraum. Ich wünschte mir vor zwei Jahren den Petticoat von meinem Mann zum Geburtstag, ohne im Vorfeld zu wissen, ob ich mich jemals trauen würde, ihn anzuziehen, ob ich reinpassen würde und ob er zu mir passen würde. Als ich ihn anprobierte, war ich überrascht! Es war ein richtiger Aha-Effekt zu sehen, dass meine wuchtige Brust durch die Weite des Rockes quasi die Show gestohlen bekam und ich tatsächlich eine sichtbare Taille vorweisen konnte. Plötzlich traute ich mich auch, einen Gürtel zu tragen! Als ich merkte, wie vorteilhaft ich diese Silhouette mit dem weiten Rock empfand, begann ich zunächst Kleider aus Webware und dann auch weite Röcke zu nähen. Weil ich so begeistert von der neuen Silhouette war, wuchs in mir der Ehrgeiz, mehr über Schnitte vergrößern und die Theorie dahinter zu lernen. Es ist schon verrückt, ich bin der festen Überzeugung, dass diese "Petticoatkleider" ganz fantastisch für runde Frauen sind und dann gibt es die Schnittmuster dafür nur in kleinen Größen!

Das letzte Jahr deines Näh-Hobbys war von neuen Erkenntnissen aber auch von Mißerfolgen geprägt. Kann es sein, dass so ein "schwieriges Jahr" ganz typisch für das Erlernen neuer Sachen ist?

Im letzten Jahr hatte ich zunächst eine Näh-Hybris: als wir mit dem Badeanzug-Sew-Along begonnen, hatte ich zunächst den Eindruck, dass jetzt alles möglich sei. Wer sich an so eine verrückte Sache, wie einen Badeanzug traut, kann sich fortan jeden Bekleidungswunsch erfüllen - so dachte ich. Allerdings wurde ich schnell auf den Boden der Tatsachen zurück geholt, denn der Badeanzug wurde einfach nichts. Ich müsste erst das Nähen von BHs lernen, um einen guten Badeanzug produzieren zu können, d.h. es ist doch noch nicht möglich, einfach alles zu nähen, denn es gibt noch viel zu lernen. Diese Erfahrung und auch der HosenHerbst, der mir gezeigt hat, dass es nicht ausreicht, von einer tollen Hosen zu träumen, um eine tolle Hose für mich zu produzieren, waren ziemlich frustrierend. Aber davon versuche ich mich nicht unter kriegen zu lassen. Denn, eigentlich habe ich genügend Röcke und Kleider im Schrank, ich hätte schon Zeit, mich auf neue Herausforderungen einzulassen. Die Gier, die mich in den ersten Jahren zum Nähen getrieben hat, war befriedigt und gleichzeitig bin ich auch ehrgeiziger und anspruchsvoller geworden. Die Misserfolge waren dementsprechend nicht so leicht einzustecken.

Gleichzeitig habe ich aber auch letztes Jahr meinem Näh-Hobby mit meinem Schnittkonstruktionskurs noch mal eine neue Qualität gegeben. Auch da gab es eine Menge Frustrationen, denn nur, weil ich weiß, wie ich einen Grundschnitt konstruiere, bin ich noch lange nicht in der Lage, plötzlich jeden Schnitt für jedes gewünschte Kleidungsstück einfach so herzustellen. Zwischendurch fragte ich mich oft, was das Ganze soll und konnte es nicht recht würdigen, was ich gelernt hatte. Zum Beispiel das Ziel, einen toll sitzenden Jackettschnitt nach meinen Vorstellungen zu haben, habe ich immer noch nicht erreicht und zwei unfertige Jacketts liegen frustriert in der UFO-Kiste. Trotzdem habe ich in den letzten Monaten auch immer mal beim Schnitt-Anpassen und Nähen gemerkt, dass ich ein tieferes Verständnis der Zusammenhänge durch das Erlernen der Schnittkonstruktion bekommen habe. Ich bin noch weit davon entfernt, in diesem Metier versiert zu sein, aber es ist schon befriedigend zu erkennen, was ich gelernt habe.

Wenn du auf 5 Jahre Nähen zurückblickst, was ist dein Resumée?

Vor 5 Jahren hätte ich niemals gedacht, dass ich mit dieser Leidenschaft an dem Thema dranbleiben würde. Nicht jede Leidenschaft hält bei mir so lange und nicht jede Beschäftigung betreibe ich mit dieser Leidenschaft. Manchmal scherze ich, dass ich eigentlich gar nicht so gerne nähe - das stimmt natürlich nicht. Manchmal bin ich sehr erfolgsgetrieben und wünsche mir nichts sehnlicher, als endlich das gewünschte Kleidungsstück anzuziehen, aber im Grund genommen, mag ich auch den Flow, der beim Nähen entstehen kann. Und wenn ich auf das große Ganze schaue, also auf das, was ich gelernt und auch an "Kopfkleiderschrank" verwirklicht habe, dann bin ich schon stolz, was ich aus eigenem Antrieb und mit eigenen Kräften geschaffen habe.

Aber so sehr ich auch meine Lernerfahrungen und die Qualität meiner Ergebnisse schätze, ist es für mich doch am wichtigsten, was mit mir in dieser Zeit passiert ist. Mein Leben hat sich so sehr dadurch geändert, dass ich nun Einfluss auf meine äußere Hülle habe und mit dieser zufrieden bin. Es ist so unglaublich befriedigend zu erleben, dass mein Selbstbild immer mehr mit meinem Außen übereinstimmt. Ich war schon früher selbstbewusst, aber seit dem ich mich schön finde, hat dieses Selbstbewusstsein ein viel festeres Fundament und ist weitaus glaubwürdiger.

Ist das auch der Grund, wieso du bloggst?

Als ich Anfing zu bloggen, stand der Aspekt der Werkschau im Vordergrund. Ich war stolz auf meine Werke und wollte gerne Anerkennung dafür. Dann fand ich es eine zeitlang spannend, meine Entwicklungsschritte zu dokumentieren. Diesen Aspekt finde ich auch jetzt noch wichtig. Ich mag zum Beispiel den Jahresrückblick sehr gerne. Aber zum Beispiel für dieses Interview bin ich zu faul, die passenden Bilder herauszusuchen, weil ich finde, dass der Text eigentlich aussagekräftig genug sein sollte.

Immer mehr haben sich in den letzten Jahren aber manche Texte in meinem Blog für mich und auch für manche Leserin als bedeutsamer herausgestellt, als die bunten Bildchen. Ich bekomme immer wieder Rückmeldung dafür, wie gerne Menschen bei mir lesen und freue mich darüber. Letztlich mache ich das ja auch besonders gerne: ich mache mir gerne Gedanken über das "Dahinter" und schreibe sehr gerne darüber. Mich interessiert es einfach, mehr über die Kleidungsstücke, die Herstellung aber auch das, was sie mit dem Menschen machen herauszufinden. Deswegen schreibe ich auch gerne darüber und wenn ich mit meinem Geschreibsel dann auch noch Menschen Mut machen und Inspiration sein kann, dann ist das doch wunderbar. Ich bekomme über den Austausch unserer Nähnerd-Gemeinschaft im Internet so viel, dass ich sehr gerne etwas zurück bzw. dazu gebe. Ich habe ohnehin die Beobachtung, dass durch den Austausch, der zwischen den Blogbetreiberin und den Kommentatorinnen oder durch Gemeinschaftsaktionen wie Sew Alongs oder Verlinkungsaktionen entsteht, etwas gemeinsames Neues entsteht, das noch mal eine ganz neue Qualität hat, als eine nur "gewertschätzte Werkschau". Ich bin sehr dankbar, Teil dieser Nähbloggerinen-Gemeinschaft zu sein - ohne sie, hätte ich vermutlich irgendwann, als es frustrierend wurde, aufgehört zu nähen. Meine lieben Leserinnen, Kommentatorinnen und Nähbloggerinnen - Männer sind selbstverständlich mit gemeint - ich danke euch für eure Kommentare und Inspiration. Schön, dass es euch gibt!

Ups, bevor es jetzt noch pathetischer wird, hören wir lieber auf mit dem Interview - ist ohnehin schon wieder viel zu lang geworden. Vielen Dank für die Antworten und auf die nächsten 5 Jahre und 1000 Beiträge! 

Donnerstag, 23. April 2015

Deko-Legasthenie?



Nochmal hallo von mir,

da Meike immer noch verhindert ist, gibts eine weitere Vertretungsrunde von mir - ich hab mich ja letztens schon vorgestellt. Falls Ihr das verpasst habt, ich heisse Merle, bin mit Meike schon ziemlich lange befreundet und blogge normalerweise hier .

Also, erstmal vielen Dank, dass Ihr mich so nett hier aufgenommen habt und für die ganzen Kommentare – wenn ich wüsste, wie man die beantwortet, hätte auch einzeln reagiert. 
Leider bin ich ein ziemlicher Technikdödel, jeder hat ja so seins. Meike z.B. glaubt ja, an Dekorations-Legasthenie zu leiden.  

Zu dem Thema hab ich mir mal ein paar Gedanken gemacht: 
Ich kann das so ungefähr nachvollziehen, weil ich bis vor einiger Zeit auch dachte, dass ich einfach kein Händchen für Dekoration habe. Ich habe nämlich geglaubt, dass „Dekoration“ so auszusehen hat wie bei den einschlägigen Dekorationsfachgeschäften oder wie im Katalog des schwedischen Möbelhauses – und das ist mir meistens viel zu niedlich und irgendwie auch zu modisch. Fassungslos klicke ich mich gelegentlich z.B. durch einschlägige Blogs und denke immer nur, was machen die mit dem ganzen Kram, wenn Ostern/Weihnachten/Frühling/Halloween/wasauchimmer vorbei ist? Und vor allem: Wer staubt das alles ab?

Es gibt schon so Wohnungen, da komme ich rein und denke, Wow, hier passt es. Das sind aber mit Sicherheit nicht die, die so aussehen wir aus dem Katalog. Für mich gehören Bücher auf jeden Fall dazu 


und Sachen, die irgendwie Persönlichkeit ausstrahlen, sei es, weil sie alt sind (z.B. vom Flohmarkt) oder selbstgemacht (gern auch Kinderzeichnungen oder sowas). 

Und die Einrichtung an sich muss gar nicht mal meinem persönlichen Geschmack entsprechen, aber ich finde, man merkt es einfach, wenn jemand sich Gedanken gemacht hat und sich mit Sachen umgibt, die ihm/ihr etwas bedeuten. Und das kann dann vielleicht auch mal Gelsenkirchener Barock sein, wenn es bei Omma Plüschke so aussieht wie bei Omma – dann ist das doch stimmig!
Und wenn Deko-Legasthenie bedeutet, bei mir sieht es nicht aus wie im Katalog, dann leide ich wohl auch daran, liebe Meike :o)

Ich zeig Euch mal ein paar Sachen, die bei mir so rumstehen/-hängen…und die mir, ganz persönlich, etwas bedeuten.

Ich bin ein passionierter Muschelsammler und bei mir liegen überall welche rum

Treibholz von LaPalma und mein ganzer Stolz: versteinerter Seeigel

 Natürlich hängen bei mir überall Hamburg-Devotionalien rum...






Immer schön sind Blumen und machen gute Laune:



Das ist Magnetklebeband, damit man öfter mal was anderes aufhängen kann
 
Und nächstes Mal sprechen wir dann über den Accessoire-Honk ;o)

Bis die Tage
die fraumasulzke

Montag, 20. April 2015

Meike und die Hosen - ein Resümée




Huch, diesen Blogpost hatte ich in meinem Entwürfe-Ordner vergessen.


Ja, wie geht es mir nun mit den Hosen? Seit Juli 2014 beschäftigt mich das Thema nun mehr oder weniger intensiv. Das sind 9 Monate. Quasi eine Schwangerschaft.

Als Projekt finde ich Hosen interessant. Die Hosenkonstruktion ist weitaus anspruchsvoller, als die Konstruktion von Röcken. Überraschenderweise war sie aber leichter, als passende Ärmel für mich. Das hätte ich nicht gedacht, dass ausgerechnet der Oberarm meine Problemzone sein könnte. Darüber hatte ich aber vorher auch nie nachgedacht. 

Als Kleidungsstück finde ich Hosen, insbesondere für "Übergansjahreszeit-Wetter", praktisch. Ich mag einfach nicht besonders gerne Strumpfhosen anziehen und insbesondere im Frühling, nachdem ich die Strumpfhosen sowas von satt habe, sind Hose ein gutes Übergangskleidungsstück bis zu den nackten Beinen, wenn es wärmer wird.



Aber schön finde ich mich immer noch nicht mit Hosen. 

Nach wie vor habe ich ein Problem mit der Meike-in-Hosen-Silhouette. Es ist mir zu wenig Differenzierung möglich. Ich mag keine Tuniken, auch wenn sie noch so tailliert geschnitten sind und in Schößchenblusen sehe ich mich irgendwie auch nicht. Vielleicht stört es mich, dass mein objektiver Vorteil, meine schönen Beine unterhalb des Knies in Hosen nicht zu sehen sind. Ich freue mich immer, wenn ich meine Beine und Fußknöchel sehe. Klingt doof, ist aber so.




Ich finde auch nach wie vor, dass Hosen "nackt" sind. Es zeichnet sich in meinen Augen zu viel vom weiblichen Körper ab. Hinten finde ich das ganz ok, knackiges Pos in Hosen finde ich hübsch, egal, wie voluminös sie sind. Aber vorne, neee, vorne mag ich Hosen nicht, egal, ob wir jetzt von Kugelbäuchen sprechen, "Katzenbärten" oder Hosen, die im Schnitt zu sehr einschneiden. Ich glaube, ich habe immer von einer "Hinten-Hose" geträumt, aber leider gibt es das eine ohne das andere nicht. 

Außerdem stört mich an Hosen, dass es gar nicht so leicht ist, die Taille zu zeigen, ohne, dass der Rest sichtbar ist. Auch wenn ich mittlerweile Petticoats nicht mehr täglich trage, weil sie mir einfach zu warm und zu aufwendig sind, schätze ich doch sehr die Silhouette, die durch Petticoats, aber auch durch einfache weite Röcke aus nicht zu dünnem Material entsteht. Das zuviel, was ich obenrum habe, wird einfach relativiert, wenn untenrum Weite ist. Wenn ich also auf Meike-in-Hosen-schaue, dann blicke ich nicht nur von der Taille abwärts, sondern muß das Oben auch immer sehen und mitbeurteilen bzw. optimieren. Das finde ich gar nicht so leicht.




Trotz aller Bedenken, meine selbstgenähten Hosen trage ich, bevorzugt die beiden "Jeans", also die Sindbadhose und die neue Jeans. Die Sindbadhose ist sagenhaft bequem und wenn ich sie mir "dänisch-schick" denke, dann finde ich sie auch nicht so schlumpfig. Alles eine Frage der Kombination. Die neue Jeans ist zwar einen Tick zu eng obenrum geworden, aber wenn schon Hose, dann ist diese Hosenform die, die ich an mir immer noch am liebsten mag. Ich bin schon sehr gespannt auf die Hosen von Zehnle von Langsdorff, weil ich wirklich Lust auf eine richtig gute, geliebte Hose habe und bin fest entschlossen, mir dort eine zu kaufen. 

Dienstag, 14. April 2015

Blumengießen, Lüften und ein bisschen Schnacken

Also, ehrlich gesagt, habe ich ein bißchen das Gefühl, das so junge Refereraderinnen haben müssen, die direkt nach der Uni zum ersten Mal Vertretung in der 9b machen müssen...Aber ich habs Meike ja nun mal versprochen und dann will ich mal tapfer meinen Namen an die Tafel schreiben und mich vorstellen:



Hallo, LeserInnen von frau crafteln, ich bin Merle und ich mach hier ein bisschen Vertretung, bis Meike wieder da ist.

Ich bin noch ziemlich neu in der Blogwelt, habe aber seit gut einem halben Jahr einen eigenen kleinen Blog *klick* Einige waren vielleicht schonmal drüben bei mir, weil Meike mal von unserem Nähkränzchen berichtet hatte.


Von den virtousen Nähkenntnissen, die sich hier so immer geballt tummeln, bin ich meilenweit, um nicht zu sagen Lichtjahre, entfernt und so kann ich Euch leider nicht mit einem Post zum üblichen Thema erfreuen. Aber wenn wir uns mal sozusagen back to the roots begeben, dann steht da rechts in der Sidebar "dies ist ein Blog über das Glück, Dinge selbst zu machen" - und dazu gehören ja durchaus auch andere Dinge als Nähen - oder gibt es Wünsche, Vorschläge, Anregungen?

Als erstes habe ich gedacht, ich verrate Euch mal ein paar Dinge über Meike, die ihr ga-ran-tiert wissen wollt, aber nie zu fragen gewagt hättet - und die sie Euch bestimmt nie selbst gesagt hätte...natürlich immer mit einem Augenzwinkern...;o)

  • Nicht nur, dass sie ganz wunderbar Klavier spielen kann, sie kann auch toll singen und hat den Begriff "Tenorita" erfunden.
  • Bei Familie Crafteln gibt es immer eine Auswahl an fancy Limos im Kühlschrank. Und die sind so fancy, dass sie manchmal sogar nach Fichtennadelschaumbad schmecken.
  • Wie ihr ja wisst, ist Meike ziemlich (echt) blond. Trotzdem wird sie im Sommer sowas von knackbraun, dass es schon fast empörend ist.
  • Meike ist in Hessen aufgewachsen und kann hervorragend hessisch babbeln - allerdings nur, wenn sie will. Sie hat mich damit mal im Kino so dermaßen zum Lachen gebracht, dass ich kurz darauf vor lauter Erschöpfung eingeschlafen bin.
  • Trotzdem sie nie geraucht hat, ist sie total tolerant gegenüber Rauchern. Erstaunlich finde ich das, weil ich selbst lange und viel geraucht habe und das mittlerweile gar nicht mehr ertragen kann. An dieser Stelle nochmal Entschuldigung für das Rumgestinke in Deiner Wohnung.
  • Als ich sie kennenlernte, so Mitte der 90er war das, hat sie in Berlin in einer Altbau-WG gewohnt. OHNE HEIZUNG! Ich hatte das Gefühl, immer wenn ich sie besucht habe, war Januar und der Kohleofen musste angeheizt werden. Aber da hat sie schon für dänische Designklassiker geschwärmt, die kannte da noch kein Mensch. Und sie hat unfassbare paarhundert DM für eine Lampe von so einem Dänen ausgegeben. Aber keine Heizung!
  • Außerdem hat sie eine fortgeschrittene Allergie gegen Douglas-Verkäuferinnen.
  • Laut eigener Einschätzung leidet sie an schwerer Deko-Legasthenie. Was ich aber so gar nicht unterschreiben würde. Aber dazu vielleicht nächstes Mal mehr!
So, dann stelle ich Euch mal ein paar Blumen hin und verabschiede mich mal bis demnächst!


Bis die Tage
die fraumasulzke

Montag, 13. April 2015

Warum ich gerne im Stoffladen arbeite (2)

Im April bin ich ständig unterwegs und habe keine Zeit, zum Bloggen. Deswegen habe ich euch noch etwas vorbereitet, damit hier auf dem Blog trotzdem ein bißchen Leben ist. 

Es hat richtig Spaß gemacht, die Erinnerungen meiner Stoffladen-Zeit vor 30 Jahren aufzuschreiben. Weiter geht's! Ihr erinnert euch? Nachdem ich einige hundert Meter Stoff doubliert hatte, bei meinem Schülerinnenjob in der Stoffabteilung eines Kaufhausses, wahr meine Stoffleidenschaft geweckt und ich wollte mehr. Jetzt wurde es spannend!

Der Abteilungsleiter sprach mich 16-Jährige immer mit "Fräulein" an. Das gefiel mir gar nicht, war aber nicht zu ändern. Herr Ka war zunächst etwas irritiert von meiner Neugier, schließlich war ich nur eine Schülerin, aber zunehmend amüsierte und gefiel ihm mein Wissensdurst. Er bedauerte die Interessenlosigkeit der Auszubildenden, die stets auch ein halbes Jahr in der Stoffabteilung zu lernen und zu arbeiten hatten, sehr. Die Wenigsten interessierten sich für Stoffe und das Nähen - es war mir allerdings ein Rätsel, wofür sonst sie sich in dem trutschigen Kaufhaus hätten begeistern können. Hin und wieder war eine Auszubildende dabei, die sich in er Stoffabteilung wohl fühlte, aber meistens war es ein Kommen und Gehen von Auszubildenden, die bei mir keinen Eindruck hinterließen.

Nach einigen Wochen des Stoffe Doublierens klärte ich also den Abteilungsleiter darüber auf, dass ich nun alles lernen wollte, was man in seiner Abteilung so lernen könnte, aber nicht vor hätte, eine Ausbildung zu beginnen, weil ich lieber studieren würde. Sobald er in meiner Nähe ein Fachgespräch führte, klebte ich an seiner Seite und irgendwie gefiel ihm das, denn nicht sehr oft wurde der arme Mann in dieser Damen-Welt so ernst genommen. Mich interessierten besonders die Materialproben. Ich liebte es, wenn einem Stoff die Deklarierung fehlte und wir ein kleines Stückchen anzündeten, um herauszufinden, aus welchem Material - oder noch figelinscher aus welchen Materialien - der Stoff bestand. Ich lernte die unterschiedlichsten Düfte zu unterscheiden, die beim Verbrennen von Naturmaterialien und Kunststoffen entstehen und die Asche oder Pastikklumpen zu analysieren. Ich war schwer beeindruckt, wenn der Abteilungsleiter und die Lagerverwalterin über prozentuale Anteile fachsimpelten und gab natürlich auch prompt meinen Senf dazu.

Ich begann mich für die Lieferscheine zu interessieren und war begeistert, aus wie viel verschiedenen Ländern und Regionen der Welt wir Stoffe geliefert bekamen. Ich schnupperte ausgiebig an den Stoffen und konnte nach einiger Zeit mit geschlossenen Augen erriechen, was für Stoffe woher kamen. Heute kann ich das nicht mehr - ich vermute, dass damals einfach weniger Chemikalien verwendet wurden, um Stoffe transportfähig und haltbar zu machen oder die Globalisierung hat die verwendeten Chemikalien vereinheitlicht. Aber es ist total verrückt, ich rieche in Erinnerung immer noch Seide aus Thailand oder italienische Stoffe. Es war so unglaublich aufregend, ein Paket zu öffnen, die Augen zu schließen und nur zu fühlen und zu riechen, eine Stoffrolle zu nehmen, den Stoff abzuwickeln und den Stoff anzufassen und ihn kennenzulernen.

Mich interessierte einfach alles. Ich staunte über Muster und welche Namen diese Muster hatten. Ich streichelte Drucke und bewunderte Webarten. Ich fragte mich, wer es ertragen könnte, Plastikstoffe zu tragen und wer es sich leisten könnte teure Seiden und Spitzen zu kaufen und sich trauen würde, diese auch noch zu zerschneiden. Ich lernte unzählige Varianten von weiß zu unterscheiden und zu benennen, ich versuchte ein Gefühl dafür zu entwickeln, welche Farben und Qualitäten miteinander gehen und welche nicht. Für mich war Stoff erst einmal nur Stoff. Da ich zu diesem Zeitpunkt selbst noch nicht nähte, gab es eine große Lücke zwischen Stoff und Kleidungsstück, die sich mir gedanklich noch nicht mal als Frage stellte. Für mich waren die Stoffe Rohmaterialien, die an sich faszinierend waren und von deren Schönheit ich bezaubert war.

Immer öfter erzählte mir der Abteilungsleiter, woher er die Stoffe bekommen hatte, wie er auf Messen mit Händlern gesprochen hatte und welche Schnäppchen er wo erjagt hatte. Ich konnte es kaum erwarten, auch mal zu einer Messe zu gehen oder zu einem Stofflieferanten zu reisen und lag Herrn Ka monatelang in den Ohren mit meinem Wunsch. Das war natürlich ein verrückter Traum, denn wer war ich denn, ich war ein minderjährige Schülerinnenaushilfe. So jemand nahm man doch nicht mit. Also begnügte ich mich mit den Erzählungen und hätte es damals schon das Internet gegeben, so hätte ich manchen Lieferantennamen gegoogelt, um mehr zu erfahren.

Immer öfter durfte ich nun auch in den Verkaufsraum, den es wurde immer offensichtlicher, dass ich mich einigermaßen mit den Stoffen auskannte. Mit diesem Know How war ich 1a dazu geeignet, den Laden aufzuräumen. Nur verkaufen konnte ich nicht, ich hatte ja keine Schere. Ich nutzte jede Gelegenheit, um doublierte Rollen in die Verkaufsabteilung zu bringen und sie dort einzuräumen, um Zeit am Ort des Geschehens zu verbringen, denn es war für mich unendlich reizvoll, gemeinsam mit KundInnen nach dem perfekten Material für sie und ihr Projekt zu suchen. Mit der Zeit gewöhnte sich er Abteilungsleiter und die Verkäuferinnen daran, dass ich so oft im Verkaufsraum herumlungerte, so dass ich angeboten bekam, Pausenvertretungen zu übernehmen, was ich dankend annahm, denn so kam ich in den Genuss einer Schere! Zunächst war die Schere immer nur geliehen. Die Kollegin, die in die Pause ging, überließ mir ihre Schere. Aber als eine ältere Kollegin in Rente ging, übergab sie mir feierlich ihre Schere, die ich noch heute habe und nutze. Fortan war ich befördert: ich war eine Schülerinnenaushilfestoffverkäuferin und durfte immer öfter in Urlaubszeiten richtig Stoff verkaufen.

Die Verkäuferinnenkolleginnen war alle uralt, aber das war ja eigentlich alles in diesem Kaufhaus. Die Verkäuferinnen waren alt, die KundInnen waren alt und das, was es dort zu kaufen gab, war solide altmodisch. Im Rückblick waren die Damen vermutlich so alt, wie ich es nun bin, aber aus der Perspektive einer Schülerin waren natürlich alle alt, die älter als die eigene Mutter waren. Nur die Substitutin, die stellvertretende Abteilungsleiterin, trug Hosen, alle anderen Verkäuferinnen trugen knielange Röcke und Blusen, fragt mich nicht, ob selbstgenäht oder nicht. Ich habe auch nie gefragt. Diese älteren Damen wirkten so, als hätten sie schon ihr Leben lang in der Stoffabteilung dieses Kaufhauses gearbeitet gelebt und wahrscheinlich war das auch so, dass sie als Lehrmädchen dort hängen geblieben sind. Sie hatten ein gesundes Misstrauen gegenüber uns jungen Dingern, was sie aber nicht davon abhielt, uns zu Botengängen und niederen Dienstleistungen zu verpflichten. Ich hatte zum Teil etwas Angst vor den alten Drachen, aber da ich beim Doublieren eigentlich schon zufällig in deren verschwiegensten Geheimnisse eingeweiht war, konnte ich damit recht gut umgehen.

Mit der Zeit gewöhnte ich mich an die moderige Atmosphäre dieses alteingesessenen Kaufhauses und lernte zu schätzen, dass es dort noch Fach- und Beratungskompetenz gab. Es ist eben ein Unterschied, ob man Socken im Fünferpack beim Discounter kauft oder sich in einer solchen Sockenabteilung beraten lässt. Und wenn man ganz nach hinten, um viele Ecken und Windungen sich in die Wäscheabteilung vorwagte, wurde man mit engem Maßband vermessen und bekam auch auf Wunsch sündige Wäsche gereicht - falls frau vergaß den Wunsch zu äußern, war alles Angebotene aber natürlich nur praktisch "in haut", aber passgenau! In allen Abteilungen spielte Beratung eine große Rolle, auch wenn ich mir nur schwer vorstellen konnte, dass die Möbelabteilung jemals von einem Kunden betreten wurde. Zeit spielte wenig Rolle. Es wurde so lange ausführlich beraten und Alternativen aus dem Lager geholt, bis der oder die Kundin zufrieden war und eine Menge Geld in die Kasse gespült hatte.

Billig war es dort nicht, nur zu Schlussverkauf, aber dafür wurde dann auch extra Posten für die dort so genannten "Türkentische" eingekauft. Schon eine Stunde vor Verkaufsbeginn des Schlussverkaufes, stand eine Gruppe von Frauen mit Kopftuch und weiten dunklen Mänteln vor dem Kaufhaus und wartete darauf, dass es öffnete. An diesen Tischen wurden natürlich die Auszubildenden und ich eingesetzt, denn da ging es hoch her und Beratung war nicht gefragt. Ich staunte, dass die Frauen unzählige Meter Stoff kauften: 5, 6, 7 Meter am Stück - während die gut betuchte ältere Dame, die sonst zu unseren Kundinnen zählte, in der Regel 55 - 65 cm erwarb. Ich fragte mich, was sich unter den langen schwarzen Mänteln verbergen könnte und auch wenn es sich um Stoffe für wenig Geld handelte, die mir viel zu knisterig waren, vermutete ich doch in der Farbenpracht fantastisches Selbstgenähtes unter den Mänteln. Der Schlußverkaufspuk war nach zwei Stunden vorbei und die im Vorfeld dafür besorgten Stoffe verkauft und dann ging es wieder zum Alltag und den üblichen 60 cm zurück.

Irgendwann fragte man mich, ob nicht auch mal in der Schnittmusterabteilung Pausenvertretung machen könnte. Nicht ahnend, was auf mich zu kommen würde, sagte ich leichtfertig ja, in der Annahme, dass es reichen könnte, die Kasse zu bedienen und mich in den numerisch sortierten Schubladen auszukennen. Aber darüber schreibe ich ein anderes Mal....

Montag, 6. April 2015

Frau Crafteln war bei der Farbberatung




Ich hatte zwar schon angekündigt, dass ich mich bis Anfang Mai hier quasi gar nicht mehr zu Wort melde, aber vor ein paar Tagen war ich zur Farbberatung und darüber muss ich noch schreiben, so lange die Eindrücke frisch sind. Wenn ich dazu komme, dann programmiere ich euch noch ein paar Beiträge zu meiner Stoffladengeschichte und ansonsten lesen wir uns in Ruhe im Mai wieder.

Mein Hin-und-wieder-Arbeitgeber Stoff und Stil hat uns Verkäuferinnen eine Farb-und Stilberatung organisiert. In Gruppen von 8 Menschen hatten wir einen Abend lang eine Farbberaterin zu Besuch und weil natürlich alle gespannt auf die Tücher waren, kam es dann gar nicht zum Thema Stil - aber das war vermutlich auch besser so. Die Farbberaterinnen, die ich in meinem Leben schon getroffen habe, trugen ausnahmslos wallende farbenkräftige Seidenschals und waren stets sehr missionarisch unterwegs, so dass ich Angst bekam und das Weite suchte. Mich fasziniert das Thema schon sehr lange, aber ich hatte noch nie den Mut, mich so einer Beratung zu stellen, denn ich hatte Angst, dass man mir zu Pastellfarben raten würde und mir mein schöner Kleiderschrank verdorben werden würde. Ich liebe einfach ROT und BLAU und GRÜN, Farben, die laut und deutlich sagen, wer sie sind und kann es mir beim besten Willen nicht vorstellen, sie nicht mehr in meinem Kleiderschrank zu haben.

Zuerst wurden diese an den Jahreszeiten angelehnten Typen vorgestellt. Mir gefielen spontan die Frühlingsfarben, auch wenn sie mir einen Tick zu gelb waren. Dann gab es noch eine Farbkarte, die irgendein Mischtyp war und etwas hellere Farben hatte, als der Wintertyp, die mir zum Teil auch gefiel. Herbst schied für mich ganz klar aus, mit Nacktschneckenbraun, Rost und Beige konnte ich noch nie etwas anfangen. Ich fragte mich, ob die Vorliebe für bestimmte Farben, nicht etwas mit dem Typ zu tun haben könnte.



Ca. 15 Minuten hatte die Dame dann zum Tücherauflegen für jeden Menschen Zeit. Schmuck, Brille etc sollte abgenommen werden, das führte dann aber dazu, dass meine Augen schrecklich tränten und ich gar nichts mehr sah. Jetzt ist es ja mit meiner Brille so, dass ich das gleiche Modell in gold und in silber habe und hin und wieder einfach die Gläser tausche. Wenn ich die goldene Brille trage, sagen alle Leute immer "wow, wie harmonisch", aber in 90 % der Fälle trage ich die silberne, weil ich immer das Gefühl habe, dass man die goldene Brille gar nicht sieht. Ihr ahnt schon, worauf es hinaus läuft?

Auf dem Bild oben und an der Farbkarte unten seht ihr, welche Farben die Dame für mich optimal fand und an meinem Gesichtsaudruck erkennt ihr möglicherweise auch, dass es sich nicht um meine Lieblingsfarben handelt. Ich konnte zwar einigermaßen nachvollziehen, dass mein Teint und meine Augen bei dieser oder jener Farbe etwas gesünder aussah, aber was soll ich machen, ich finde die Farben "für den Sommer-Winter-Typ", die angeblich vorteilhaft sind, trutschig. Oder anders ausgedrückt. Bei allen Farben, die für mich und meine Kolleginnen rausgesucht wurden, hatte ich das Gefühl, dass sie zwar Kompetenz vermitteln, aber eben sehr edel wirken und wenig mit unserem Alltag zu tun haben. Alle Frauen sahen plötzlich mit den Tüchern aus wie Bank-Angestellte oder CDU-Politikerinnen. Mag sein, dass es an den seidigen Tüchern lag, aber komisch war es trotzdem. Ich habe gar nichts dagegen, kompetent auszuschauen, aber muß es trutschig-kompetent sein? Mir schien, der Blickwinkel der Beraterin lag doch sehr auf einem damenhaften Businessoutfit.




Auch Tage später frage ich mich immer noch, ob ich nicht zu rebellisch für so eine Beratung bin. Mag ja sein, dass manche Farben für mich "nett" sind, aber will ich wirklich nett sein? Wenn ich morgens auswähle, was ich anziehen will, dann entscheide ich mich zwischen den Polen "passt zu der Umgebung in der ich mich bewegen werde - oder nicht" und "will ich heute sichtbar sein - oder lieber in der Menge verschwinden". Jetzt könnte man ja sagen, dass dies auch in dem vorgegebenen Farbspektrum möglich wäre, aber ich zweifele. Ich denke schon, dass die Auswahl der Farben ganz stark mit Situation und Umgebung zusammen hängen und mit dem aktuellen Befinden. Ich mag sehr gerne "Statement-Farben" - klare, leuchtende Farben, die sagen "hier bin ich!". Ich finde, das passt zu mir, denn ich bin schon eher Rampensau als Mäuschen. Und dann gibt es eben diese Tage, an denen ich nicht angesprochen werden will und sehr gerne grau und jeansblau trage - laut Farbkarte wären die aber besonders schmeichelhaft für mich.




Ehrlich gesagt finde ich diese Farbberatungsache etwas dubios. Farbberatung soll Frauen helfen, perfekter, normierter zu werden. Relativ schlichte Regeln - zunächst, oder zumindest aus dem Blick der Laien - um Orientierung zu geben, alles richtig zu machen. Die Frage ist doch, ob ich angepasst sein und alles richtig machen will. In mir gibt es diese kleine Revoluzzerin, die eigentlich immer mitgenommen werden will und großen Spaß daran hat, Regeln zu brechen. Vielleicht bin ich ein Farb-Punk? Jedenfalls will ich Normen in Frage stellen, denn ich kann einfach nicht glauben, dass es eine richtige Figur, eine richtig Ernährung, ein richtiges Farbspektrum, einen richtigen Stil gibt, selbst wenn er auf verschiedene Typen ausgelegt ist.

Nun gut, vielleicht sollte ich etwas erwachsener und etwas weniger rebellisch sein, dann könnte ich damit leben zu sagen alles was obenrum ist, also Shirts, Oberteile und Jacken, sollten eher aus dem Farbschema kommen und untenrum darf ich eben wieder tragen, was ich will. Aber dann würde zum Beispiel meine geliebte rote Wickeljacke nicht ok sein. Frage an mich: mag ich die Jacke wegen ihrer Farbe oder ihrer Form? Ganz klar, ich mag die Jacke wegen ihrer Farbe - ich mag rot! - denn Wickeljacken sind schrecklich unpraktisch und diese könnte einen Ticken größer sein. Ok, wenn ich ganz ehrlich bin, dann könnte sie auch ein klitzekleinesbißchen weniger gelblichrot sein, aber "laut" soll sie trotzdem sein und ja nicht in Richtung weinrot und Konsorten. Schaut euch die Farben an, es sind nie die "Statementfarben", sondern immer dezent abgedeckt. Mit den Blautönen und dem Petrol kann ich leben, aber weinrot und pink...neeee.




Vielleicht ist es gar nicht dumm, in nächster Zukunft mit meiner aktuellen Vorliebe Rock + Shirt weiter zu machen, um mich an die neuen Farben zu gewöhnen, ohne gleich ne totale Verwandlung hinzulegen. Oder aber, ich suche mir tatsächlich noch mal eine andere Beraterin, die mir empfohlen wurde und sich mehr Zeit für mich nimmt. Denn, obwohl ich absolut nicht glücklich bin mit der Beratung, bin ich doch verunsichert - den Kolleginnen, die ich befragte, ging es ebenso.

Wart ihr auch schon mal bei einer Farbberatung? Und, hat sie euch glücklich gemacht? Teilt ihr meine Bedenken? Ich lade euch herzlich ein, auf meinem virtuellen Sofa Platz zu nehmen und zu diskutieren! 

Mittwoch, 1. April 2015

MMM - zum Ausprobieren


Heute ein schneller Me-Made-Mittwoch-Beitrag meinerseits, weil ich ohnehin ausprobieren wollte, wie der neue Rock und das neue Shirt zusammen passen und wie ich sie kombinieren könnte. Erstes Fazit: schwerer, als ich dachte. Aber das liegt vielleicht an dem furchtbaren Wetter. Wahrscheinlich wird das mit nackten Beinen und 22 Grad überhaupt kein Problem.

Die Kauf-Strickjacke habe ich geknotet, weil sie zu lang ist. Ich muss bei Gelegenheit mal einen Jenna-Cardigan in schön und in dunkelblau nähen, weil ich dringend so eine Jacke brauche und jetzt schon einige anprobiert oder bestellt und zurück geschickt habe. Diese war dann ein Kompromiss, weil billig und dringend benötigt - geknotet finde ich es jetzt aber eine innovative heute spontan entwickelte Lösung, die gar nicht so schlecht ist; wärmt auch die Nierchen.

Schnitt: halber Teller, wie üblich selbst gemacht.
Stoff: Baumwolle aus dem Stoff und Stil -Ausverkauf




Den Shirt-Schnitt habe ich ausprobiert, weil ich gerne ein Shirt wollte, dass mehr nach erwachsene Frau aussieht, wenn der Stoff schon so gewöhnungsbedürftig ist. Ein klassischer Shirt-Schnitt hätte mir dafür nicht gefallen. Ich mag den asymmetrischen Ausschnitt und werde bei der nächsten Version kräuseln, statt in unregelmäßige Falten zu legen. Außerdem werde ich den Armlöchern in der nächsten Version etwas mehr Weite gönnen und einen anderen BH anziehen...

Schnitt: Knip Mode 6/2014
Stoff: Baumwolljersey von Stoff und Stil
Änderungen: zwei Nummern kleiner als nach Maßtabellenvorschlag genäht.



Der Rock ist toll, knittert leider stark, wie man sieht. Ich hätte ihn vielleicht vor dem Foto bügeln sollen. Ich mag ihn trotzdem, denn ich liebe die Farbe und bin stolz auf mein angesetzten Bund "im Nahtschatten genäht" und den handgenähten Saum.

Auf dem Me Made Mittwoch Blog, auf dem wie immer Mittwochs selbstgenähte Kleidung an echten Menschen gezeigt wird,  gibt Karin heute ihren Einstand als neue Gastgeberin und Mitorganisatorin des MMM. Ich freue mich, dass sie dabei ist und liebe ihr Wickelkleid - definitiv etwas, was als nächstes auf meiner To-Sew-Liste steht. Sie hat mich mit dem Gillian-Virus heftig angesteckt.

AAAABER: im April bin ich "auf Montage", sprich beruflich und privat sehr viel unterwegs. Hier auf dem Blog wird es also sehr ruhig, noch ruhiger, als in den letzten auch arbeitsintensiven Wochen, zu gehen. Frau Masulzke wird mal vorbei schauen und die Blumen gießen und wir lesen uns dann wieder regelmäßig im Mai. 

Samstag, 21. März 2015

#HosenHerbst - das Finale der Herzen



Der Frühling liegt in der Luft *hatschi*, Zeit für das Finale der Herzen!

Erzählt, wie geht es euch mit den Hosen?


Viele Monate haben wir uns mit dem Thema Hosen beschäftigt und die eine oder andere Hose genäht. Heute - und in den nächsten Tagen, die Linkliste bleibt eine Woche lang geöffnet - geht es darum, noch mal auf unsere Erfahrungen mit dem Hosennähen zurück zu blicken und auch auf die Ergebnisse. Dabei geht es mir nicht nur darum, eure Werke zu bewundern, sondern auch von euch zu lesen, ob ihr eure Hosen mögt und gerne anzieht. Ihr dürft auch gerne in die Zukunft blicken und darüber schreiben, ob ihr weiter an dem Hosenthema dranbleiben wollt und welche Hosenprojekte ihr perspektivisch verwirklichen wollt.

Doch bevor ihr euch mit euren Erkenntnissen verlinkt, habe ich noch zwei Schmankerl für euch und lasse Frauen zu Wort kommen, die sich schon länger mit dem Thema Hosen beschäftigen.

Meine Mutter und die Hosen


Mich interessierte, wer meine Haltung zu Hosen geprägt hat und habe dazu meine Mutter interviewt. Ich meinte mich zu erinnern, dass die Jahre meine Kindheit in den 70ern auch in einem Vorort von Frankfurt davon geprägt waren, neue Freiheiten auszuprobieren. In meiner Fantasie trug meine Mutter früher nur Röcke und irgendwann dann plötzlich doch Hosen - eben zu jener Zeit, als sie aufhörte, mühsam die Locken aus den Haaren zu ziehen. Das meine Erinnerung so nicht ganz stimmt, hätte ich bemerken müssen, wenn ich an mein Baby-Fotoalbum dachte. Denn jedes Mal, wenn wir es betrachten erwähnt meine Mutter stolz, dass sie sich in meinem Geburtsjahr 1968 eine schicken roten Hosenanzug genäht hat. Komisch, wie die Erinnerung trügt, ich fand es gerade deswegen spannend, ihr - per Mail - ein paar Fragen zu stellen:

Meike: Kannst du dich daran erinnern, wann du deine ersten Hosen getragen hast? Ich frage, weil ich die Vermutung habe, dass in den 50ern und frühen 60ern die Mädchen und Frauen eher oder nur Röcke trugen. Trug deine Mutter oder andere Frauen Hosen?
Meikes Mutter: In der Grundschule durften wir Mädchen in den frühen 50er Jahren noch keine langen Hosen tragen. Da die Winter oft sehr kalt, die Schulwege meistens sehr lang und das Mamataxi noch nicht erfunden war, trugen wir über der Hose einen Rock und zogen dann in der Schule die Hosen aus. Ansonsten trugen wir Hose nur zum Skifahren, diese wurden an den Knöcheln mit Bändern zusammengebunden, damit der Schnee nicht reinrutschen konnte. Im Sommer durfte ich schon eine Lederhose tragen (natürlich nicht in die Schule), auf die ich sehr stolz war.
Meine Mutter trug eigentlich immer nur Röcke, dennoch erinnere ich mich, dass sie zum Wandern oder Skilaufen auch einmal eine Hose trug. 
Meike: War das Tragen von Hosen ein "revolutionärer Akt" eine Befreiung? Waren Hosen feministisch? Zu welcher Zeit war das und welchen Gefühlen war das verbunden?
Meikes Mutter: Anfangs waren Hosen wie Röcke geschnitten. Sie hatten einen seitlichen Reißverschluss und möglichst vorne Bundfalten, damit die Figur nicht zu sehr betont wurde. Meine Schwiegermutter sprach mich einmal auf eine, meines Erachtens totschicke Hose an, die einfach nur gut saß, dass dies für eine Frau sicher sehr unbequem und bestimmt auch nicht gesund sei. Aus diesem Grund trug ich diese Hose dann erst recht. So revolutionär habe ich die Hosen eigentlich nicht gesehen, es war einfach ehr praktisch. Sogar während meiner ersten Schwangerschaft hatte ich schon einen Umstands-Hosenanzug. 
Meike: Waren "Blue Jeans" wirklich eine Revolution? Ab wann trugst du Jeans und ab wann war das normal?
Meikes Mutter: Die erste Jeans erhielt ich dann Ende der 60er Jahre. Du warst gerade geboren und ich wollte mit dir spielen und auf dem Boden krabbeln. Eines Tages ging iich in ein gutes Bekleidungsgeschäft und fragte nach einer Hose, mit der man Krabbeln kann, die man selbst waschen und bügeln kann. Die anderen Hosen musste ich immer in die Reinigung geben. Diesen entsetzten Blick würde ich heute gerne noch einmal sehen. Die Lösung war natürlich die Jeans. Aber ich habe lange gebraucht, um darauf zu kommen. Gesellschaftsfähig war sie da aber für eine Frau noch lange nicht. Man trug sie eben nur zu Hause oder im Garten. Um eine Jeans zum Ausgehen anzuziehen, dauertes es noch lange - ich weiß nicht mehr genau, aber bestimmt bis an das Ende der 80er Jahre.

Dann aber liebte ich die Jeans, die meist eine gute Passform hatte, sich den Bewegungen anpasste und leicht zu pflegen war. In der letzten Zeit bin ich wieder von der Hose abgekommen. Nachdem der Hosenanzug seit nun ca. 10 Jahren Out ist, trage ich zu"guten"Anlässen schon länger wieder Kleider oder Röcke.Wie schön, dass wir Frauen die Auswahl der Kleidung inzwischen selbst vornehmen können.

Die Hosen-Expertinnen


Außerdem wollte ich gerne mit Fachleuten sprechen, die sich intensiv mit der Konstruktion von Hosen beschäftigt haben. Dank des Tipps von missbartoz lernte ich - zumindest virtuell - Yvonne von Langsdorff, die mir großartigerweise meine Fragen beantwortete. Yvonne von Langsdorff und Bettina Zehnle bieten seit vielen Jahren unter dem Label Zehnle von Langsdorff quasi maßgeschneiderte Hosen für jede Figur an. Das besondere an ihren Hosen ist ein Hosenbein, bestehend aus drei Schnittteilen.

Die beiden Hosendesignerinnen haben über 2500 Frauen vermessen und so ihre besonderen Hosenschnitte entwickelt - na, wenn das keine Hosenexpertinnen sind! Ich mag ihre Gedanken und ihre Philosophie und bin dankbar, dass sie uns daran teilhaben lassen.

Ich habe noch keine Hose von Zehnle von Langsdorff probiert, aber als ich von der Idee hörte, dass sich zwei Frauen diesem schwierigen Thema auf besondere Art und Weise nähern, um die Nachteile der Massenkonfektion auszugleichen, war ich gleich begeistert. Ein Schnittteil mehr zu benutzen erscheint mir so logisch: es geht doch um Dreidimensionalität! Als ich im Schnittkonstruktionsunterricht stundenlang mit meiner Lehrerin an einem Ärmel herumbastelte der meine große Oberarmweite bedient aber trotzdem noch in ein normales Armloch passt, war dieses Problem kaum zu lösen. Mit einem Schnittteil mehr, einem Zwei-Naht-Ärmel, war es schließlich ganz einfach möglich, Weite an den richtigen Stellen zuzugeben, ohne dass an anderen Stellen zu viel Stoff übrig war. Ist doch logisch - mit Teilungsnähten können hübsche Rundungen erzeugt werden!

Bilder ihrer Hosenmodelle und mehr Informationen zu dem Konzept von Zehnle und Langsdorff findet ihr auf ihrer Internetseite. Wenn ich das nächste Mal in Berlin bin, führt mein erster Weg nach Kreuzberg zu Zehnle von Langsdorff und um mich für das Interview zu bedanken und eine Hose zu kaufen. Auch wenn ich mittlerweile in der Lage bin, Hosen selbst zu konsturieren und zu nähen, bin ich sicher, dass das eine besondere Hose wird und dass es noch viel zu lernen gibt!

Hier ist das Interview:

Meike: Wie sind Sie auf „die Hose“ als Produkt gekommen? Was war der Anlass? 

Yvonne von Langsdorff: Als ich mit Tina begonnen habe unsere Firma zu gründen, war uns klar, dass es auf dem Markt kein weiteres Modelabel braucht, was sich schöne Sachen ausdenkt und dann darum kämpft Kunden zu gewinnen. Wenn man auf dem Markt bestehen will und nicht über Millionen Grundkapital verfügt, soviel kostet real die Gründung eines Label, wenn es bestehen will und das wird leider immer unterschätzt... ; dann sollte man sich eine Nische suchen. 
In unserem Fall war es zuerst Rock und Hose. Und von Beginn an war uns das Thema Passform wichtig, denn auch hier ist ein enormer Bedarf. Es vergeht kaum ein Tag, wo nicht eine Kundin zu uns kommt und sich beschwert, dass man „draußen“ schon lange sehr schlecht Bekleidung findet, die passt.
Gutes Design, das passt, verlockend im Stoff und in der Form ist, hat für uns Sinn gemacht.
Und um auf dem Markt erkennbar zu sein und sich nicht zu verzetteln, haben wir uns auf „die Hose“ spezialisiert und merken jeden Tag von Neuem, wie vielfältig dieses Thema ist.
Meike: Ist maßgefertigte Kleidung ein Luxusprodukt? 
Yvonne von Langsdorff: JA, es ist Luxus sich etwas Maß zu fertigen, weil es nicht der Norm im Sinne von häufig entspricht. Es hebt sich ab und kostet mehr als der Durchschnitt, ein Zeichen für Luxus. Deswegen gibt es heute nur noch ganz wenige Schneider, die dieses Handwerk in dieser Form ausüben können.
Wir selbst machen in diesem Sinne auch keine Maßhosen, das würde viel zu teuer für den Einzelnen. Aber wir nehmen durchaus manchmal die Maße des Einzelnen auf, um dann den Schnitt im Zuschnitt der Person entsprechend zu verändern und zuzuschneiden.
Das klassische Schneiderhandwerk entwickelt für jeden Einzelnen einen neuen Schnitt.
Tun wir übertragen zwar auch;) nur viel effektiver, weil wir eben nur auf dieses Produkt spezialisiert sind.

Meike: Sie haben eine Studie zum Thema Körperformen durchgeführt und über 1000 Po’s vermessen. Was waren die wichtigste Erkenntisse?

Yvonne von Langsdorff: Ja, diese Studie hat sich zwangsläufig ergeben. Mittlerweile sind es über 2600 Frauen, die wir mehr oder minder vermessen haben, da alle bei uns Hosen bestellt und gekauft haben.
Und wenn ich mit Tina gefühlt 50x die gleiche Veränderung in einer bestimmten Größe und Form gehabt habe, dann haben wir einen neuen Schnitt für diese Figur entwickelt.
Es hat sich im Lauf der Jahre herausgestellt, dass es so was wie eine Durchschnittsgröße z. B Gr.38 im realen Leben nie gibt. Wenn wir in industrielle Größen rein passen, dann nur aus Zufall. Ist quasi Lotto spielen „draussen“ etwas passendes zum Anziehen zu finden. Man wird im Lauf der Zeit eine Menge Geld los und bekommt sehr selten dass, was man möchte.
Figuren von Menschen sind sehr individuell, auch wenn das bloße Auge oft keinen Unterschied ausmachen kann, wir sehen gut. Je besser die Bekleidung passt, desto schöner wird der Träger aussehen und man fragt sich dann immer warum jener das tut, weil nicht unbedingt etwas ersichtlich sein muss. Eine gute Form , ein wunderbares Gewebe und perfekt passend, gibt der Trägerin Körperspannung zurück und somit Attraktivität. Alles ohne Schnörkel... 
Wir sind also nicht zu dick, zu groß, zu klein und was sich die armen Menschen noch so ausdenken, wir sind schlimmstenfalls sehr schlecht gekleidet;) 
Wir entsprechen keiner Norm, wie ein Handy, um das man irgend eine Hülle wickeln kann. Wir haben Körper, die sich über Jahre entwickelt haben, Geh und Stehweisen, die unserer Persönlichkeit entspringen usw. warum wollen wir unbedingt in genormte Größen passen? Vielleicht, weil der Markt wenig Angebot hat, Schneider generell als teuer und manchmal auch „muffig“ gelten?
Und das bestärkt uns jeden Tag weiter zu machen. Es macht uns große Freude, zu sehen, wie die Frauen (manchmal auch Männer) sich freuen, weil sie zum 1.Mal erleben, wie sie eigentlich aussehen können. Weil Hosen immer ein lästiges Thema für sie war und auf einmal sehen sie in sämtlichen Modellen fantastisch aus. Das ist wunderschön zu sehen.

Aber jetzt endlich zu euch: wie ging es euch in den letzten Monaten mit dem Thema Hosen? Ich bin gespannt.





Die Linkliste ist eine Woche lang geöffnet. Alle Beiträge zum Thema #HosenHerbst findet ihr hier.





Mittwoch, 18. März 2015

MMM - ungewohnt behost



Heute zum MMM zeige ich euch meine neue Jeans. Wie ihr vielleicht mitbekommen habt, bekommt der #HosenHerbst zum kalendarischen Frühlingsanfang am 21.3. noch eine Chance für ein Finale der Herzen - da musste ich mich natürlich aufraffen und auch meine versprochene Hose noch zu nähen und zu tragen, um von Trageerfahrungen berichten zu können.

Tja, es ist ungewohnt für mich in Hosen. Die Wollhose, die ich schon mal beim MMM zeigte, hatte ich eigentlich gar nicht mehr angezogen, nachdem eine Bekannte meinte, ich würde spießig darin aussehen. Ehrliches Feedback ist immer gut, aber so eine Aussage ist natürlich nicht sehr motivierend, das Hosenexperiment fortzusetzen. Aber eigentlich war die Wollhose ja auch nur eine Probehose, denn von Anfang an, also seit Juli 2014, ging es mir ja um eine Jeans. Ihr erinnert euch, ich hatte, in der Tram sitzend, von weitem eine Jeans an einer Frau gesehen, die mich bezauberte.... Und? Ist meine Jeans jetzt wie diese Traumhose, die mich nicht mehr los ließ?

Nein, ist sie nicht. Aber es ist eine nette Jeans geworden - nicht mehr und nicht weniger. Im Laufe des Hosenkonstruierens und Probenähens ist mir klar geworden, dass das mit mir und den Marlenehosen irgendwie nix wird. Ne Jeans muß zumindest obenrum ein bißchen knacken. Als ich endlich meine Hosen-Unlust überwunden hatte, beschloß ich 1. dass ich die Jeans ganz sparsam nähen werde, also ohne Taschen und den üblichen Jeansschnickschnack und 2. dass es eine Schlaghose werden sollte, wie ich sie in den goldenen 90ern geliebt habe.

Hier seht ihr die wenig vorteilhafte Wahrheit:



Ich glaube, es ist ratsam, zur Abwechslung mal etwas über den Bund zu ziehen. Ein längeres Oberteil macht mich in diesem Fall doch schöner, auch wenn ich das bei Kleidern und Röcken nicht mache.

Schnitt: selbstgemacht
Jeans: aus dem Lager, habe vergessen, woher ich ihn habe, leider ohne Elasthan.

Tja, und das mit dem Schnitt war auch nicht so einfach:




Meine Nählehrerin erwähnte zwar mal in einem Nebensatz, dass eine Schlaghose ab dem Knie ausgestellt würde, aber mehr wusste ich über die Konstruktion von Schlaghosen nicht. Also nähte ich nach dem selbst gemachten Schnitt und näherte mich sukzessive durch immer und immer wieder enger nähen dem Ergebnis, wie ich es haben wollte. Das dauerte natürlich EWIG - aber jetzt bin ich zufrieden. Die Hose ist nicht perfekt und ich bin noch nicht mal sicher, dass beide Beine auch nur ähnlich geschnitten sind, aber das ist mir egal. Nicht, dass ich jetzt dauernd Hosen tragen wollen würde, aber wenn, dann diese. Die ist schon ok, wenn es auch vorteilhafteres für mich gibt. Aber jetzt ist Frühling und ich kann partout keine Strumpfhosen mehr sehen, da kommt mir meine neue Jeans sehr gelegen.

Mehr schöne selbstgemachte Klamotten an echten Menschen gibt es wie immer Mittwochs auf dem Me Made Mittwoch Blog - heute mit Katharina als Gastgeberin im viel schöneren, traumhaften roten Mantelkleid. Hach, Kleider mag ich doch lieber als Jeans, aber egal......


Montag, 16. März 2015

Warum ich gerne im Stoffladen arbeite (1)

Da ich gerade nicht so viel an fertigen Nähwerken zum Zeigen habe, wollte ich euch erzählen, was das mit mir und der Arbeit im Stoffladen so auf sich hat. Dazu will ich ein bisschen ausholen, denn meine Stoffladenliebe begann schon in den 80ern.

Mit 16 oder 17 suchte ich als Schülerin einen Nebenjob. Meine Eltern weigerten sich, mir Allround-Turnschuhe, Levis-Jeans, Ski-Urlaub und den Führerschein zu bezahlen, also musste ich Geld verdienen. Eigentlich konnte ich nix und Babys mochte ich nicht - ich war eben noch Schülerin. Also lief ich durch Frankfurts größte Einkaufsstraße, die Zeil, und fragte in jedem Kaufhaus nach, ob ich dort als Aushilfe arbeiten könnte. Ich kann mich noch gut erinnern, wie spannend ich das fand, diese Kaufhäuser durch die Hintertür zu betreten und durch dunkle Gänge mit Linoleumböden zu laufen und das zu sehen, was frau als Kundin nie zu sehen bekommt. Ich füllte in diversen dunklen Kabuffs Bewerbungsbögen aus und nach wenigen Tagen hatte ich einen Job. 

Ich hatte das große Glück im Kaufhaus M. Schneider zu laden. Meine Oma fand das super, denn das Kaufhaus Schneider war ein frankfurter Traditionskaufhaus, familiengeführt, kompetent für Spezialinteressen wir Miederwaren oder Socken und eben auch Stoffe - ein Kaufhaus, das bei älteren Damen sehr beliebt war und hohes Ansehen genoss. Zunächst war ich etwas enttäuscht über die Zusage, hätte ich es doch viel cooler gefunden in einem etwas moderneren Ambiente zu arbeiten, bei dem mir die Personalprozente etwas dienlicher hätten sein können. Aber mit der Zeit lernte ich diesen Laden zu schätzen, arbeitete dort fünf Jahre und hätte das auch noch weiter getan, wenn nicht mein Stundenlohn zu mager gewesen wäre, um meine eigene Wohnung zu finanzieren. 

Von Anfang an, war ich der Stoffabteilung zugeteilt. Meine vorrangige Aufgabe war es, Stoff, der auf Rollen geliefert wurde, zu doublieren, das heißt zusammengefaltet auf eine Pappe zu wickeln. Dazu standen immer zwei SchülerInnen in eine Büroraum im vierten Stock nebeneinander an zwei Tischen, rollten ab und wickelten auf und schwätzten den ganzen Tag. Nach einiger Zeit durfte ich das erste Mal ins Lager. Ich fand es immens aufregend, in den Keller zu fahren. Es gab sogar noch einen Keller unter dem Kellergeschoß und alles war voller Stoff. Im Winter lagerten dort die Sommerstoffe und umgekehrt. Am Ende des Verkaufstages durften wir in die Stoffabteilung, um dort beim Aufräumen zu helfen. Wir wurden auch von KundInnen angesprochen, konnten aber nur wenig beraten und auch keinen Stoff abschneiden, denn jede Verkäuferin trug ihre eigene Schere an einem Band am Gürtel oder am Handgelenk befestigt. 

Am spaßigsten war es, in der Weihnachtszeit zu arbeiten. Während auf der Zeil den lieben langen Tag MusikerInnen Weihnachtslieder dudelten, tranken wir Glühwein aus der Thermoskanne, trugen Faschingshütchen und doublierten Karnevalsstoffe, denn diese Artikel mussten rechtzeitig vor Silvester für den Laden vorbereitet sein. Überhaupt, Alkohol war durchaus ein Thema bei diesem Job. Es gab mehr als eine Kollegin, bei der ein Alkoholproblem offensichtlich war und es gab eigentlich ständig Schnapspralinen und einen Sekt zum Feiern. Ich fühlte mich wahnsinnig erwachsen. 

Die Verkäuferinnen fanden es sehr hilfreich, uns SchülerInnen-Aushilfen für Botendienste zu nutzen. Mindestens einmal am Tag mussten wir ins Nachbarkaufhaus " zum Wulli" (Woolworth), um dort etwas zu besorgen - im Zweifelsfall die Schnapspralinen. Da das Doublieren auf die Dauer doch ein wenig monoton war, genoss ich diese Ausflüge. Aber ich war auch gerne vor Ort, denn ich liebte es auch, die Gespräche der Verkäuferinnen zu belauschen. In dem Raum, in dem wir doublierten, hatte die "Lagerverwalterin" ihr Büro. Diese war die Briefkastentante für die ganze Abteilung und so bekamen wir den lieben langen Tag lang Besuch von Verkäuferinnen, die uns ihr Leid klagten und dafür eine Praline bekamen. Ich lernte eine Menge über Eheprobleme, Zipperlein, die Wechseljahre und Ähnliches. 

Bevor ich in der Stoffabteilung zu Arbeiten begann, hatte ich schon einmal genäht: ich färbte ein altes Bettlaken lila, schloß es mit einer Seitennaht zum Rock, säumte es und nähte einen Tunnel für einen Gummizug. Fertig war mein Femistinnenoutfit. Es sah bestimmt hinreißend aus in dem langen lila Rock mit meinen grünen Haaren und der lila Windel um den Hals. Leider, leider gibt es davon keine Fotos. Natürlich bekam ich durch meinen Job Lust, mit dem Nähen zu beginnen. Ich hatte zwei mal die Woche mit den herrlichsten Stoffen zu tun - allerdings kaum Geld, um sie mir leisten zu können. 

Trotzdem, die Stoffe verzauberten mich. Immer wieder träumte ich beim Doublieren. Ich träumte von wallenden Kleidern, von edlen Roben und konnte mich nur schlecht auf Eheberatung und Zipperlein konzentrieren. Irgendwann beschloss ich, dass ich zwar keine Ausbildung in dem Kaufhaus machen wollte, aber alles über Stoffe lernen wollte, was es zu lernen gab und erzählte dies frech dem Abteilungsleiter. Was dann geschah, erzähle ich ein anderes Mal.